Kultur

Medien | 06.04.2010 17:52 | Mario Damolin

Alles muss raus!

Mehr oder weniger Prominenten begeben sich in einen "Bekenntnis"-Wettbewerb. Das sensible Thema Missbrauch landet dabei auf der medialen Resterampe

Der Bildhauer Gerhard Roese hat’s im Hessischen Rundfunk getan; die Schriftstellerin und TV-Moderatorin Amelie Fried auch – in der FAZ; der Musiker und Komponist Franz Wittenbrink schon vorher im Bayerischen Rundfunk; neuerdings in FR und Spiegel-Online noch der Publizist Tilman Jens; und Politiker Daniel Cohn-Bendit ist sowieso in jedem Medium präsent. Alle sind mehr oder minder prominent, oder halten sich dafür, und haben sich jetzt zu Wort gemeldet: denn sie waren an der Odenwaldschule oder in anderen Erziehungsanstalten, und entweder wurden sie missbraucht wie Roese, geschlagen wie Wittenbrink, mit Strip-Poker belästigt wie Fried – oder sie wussten, dass andere missbraucht worden waren. Nur wussten manche offenbar lange nicht, dass sie es wussten. Oder sie sprachen es nicht aus, dass sie es wussten, oder sie dachten, dass sowie alle es wussten. Und nun haben sie im medialen Winterschlussverkauf endlich den Schritt gewagt: in die Medien. Alles muss raus, Promis voran!

Der Stern, der gerade der Bunten erfolgreich nachgesagt hat, mit ethisch fragwürdigen Mitteln hinter Politikern herzurecherchieren, durchkämmt Internet-Foren und Blogs nach „Betroffenen“, den Nicht-Prominenten, die dann auf Seite 1 der Illustrierten verkünden dürfen: „Ich war elf Jahre alt, als es geschah.“ Die Selbstbezichtigung ist journalistische Methode: „Wir haben abgetrieben“ konstatierten im Juni 1971 prominente Frauen wie Romy Schneider oder Senta Berger auf der Titelseite des Stern und verhalfen zur großen Auflage. Bei einer Pressekonferenz der abgelegenen Odenwaldschule verstopfte ein Medienaufgebot Parkplätze und Zugangsstraßen, als ob Bill Clinton und Monica Lewinsky endlich dort ihre wahre Geschichte enthüllen wollten. Alle Medien waren in Mehrfachbesetzung da – nur, wo waren sie in den letzten zehn Jahren?

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Professionelle Exhibitionisten

Die öffentliche Aufmerksamkeit ist momentan groß, und auf der medialen Resterampe wartet noch manches Schnäppchen. Sex sells, gerade auch wenn er gewaltförmig daherkommt. Keine Geschichte ist zu belanglos oder zu mies, um nicht erzählt zu werden. Kein „Zeugnis“ von Zeitzeugen zu schrecklich oder gar auch erbärmlich, um sich nicht öffentlich zu präsentieren. Kaum jemand – schon gar nicht, wenn er sich als „öffentliche“ Person definiert – ist sich zu schade, nach alldem, was wir eh schon wissen, vor die Kameras und Mikrofone zu drängen und zu rufen: “Ich auch.“ Aus der Geschichte der Opfer ist inzwischen ein medialer Selbstläufer geworden – am spannendsten sind die Geständnisse der Prominenten, weil sie den Voyeurismus der vielen Nicht-Prominenten so prächtig bedienen und natürlich, weil die Promis so gut erzählen können. Es lebe das Storytelling.

Benötigen die Opfer jetzt auch noch die Besinnungstexte etwa von Tilman Jens, wenn er – wie Dutzende vor ihm schon auch – „nachdenklich“ feststellt, ihm sei nichts aufgefallen, wenn er, nicht wirklich von sich sprechend, konstatiert: „Alle wussten, dass Gerold was mit Schülern hatte?“ Ein Satz, der seit Wochen durch die Medien geistert und – bei aller Wiederholung – nichts zur Aufklärung beiträgt. Will man wirklich wissen, wen Amelie Fried geküsst oder nicht geküsst hat, während ihre Freundin im Nachthemd ins Lehrerschlafzimmer schlich? Müssen die Opfer von Missbrauch und Gewalt durch alle Medien gezogen werden? Reicht es nicht, dass Ermittlungsbehörden oder andere aufklärende Organisationen die Arbeit aufnehmen, dass Tatsachen recherchiert werden und nicht vorrangig menschliches Futter für die Medienmaschine geliefert wird?

Hinter dem ganzen Medienauftrieb, dem Reigen der professionellen Exhibitionisten, droht die Geschichte der Missbrauchsopfer unterzugehen, mutiert das Thema „Missbrauch“ zu einer Art Wettbewerb. Es ist schon fast wie bei „Deutschland sucht den Superstar“: „Ich will auch noch ein Lied singen, ich will in die nächste Runde.“ Fehlt noch, dass demnächst, inmitten des neuen Geständnistheaters, ein Sternchen wie Miriam Meckel auftritt und bekennt: „Mein Burnout war das logische Resultat der Tatsache, dass mein Musiklehrer am Internat mir beim Geigestimmen unter den Pullover gegriffen hat.“ Alles muss raus – jetzt und sofort. Denn schon morgen könnte die nächste Sau durchs Mediendorf getrieben werden.

 
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Artikelaktionen
Kommentare
Anette Lack schrieb am 07.04.2010 um 17:45
Danke für diesen Artikel! Ich frage mich - seit Amelie Fried - ebenfalls, was diese Trittbrettfahrerei (so werte ich das) eigentlich soll. Eigen-PR, um mal wieder in den Medien zu erscheinen: diesmal mit einem Betroffenheitsthema?

Das führt zu einer Inflation, genau. Dazu womöglich, dass es eine gewisse Reizüberflutung gibt bei diesem Begriff, und irgendwann alle abwinken: "Ach, Du bist auch..."

Das dachte ich übrigens auch, als ich die Geschichte der Missbrauchsopfer in einer der letzten Nummern des Stern las. Aufgemacht wie üblich. Porträtfoto, Text dazu. Es hätte auch ein Geschichte sein können zu "Ich bin arbeitslos". Der gleiche Typ Aufmachung. Auch inflationär.

Wichtiger und informativer als die alle ev. noch folgenden Bekenntnisse (semi)-Prominenter ist eine Antwort auf die noch immer offene Frage, was das Schlimmste an einem sexuellen Missbrauch im Sinne einer Grenzüberschreitung ist: Dass der-/ diejenige sehr lange, vielleicht für den Rest seines Lebens, große Schwierigkeiten damit haben wird, sich selber zu aktzeptieren. Dass er mit dem Gefühl des Unwertseins kämpfen wird. Und womöglich große Probleme damit, Grenzen zu ziehen.
Anette Lack schrieb am 07.04.2010 um 17:46
korrigiere: und wahrscheinlich große Probleme damit HABEN wird, Grenzen zu ziehen.
Katharina Schmitz schrieb am 07.04.2010 um 17:52
sehr richtig.

Mich umtreibt neuerdings auch die Frage, wer darf Satire und wann darf Satire. Der Missbrauch ist jedenfalls ziemlich rasant zum Jedermanns-Satire-Gegenstand geworden.

Neulich sonntags war ich zu Gast bei der Berliner "Reformbühne Heim und Welt". Leute wie Heiko Wernig (schreibt auch für Titanic) und Arne (Zwiegespräche mit Gott) treten hier regelmässig im Auftrag der Kleinkunst-Alltagssatire im Kaffee Burger auf. Welcher Institution kann man an diesem kultigen Kleinkunst-Ort gefahrenlos und undifferenziert satirisch eins reinhauen? Richtig, der katholischen Kirche. Auch wahnsinnig lustig: das Vorlesen kleingeistiger Christen-Emails, die ihrer Empörung über einen Titanic-Cartoon "Kirche startet Missbrauchshotline" in aller tiefgläubiger Einfachheit in einem Forum kundgetan hatten.

Und ungefähr alle 5 Minuten fiel das Wort "Kinderschänder".
Anette Lack schrieb am 07.04.2010 um 18:03
Ach ja, und: Geniale Überschrift!
Deaktivierter Nutzer schrieb am 07.04.2010 um 18:17
"Tittbrettfahrer" fiel schon, "Nachahmungsopfer" ist mir beim Lesen eingefallen. Ich glaube, daß der Boulevard solche "Geständnisse" allein durch sein dasein erpreßt. Kürzlich machte die BILD mit dem Titel auf "50 Promis im Knast", und keinem normalen Inhaftierten wird das bessere Haftbedingungen bringen. Es ist einfach Resteverwertung, Mülltrennung. Von Promiwelt zu Yellow Press.
Anette Lack schrieb am 07.04.2010 um 18:36
Rainer, bei 50 Promis im Knast war das ein sog. Nachdreh zur Kachelmann-Geschichte. Du hast Recht: Das ist typisch Boulevard, eine Geschichte auszuschlachten oder zweit- und drittzuverwerten.

Beim Thema Missbrauch springen aber viele auf den Zug auf: Gestern vormittag hörte ich ein unsägliches, weil schlechtes, undifferenziertes und manipulatives Interview mit einem "Missbrauchsopfer", so wurde er genannt, der heute 54 ist. Und zwar im DeutschlandRadio. Und da hatte ich bisher, von teilweise fragwürdigen Kommentaren mal abgesehen, so etwas nicht vermutet.
Deaktivierter Nutzer schrieb am 07.04.2010 um 19:12
Die Boulevardisierung schreitet eben voran, bis ins Staatsradio. Und die Sprache in Medienbüros tut ein übrigens: man müsse Themen besetzen, man muß Rubriken füllen, und man kann auch noch auf einen Zug aufspringen als Drittmedium, wenn der schon längst abgefahren ist. Daß das alles abgefahren ist: keine Frage.
Achtermann schrieb am 07.04.2010 um 20:11
Der größte Anteil der journalistischen Produkte unterscheidet sich vom Wesen her nicht von anderen Waren, etwa Schokoladenosterhasen. Es wird in ein Produkt Geld investiert. Und die Investition muss sich rechnen. Also wird das Druckerzeugnis oder das elektronische Medium so am Markt feil geboten, dass möglichst ein pekuniärer Überschuss entsteht. Der eine benutzt eine spezielle Kakaosorte, der andere erzählt halbgare Geschichten über Personen, die wohl einer breiteren Öffentlichkeit bekannt sind. Wahrscheinlich hat man von einem Schokoladenosterhasen mehr, weil der nur innen hohl ist.
Anette Lack schrieb am 09.04.2010 um 10:27
Rainer, der letzte Satz zeigt: Du bist ein Meister der Worte. Chapeau!
Magda schrieb am 07.04.2010 um 19:28
Die Insterburgs hätten in den 60ern gedichtet

Misswahlen, Misswahlen,
kennt Ihr das auch

Erst die Miss Mut
Dann die Miss Brauch
chrislow schrieb am 07.04.2010 um 20:08
Eine show ist eine show, ist eine show, ... und bleibt es auch - wenn einer so will! Die Medien werden Medien bleiben und Schlagzeilen machen. Wem die alte Sau auf den Geist geht, der möge eine Neue anstossen, um dass sie die Medien durchs Dorf treiben ...

Zum Thema ist offenbar zu sagen, dass man heut zu Tage dem stolzen Weib kein Kind mehr macht, sondern es bei der Entblössung der ihr eigenen Intimität belässt. Somit könnte man den "Missbrauch" auch als pädagogisch Wertvoll betrachten. Und da in der Moderne keine Unterschiede in den Geschlechtern gemacht werden, ... so ergeht es dem Manne ebenso. Wie man es eben gerne sehen will.... Ist wie mit den Schlagzeilen und der Sau im Dorfe.

Was mich allerdings böse anstösst, ist die Tatsache, dass das Thema möglicherweise ein anderes sein könnte und dennoch würde der Autor dieses Artikels ebenso drüber herziehen.

Nehmen wir doch mal z.B. Euthanasie ... Ach ne, die können dann ja nicht mehr in den Medien auftauchen und Jammern. In meiner Fantasie können sie es...! Und ich würde nicht darüber herziehen.


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