Kultur

Fußball | 09.04.2010 12:00 | Olaf Sundermeyer

Der wahre Meister

Im Ruhrgebiet ist Fußball nicht Unterhaltung, sondern Lebensinhalt. Die Treue zum Verein ist ein Wert als solcher – allen Leidensgeschichten zum Trotz

Liebe Schalker,

falls Ihr nach 52 Jahren ausgerechnet im Jahr der Kulturhauptstadt Ruhr.2010 Deutscher Meister werdet, wäre das ein Clou: Da strengen sich 5,3 Millionen Menschen seit Monaten vergeblich an, auch den deutschen Rest für ihre herbe Städtelandschaft ­zwischen Hamm und Duisburg zu ­begeistern, euch gelingt es spielend. Mit Fußball.

Solltet Ihr am Ende aber doch nicht Meister sein, werde ich es als gebürtiger Anhänger eures ärgsten Rivalen Borussia Dortmund gut verkraften. Bis dahin genieße ich das Drama, an dem Ihr mitwirkt, wie letzten Samstag, als Euer S04 die Bayern nicht bezwingen konnte, und schwelge im Heimweh. Denn hier in meinem Berliner Exil gibt es Fußballkultur nur in Spurenelementen. Da treffen sich zwar tausende Bundesligainteressierte Samstagsnachmittags in schicken Szenekneipen. Aber dann bleibt es doch nur beim Versuch: Auf den Bildschirmen läuft meistens die Konferenz-Schaltung! In Gelsenkirchen oder Dortmund guckt niemand die Konferenz, weil die Menschen dort einen Standpunkt haben, wenn auch einen gegensätzlichen. Für mich ist dieses stupide Hin- und Herschalten längst ein Indikator für den Verlust an lokaler Fußballkultur. Gefühle wie Freude, Wut und Hoffnung werden einfach weggezappt, missachtet, ausgetauscht gegen das krankhafte zeitgeistige Streben, nichts verpassen zu dürfen.

Das Spiel stiftet Identität

Für Hingabe braucht es hier oben schon eine Weltmeisterschaft, besondere dramatische Momente und Helden wie diesen wunderbar selbstverliebten Herrn Lehmann (dessen Karriere einst bei euch auf Schalke begann), der ein Elfmeterschießen gegen Argentinien entscheidet. Oder es reist eine Mannschaft aus dem Ruhrgebiet zum Bundesligagastspiel ins Berliner Olympiastadion an. Wie neulich, als hinter mir ein schwäbischer Fandarsteller saß, der ständig sein iPhone befingerte und damit seine eigene Konferenz abhielt. Nürnberg. Schnitt. Leverkusen. Schnitt. München. Und Berlin? Während sich Hertha auf dem Rasen unten in die Abwehrschlacht warf, erlag er seiner Nachrichtensucht. Beim kurzen Aufblicken schaute er auf eine gelbe Wand aus 15.000 Leibern (mehr als das gesamte Publikum beim letzten Europa-League-Spiel der Hertha) im Block der Gäste aus Dortmund. -– Reschbekt! Wie macht Ihr das bloß?, war sein Ausruf. – Die Antwort ist ganz einfach: Im Ruhrgebiet ist Fußball wichtig, weil er Identität stiftet. Er verstärkt das Heimatgefühl. Und Heimat birgt Gewissheit in Zeiten, in denen sich alles rasant wandelt. Schließlich hat der Wandel, der industrielle zumal, nirgendwo mehr Spuren hinterlassen als im Pott.

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So kommt es auch, dass an Rhein und Ruhr mehr Menschen in die Stadien strömen als in irgendeiner anderen Region der Welt. Nach den Spielen fahrt Ihr dann nach Hause, guckt euch die Sportschau an und seht, dass es in anderen Stadien wieder weniger Zuschauer waren. In zwei Wochen nun kommt Ihr, liebe Schalker, zum Gastspiel ins Berliner Olympiastadion.

Dabei würde es der normale Hertha-Fandarsteller gar nicht bemerken, wenn sich die mit den gelben Hemden plötzlich blaue Trikots überstreiften. Das kann mir zwar nicht passieren, aber ich fände es gut, wenn Ihr bis dahin die Chancen auf die Meisterschaft bewahren könntet: Um euch am Ende leiden zu sehen; denn das kann niemand schöner als Ihr, liebe Schalker. Vielleicht gelingt euch ja das emotionalste Drama im Kulturhauptstadtjahr.

 
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Artikelaktionen
Kommentare
weinsztein schrieb am 12.04.2010 um 01:43
Lieber Olaf Sundermeyer,

das ist mir zu leicht, zu weich und ranschmeißerisch. Irgendwie lese ich das wie Schalke (oder Hertha) von oben gesehen, der intellektuelle Olaf guckt aufs Ruhrgebiet, entdeckt da allerlei Drolliges und zu Berlins Hertha fallen ihm auch nur Klischees ein.

Der Pott und sein Witz, 60-er Jahre:
[Gelsenkirchen.
Putzfrau putzt ne Treppe, gebückt. Mann kommt Treppe hoch, sieht Putzfrau, die hat kein Hösken an unnerm Kleid. Er nimmze von hinten.
Putzfrau: "Wat soll dat?"
Mann: "Will na oben."
Sie: "Aber donnich mitten durche Loite!"]

Das blog von Michael Angele: "Die große Sehnsucht nach der Arbeiterklasse" gibt da mehr her - und dezenter - finde ich.

Herzliche Grüße
weinsztein


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