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Kultur : Alles muss raus!

Mehr oder weniger Prominenten begeben sich in einen "Bekenntnis"-Wettbewerb. Das sensible Thema Missbrauch landet dabei auf der medialen Resterampe

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Der Bildhauer Gerhard Roese hat’s im Hessischen Rundfunk getan; die Schriftstellerin und TV-Moderatorin Amelie Fried auch – in der FAZ; der Musiker und Komponist Franz Wittenbrink schon vorher im Bayerischen Rundfunk; neuerdings in FR und Spiegel-Online noch der Publizist Tilman Jens; und Politiker Daniel Cohn-Bendit ist sowieso in jedem Medium präsent. Alle sind mehr oder minder prominent, oder halten sich dafür, und haben sich jetzt zu Wort gemeldet: denn sie waren an der Odenwaldschule oder in anderen Erziehungsanstalten, und entweder wurden sie missbraucht wie Roese, geschlagen wie Wittenbrink, mit Strip-Poker belästigt wie Fried – oder sie wussten, dass andere missbraucht worden waren. Nur wussten manche offenbar lange nicht, dass sie es wussten. Oder sie sprachen es nicht aus, dass sie es wussten, oder sie dachten, dass sowie alle es wussten. Und nun haben sie im medialen Winterschlussverkauf endlich den Schritt gewagt: in die Medien. Alles muss raus, Promis voran!

Der Stern, der gerade der Bunten erfolgreich nachgesagt hat, mit ethisch fragwürdigen Mitteln hinter Politikern herzurecherchieren, durchkämmt Internet-Foren und Blogs nach „Betroffenen“, den Nicht-Prominenten, die dann auf Seite 1 der Illustrierten verkünden dürfen: „Ich war elf Jahre alt, als es geschah.“ Die Selbstbezichtigung ist journalistische Methode: „Wir haben abgetrieben“ konstatierten im Juni 1971 prominente Frauen wie Romy Schneider oder Senta Berger auf der Titelseite des Stern und verhalfen zur großen Auflage. Bei einer Pressekonferenz der abgelegenen Odenwaldschule verstopfte ein Medienaufgebot Parkplätze und Zugangsstraßen, als ob Bill Clinton und Monica Lewinsky endlich dort ihre wahre Geschichte enthüllen wollten. Alle Medien waren in Mehrfachbesetzung da – nur, wo waren sie in den letzten zehn Jahren?

Professionelle Exhibitionisten

Die öffentliche Aufmerksamkeit ist momentan groß, und auf der medialen Resterampe wartet noch manches Schnäppchen. Sex sells, gerade auch wenn er gewaltförmig daherkommt. Keine Geschichte ist zu belanglos oder zu mies, um nicht erzählt zu werden. Kein „Zeugnis“ von Zeitzeugen zu schrecklich oder gar auch erbärmlich, um sich nicht öffentlich zu präsentieren. Kaum jemand – schon gar nicht, wenn er sich als „öffentliche“ Person definiert – ist sich zu schade, nach alldem, was wir eh schon wissen, vor die Kameras und Mikrofone zu drängen und zu rufen: “Ich auch.“ Aus der Geschichte der Opfer ist inzwischen ein medialer Selbstläufer geworden – am spannendsten sind die Geständnisse der Prominenten, weil sie den Voyeurismus der vielen Nicht-Prominenten so prächtig bedienen und natürlich, weil die Promis so gut erzählen können. Es lebe das Storytelling.

Benötigen die Opfer jetzt auch noch die Besinnungstexte etwa von Tilman Jens, wenn er – wie Dutzende vor ihm schon auch – „nachdenklich“ feststellt, ihm sei nichts aufgefallen, wenn er, nicht wirklich von sich sprechend, konstatiert: „Alle wussten, dass Gerold was mit Schülern hatte?“ Ein Satz, der seit Wochen durch die Medien geistert und – bei aller Wiederholung – nichts zur Aufklärung beiträgt. Will man wirklich wissen, wen Amelie Fried geküsst oder nicht geküsst hat, während ihre Freundin im Nachthemd ins Lehrerschlafzimmer schlich? Müssen die Opfer von Missbrauch und Gewalt durch alle Medien gezogen werden? Reicht es nicht, dass Ermittlungsbehörden oder andere aufklärende Organisationen die Arbeit aufnehmen, dass Tatsachen recherchiert werden und nicht vorrangig menschliches Futter für die Medienmaschine geliefert wird?

Hinter dem ganzen Medienauftrieb, dem Reigen der professionellen Exhibitionisten, droht die Geschichte der Missbrauchsopfer unterzugehen, mutiert das Thema „Missbrauch“ zu einer Art Wettbewerb. Es ist schon fast wie bei „Deutschland sucht den Superstar“: „Ich will auch noch ein Lied singen, ich will in die nächste Runde.“ Fehlt noch, dass demnächst, inmitten des neuen Geständnistheaters, ein Sternchen wie Miriam Meckel auftritt und bekennt: „Mein Burnout war das logische Resultat der Tatsache, dass mein Musiklehrer am Internat mir beim Geigestimmen unter den Pullover gegriffen hat.“ Alles muss raus – jetzt und sofort. Denn schon morgen könnte die nächste Sau durchs Mediendorf getrieben werden.

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