Kultur

Performance | 26.03.2010 17:00 | James Westcott

Schweigen, bis es weh tut

Im New Yorker MoMA kann man der Performance-Künstlerin Marina Abramović stumm in die Augen schauen. Guardian-Autor James Wescott berichtet von einem unheimlichen Augenblick

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Installationsansicht "Balkan Baroque" im Museum of Modern Art , New York 2010 (Foto: Jason Mandella)

Mitte März setzt Marina Abramović, die ungekrönte Königin der Performancekunst, sich im Atrium des Museum of Modern Art in New York an einen kleinen Tisch. Die 63-Jährige trägt ein weites, dunkelblaues Kleid und sieht ausgesprochen blass aus. Sie wird die nächsten drei Monate jeden Tag während der Öffnungszeiten des Museums an diesem Tisch sitzen, regungslos und schweigend.

Ihre Retrospektive tThe Artist Is Present im sechsten Stock des Museums ist die erste Werkschau in der Geschichte des Moma, die einer Performancekünstlerin gewidmet ist. Im Atrium erweckt Abramović den Titel der Ausstellung buchstäblich zum Leben. Wer möchte, kann auf dem leeren Stuhl auf der anderen Seite des Tisches Platz nehmen und Augenkontakt mit ihr aufnehmen – so lange er möchte, oder so lange er kann.

„Ich muss wie ein Gebirgsmassiv sein“, erklärte Abramović mir wenige Tage, bevor sie für ihre Performance in ihr „großes Schweigen“ verfiel. Jeden Abend, wenn das Museum schließt, wird sie nach Hause gehen, doch sie wird bis zum 31. Mai kein Wort sprechen, um ihren meditativen Zustand aufrecht zu erhalten. „Das Atrium ist ein sehr unruhiger Ort, unzählige Menschen gehen hindurch. Die Akustik ist fürchterlich – es ist zu groß, zu laut. Es ist wie ein Tornado. Ich versuche mittendrin die Stille zu verkörpern.“

Als ich damals mit Abramović sprach, war sie alles andere als still. Ihre notorische Unruhe und joviale Hyperaktivität liefen auf Hochtouren – ganz anders als die Kraft und Ruhe, die sie seit 40 Jahren mit beeindruckender Ausdauer bei ihren Performances unter Beweis stellt. „Die Besucher merken nicht, dass es die Hölle ist, so lange dort zu sitzen“, sagte sie mit ihrem ausgeprägten serbischen Akzent, während sie nervös herumzappelte. Nach etwa einer Stunde setzen die ersten Krämpfe ein. Ihr Hintern wird wehtun. Aber sie wird den Schmerz aushalten. „Der Gedanke zu scheitern, ist mir fremd“, betont sie. Um dem vorzubeugen kommen jeden Tag vor und nach den Öffnungszeiten des Museums eine Masseuse, ein Ernährungsberater und ein Personal Trainer zu ihr nach Hause.

Warum nur tat sie diese Dinge? Ich habe sie später als die Rache der Künstlerin gegen die äußeren Gegebenheiten interpretiert. Sie wuchs unter der Diktatur Josip Broz Titos und dem häuslichen Regiment ihrer militärisch strengen Mutter auf. Mittels der Körperkunst fand Abramović einen Weg, um Regeln aufzustellen, die noch strenger waren als die, denen sie durch andere unterworfen war. Auf diesem Weg gelang es ihr, eine andere Form von Freiheit aufzuzeigen. Und die Performances waren ein unbändiger Ausdruck ihrer natürlichen theatralischen Veranlagung, ihrem Verlangen nach Aufmerksamkeit und Anbetung. Es ist unmöglich, in ihren Werken eine Trennlinie zwischen ihrem Dienst an der Öffentlichkeit und ihrem Narzissmus zu ziehen; zwischen der Diva und der Hohepriesterin.

Rücken an Rücken

Die meisten Werke, die im Moma gezeigt werden, stammen aus den Jahren 1976 bis 1988 und sind Gemeinschaftsarbeiten mit ihrem damaligen Lebensgefährten, dem deutschen Künstler Ulay. Im Moma werden sie von einer Truppe junger Künstler, die vollkommen in ihrer Arbeit aufgehen, neu zum Leben erweckt. Ein Paar ist in einer Pose eingefroren, in der der eine auf den anderen jeweils mit dem Finger zeigt und ihn anstarrt (ein Remake des Werkes Point of Contact von 1977), ein anderes Paar sitzt Rücken an Rücken mit ineinander verflochtenem Haar (Relation in Time, 1977) und wieder ein anderes steht sich im Türrahmen nackt gegenüber (Imponderabilia, 1977). Man kann zwischen den beiden hindurchgehen, aber im Moma wurde die konfrontative Wirkung des Originals stark abgeschwächt, indem die beiden Darsteller so weit auseinander gestellt wurden, dass der Besucher sie kaum berührt.

Doch die institutionell bedingte Prüderie des Moma ist nicht das eigentliche Problem. Gravierender ist, dass es dieser Wiederholung der Performances nicht gelingt die Rahmenbedingungen – den Wagemut, das Trauma und die Ausstrahlung – der ursprünglichen Werke neu aufleben zu lassen. Abramovićs Werk ist untrennbar mit ihrer und Ulays Geschichte und der Anziehungskraft des Paars verbunden. Die Stücke, die hier zu sehen sind, nehmen den Originalen ihre Unvorhersehbarkeit und Fremdartigkeit.

Zu den Werken mit Ulay zählen in der Retrospektive auch Fotos der Performance Nightsea Crossing, die Abramović zu ihrem drei Monate langen Sit-In inspirierte. In den Achtzigern saßen die beiden sich in Museen auf der ganzen Welt insgesamt (mit Unterbrechungen) 90 Tage lang schweigend und bewegungslos gegenüber. Man kann wohl sagen, dass sie sich in der Frühphase ihrer Karriere masochistisch mit sich selbst auseinandersetzte; in der mittleren Phase konfrontierte sie Ulay und nun, seit 1988, konfrontiert sie direkt die Öffentlichkeit, auch wenn der Schwerpunkt nun stärker auf der körperlichen Präsenz und weniger auf dem Schmerz liegt. Auch ihre Performance The House With Ocean View aus dem Jahr 2002 dürfte für ihre Performance im Atrium des Moma Pate gestanden haben. Damals lebte die Künstlerin 12 Tage lang auf drei erhöhten Plattformen in einer Galerie, ohne zu sprechen oder zu essen; sie nährte sich allein vom anhaltenden Augenkontakt mit ihrem Publikum.

Hinter dem, was sich nun im Atrium des Moma abspielt, steht also die unwiderstehliche Kraft einer historischen Logik. Am Abend der Eröffnung wird Abramović zusätzlich von ihrer Geschichte eingeholt, als eine ganze Reihe von befreundeten Performancekünstlern nacheinander ihr gegenüber Platz nimmt: Tehching Hsieh (der unangefochtene König in Sachen Ausdauer, der mit seinen einjährigen Performances in den Achtzigern Geschichte schrieb), die österreichische Feministin Valie Export und die Performance-Künstlerin Joan Jonas.

Zwischen diesen Begegnungen sieht Abramović nach unten, sie schließt ihre Augen, richtet den Blick neu aus und sammelt frische Energie. Als sie das nächste Mal aufsieht, sitzt ihr kein geringerer als Ulay gegenüber. Eine hingerissene Stille senkt sich über das Atrium. Abramović bricht unmittelbar in Tränen aus, ein paar Sekunden lang hat sie Mühe, Ulays Blick standzuhalten. Aus der Superheldin wird ein kleines Mädchen – sanft lächelnd; furchtbar verletzlich. Als sie sich schließlich fest in die Augen sehen, laufen Abramović die Tränen die Wangen hinunter; nach ein paar Minuten widersetzt sie sich ihren eigenen Regeln und greift über den Tisch hinweg nach seinen Händen. Es ist eine ergreifende Versöhnungsszene – dessen ist auch Abramović sich zweifellos bewusst.

Kopf auf die Brust

Während immer mehr Menschen nacheinander auf dem Stuhl Platz nehmen, wird klar, dass Abramović mit allen auf einer persönlichen Ebene kommunizieren will. Sie spiegelt die Gesten ihres Gegenübers oder die Intensität seines Blicks. Sie ist alles andere als ein Gebirgsmassiv – und ihre Zerbrechlichkeit macht diese an sich schon schwierige Performance noch strapaziöser. Doch auch das Alptraumhafte der Performance ist nichts weiter als eine Illusion: Was könnte besser sein, als drei Monate einer Öffentlichkeit in die Augen zu schauen, die nach Kontakt hungert? Kann es überhaupt eine grundlegendere Form menschlichen Handelns geben?

Nachdem ich 90 Minuten in der Schlange gewartet habe, bin ich endlich an der Reihe. Ich bin unmittelbar überwältigt. Nicht von der Stärke ihres Blicks, sondern von seiner Schwäche. Sie zeigt den Ansatz eines Lächelns, gerade so wie die Mona Lisa, und beginnt zu weinen. Mein Blick wird dadurch stärker; ich muss das Gebirgsmassiv sein. Nach zehn Minuten beginne ich unseren wortlosen Dialog zu genießen. Dann, ganz plötzlich und unfreiwillig, sinkt mein Kopf auf meine Brust. Es ist, als hätte Abramović mir einen Laserstrahl geschickt, der Augenblick ist vorbei.

Übersetzung: Christine Käppeler

 
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Artikelaktionen
Kommentare
Columbus schrieb am 26.03.2010 um 17:36
Prima. Ein dickes Lob an die Redaktion. Da hattet Ihr euch im Print schon mutig gezeigt, gegen alle Mühen, solche Kunst zu belächeln, und legt nun Online noch drauf (Fotoserie).

Gut,dass es die freundschafltlichen Bande zum Guardian gibt.

Liebe Grüße

Christoph Leusch

PS 1: Na, für frisch gekürte Lead-Award Onliner, ist das ja wohl schon fast selbstverständlich. Gratulation!

PS 2: Frau Käppeler, ich bewundere ihren Bienenfleiß und ihre Übersetzungskunst, bei dem Tempo.
Anette Lack schrieb am 27.03.2010 um 15:25
Danke für den Artikel! Wunderbarer Text - und eine verdiente Würdigung der Künstlerin!

Was mir auch immer wieder auffällt: Die präzisen, sorgfältigen Übersetzungen im Freitag - darüber hinausgehend, immer wieder mit einem fast unglaublichen Gefühl, einer spürbaren Liebe für diese Sprache! Danke an Christine Käppeler; ebenso an Holger Hutt.
Sarah Rudolph schrieb am 27.03.2010 um 15:27
Toller Artikel, es ist schon ein paar Tage her, dass mich ein Zeitungstext beim Lesen so berührt hat.
Danke für die Übersetzung!
Magda schrieb am 27.03.2010 um 17:01
Ich finden den Beitrag auch sehr sensibel und interessant.
Aber nach wie vor plagen mich bei Abramovic Fragen der eigenen Kunst-Rezeption. Wenn Kunst alles darf, dann müsste eigentlich auch die Rezeption noch was anderes dürfen, als zu huldigen. Sie müsste sich auch lustig machen dürfen ohne dass sie dafür - wie gerade hier - getadelt wird.
Ich frage mich: Wäre die Rezeption mancher Werke von Abramovic nicht eine völlig andere, wenn Abramovic keine Serbin wäre, die sich - wie es im Text ja auch verhandelt wird - vom Tito-Jugoslawien gelöst hat, es eigentlich hasst und - mit ihrem Roten Stern auf dem Bauch - auch die Partisanen lächerlich macht.
Wäre die Aufnahme ihrer Balkan Baroque Performance eine andere, wenn andere Hintergründe verhandelt würden? Wäre es möglich mit einer Performance der abgeschruppten Rinderknochen zum Beispiel den Holocaust zu verhandeln? Was wäre los, wenn es so wäre, wie groß wäre der Aufschrei? Und vor allem wie groß wäre er in Deutschland und zwar von deutscher wie von jüdischer Seite.
Wäre es möglich, der Verteibung der Indianer aus ihren Gebieten mit abgeschruppten Büffelknochen eine Performance zu liefern?

Wieviel - auch politisch-zeitgeistiges hat diese Kunst und ihre Rezeption auch transportiert und bin ich eine, die sich lustig macht, wenn ich sie anders sehe, als hier nahegelegt? Ich finde diese Kunst quälend und will das auch sagen.
Columbus schrieb am 28.03.2010 um 23:08
Liebe Magda,

An Sie habe ich bei meinem Dankeschön nebst kleiner "Spitze" gar nicht gedacht. - Es ging eher um die immer noch weit verbreitete Haltung, die fragt, oft sogar mit einem scharfen "Nein" dekretiert, ob so etwas überhaupt "Kunst" genannt werden darf, oder eben nicht. Meist ist das mit der Konnotation verbunden, Kunst komme doch von Können, genauer, von Kunstfertigkeit .

Selbstverständlich steht außer Frage, dass sowohl die Frage nach dem kaum ablösbaren historischen- und sozialen Hintergrund ihrer Kunst, als auch die nach der Glaubwürdigkeit und Tragfähigkeit einer Performance-Retrospektive, völlig legitim sind.

Zumal Frau Abramović Ihnen und mir, mit vielen ihrer Werke, weh tut, gerade nicht wohl, setzten wir uns dieser Kunst aus.

Einmal abgesehen davon, dass natürlich selbst solche in allen westlichen Weltgegenden bekannten KünstlerInnen ihre Auftritte in sämtlichen Pressemedien haben, wenn wir diese Performances besuchen, dort schauen, vielleicht mitwirken, oder, viel häufiger, die Dokumentationen und Presseberichte betrachten, stellt sich zunächst eher eine Verwunderung darüber ein, mit "Qualen und Quälen" im Zusammenhang mit Kunst konfrontiert zu werden. - Das war gewiss in der Kunstproduktion auch schon einmal ganz anders.

Ja, der Hauptanspruch der moderneren Künste, aber auch der meisten Betrachter liegt weiterhin auf der Erzeugung irgend einer "Schönheit" und auf dem des persönlichen "Werks", aus der Kunst selbst (L´art pour l´art) heraus. - Das sind übrigens Kriterien, die in ihrer Wertigkeit auch nicht dauerhaft so prominent waren. Denken Sie nur an die so beeindruckenden großformatigen und großartigen Altarwerke des Mittelalters und der frühen Neuzeit, die nur langsam einen Anspruch auf "Schönheit" und "Werk" entwickelten, dagegen aber einen religiösen Idelogieanspruch oder sogar die jeweilige weltliche und geistliche Macht vollständig repräsentieren sollten.

Tilmann Riemenschneiders filigrane Schnitzkunst verschwand meist unter einer farbigen Deckschicht, die Handwerkerzeichen der Fassmaler wurden im Laufe der Jahre abgelaugt und übermalt, ihre Biografie und Tätigkeit muss aus den ganz prosaischen Verdingungs- und Werkverträgen der Stifter, Räte und Städte rekonstruiert werden.

Nur weil es diesen allgemeinen Hintergrund des Anspruchs an das "Kunstschöne" und den Künstler als kreatives, individuelles Genie der "Schönheit" gibt , er wird meist gar nicht mehr thematisiert, nehme ich, vielleicht auch Sie, das Aussergewöhnliche der Vorgehensweise Abramovićs wahr.

Eine Performance kann zwar auch in privaten Räumen geschehen, sie kann in den Dokumenten gesammelt werden, aber ihr Effekt entfaltet sich nur dann, wenn in großer Öffentlichkeit, mit dem Publikum und nachher mit dem Bericht dazu, etwas passiert.

Ich könnte auch sagen, eine Marina Abramović- Perfomrance ist ein "Pseudo" -Ereignis, ein "Pseudo-event" ist, das rein formal so gut, oder sogar besser, vorgeplant und strukturiert ist, als irgend eine "Pseudoveranstaltung" rund um Berlins bessere Gesellschaft, als politische Inszenierungen oder große mediale Shows, einschließlich der Open-Air-Konzerte.

Allerdings ist eben diese "Verstörung" aus der Performance eine andere. Westcott weist darauf ja hin, dass der Grat schmal ist, einerseits sich der Mittel bedienen zu müssen, die die Aufmerksamkeitsökonomie fordert, andererseits noch eine glaubwürdige künstlerische Aussage zu liefern.

Nun gibt es da zwei Herangehensweisen.
Die eine geht von der Person der Künstlerin und ihren Versuchen sich künstlerisch mitzuteilen aus.

Da wäre die Frage, ob Frau Abramocićs ihre Professionalität und künstlerische Individualität angemessen nutzt. Also, ob sie sich professionell "müht" (Vorarbeit, Präsenz, Suche und Recherche, sehr große Einflussnahme auf Präsentation und Ausstattung der Performances, Dokumentation).

Da wird kaum ein anders arbeitender Künstler, ganz abgesehen von denen, die, wie im Artikel beschrieben, ähnlich vorgehen, etwas aus zu setzen haben. Das läuft völlig der Berufsrolle konform und den Erwartungen entsprechend ab.

Frau Abramović hat ja auch ihre Anzahl Themen zu denen sie mehr oder weniger kompetent Stellung bezieht und sie bringt erstaunlich viele Leute, die eher selten so exponiert Stellung beziehen wollen, dazu da mit zu wirken.

Nackheit, Aufhebung des Sozialabstands, Selbstverletzung, Folter, Gewalt, Einebnung des Individuellen, z.B. durch Uniformität von Blicken, Gesten,Kleidungen, Partnerbeziehungen, als Verwachsung, Verflechtung und Trennung, als Trennung auf der chinesischen Mauer z.B., sind keine "Hinrenner" und "Hingucker" für private Leute und Unterhaltung-, bzw. Genuß- Suchende, es sei denn, diese Leute ziehen Befriedigung aus einer Grundhaltung die da lautet : "Menschen, Tieren, Sensationen" und aus der voyeuristischen Begleitung erfolgter künstlerischer Tabubrüche (es ist schon viel schwerer mit den Tabus, denn es bleiben kaum welche).

Westcott macht auch deutlich, wie sehr Abramović gegen den aktuellen Ort der Performance, das MOMA, anarbeitet. Ein Ort, an dem Geld und Besucher, aber viel mehr noch die Leitung und die Kuratoren schon viele Male entschieden haben, was denn ausstellbare Kunst ist.

Das gehen also nun Leute hin, die bewusst "zu Abramović" kommen, dann welche die sie eher zufällig, beim Besuch des MOMA, erleben und andere die wegen ganz anderer Kunstwerke kommen, und alle zusammen erzeugen einen Hintergrund, ein Störgeräusch. Dazu kommt das Haus selbst, die Aufladung mit Bedeutung in einem solchen riesigen Gebäude, neben so viel anderer Kunst. - In den neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts wurde in diesem Zusammen viel von "Sakralisierung" geschrieben. Sie können das bis zu den Baukörpern (Museen, Austellungshallen, z.B. Guggenheim Bilbao, New York, Bundeskunsthalle Bonn(Peichl), mit "Tempelaufgang", verfolgen, die nämlich selbst längst eine Eigenart beanspruchen und in Konkurrenz zu den Sammlungen treten.

Wahrscheinlich fällt Marina Abramović das Performen leicht, weil sie ihre biografische Realitätserfahrung einbringen kann. Sie stand familiär und sozial im Staat Jugoslawien unter Kontrolle. Kontrolle und Herrschaft ist ein fast unhintergehbares Element dieses Staates gewesen und sogar
sein Zerfall produzierte noch diese Schrecken.
- Ihre Botschaften sind Mahnungen.

Ich habe einmal als Schüler den Schriftsteller Wolfgang Hildesheimer fragen dürfen, warum er denn, nach all´ seinen persönlichen Erfahrungen und seiner Zeitzeugenschaft bei den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen, nicht über diese Dinge schreibe. Seine Antwort war, für mich damals nicht nachvollziehbar, erzeugte Protest und Widerspruch bei mir.

Er sagte sinngemäß: "Ich konnte das nicht, hatte nicht das Selbstvertrauen dazu, als Opfer und übrig Gebliebener. Aber in jeder Zeile meiner Dramen und Erzählungen, sogar im "Mozart" schwingt mit, dass ich nicht an eine enge Verbindung, des exemplarischen Menschen, der Person, und des künstlerischen Werkes oder der kreativen Taten glaube." - Das ist kurz und knapp, eine der möglichen Gegenpositionen. Im Rückblick fühle ich mich nur noch durch die Jugend gedeckt, schäme mich ein wenig, bei dem Gedanken bei ihm diese Zeit- "Zeugenschaft" überhaupt eingefordert zu haben. - Ich war unbedarft.

Die zweite Betrachtung geht von der Gegenüber Situation aus. Hier Gesellschaft, da Künstler. Ein Graben tut sich auf, denn diejenigen die die Kunst präsentieren müssen, wenn sie wahrgenommen werden wollen, mit jenen zusammen arbeiten, die die Kunst wiederum nicht nur als großes Geschäft, sondern ganz bewusst als Statuserhöhung und Salvation für andere soziale Felder einsetzen. - Dazu kann man viel in der KUNSTZEITSCHRIFT 3-2010 lesen.

Eine Kunst, erzeugt und vorgestellt in einer Eigenwelt, die es mittlerweile auch sehr gut versteht, damit Produktwerbung, Produktionsdesign, soziales Marketing und Firmenimages zu verbinden, die für sich gar keine sozialen oder politischen Ansprüche stellt.

Die Millionäre und ihre Top-Kuratoren nicken andächtig und zufrieden, wenn Marina Abramović oder, um einmal eine ausgesprochen äthetisch arbeitende Künstlerin
zu nennen, Shirin Neshat, ihnen eine angenehme und angmessene Bedeutung ihres mäzenatischen Tuns vermitteln. - Das sichert die Stellung des Hauses und es gibt mittlerweile eine Art Kunstourismus um den Globus, der so funktioniert wie der Opern-Jetset.

Es ist egal was es kostet, wenn nur ein Flughafen in der Nähe des Festspielortes, der Ausstellungshalle liegt, dann komme ich da hin.

Der Gegenprozess ist der graduelle Schwund der öffentlich abgesicherten Kunst. Das war lange Zeit übrigens eine Domäne, in der sich die westeuropäischen Staaten mehrheitlich von den angelsächsischen Staaten unterschieden, die lange eine nicht marktgebundene Kunst zu einem wichtigen Faktor werden lies (vom Theater bis zur Absicherung von Künstlern durch den Staat, die dadurch keine Staatskünstler wurden. - Die Paradoxie war ja, dass langfristige Verträge und ökonomische Absicherungen Freiheiten schufen, im Osten allerdings auch oft einen unerträglichen Konformismus.

Unter diesem Aspekt könnte man Marina Abramović als "Transformationskünstlerin" einschätzen, so wie man neudeutsch und ökonomisch von "Transformationsländern" spricht.

Liebe Grüße,
Ihr Fan
Christoph Leusch
Magda schrieb am 27.03.2010 um 17:03
Nach wie vor plagen mich bei Abramovic Fragen der eigenen Kunst-Rezeption. Wenn Kunst alles darf, dann müsste eigentlich auch die Rezeption noch was anderes dürfen, als zu huldigen. Sie müsste sich auch lustig machen dürfen ohne dass sie dafür - noch mal wie hier getadelt wird.
Ich frage mich immer: Wäre die Rezeption mancher Werke von Abramovic nicht eine völlig andere, wenn Abramovic keine Serbien wäre, die sich - wie es im Text ja auch verhandelt wird - vom Tito-Jugoslawien gelöst hat, es eigentlich hasst und - mit ihrem Roten Stern auf dem Bauch - auch die Partisanen lächerlich macht.
Wäre die Aufnahme ihrer Balkan Baroque Performance eine andere, wenn andere Hintergründe verhandelt würden? Wäre es möglich mit einer Performance der abgeschruppten Rinderknochen zum Beispiel den Holocaust zu verhandeln? Was wäre, wenn es so wäre, wie groß wäre der Aufschrei? Und vor allem wie groß wäre er in Deutschland und zwar von deutscher wie von jüdischer Seite.
Wäre es möglich, der Verteibung der Indianer aus ihren Gebieten mit abgeschruppten Büffelknochen eine Performance zu liefern?

Wieviel - auch politisch-zeitgeistiges transportiert diese Kunst und bin ich eine, die sich lustig macht, wenn ich sie anders sehe, als nahegelegt?
ich schrieb am 28.03.2010 um 11:48
@Magda
Ein schönes Dyptichon hast Du uns zum Kommentar hinterlasen.
Magda schrieb am 28.03.2010 um 12:10
Das wollte ich nicht, aber so was entsteht, wenn man nochmal was ändert, weil man denkt, man hat den Kommentar noch nicht abgeschickt.

Sind aber nicht wesentliche Änderungen im zweiten Kommentar.
ich schrieb am 28.03.2010 um 13:00
»Sind aber nicht wesentliche Änderungen im zweiten Kommentar.«

Als Künstlerin brauchst Du Deine Arbeit nicht unbedingt zu kommentieren; es sei denn es ist dir ein ausdrückliches Bedürfnis.
Magda schrieb am 28.03.2010 um 20:19
Mein Kunstwerk heißt "The artist is blogging"
:-))
Magda schrieb am 29.03.2010 um 14:58
Lieber Christoph Leusch,
da haben Sie aber umfassend ausgeholt, aber das war schon sehr spannend zu lesen.
Ich hatte tatsächlich die Furcht, dass meine Überlegungen als Banausen-Schnack allein gelten könnten.

Meist ist das mit der Konnotation verbunden, Kunst komme doch von Können, genauer, von Kunstfertigkeit.
Mein Kunstbegriff hat sich auch erweitert mit den Jahren und ist durchaus nicht mehr aufs Dekorative Nette beschränkt, keineswegs.

Zumal Frau Abramović Ihnen und mir, mit vielen ihrer Werke, weh tut, gerade nicht wohl, setzten wir uns dieser Kunst aus.

Es hat schon was auf sich damit. Frau Abramovic rückt einem auf den Pelz und weckt Anti-Emotionen, die aber dann irgendwie auch in die Kunst vereinnahmt zu werden scheinen und das ärgert mich.

Nur weil es diesen allgemeinen Hintergrund des Anspruchs an das "Kunstschöne" und den Künstler als kreatives, individuelles Genie der "Schönheit" gibt , er wird meist gar nicht mehr thematisiert, nehme ich, vielleicht auch Sie, das Aussergewöhnliche der Vorgehensweise Abramovićs wahr.

Das glaube ich nicht – ich denke eher, dass es bei mir das Gefühl ist, dass die Rezeption dieser Kunst auch politische Hintergründe hat. Ich will nicht unbedingt Schönes sehen oder verstehe darunter allein Kunst, aber ich finde hin und wieder den Kunstbegriff – mal aus Unkenntnis, mal vielleicht zu Recht – überdehnt.

Frau Abramović hat ja auch ihre Anzahl Themen zu denen sie mehr oder weniger kompetent Stellung bezieht und sie bringt erstaunlich viele Leute, die eher selten so exponiert Stellung beziehen wollen, dazu da mit zu wirken.

Ja, stimmt, aber ich finde das „Gewalttätige“ gegen sich und andere anfechtbar. Es macht mir ein Unbehagen und das kann durchaus auch zum Kalkül gehören.
Und – ich finde, es gibt andere Kunstformen, die einem die Themen, die sie transportiert, nicht so um die Ohren hauen.

Wahrscheinlich fällt Marina Abramović das Performen leicht, weil sie ihre biografische Realitätserfahrung einbringen kann. Sie stand familiär und sozial im Staat Jugoslawien unter Kontrolle. Kontrolle und Herrschaft ist ein fast unhintergehbares Element dieses Staates gewesen und sogar sein Zerfall produzierte noch diese Schrecken.
- Ihre Botschaften sind Mahnungen


Hm, es ist also doch so, dass der jugoslawische Hintergrund Abramovics diese große Rolle spielt. Ich wundere mich darüber immer sehr, denn gerade Titos Jugoslawien hatte sich am meisten Freizügigkeit und mehr kleine Freiheiten bewahrt, als es in der DDR möglich war.
Außerdem: Kontrolle und Herrschaft werden auch im demokratischen Rechtsstaat ausgeübt. Dazu muss man nicht in Jugoslawien gelebt haben, aber wahrscheinlich so fixiert sein wie Abramovic auf diese Balkan-Baroque Perspektive. Aber, darauf lässt sich viel transponieren, was anderswo nicht benannt wird. Da hilft sie auch mit bei der Ablenkung.

Die Paradoxie war ja, dass langfristige Verträge und ökonomische Absicherungen Freiheiten schufen, im Osten allerdings auch oft einen unerträglichen Konformismus

Das ist ganz sicher so. Obwohl ich mich noch gut erinnere, wie hochmütig unsere Kultur-Verantwortlichen auf den kapitalistischen Kunstbetrieb blickten. Einmal zur „documenta“ in Kassel gab es einen Beitrag, in dem von „Lustbuben einer deformierten Gesellschaft“ oder so gesprochen wurde. Der Kunstbegriff hat sich aber auch bei uns gewandelt, blieb jedoch lange sehr konventionell.

Nur – diese jetzige Ausuferung ist mir hin und wieder nicht so verständlich oder auch beliebig. Und manchmal gibt es einfach bei solchen Performance-Dingen Geschmacksfragen. Ohne Ironie ist mir dieser ganze Kram viel zu theatralisch.
Von daher bin ich wahrscheinlich ziemlich gefeit gegen Abramovic, finde aber Beuys, wenn er einem Hasen Kunst erklärt, absolut interessant.

So das war das, was ich – vom eigenen bescheidenen Hintergrund her - verstanden habe und versuche zu kommentieren.

Danke für diese lange interessante Erklärung und Erwägung. Das ist immer hilfreich und anregend. .

Liebe Grüße
von Magda
hibou schrieb am 29.03.2010 um 08:51
Ihre Performance des Schweigens und der Meditation im Eingangsbereich ist doch ne Wucht? "Nicht bloggen" als Kunst!
aber danke fürn Artikel und auch die Kommentare
Albi schrieb am 29.03.2010 um 11:29
The Other Artist war auch present. 4 Teile auf youtube zu sehen, mE ziemlich abgefahren, insbesondere Akt 3.
Hier der Trailer:
Magda schrieb am 29.03.2010 um 15:13
Ich habe mir das mal angeguckt, das ist so herrlich, was der macht. Da ist sie, die von mir so geliebte Ironie. Und A. muss auch lachen. Bei dem Teil "Behind the Canvas".
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