Für die „Gebildeten“ in Deutschland ist Abgrenzung traditionell elementar – nicht zuletzt durch Sprache. Das Wissenschaftsbürgertum hierzulande pflegt den elitären Dünkel, kultiviert eine Sprache, die wie ein Geheimcode nur den Eingeweihten verständlich ist, Außenstehende auf Abstand hält, den geringer Gebildeten demonstrativ das Gefühl von Nichtzugehörigkeit vermittelt. Dabei: Die akademische Sprache ist keineswegs jederzeit fachlich zwingend, sie ist vielmehr überwiegend ein kulturelles Instrument, um eine Aura des Besonderen und Erhabenen herzustellen, um Distanz nach unten durch die Pose auserwählter Exklusivität zu schaffen.
Deswegen liebten auch die durch und durch bildungsbürgerlich geprägten 68er die Schriften von Adorno bis Marcuse, wie ihre Väter dem eigenbrötlerischen Philosophen der „Holzwege“, Martin Heidegger, den Altar bereiteten. Die raunende, esoterische, labyrinthische Sprache der „Frankfurter“ und „Freiburger“ gab ihnen das erhabene Gefühl apostolischer Eingeweihtheit. Der Dutschke-Generation bot die Beherrschung des Vokabulars der „Kritischen Theorie“ die Legitimation für den Avantgardeanspruch gegenüber dem profanen Rest „eindimensionaler“ Menschen. Mit dergleichen „pseudomagischen Schlüsselwörtern“, lautete bereits vor Jahrzehnten die Kritik von Jean Améry, versah man sich selbst mit der Allüre vermeintlicher Tiefsinnigkeit.
In solchen geisteselitären-geheimbündlerischen Traditionen steht ein Großteil ausgerechnet der akademischen Sozialwissenschaft in Deutschland merkwürdigerweise noch heute, obwohl sie sich doch eigentlich auf die Gesellschaft beziehen sollte. In Frankreich hingegen war jemand wie Raymond Aron immer auch Zeitungskolumnist, ebenso wie in Italien der Turiner Universitätsphilosoph Norberto Bobbio. Die britischen Historiker Timothy Garton Ash und Tony Judt sind seit Jahren ganz selbstverständlich gefragte Kommentatoren in den Medien dieser Welt. Und der große englische Historiker Eric Hobsbawm hat stets darauf gepocht, dass man als Sozialwissenschaftler und Historiker nicht nur für Fachkollegen schreiben dürfe. Der französische Philosoph und Nobelpreisträger Henri-Louis Bergson hat sehr eindringlich darauf bestanden, dass es keine noch so subtile philosophische Idee gebe, „die man nicht in einer jedermann verständlichen Sprache ausdrücken“ könne – und müsse.
Lediglich in Deutschland haben sich der Inzest und die hermetische Abschottung des sozialwissenschaftlichen Juste Milieus weitgehend gehalten. Kaum jemand macht sich hierzulande Gedanken darüber, wie man die Ergebnisse sozialwissenschaftlicher Projekte in gewiss anspruchsvolle Alltagskommunikation übersetzen kann. Didaktik hat an deutschen Universitäten keinen hohen Stellenwert. Nur wenige halten es für nötig und zweckmäßig, sich in die Lage, Mentalitäten, Erwartungen von möglichen Adressaten jenseits des Fachs hineinzufühlen, um so die eigenen Überlegungen zu verbreitern, früher hätte man gesagt: zu demokratisieren. Dergleichen gilt nachgerade als wissenschaftlich unwürdig.
Nichts illustriert diese Gleichgültigkeit in Fragen der Didaktik und Vermittlung deprimierender als die sogenannten Veröffentlichungen deutscher Professoren in wissenschaftlichen Fachverlagen: Man hält viel billiges, eng beschriebenes Papier zwischen zwei unendlich tristen Buchdeckeln in den Händen. Gestaltung, Ästhetik, Anschaulichkeit – kaum etwas davon interessiert. Und niemand stört sich daran, dass die verkaufte Auflage oft genug irgendwo zwischen 100 und 200 Exemplaren liegt, die dann ganz überwiegend unnachgefragt in Universitätsbibliotheken vor sich hin stauben. In den Sozialwissenschaften bedeutet „Veröffentlichung“ eine Art Versteck oder Entzug vor der wirklichen Öffentlichkeit. Gerade auch die Beiträge in den nahezu kanonisierten referierten „Journals“ finden in der Regel nicht mehr als allein drei oder vier Leser: den Verfasser und die Gutachter des oft Monate, wenn nicht gar Jahre zuvor eingereichten Stücks.
Dabei verstecken sich alle hinter den vermeintlichen Sachzwängen einer vermeintlichen Fachlogik und der analytischen Schärfe ihrer vermeintlichen Fachsprache. Dabei ist gerade der Jargon des sozialwissenschaftlichen Fachsuahelis unendlich karg und anschauungsarm. Überhaupt kommt gegenwärtig gerade der ebenso dröhnende wie aufgeplusterte Exzellenzdiskurs an den Universitäten mit sechs oder sieben denkbar anämischen „Müllschluckerwörtern“ (Botho Strauß) aus. „Innovation“ gehört immer noch dazu, „Optimierung“, „Ressource“, „Komparatistik“, „Entwicklungsdynamik“, „Profilbildung“, „strukturbedingte Determiniertheit“. Wer mit diesen sprachbarbarischen Retortenbegriffen schwungvoll zu jonglieren vermag, kann in kürzester Zeit alle möglichen, als wissenschaftlich drapierten Projekte schmieden und hinreichend inspirationslose, daher höchst erfolgsversprechende Drittmittelprojekte kompilieren. Kaum jemand an der Universität hat dann den geringsten Zweifel, dass es sich bei diesen verlässlich gleichklingenden Elaboraten ganz fraglos um internationale Spitzenforschung handeln muss.
Und so verharrt die akademische Sozialwissenschaft in Deutschland zu großen Teilen in Bedeutungslosigkeit. Die gesellschaftlichen Kontroversen der Republik finden ohne die gerankten „Exzellenzen“ der Sozialwissenschaft statt. Das immergleiche Argument für die passive Beobachterrolle oben auf dem Mont Ventoux weltabgewandter Esoterik: Man sei doch kein Politikberater oder gar ein Volksaufklärer.
Indes: Warum eigentlich nicht?
Schließlich spricht einiges für mehr Courage zur öffentlichen Intervention: Das Zusammenspiel mit der Öffentlichkeit wirkt als Motor auf die Reflexionen in der Sozialwissenschaft zurück. Wer sich als Wissenschaftler auf das Tempo und den Bedarf der nun einmal weithin medial vermittelten Öffentlichkeit einlässt, muss ziemlich rasch neue Fragen und Themen aufnehmen und in den wissenschaftlichen Diskurs rückführen, wird dabei oft genug und bedauerlicherweise die Grenzen sozialwissenschaftlicher Interpretationsfähigkeit erleben, muss infolgedessen unverzüglicher Positionen und Zugriffe korrigieren oder erweitern. Die Beziehung zwischen Wissenschaft, Medien und Politik könnte in diesem Prozess enger, die Praxissensibilität auch der akademischen Wissenschaft größer, der intellektuelle Hintergrund des Feuilletons anspruchsvoller, die wissenschaftlich fundierte Politikberatung in den Parteien intensiver werden.
Franz Walter ist Leiter des Göttinger Instituts für Demokratieforschung, in dessen Blog der Text zuerst veröffentlich wurde. Zuletzt erschien von Walter Gelb oder Grün? Kleine Parteiengeschichte der besserverdienenden Mitte in Deutschland im Bielefelder transcript Verlag.
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Sehr geehrter Franz Walter,
was für ein wunderbares kleines Stück. Und es scheint keineswegs ein deutsches Phänomen zu sein, sich über diese Schwierigkeit des Gebildeten Gedanken zu machen. Umberto Eco hat unter dem Titel „Zwischen Dogma und Fehlbarkeit“ Anfang des Monats eines seiner Streichholzbriefchen gezündet und dabei festgestellt, dass es –glücklicherweise- eine wissenschaftliche Gemeinde gebe, die über die freie Zirkulation einer gemeinsamen Sprache (im Sinne von Begriffen) derart wacht, dass die Paradigmen erkennbar bleiben, die es letztlich immer wieder umzustürzen gilt. Wörtlich: „Paradigmen zu verteidigen birgt sicher das Risiko des Dogmatismus, aber auf diesem Widerspruch gründet sich die Entwicklung des Wissens.“ Andererseits sei Kultur auch die Fähigkeit, das weg zu werfen, dass nicht nützlich oder notwendig ist. Wer wie „Funes el memorioso“ von Borges nicht in der Lage sei, auszuscheiden und zu vergessen, sei eigentlich seelenlos. Der Spannungsbogen veranlasste mich ein paar Tage später zu überlegen, dass diese „spezifische Sprache, auf die sich Eco bezieht, ein Jargon ist, den zu übersetzen sich die jeweiligen Spezialisten fast nie die Zeit nehmen. Auch insoweit haben wir es, meiner Wahrnehmung nach, mit einer Kaste zu tun, die letztlich nicht weniger machtvoll agiert als der fahnen- und programmschwenkende Leader politico oder der Manager, es aber nie zugeben wird, weil es so schlecht zum Selbstbildnis des „objektiven Wissenschaftlers“ und dem blütenreinen Elfenbeinturm passt.“ Nur: Wie bekommen Sie, Franz Walter, Ihren Beritt bereinigt, während ich mich mühe, gelegentlich Juristensprech einzudeutschen? Freundlich, e2m |
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Dieser Beitrag ist von so hoher Evidenz, dass es schwer fällt, überhaupt etwas dagegen zu sagen. Aber wenn einer meiner Säulenheiligen attakiert wird, wäre Schweigen ein Verrat :)
Also, man kann doch das eine tun und das andere nicht lassen. Theodor W. Adorno, den Sie, Herr Walter, hier unter anderem schelten, hat in seinen Büchern bekanntlich eine Sprache hart am Rand des Verstehbaren und Vermittelbaren gepflegt. Er hat allerdings mit großem Bedacht so geschrieben wie er nun mal geschrieben hat, denn er war der Meinung, dass die Schriftlichkeit eigenen Gesetzen folgt. Namentlich war er davon überzeugt, dass das Verstehen eines, sagen wir, sozialphilosophischen Textes wie der "Dialektik der Aufklärung" Arbeit, produktive Arbeit, bedeutet. Die "Anstrengung des Begriffs" war sein pädagogisches Ethos. Ganz anders sieht das Ethos seiner Vorträge und der Diskusionen, die er leidenschaftlich führte, aus. Hier sprach er so klar und deutlich, wie man sich das nur wünschen kann. "Volksaufklärung" im besten Sinn. Bestimmt kann diese 'Strategie' hinterfragen und kritisieren, man sollte es aber niemals so tun, das auch nur der geringste Verdacht des Populismus auf einem fällt - denn der bringt seinen eigenen Jargon hervor. Es soll nämlich sogar Drittmittelanträge geben, die in einer inspirierenden Sprache geschrieben sind :) |
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Ich finde auch, dass Herr Walter in das Richtige einiges Falsche mischt - wahrscheinlich geht es nicht anders. Falsch ist es zum Beispiel, Adorno eine "raunende, esoterische, labyrinthische Sprache" zu attestieren. Adornos Sprache entspricht der Sache:
"Fremd mochten eher die Sätze klingen als das Vokabular. Versuche der Formulierung, die um die gemeinte Sache genau zu treffen, gegen das übliche Sprachgeplätscher schwimmen und gar sich bemühen, verzweigtere gedankliche Zusammenhänge getreu im Gefüge der Syntax aufzufangen, erregen durch die Anstgrengung, die sie zumuten, Wut." Und - wie auf einige Aussagen Walters bezogen: "Das Recht der Fremdwörter gegend den Positivismus einer allgemein verständlichen und eben damit ihrem eigenen Gehalt entfremdeten Umgangssprache, der sie geschichtlich heute unterliegen, weist einzig dort sich aus, wo sie dem sprachlichen Positivismus nach dessen eigener Spielregel überlegen sind, die der Genauigkeit." (Wörter aus der Fremde, 1959) Was ist daran esoterisch, labyrinthisch oder gar raunend? |
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Es hilft manchmal, den Kontext zu beachten:
"Deswegen liebten auch die durch und durch bildungsbürgerlich geprägten 68er die Schriften von Adorno bis Marcuse, wie ihre Väter dem eigenbrötlerischen Philosophen der „Holzwege“, Martin Heidegger, den Altar bereiteten. Die raunende, esoterische, labyrinthische Sprache der „Frankfurter“ und „Freiburger“ gab ihnen das erhabene Gefühl apostolischer Eingeweihtheit..." D.h. die drei Adjektive "raunend, esoterisch, labyrinthisch" bezogen sich auf Adorno/Marcuse (= "Frankfurter") und (!) Heidegger (="Freiburger"). Ich glaube allerdings, dass Walter die drei Adjektive bestimmt verteilt/aufgeteilt hätte: Heidegger, der "raunende" und "esoterische" und Adorno als "labyrinthisch". Ich persönlich empfand Heidegger schon immer "raunend" und durchaus "esoterisch" und Adornon eben (ob seines Satzbaues) als "labyrinthisch". D.h., was ich sagen will, ist: nicht alle drei Adjektive beziehen sich auf Adorno. Aber jenes, welches auf ihn bezogen werden kann, kann zu Recht auf ihn bezogen werden. Finde ich. |
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schrieb am
22.06.2010 um 21:13
- die Beherrschung des Vokabulars der „Kritischen Theorie“
- In solchen geisteselitären-geheimbündlerischen Traditionen - dass man als Sozialwissenschaftler und Historiker nicht nur für Fachkollegen schreiben dürfe (Hobsbawm) - Lediglich in Deutschland haben sich der Inzest und die hermetische Abschottung des sozialwissenschaftlichen Juste Milieus weitgehend gehalten >> Didaktik - verkaufte Auflage oft genug irgendwo zwischen 100 und 200 Exemplaren - Die Beziehung zwischen Wissenschaft, Medien und Politik Die ersten beiden Zitate scheinen mir als Polemik gegen den früheren Geistesbetrieb noch durchzugehen, sind aber in ihrer Abwertung gerade der Kritischen Theorie schlicht falsch in ihrer Wertungstendenz. Gerade Adorno ging als akademischer Lehrer in die Öffentlichkeit, in die Medien und suchte das Akademische zu überwinden, während ein Heideggergeschwurbel nicht einmal mehr 'didaktisiert' werden konnte. Und Didaktik selber wäre ja nur die Verdünnung von Wissenschaft fürs Volk. Wenn das ginge und genau dann nicht mehr notwendig wäre, wäre alles ja gut eingerichtet. Dann gäbe es zwischen Wissenschaft, Forschung, ihrer Vermittlung, Schule und dem Wissen einer ganzen Gesellschaft gar keine unüberwindbaren Gräben mehr. Wie jetzt. - Auch brauchen Wissenschaftsauflagen keine Masse, solche Bücher haben einfach eine andere Funktion und Finanzierung. Ich denke auch, Wissenschaft selbst ist nicht demokratisch, aber es sollte Ziel sein, daß Wissenschaft in Demokratie stattfinden kann für humane Zwecke. Und: Nicht alles in der Welt ist portionierbar für eine Alltagssprache oder Nichtfachsprache. Und das wiederum hat ja eine lange Geschichte, warum das so ist. |
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"Was ist daran esoterisch, labyrinthisch oder gar raunend?"
Es ist schlichtweg umständlich und verkomplizierend, es möchte exklusiv sein, also was anderes als das Übliche, damit ist es aber auch, ich nehme den Begriff beim Wort, ausschließend. Herrschaftssprache eben. |
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Herrschaftssprache? Oh no!
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@Michael Angele
Er hat allerdings mit großem Bedacht so geschrieben wie er nun mal geschrieben hat, denn er war der Meinung, dass die Schriftlichkeit eigenen Gesetzen folgt. Namentlich war er davon überzeugt, dass das Verstehen eines, sagen wir, sozialphilosophischen Textes wie der "Dialektik der Aufklärung" Arbeit, produktive Arbeit, bedeutet. Die "Anstrengung des Begriffs" war sein pädagogisches Ethos. Ganz anders sieht das Ethos seiner Vorträge und der Diskusionen, die er leidenschaftlich führte, aus. Hier sprach er so klar und deutlich, wie man sich das nur wünschen kann. "Volksaufklärung" im besten Sinn. Dagegen, daß das Nachvollziehen komplizierter Gedankengänge Anstrengung erfordert, ist nichts zu sagen. Nur - gerade wenn die Gedankengänge kompliziert sind, sollte die Sprache, in der sie mitgeteilt werden, so einfach wie nur irgend möglich sein. Kompliziert ist ja bereits der Gedanke, das reicht vollauf. Ich gebe zu, daß es für einen Autor mühsam ist, komplizierte Gedanken einfach darzustellen, wesentlich mühsamer als die komplizierte Formulierung. Aber zum einen ist ein Autor, auch ein wissenschaftlicher Autor, in der Dienstleistungsbranche tätig und von einem Dienstleister erwarte ich, daß er kundenorientiert arbeitet. Zum anderen ist das "Herunterschreiben" eines Gedankens auf das niedrigstmögliche Niveau (das mag dann immer noch nicht so furchtbar niedrig sein) eine sehr probate Methode, den Gedanken auf Unfug abzuklopfen. Was möglich ist, wenn man nur will, das zeigt auf frappierende Weise die Originalarbeit von Einstein zur Speziellen Relativitätstheorie: "Über die Elektrodynamik bewegter Körper". Die wenigsten haben das mathematische Rüstzeug, dem Artikel ganz zu folgen, aber die Gedanken, die nicht Mathematik sind, sind sehr verständlich und - ja - einfach ausgedrückt. Ciao Wolfram |
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Nachtrag: Wer das mit Einstein nicht glaubt, der kann es hier nachlesen.
www.pro-physik.de/Phy/pdfs/ger_890_921.pdf Ciao Wolfram |
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Auch von mir ein herzliches Danke schön.
Die Problematik gilt nicht nur für die Sozialwissenschaften, sondern vermutlich für die gesamte deutsche Wissenschaft. Während mit Anglizismen versetzte betriebswirtschaftliche Binsenweisheiten immerhin noch den einen oder anderen Lacher provozieren (wenn man sich das denn überhaupt, z.B. aus beruflichen Gründen mal antun muss…), so bleibt einem bei vielen Fachpublikationen doch das Lachen im Halse stecken. Es ist leider eine (nicht nur, aber auch) urdeutsche Intellektuellen-Ansicht, dass (Fach-)Literatur anstrengend sein, ja gar weh tun muss und so bemüht man sich mit allen Mitteln der Langeweile und des unstringenten Aufbaus ja nicht den Eindruck zu erwecken, dass das, was da kommuniziert werden soll, spannend sein könnte. Ist ja schließlich kein Krimi sondern Erkenntnis von Bedeutung. Leider. Dass sich deutsche Wissenschaftler, vor allem Geisteswissenschaftler so stark aus der Öffentlichkeit fernhalten, ist überaus traurig und sicher nicht unschuldig am konsequenten Abbau angeblich lebensferner Elfenbeinturm-Fächer. In England oder Frankreich wird Wissenschaft sehr viel spannender, humorvoller und ideenreicher präsentiert. Sie sind mehr in die Alltagskultur eingebunden. Auch journalistisch. Und wie bedauerlich es ist, dass sich Sozialwissenschaftler überall in den Dienst eines durch und durch einfältigen Elite-Excellenz-Evaluierungsstusses stellen, kann gar nicht oft genug betont werden. Liest man ja leider immer noch viel zu selten… |
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@ unglaubliche Hummel. Richtig: Hierzulande halten sich viel zu viele Wissenschaftler von der Öffentlichkeit fern (wobei sich ja auch nicht jeder dazu berufen fühlt oder fühlen kann...) Umgekehrt gibt es vermutlich nur in die Deutschland ein so starkes Ressentiment gegen den "Medienphilosophen" respektive den "Fernsehphilosophen".
Mal abgesehen von seiner verunglückten Intervention in Sachen Steuern, macht Sloterdijk doch eine sehr anregende, im besten Sinne unterhaltende Sendung im ZDF, wie ich finde. Aber das "philosophische Quartett" muss sich regelmässig übellaunige Kommentare anhören. Auch auf diesen Seiten. Ähnliches gilt für die Sendung "nachtstudio", die im besten Fall ignoriert wird. Last but not least gehört zur Öffentlichkeit das öffentlich-rechtliche Radio und dort können Sie kluge, anregende, verständliche Beiträge zum Beispiel aus der Sozialwissenschaft in Hülle und Fülle hören. Man muss nur hören wollen. |
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B.R.A.V.O. !
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Das Grundsatzproblem der Verständlichkeit darf man nicht ausschließlich auf die Sozialwissenschaften beziehen. Es ist vielmehr so, dass ein beliebiges angelsächsisches Buch aus den Naturwissenschaften selbst dann und immer noch besser und verständlicher ist als ein von einem Deutschen verfasstes, wenn es ins Deutsche übersetzt wurde. Es geht also nicht nur um den Jargon und die Begrifflichkeit, sondern auch um Satzbau und den Willen, anschaulich zu schreiben - oder eben auch nicht.
Der Unwille, verständlich, bildlich und anschaulich zu schreiben, ist wohl ein Erbe des 19. Jahrhunderts, das es geschafft hat, ins 21. tradiert zu werden. Nur seine andauernde, wiederholte Kritik vermag es (am besten zusammen mit konstruktiver Anleitung zum Bessermachen), dieses Erbe auszurotten. |
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Frankreich erwähnt, den im Kontext naheliegenden Pierre Bourdieu jedoch nicht. Oder wandelt Franz Walter gar auf dessen Spuren? Das kleine Büchlein:
"Die verborgenen Mechanismen der Macht" hat sogar meine Wenigkeit verstanden, finden sich (eher einführend) dort entsprechende Parallelen zu diesem Text hier. Und gerade Bourdieu ging seine "elitären Kollegen" bis hin zu Sartre oft und sehr direkt an; mehr als dies hier von Franz Walter erkennbar wird. Jahrzehnte nach dem Göttinger Mescalero nun ein weiterer Grenzgänger aus dieser Denkfabrik dort. Unpassende Assoziation; ja, akzeptiert! |
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Vielleicht auch. In erster Linie ist Fritz Walter aber ein berühmter Fußballer.
de.wikipedia.org/wiki/Fritz_Walter Das sage ich, obwohl ich Bauch habe! |
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@titta
Da haste nu auch wiedermal recht! |
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Und ich hab Knie.
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geçmiş olsun!
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"Wer sich als Wissenschaftler auf das Tempo und den Bedarf der nun einmal weithin medial vermittelten Öffentlichkeit einlässt, muss ziemlich rasch neue Fragen und Themen aufnehmen und in den wissenschaftlichen Diskurs rückführen, wird dabei oft genug und bedauerlicherweise die Grenzen sozialwissenschaftlicher Interpretationsfähigkeit erleben, muss infolgedessen unverzüglicher Positionen und Zugriffe korrigieren oder erweitern."
Ich lach mich tot. Als wenn das ein spezifisches Problem nur der Sozialwissenschaften wäre. Die ganze flüchtige Moderne mit ihrem Credo: "Lernen-vergessen-lernen" paßt nicht zur Vorstellung von Wissenschaftlichkeit und nachhaltigem, essentiell wie existentiell wirksamen Wissen. Diese verlangen nämlich Nachhaltigkeit. Genau die ist aber nicht mehr gefragt, wenn Wandel das verlangte Paradigma ist ebenso wie Praxistauglichkeit. Um es deutlich zu sagen: die Praxis ist derzeit absurd, nicht die Wissenschaftlichkeit. Entschleunigung statt dauernde Verwertbarkeit wäre die daraus resultierende Forderung. Die Grenzen der sozialwissenschaftlichen Interpretationsfähigkeit entspricht einfach der Grenze menschlicher Flexibilität, die übrigens in ihrer ursprünglichen Wortbedeutung Beugsamkeit/Biegsamkeit bedeutet. Als wenn Tempo in der Entwicklung an sich ein Wert wäre. Wird hier nicht nur Anpassung an die herrschenden Verhältnisse von den Sozialwissenschaften verlangt? Langsamer machen, dann kommt auch der Mensch als soziales Wesen mit selbiger Wissenschaft wieder hinterher. Einfach ausgedrückt: der Mensch lebt derzeit so schnell, daß er sich selbst nicht mehr versteht. Wundert das jemanden? |
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"Die ganze flüchtige Moderne mit ihrem Credo: "Lernen-vergessen-lernen"
"Als wenn Tempo in der Entwicklung an sich ein Wert wäre." "der Mensch lebt derzeit so schnell, daß er sich selbst nicht mehr versteht." Ich würde diese Filetstücke dann wiederverwerten, liebe Titta ;-) Entschleunigung? Kein neuer Gedanke, wurde er doch schon vor mehr als einem halben Jahrhundert auch schon gefordert- und zwar kurz nach der Moderne in ihrer ursprünglichen Form, nämlich 1944 vom ungarischen Ökonomen Karl Polanyi in seinem grossartigen Werk "The Great Transformation". Die Moderne, die Postmoderne und immer wieder einfach die Moderne- auch so ein Begriff aus dem Bereich des im Artikel erwähnten Geheimcodes, oder nicht? |
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"Die Moderne, die Postmoderne und immer wieder einfach die Moderne- auch so ein Begriff aus dem Bereich des im Artikel erwähnten Geheimcodes, oder nicht?"
Den man sich auch nicht weiter merken muß, da insbesondere ja die flüchtige Moderne eben eines ist, nämlich flüchtig. ;-) |
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@THX1138 "Die Moderne, die Postmoderne und immer wieder einfach die Moderne- auch so ein Begriff aus dem Bereich des im Artikel erwähnten Geheimcodes, oder nicht?"
Aber hallo! Hinzufügen möchte ich folgende Begriffe aus dem Artikel von Franz Walter: - Juste Milieu - das erhabene Gefühl apostolischer Eingeweihtheit - Wissenschaftsbürgertum - kompilieren - Geheimcodes |
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Richtig, Herr Angele: Ganz ohne Geheimcode geht's eben doch nicht! Derselben Auffassung bin ich übrigens tatsächlich: Der Geheimcode dient nämlich mitunter dazu, Aussagen im Bezug auf ihre sprachliche Länge zu verkürzen. Wenn wer damit rumblöffen will, so sei's drum: Irgendwann einmal wird er / sie nämlich enttarnt, wetten?
Ach Titta: Selten so herzlich gelacht! Ja natürlich ist die flüchtige Moderne vor allem eines, nämlich flüchtig. Wär' nicht gut, wenn's anders wäre ;-) |
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Herr Angele,
früher hieß es auch nicht Geheimcode, sondern Fachvokabular. Und das war allgemein anerkannt. Aber ist ja auch so ein verstaubter, deutscher Begriff, nicht wahr, und so völlig uncool. |
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ich verlinke mal auf 'den klassiker - neu aufgelegt':
www.studis-online.de/Studieren/art-669-uni_angst_heute.php hieß früher, was 1977 war, uni-angst und uni-bluff. |
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@Rahab
ich verlinke mal auf 'den klassiker - neu aufgelegt': www.studis-online.de/Studieren/art-669-uni_angst_heute.php Ein verdienstvolles Buch. Ich verweise auf den Auszug aus meinem noch zu schreibenden "Handbuch für intellektuelle Angeber": www.freitag.de/community/blogs/wolfram-heinrich/aus-dem-handbuch-fuer-intellektuelle-angeber Ciao Wolfram |
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na dann, Wolfram Heinrich, frohes schaffen!
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@Rahab
na dann, Wolfram Heinrich, frohes schaffen! Ich glaube, ich werde es mit dem Kollegen Jonathan Swift halten. Der hatte sich, statt ein zweibändiges "Handbuch der politischen Lügenkunst" zu schreiben, darauf beschränkt, eine Anpreisung für die Subskription des Werkes zu verfassen, in welcher er die Grundzüge des Handbuchs darlegte. Ciao Wolfram |
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Der Blogautor schrieb nicht unzutreffend:
Wer mit diesen sprachbarbarischen Retortenbegriffen schwungvoll zu jonglieren vermag, kann in kürzester Zeit alle möglichen, als wissenschaftlich drapierten Projekte schmieden und hinreichend inspirationslose, daher höchst erfolgsversprechende Drittmittelprojekte kompilieren. Kaum jemand an der Universität hat dann den geringsten Zweifel, dass es sich bei diesen verlässlich gleichklingenden Elaboraten ganz fraglos um internationale Spitzenforschung handeln muss. Und so verharrt die akademische Sozialwissenschaft in Deutschland zu großen Teilen in Bedeutungslosigkeit. Die sich daran spinnende Diskussion im Blog erweckt den Eindruck, als würden deutsche Wissenschaftler, da Sie einem veralteten Sprachideal anhingen, gute Wissenschaft, die sie eigentlich produzierten nicht angemessen formulieren und sich damit ins Aus der internationalen Drittklassigkeit im Ergebnis wissenschaftlichen Arbeitens manövrieren. Ich nehme die deutsche Sprache hier in Schutz. Sie wird von Wissenschaftlern, die gute Ergebnisse erzielen in der Regel so gut angewendet und ist so gut zur Darstellung der in Rede stehenden Inhalte geignet, wie jede Sprache. Wenn aber nicht gute Wissenschaft, sondern blanke Ideologie, könnte auch schlicht sagen, Unsinn im Namen einer behaupeteten Wissenschaftlichkeit verbreitet wird, werden soll, so wird die Sprache, die dabei entsteht, so schlecht sein, wie der durch sie transportierte (Pseudo)Inhalt und diesen als solchen verraten. |
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Auch von mir Dank für diesen Artikel. Die Hummel schreibt: "Die Problematik gilt nicht nur für die Sozialwissenschaften, sondern vermutlich für die gesamte deutsche Wissenschaft."
Und man könnte sogar sagen: es gilt auch für die Kommentare der hiesigen Community, insbesondere für manche ihrer Koryphaeinnen. Andererseits: wer versteht heutzutage überhaupt wen andern? Und lese ich überhaupt noch was, was laenger als drei Zeilen ist, Schachtelsatz hin oder her? Sorry, bin zu lang |
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schrieb am
24.06.2010 um 22:00
Genau: Es gibt einfach, und es gibt kompliziert. Kompliziert ist, wenn einfache Menschen sagen: Man, ist das aber kompliziert!
(Wobei kompliziert das komplizierte Wort ist, nicht der Mensch dieses als Tatsache.) |
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@ Theel
"Ich nehme die deutsche Sprache hier in Schutz. Sie wird von Wissenschaftlern, die gute Ergebnisse erzielen in der Regel so gut angewendet und ist so gut zur Darstellung der in Rede stehenden Inhalte geignet, wie jede Sprache." Es lohnte sich mal, in der Tat, darüber nachzusinnieren, welchen (Stellen-)Wert das Deutsche als Wissenschaftssprache in der Welt noch hat. Meines Erachtens: außerhalb der Philosophie gar keinen. Naturwissenschaften, Sozialwissenschaften, Geisteswissenschaften: sie allesamt müssen Englisch publizieren, um überhaupt die Chance (oder gar: den Hauch einer Chance) zu haben, rezipiert zu werden. Nur wer Kant oder Hegel im Original lesen will, lernt, als Engländer oder Südkoreaner, das Deutsche. Das ist nun mal so. Ist Fakt. |
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Zachor! am 23.06.2010 um 08:18
Lieber zachor, sie werden mich hoffentlich verstehen, dass ich Ihrem Argument nicht nachgeben kann? Die Tatsache, dass ein "Markt" verlangt, in der lingua franca zu publizieren, kann mir nicht gerantieren, dass das was ein Muttersprachler des Deutschen, Französischen, Korenanischen, Japanischen, ... gedacht, gesprochen hat in der "Übersetzung" ins Englische noch das Identische ist. Auf die Differenz aber kann es ankommen. Wenn der durchschnittliche Jemand und damit meine ich auch einen Akademiker glaubt, er könne sich in der im Zweitspracherwerb gewonnenen Sprache genauso ausdrücken, wie in der Muttersprache, dann überhebt er sich an der Fremdprache, bzw. mit dem, was er da für "Ergebnis" hält. Jeder Schrifsteller, jeder der Sprachgefühl hat, das auch dazugehört, wird Ihnen das bestätigen. Schließlich: Mathematik und Logik mögen mit einigem Recht als "Sprache" begriffen werden, als Sprache zum Ausdruck von logischen Verhältnissen. Unsere Sprache allerdings, nicht umsonst als "natürliche" bezeichnet, kann dieses und den Rest ausdrücken und manchmal ist das auch unübersetzbar, dann hilft nur, die andere zu lernen. ut |
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Der französische Philosoph und Nobelpreisträger Henri-Louis Bergson hat sehr eindringlich darauf bestanden, dass es keine noch so subtile philosophische Idee gebe, „die man nicht in einer jedermann verständlichen Sprache ausdrücken“ könne – und müsse.
Eine gute wissenschaftliche Theorie sollte einer Bardame erklärbar sein. ERNEST RUTHERFORD Ciao Wolfram |
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Eine Bardame versteht einen immer! Selbst wenn man sich selbst nicht mehr versteht.
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@wwalkie
Eine Bardame versteht einen immer! Selbst wenn man sich selbst nicht mehr versteht. Schaschili, das mit die Relatätstherie is so: Wennst du ein Schnapsglas gans schnell werfen tust, dann bist du plötzlich jünger als der Schnapsbrenner. Hassu das vastandn, Schaschili? Ciao Wolfram P. S.: Bardamen sind eh die besseren Psychotherapeuten. Nicht ganz billig, aber immer noch viel billiger als ein richtiger Shrink. |
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Generell einige Anmerkungen zur sprachlichen Gestaltung von wissenschaftlichen und - ja, auch, natürlich und vor allem - literarischen Texten.
Ich persönlich bemühe mich bei Texten, die ich freiwillig schreibe, darum, die Texte so zu gestalten, daß ich diese Texte selber gerne lesen würde. Was Adorno betrifft, so hat er entweder Schachtelsätze (1) geliebt oder er es war ihm einfach scheißegal, was er zu Papier brachte. Aus persönlicher Schreiberfahrung weiß ich: Wenn ich einen nicht ganz platten Gedanken niederschreibe, dann besteht die erste Fassung meines Textes in aller Regel aus langen, in viele Nebensätze verschachtelten Sätzen, die viele komplizierte Begriffe enthalten. Diese Fassung, die niederzuschreiben für mich relativ einfach ist, ist für andere nur schwer und mit großer Konzentration zu verstehen, manchmal gar nicht. Im Zuge der Überarbeitung werden die Sätze dann kürzer, die Nebensätze werden zu eigenen Sätzen, die komplizierten Begriffe werden durch einfachere ersetzt. Diese Überarbeitung kostet mich Mühe, manchmal große Mühe, das Ergebnis aber ist nun leicht zu lesen und leicht zu verstehen. Vorher war ich zu dieser einfachen Formulierung nicht imstande, denn am Anfang meines Denkprozesses hatte ich das, was ich mitteilen wollte, selber noch nicht richtig verstanden. Je besser ich eine Sache verstehe, desto einfacher, sprich: verständlicher, kann ich sie darstellen. Wie wenn dies auch auf Heidegger zuträfe? Bei der Darstellung der Philosophie anderer Philosophen soll er ja recht verständlich und gar nicht heideggerisch geschrieben haben. Müßten wir dann annehmen, er schreibe bei der Darstellung fremder Philosophie so glasklar, weil er diese Philosophie verstanden hat, während er die eigene Philosophie... Genau. Nun wird man einwenden, daß Heidegger allgemein als großer und wichtiger und zukunftsweisender Philosoph gilt und viele sachkundige Philosophen sich in dieser Einschätzung einig sind. So gesehen kann es nicht angehen, ihm das Verständnis der eigenen Gedanken abzusprechen. Möglicherweise wird Heidegger aber genau deswegen als großer Philosoph eingeschätzt - weil er also so unverständlich ist. Entgegen anderslautenden Gerüchten nämlich besteht Philosophie nur zum allergeringsten Teil aus dem Nachdenken über das Leben, das Universum und den ganzen Rest. Dieses Nachdenken besorgen einige wenige, während der übergroße Rest der Philosophen seine Zeit damit verbringt, die Einlassungen der schöpferischen Philosophen zu interpretieren, zu kommentieren und in den Zusammenhang mit anderen Philosophen zu bringen. Philosophen, akademische Philosophen, interpretieren andere Philosophen. Der Raum zum Interpretieren eines Textes wird aber umso größer, je dunkler (sprich: undurchdachter) der zu interpretierende Text ist. Ein Text, der aus sich selbst heraus eindeutig zu verstehen ist, läßt für kluge Ausdeutungen kaum noch Platz übrig. Er gefährdet Arbeitsplätze, die Arbeitsplätze von Philosophieprofessoren. Philosophieprofessoren lieben also naturgemäß dunkle Philosophen, denn diese dunklen Philosophen sichern die Existenz der Exegeten. Klare Philosophen gelten als flach, feuilletonistisch etc. Akademische Bedeutung läßt sich ganz objektiv dadurch messen, daß ich zähle, wie oft ein Denker von anderen Denkern zitiert und erwähnt wird. Klare Philosophen werden aus den genannten Gründen nicht so häufig in der akademischen Diskussion erwähnt, dunkle Philosophen kommen dagegen mühelos zu Spitzenplätzen im citation index." Kurz: Ein Text, der nicht gerne gelesen wird, ist kein Text sondern ein Furz mitten ins Gesicht des Lesers. Als anständiger, kleinbürgerlich sozialisierter Mensch bemühe ich mich, dergleichen literarische Winde bei mir in der Schreibstube zu belassen. Ciao Wolfram (1) Es gibt auch elegante und sehr gut verständliche Schachtelsätze, ich empfehle die Novellen von Heinrich von Kleist. |
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Wolfram,
dir sei gedankt für diese klaren Ausführungen. Was du verfolgst beim Schreiben/Denken, ist ja im Grunde nichts anderes als das, was Sokrates bzw. Platon zum Prinzip erhoben hat. Die Marktfrau muß seinen philosophischen Gedankengängen folgen können, kann sie das nicht, taugen die entsprechenden Ausführungen nichts. Die Erfahrung, daß gerade die sprachliche Vereinfachung das ist, was die eigentliche Arbeit ausmacht, teile ich mit dir. Verständlichkeit macht Mühe, klingt aber im Ergebnis eben nicht so schön abgehoben, wirkt also wenig exklusiv. Über Heidegger, Adorno etc. und deren Bedeutung sollen die kommenden Generationen entscheiden, da Zeitgeschichte eh nur mit dem Bleistift geschrieben wird. Interessant, daß du Kleist in dem Zusammenhang erwähnst, der mir von Oranier genau in der Hinsicht bereits ans Herz gelegt worden ist. Liebe Grüße und ein ganz dickes Bussi, weil du mir so schön aus dem Herzen gesprochen hast, Titta |
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@Titta
dir sei gedankt für diese klaren Ausführungen. Was du verfolgst beim Schreiben/Denken, ist ja im Grunde nichts anderes als das, was Sokrates bzw. Platon zum Prinzip erhoben hat. Die Marktfrau muß seinen philosophischen Gedankengängen folgen können, kann sie das nicht, taugen die entsprechenden Ausführungen nichts. Die frühen Philosophen bis hinauf in die frühe Neuzeit haben nicht ohne Grund für Ihre Schriften gerne die Form des Dialogs gewählt, bei dem oft einer der Gesprächspartner als ziemlich einfältig vorgestellt wurde. Diesem Einfältigen (bei Galilei - auch ihn zähle ich mal frech zu den Philosophen - heißt der auch noch Simplicio) muß der Philosoph dann seine Gedanken nahebringen. In der Schule habe ich manchmal in Mathematik Nachhilfe gegeben, für Klassenkameraden (also auf gleichem Vorbildungsniveau), die damit nicht so gut zu Rande kamen. Manchmal habe ich lange geredet und keinen Durchbruch erzielt, es blieb Verständnislosigkeit zurück. Ich habe meine Erklärungen dann immer einfacher formuliert und irgendwann hat's dann doch "klick" gemacht und der Doldi hatte verstanden. Und genau an diesem Punkt hat's auch bei mir einen Klick gegeben - plötzlich hatte ich selbst verstanden, wirklich verstanden, was ich zuvor den anderen zu erklären versucht hatte. Die Erfahrung, daß gerade die sprachliche Vereinfachung das ist, was die eigentliche Arbeit ausmacht, teile ich mit dir. Verständlichkeit macht Mühe, klingt aber im Ergebnis eben nicht so schön abgehoben, wirkt also wenig exklusiv. Generationen von Germanisten (und es gibt heute noch welche von ihnen) haben Heinrich Heine "Journalistenstil" und fehlende innere Tiefe vorgeworfen. Die Rache der arbeitslosen Hermeneuten, weil es bei Heine so furchtbar wenig zu erläutern gibt, der Mann kann sich selber verständlich machen. Was Wunder, daß auch Adorno sich einreiht in diese Gruppe der Heineverächter. Ciao Wolfram |
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@Wolfram
"Und genau an diesem Punkt hat's auch bei mir einen Klick gegeben - plötzlich hatte ich selbst verstanden, wirklich verstanden, was ich zuvor den anderen zu erklären versucht hatte." Brich die Wörter auf ihre Bedeutung herunter, und du verstehst, was sie dir eigentlich sagen wollen, genau! Das ist der Prozeß, bei dem aus Wörtern Worte werden. "...weil es bei Heine so furchtbar wenig zu erläutern gibt, der Mann kann sich selber verständlich machen. Was Wunder, daß auch Adorno sich einreiht in diese Gruppe der Heineverächter." :-))) Redigier mal ein paar Seiten von Adorno, die kannst du auf ein paar Sätze eindampfen. Eine schöne, beißende Kritik zu Adorno und seinem bornierten Bildungsbürgergehabe hat Oranier geschrieben. Leider ist die im Orginalzusammenhang nicht mehr nachzulesen, da Oraniers Kritik in einem von klaras gelöschten Blogs stand. Sie ist aber als Anfangszitat in einem meiner Blogs erhalten geblieben. Hier der Link dazu: www.freitag.de/community/blogs/titta/begegnung-auf-der-treppe---meine-antwort-fuer-oranier Wirst deinen Spaß haben. Liebe Grüße Titta |
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@titta
"Redigier mal ein paar Seiten von Adorno, die kannst du auf ein paar Sätze eindampfen." mit klick, da werden auch für mich aus wörtern echte worte ... p.s. für mich haben sie w. heinrich da gründlich missverstanden. |
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Holla! Jetzt wird Adorno auch noch zum "Heineverächter" gelabelt! Aber vielleicht findet ja auch "nur" eine Verwechslung mit Karl Kraus statt.
Darum - langsam entwickelt sich ein "schönes" Thema: "Was Adorno wirklich sagt - Zitate und Legenden" - einige Sätze zu Heine: "Der Rang (des Prosaschriftstellers Heine) inmitten des trostlosen Niveaus der Epoche zwischen Goethe und Nietzsche springt in die Augen..." "Heine hat allein unter den berühmten Namen der deutschen Dichtung, und in aller Affinität zur Romantik, einen unverwässerten Begriff von Aufklärung bewahrt..." "Heine, der Individualist, hat doch dem individualistischen Ideal der Innerlichkeit sich nicht gebeugt..." "Die Macht des ohnmächtig Spottenden übersteigt seine Ohnmacht. .." "Sein Wort stellt stellvertretend ein für ihr Wort: es gibt keine Heimat mehr als eine Welt, in der keiner mehr ausgestoßen wäre, die der real befreiten Menschheit. Die Wunde Heine wird sich erst schließen in einer Gesellschaft, welche die Versöhnung vollbrachte." aus: Die Wunde Heine (1956) |
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@wwalkie
Holla! Jetzt wird Adorno auch noch zum "Heineverächter" gelabelt! Aber vielleicht findet ja auch "nur" eine Verwechslung mit Karl Kraus statt. Nein, nein, das bezog sich schon auf Adorno, wobei Adorno seine abschätzigen Bemerkungen auf die Lyrik Heines bezieht (wie du auch angemerkt hast). "Für Adorno stellte der Lyriker Heine ein doppeltes deutsches Ärgernis dar: als 'Trauma' für die einen, als 'Wunde' für die anderen. Ein Trauma für diejenigen, die gegenüber dem Ausgestoßenen Schuld empfanden und nicht bereit waren zur Versöhnung; eine Wunde für all diejenigen, die sich nicht affirmativ, sondern kritisch mit dem Lyriker des 'Buchs der Lieder' auseinandersetzten ('das Ärgernis umgeht, wer sich auf den Prosaschriftsteller beschränkt'). Nicht ohne 'eigene Schuld' sei Heine bei den 'geistig Verantwortlichen' 'in Verruf geraten' - man möge 'das Verdikt der Georgeschule dem Nationalismus zuschreiben, das von Karl Kraus lässt sich nicht auslöschen'; seitdem sei 'die Aura' des Lyrikers Heine 'peinlich, schuldhaft, als blutete sie'. Heines 'Buch der Lieder' habe 'unbeschreibliche Wirkung getan'; doch 'in seiner Folge ward schließlich die Lyrik hinabgezogen in die Sprache von Zeitung und Kommerz', in die Niederungen der Kulturindustrie also. Zum einen wegen ihrer 'Unmittelbarkeit': 'Sie hat das Goethesche Diktum vom Gelegenheitsgedicht so ausgelegt, dass jede Gelegenheit ihr Gedicht fand und jeder die Gelegenheit zum Dichten für günstig hielt. Aber diese Unmittelbarkeit war zugleich überaus vermittelt. Heines Gedichte waren prompte Mittler zwischen der Kunst und der sinnverlassenen Alltäglichkeit. Die Erlebnisse, die sie verarbeiteten, wurden ihnen unter der Hand, wie dem Feuilletonisten, zu Rohstoffen, über die sich schreiben lässt; die Nüancen und Valeurs, die sie entdeckten, machten sie zugleich fungibel, gaben sie in die Gewalt einer fertigen, präparierten Sprache.' Zum andern wegen ihres Warencharakters, der aufgrund ihrer Orientierung an geläufigen Erwartungen besonders deutlich hervortrete: 'Ware und Tausch bemächtigten sich in Heine des Lauts', er habe 'die überkommenen romantischen Archetypen' mit 'einer fertigen, präparierten Sprache' behandelt und letztlich 'für Abnehmer produziert'. Jan-Christoph Hauschild: "Das Wunder Heine" - library.fes.de/pdf-files/kmh/04333.pdf "Heine habe für Abnehmer produziert", das sollte man sich genüßlich auf der Zunge zergehen lassen. Dazu ein Auszug aus einer Diskussion im Usenet (Thema "Was ist schlecht am Virtuosentum"), den ich einfach so wiedergebe, ohne etwas umzuschreiben. Jemand (ein sehr belesener und kenntnisreicher Mensch, wie ich weiß) hatte geschrieben: Als ich mich mit Heines "Mein Herz, mein Herz ist traurig" beschäftigte, bin ich auf Adornos Aufsatz "Die Wunde Heine" gestoßen. Hier geht es um eine Virtuosität, die von der kommunikativen Sprache erborgte Geläufigkeit und Selbstverständlichkeit, die einer Tiefe entgegensteht: "Nur der verfügt über die Sprache wie ein Instrument, der in Wahrheit nicht in ihr ist. Wäre es ganz die seine, er trüge die Dialektik zwischen dem eigenen Wort und dem bereits vorgegebenen aus, und das glatte sprachliche Gefüge zerginge ihm." Adorno hat diese Leichtigkeit der Produktion mit der Annektion des Alltagslebens durch die kapitalistische Warengesellschaft zu erklären versucht. Darauf habe ich damals geantwortet: "Dieser Adorno war ja ein ganz schöner Striezi. Er selber hat seine liebe Not mit der Sprache, schwerfällig stapft und stampft er einher. Vom virtuosen Schreiben hat er soviel Ahnung wie die Kuh vom Tangotanzen. Und so wie jene Kuh die argentinischen Tänzer ob ihrer von der Anatomie erborgten Geläufigkeit und Selbstverständlichkeit verachten würde, da diese einer Tiefe entgegenstehe, so raunzt Adorno gegen Leute, die - anders als er - mit der Sprache so umgehen können, daß sie sich ihnen nicht verschließt. Und dann schwatzt er von der "Leichtigkeit der (Sprach-)Produktion". Du lieber Himmel, als wenn mit Leichtigkeit zu lesende Texte leicht zu schreiben wären! Diese Texte mögen dem Schreiber im Moment des Schreibens tatsächlich leicht aus der Feder geflossen sein, aber wieviel Mühe, Talent und Anstrengung hat es gebraucht, ehe er diesen Grad der Kunstfertigkeit erreicht hat. Ciao Wolfram |
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Nein, nein und nochmals nein, Wolfram! Auch auf die Gefahr hin, dass unsere Interpretationsdifferenzen die Leser langweilen:
Es beginnt mit der Insinuation des Autors ("Für Adorno stellt der Lyriker Heine ein doppeltes deutsches Ärgernis dar..." Geschrieben hat Adorno: "Sein Name ist (gemeint ist eindeutig: in der deutschen Geschichte) ein Ärgernis, und nur wer dem ohne Schönfärberei sich stellt, kann hoffen, weiterzuhelfen". Gemeint ist also: man soll sich dem Heinebild in der deutschen Geschichte "stellen". Nicht gemeint ist: Für Adorno ist Heine ein "Ärgernis". Und so fährt er auch stringent fort (was der Autor generös missachtet): "Nicht nur von den Nationalsozialisten ist Heine diffamiert worden...", um dann auf das "Verdikt der Georgeschule zu sprechen zu kommen sowie auf das nicht "auszulöschende" von Karl Kraus, dem er die Tiefenwirkung, Heines Aura als "peinlich, schuldhaft, als blutete sie", verursacht zu haben, zuspricht. Ein ähnliches (anscheinend bewusstes) Missverstehen liegt auch hinsichtlich der "eigenen Schuld" vor. Sie bezieht sich nicht auf den realen Heine, sondern darauf, dass das "Buch der Lieder" gerade aufgrund seiner "unbeschreiblichen Wirkung" in der Folge von Kommerzialisierung im späten 19. Jahrhundert auch aufgrund seiner nicht verstandenen (auch hier!) "insgeheim schillernden Verse" ohne Heines "Schuld" zur Verflachung der Poesie (Verlust der Aura) geführt habe, was ihm die Georgeadjutanten als "Schuld" anlasteten, um damit den Weg zum antisemitischen Hass auf Heine zu ebnen. Es ist so: Adorno denkt und schreibt nun einmal "dialektisch", was Hauschild nicht zu bemerken scheint. Ebensowenig wie die "höfliche Ironie" Heines, die man übrigens auch auf Adorno beziehen könnte. Ich vermag übrigens nicht einzusehen, worin der Vorwurf besteht, "dass jede Gelegenheit ihr Gedicht fand und jeder die Gelegenheit zum Dichten für günstig hielt..." zumal Adorno einige Sätze später schreibt: "So groß war die Gewalt der entfalteten kapitalistischen Gesellschaft damals schon geworden, dass die Lyrik sie nicht mehr ignorieren konnte...", um sich dann, ohne Benjamin zu erwähnen (was man ihm in der Tat vorwerfen könnte) zu schreiben: "Damit ragt Heine in die Moderne des neunzehnten Jahrhunderts hinein gleich Baudelaire." Was dann im folgenden entfaltet wird. Zum "Abnehmer". Hauschild verkürzt wieder gewaltig. . In Gänze klingt der Passus so: "Seit es bürgerliche Kunst gibt, derart, dass die Künbstler ohne Protektoren ihr Leben erwerben müssen, haben sie neben der Autonomie des Formgesetzes insgeheim das Marktgesetz anerkannt und für Abnehmer produziert. Nur verschwand solche Abhängigkeit hinter der Anonymität des Marktes. Sie erlaubte es dem Künstler, sich und anderen als rein und autonom zu erscheinen, und dieser Schein selbst wurde honoriert." Das klingt für uns heute banal, im Jahre 1956 war es revolutionär. Worin besteht eigentlich die "Schuld" Adornos? |
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@wwalkie
Nein, nein und nochmals nein, Wolfram! Auch auf die Gefahr hin, dass unsere Interpretationsdifferenzen die Leser langweilen: Gut, es sei, dann ist Adorno halt kein Heineverächter. Vielen Dank für deine ausführliche Arbeit an und Widerlegung von Hauschilds Text. Die Widerlegung erscheint mir plausibel, wenngleich ich sie selber nicht nachprüfen kann. Den Text von Adorno habe ich nicht im Haus, im Netz habe ich "Die Wunde Heine" auch nicht als Volltext gefunden, ich bin also auf das angewiesen, was ich im Netz finde und da habe ich etliche Texte gefunden, die Raunzerei Adornos über Heines gefällige und eingängige Sprache referieren. Um so besser, wenn das nicht so ist. Worin besteht eigentlich die "Schuld" Adornos? Ich persönlich mag das Wort "Schuld" gar nicht so sehr, es ist so ein Begriff zum Niedermachen. Was Adornos Schriften betrifft, so muß ich gestehen, daß ich sie nur auszugsweise und also nicht sehr gut kenne. In den Siebziger Jahren, als ich studierte, habe ihn allzu viele begeistert im Mund geführt und es waren dies Leute, die ihrerseits mich nicht sonderlich begeisterten. Also habe ich mich um Adorno rumgedrückt, was ich mir als Psychologe leisten konnte. Später habe ich dann einige, nicht sonderlich lange Textausschnitte von ihm gelesen, gezwungen durch Debatten, wie die hier stattfindende. Die Ausschnitte haben mich nicht zum Weiterlesen verführt. Ciao Wolfram |
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Mit Adorno ist es mir übrigens ähnlich ergangen. Als Studenten haben wir es - dummerweise - eher mit Lukács gehalten: Kritische Theorie als "Grand Hôtel Abgrund" und so weiter. Die Lektüre von "Tabus im Lehrerberuf" hat mich dann wieder auf die Spur gebracht. Ich meine wirklich, dass es an der Zeit ist, ihn wieder zu entdecken. Das gilt genauso für Heinrich Heine.
Salut |
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schrieb am
24.06.2010 um 22:06
Titta sollte vorher lesen, was sie redigiert. Sonst wird aus der Wunde Heine die ganz unmetaphorische Wunde Adorno, die letztlich nur auf die Operateurin zurückweist.
@wwalkie: Leider heißt der Aufsatz 'Tabus über dem Lehrberuf'. "Schade eigentlich" (Adorno). |
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Natürlich, "Tabus über den Lehrerberuf", aber Tabus "im" Lehrerberuf wäre ein schöner zweiter Teil gewesen.
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Und da ich mich immer ärgere, wenn Adorno Elitismus und sprachliche Manierismen vorgeworfen werden - noch heute morgen durfte ich erleben, wie ein Kollege, der Adorno nur aus der Sekundärliteratur oder der Neuen Frankfurter Schule kennt, seine Bodenhaftung dadurch bewies, dass er sich über des Philosophen eigentümliche Setzung der Reflexivpronomina lustig machte (was haben wir über die Weltfremdheit des Professors gelacht!) - verweise ich gerne auf ein weiteres Zitat:
"Schlamperei, das mit dem vertrauten Strom der Rede Schwimmen, gilt für ein Zeichen der Zugehörigkeit ... Beim Ausdruck auf die Sache schauen, anstatt auf die Kommunikation, ist verdächtig: das Spezifische, nicht bereits dem Schematismus Abgeborgte erscheint rücksichtslos, ein Symptom der Eigenbrötelei, fast der Verworrenheit... Der vage Ausdruck erlaubt dem, der ihn vernimmt, das ungefähr sich vorzustellen, was ihm genehm ist und was er ohnehin meint. Der strenge erzwingt Eindeutigkeit der Auffassung, die Anstrengung des Begriffs, deren die Menschen bewusst entwöhnt werden... Nur, was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich; nur das in Wahrheit Entfremdete, das vom Kommerz geprägte Wort berührt sie als vertraut..." (Minima Moralia, 64). Ich wünsche uns viele Anstrengungen. |
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"Kaum jemand an der Universität hat dann den geringsten Zweifel, dass es sich bei diesen verlässlich gleichklingenden Elaboraten ganz fraglos um internationale Spitzenforschung handeln muss."
Das ist - und zwar genau so - der Inhalt meiner Gedanken, als ich noch nicht wusste, was Legastenie und Sprachgewandtheit bedeuten und mit Kommunikation und Austausch zu tun haben. Da steht die Idee der akademischen Reife und der Blick hinauf zu deren Vorbilder wohl auch bei den Provinzsoziologen im Vordergrund. Quasi der Wille zur Anbiederung - vielleicht. Nachdem ich versucht habe, den "Jargon" der Fachwissenschaft zu begreifen ... daran als Hauptschüler natürlich gescheitert bin, schreibe und rede ich lieber Deutsch - damit überhaupt etwas gescheites zu verstehen ist. Die Sache mit den Belastungen der Fachbegriffe ist nämlich die zusätzliche Denkleistung beim ständigen übersetzen. Wer bei einer Sprache bleibt, der hat dazu mehr Bandreite übrig und liefert auch sonst einer breiteren Gesellschaft einen Beitrag zum verstehen. wer Bücher schreibt und "komplette" wissenschaftliche Abhandlungen abliefern will, könnte entweder auf die Fachbrgrifflichkeiten im Text verzichten und im Anhang in Fachjargon übersetzen oder umgekehrt. Gute Frage, was nun für wen besser ist. Aber einen aufklärerischen Text in einer Sprache zu schreiben, die der Empfänger von Aufklärung wahrscheinlich nicht versteht/begreift, macht in meinem Verständnis von Rationalität keinen Sinn. Das wäre gleibedeutend mit Anbiederung an das Etablissement - also die Fachleute im Turm. Der reine Ruf nach Anerkennung in die falsche Richtung...!? Die Individuen im Turm mögen es wahrscheinlich am wenigsten, dass sie aufgeklärt werden sollen! Man möge sie doch bitte an ihrer dünnen Luft hoch oben partizipieren lassen und weiter nicht belästigen. ... Die Differenz in Bedingungen und Abläufe im einzelnen aufzutun, kann in der Fachsprache so manches mal auch schiefgehen, wenn nämlich auch noch eine Abhandlung in andere Sprachen übersetzt werden wird. Somit gehen auch in Fachsprachen innewohnede Bedeutungen und kulturelle Zuweisungen gerne schnell in der anderen Sprache verloren, weil sie in der anderen Sprachkultur entweder nichts bedeuten - oder nicht das gleiche. Deswegen ist es wahrscheinlich effektiver aber aufwändiger eine Abhandlung schon mal vorab ins "Umgangsdeutsche" zu übersetzen - also endlose Erklärungs-/Beschreibungsabsätze einzufügen und darauf eine Übersetzung ins z.B. englische vorzunehmen. Auch wenn Wissenschaft gerne in einer möglichst reduzierten Form argumentiert, so braucht doch vielleicht gerade die Soziologie einige Schleifen ins wahrscheinliche und "auch mögliche". Ansonsten ernennt sich jeder veröffentlicher als einer, der ebenso gleichmachen möchte und also nachbetet - aus 200 bis 2000 jähriger Wissenschaft. Ach ja,... Wissenschaft ist nicht verhandelbar (etwa Mathematik) ... Aber die Soziologie ist gemeinhin nicht so logisch, wie andere Wissenschaften. Es sei denn, sie schauen unbeeindruckt der Realität immer auf statistische Erhebungen.... Dann verhalten sie sich wie Mathematiker und haben natürlich Anspruch auf eine "Unverhandelbarkeit". Aber das betrifft dann natürlich nur die Zahlen oder dass, was sie sich dabei denken und nicht die realen Begebenheiten. Und wenn in der Soziologie keine Demokratie herrschen darf, dann weiss ich nicht, wie es sich mit Wissenschaft verhalten sollte. Etwa eben wie das Dogma im Äther... vielleicht? Auch wenn die Berechenbarkeit der Soziologie schon im Namen steckt (logie)... oder gerade deswegen wird sie wahrscheinlich schon falsch verstanden. Denn seit wann ist sozialverhalten denn logisch? Also ich finde den Beitrag schon mal angebracht. Und die dadurch angestürmten Interpreten mögen sich bei aller angefallenen Lobhudellei in ihrer Laufbahn einmal etwas Nörgeln anhören dürfen - und das natürlich immer wieder, denn Wissenschaft und Erkenntnis scheint flüchtig zu sein. |
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@chrislow
Aber einen aufklärerischen Text in einer Sprache zu schreiben, die der Empfänger von Aufklärung wahrscheinlich nicht versteht/begreift, macht in meinem Verständnis von Rationalität keinen Sinn. Das ist ein ganz wichtiger Punkt, in der Tat. "Sein Gedanke war pure Lust. Er befruchtete niemanden." (STANISLAW JERZY LEC) Es gibt ja Leute, nicht nur in den Sozialwissenschaften, sondern auch in der Belletristik, die meinen, ein neuer Gedanke brauche auch eine neue Form, ihn auszudrücken. Ach. Gerade wenn mein Gedanke wirklich neu ist (und ich Wert drauf lege, er möge verstanden werden), sollte ich alle Sorgfalt der Welt darauf verwenden, diesen Gedanken möglichst konventionell zu formulieren. Der Leser darf nicht mit zwei Zumutungen an ihn (neuer Gedanke und neue Form) überfordert werden. Neue Formen kann ich dagegen ruhig mal an vertrauten Gedankengängen (Wissenschaft) und Handlungsverläufen (Belletristik) ausprobieren. Für Experimentelle Kunst (die Beta-Version also) kann ich allerdings anständigerweise keinen Eintritt verlangen, darf allenfalls um Spenden bitten. Ciao Wolfram |
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Ich provoziere jetzt hier einmal die Ganze Belegschaft, bis auf Wolfram, der sich die Mühe gemacht hat, zu beschreiben, wie er beim Schreiben mit sich und seinen Texten umgeht und dann kann man ja auch immer sehen, was bei ihm dabei auf dem Papier landet.
Der Rest der Diskutanten hier behauptet im Kerrn jedesmal schlicht, dass ein hypotaktischer Stil, obsolet, per se unverständlich und sowieso nicht nötig sei. Das dünnste Argument dabei: Man schriebe heutzutage sowieso in Englsch. Wenn ich gutes oder schlechtes Deutsch schreibe, dann schreibe ich aber Deutsch und nicht Englisch. Dann wird Adorno als Prototyp dieser Verirrung ausgedeutet und ausgerechnet die zwei, drei Zitate, die von ihm dann hier auftauchen sind glasklare, verständliche Sätze. Ich bitte also die Propagandisten des "einfachen" Deutsch, das inzwischen allen Radiosprechern offiziell beigebogen wird (nur kurze Hauptsätze, keine Zahlen, Kein Text länger als 1:08 Min.), mir Texte anzuzeigen und in der Analyse zu zeigen, was genau da unverständlich wäre, inwieweit dies von der "Überkomplexität" der syntaktisch-sematischen Struktur abhängig sei und dann zu zeigen, wie es "einfacher" bei gleicher Aussage, die zu benennnen wäre, zu machen sei. P.S.: Ohne dem Kommentator Chrislow zu nahe zu treten, aber das Deutsch, das er verwendete, um das wohl sagen zu wollen, was Vorredner hier auch schon gesagt hatten, erschein mir demgegenüber erheblich unverständlicher. |
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@UweTheel
Ich bitte also die Propagandisten des "einfachen" Deutsch, das inzwischen allen Radiosprechern offiziell beigebogen wird (nur kurze Hauptsätze, keine Zahlen, Kein Text länger als 1:08 Min.), Also, ich weiß nicht, womöglich höre ich auch nur die falschen Sender (Deutschlandfunk und Bayern 5 aktuell), aber bei den Radionachrichten höre ich öfter Bandwurmsätze, bei denen die Pointe, wie häufig im Deutschen, erst ganz am Schluß kommt. Da aber kann es passieren, daß ich nicht richtig zugehört habe und jetzt keine Möglichkeit mehr habe, nachzuschauen, um was es eigentlich ging... mir Texte anzuzeigen und in der Analyse zu zeigen, was genau da unverständlich wäre, inwieweit dies von der "Überkomplexität" der syntaktisch-sematischen Struktur abhängig sei und dann zu zeigen, wie es "einfacher" bei gleicher Aussage, die zu benennnen wäre, zu machen sei. Die Mühe, Adornisch in Heinrichesisch zu übersetzen, mache ich mir jetzt nicht. Aber wenn es dich zeitlich nicht überfordert, dann möchte ich auf den theoretischen Teil meiner Diplomarbeit verweisen. Es ist eine akademische Abschlußarbeit über Kommunikation und Argumentation, kein populärwissenschaftlicher Text: www.theodor-rieh.de/heinrich/Kommunikation_und_Argumentation.pdf (Die Titelkarikatur war im Original natürlich nicht auf der Titelseite, sie findet sich allerdings im Text, den ich damals abgegeben habe.) Diese verdammten Literaturhinweise - es schaut eh keiner nach - und das Fußnotenbrimborium macht den Text unnötig unübersichtlich, aber es ist halt die unvermeidliche ackerdemische Kriegsbemalung, anders kriegst du kein Diplom. Es würde sonst jeder Depp merken, daß es sich um einen Text handelt, den jeder Depp, der sich ein bisserl Mühe gibt, verstehen kann. Ciao Wolfram |
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Lieber Wolfram,
1) ich sagte nicht, daß im Radio nur noch "so" gesprochen würde, allerdings ist das die "Ausbildungsnorm". Ich hab`s mir von nicht wenig Verantwortlichen beim Hessischen Rundfunk in internen Workshops first hand abholen können und die üben da noch mehr der Sprachregulierung. 2) Lieber Wolfram, das war von mir nicht gedacht, mir Deine Examensarbeit zum Exempel "auszuliefern". - Zudem, an dieser Arbeit ließe sich für unseren Zusammenhang nicht viel beweisen. Du gibst dort korrekt das "technische" Kommunikationsmodell der 1970ger Jahre (Sender-Kanal-Empfänger) mit den ebenso äußerst mechanistischen Definitionen dieser Zeit für die Figuren von Kommunikation wieder, bleibst uns die Zeichnung des "kybernetischen Systems Mensch" nicht schuldig und zitierst die damals üblichen Verdächtigen, die allerdings mit manchmal nicht weniger verdächtigen Sätzen im Sinne des Vorwurfs in diesem Blog ihre Wissenschaft entfalten. Da diese Sätze sich tatsächlich nicht selten bunter machen als sie sind, kannst Du es Dir und sei es mit der Kaffeekanne schwenkend eben leicht machen, noch einen oben draufsetzen. Ich beglückwünsche Dich noch nachträglich zu Deinen dabei kooperierenden Professoren ;-). Aber auf all das zielte ich nicht ab. Mir ging es wirklich ernsthaft darum, den hier im Raum stehenden "Schachtelsatzvorwurf", den Vorwurf der "zu" abstrakten Kategorialität oder Argumenationsfigur am Beispiel belegt zu bekommen. Du referrierst in Deiner Arbeit auf lexikalisch-sematisch-definitorischer Ebene, was z.B. ein Syllogismus sei. Da wird man kaum widersprechen. Spannend würde es - und da die Sätze dann vielleicht auch "länger" - wenn so ein Syllogismus in einem Argument inhaltlich konkret daherkäme und etwas beweisen sollte und dann gesagt werden müsste, warum ein "erster Satz" ein erster Satz sein kann. Du zitierst in Deiner arbeit Klix mit dem Satz "Erst der Inhalt, dann die ihm gemäße Form". Das ist die alte Bauhausweisheit form follows function und die ist natürlich wahr. Daher muß mir jemand beweisen, dass z.B. ein inkriminierter Adornosatz inhaltslos ist, keine Funktion hat, oder eine andere habe als die, die ihm allgemein zugeschrieben würde. In diesem Prozess würde dann schon herauskommen, ob das am falschen Denken Adornos läge und in dieser "Funktion" dann die nicht angemessenen Form auch entstanden wäre, oder das Gegenteil. An Grammatik, Sytax und Semantik des Deutschen selbst läge es gewiss nicht - so rum und so rum. Comprende? LG ut |
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@Uwe Theel
1) ich sagte nicht, daß im Radio nur noch "so" gesprochen würde, allerdings ist das die "Ausbildungsnorm". Ich hab`s mir von nicht wenig Verantwortlichen beim Hessischen Rundfunk in internen Workshops first hand abholen können und die üben da noch mehr der Sprachregulierung. Klar, in den Trallala-Sendern werden die Wortbeiträge immer kürzer, die Sprache immer einfacher. In den Nachrichtensendungen der Info-Sender finde ich immer wieder Bandwurmsätze, die gedruckt noch gingen (wenn auch mühsam), die aber vorgelesen den Hörer überfordern. Der Sprecher bekommt sie serviert und muß sie nur noch ablesen, der Nachrichtenredakteur, der die Sätze formuliert hat, hat sich anscheinend wenig Mühe gemacht. Diese Sätze sind vielleicht ein Beispiel dafür, daß es für einen Menschen, der die deutsche Sprache und die Tücken ihrer Grammatik gut beherrscht, deutlich einfacher ist, lange, verschachtelte Sätze abzuliefern. Da ist ein Gedanke, sofort kommt dir ein erläuternder Zusatz in den Sinn, dann noch eine Relativierung des Gedankens und auch dazu eine Ergänzung - und schon hast du einen langen Satz dastehen. Ein Autor, der nicht unter dem Zeitdruck eines Nachrichtenredakteurs steht, müßte sich jetzt den Text beim Überarbeiten noch einmal vornehmen und die verschachtelten Gedanken auseinandersortieren... Lieber Wolfram, das war von mir nicht gedacht, mir Deine Examensarbeit zum Exempel "auszuliefern". Keine Panik, es handelt sich hier nur um den theoretischen Teil dieser Arbeit und der steht seit geraumer Zeit bereits auf meiner Website im Netz. Zudem, an dieser Arbeit ließe sich für unseren Zusammenhang nicht viel beweisen. Da scheint ein Mißverständnis vorzuliegen, ich habe den Link auf diese Arbeit anscheinend zu oberflächlich vorgestellt. Mir ging es nicht um den Inhalt dieser Arbeit, die sich leider zufällig mit Kommunikation beschäftigt, sondern um ihre sprachliche Form . Der Text verwendet die unvermeidlichen Fachausdrücke, ansonsten bemüht er sich, die Zusammenhänge so einfach wie nur irgend möglich darzustellen. Ein simples Beispiel, dann die abstrakten Zusammenhänge herausgearbeitet (manchmal auch umgekehrt). Das war echte Arbeit, die Vorlage waren nämlich die damals üblichen Standardbücher zur Linguistik. Ich weiß nicht mehr, wie es heute ist, damals jedenfalls haben auch (und gerade?) Linguisten mit der Sprache einen Affenzirkus aufgeführt, Texte über Kommunikation, die (von der Form her) so kompliziert waren, daß sie zur Karikatur des Themas (Verständigung nämlich) wurden. Ich habe damals den Rahmen dessen, was an Vereinfachung für eine akademische Arbeit gerade noch möglich war, bis zum Äußersten ausgereizt. Da diese Sätze sich tatsächlich nicht selten bunter machen als sie sind, kannst Du es Dir und sei es mit der Kaffeekanne schwenkend eben leicht machen, noch einen oben draufsetzen. Ich beglückwünsche Dich noch nachträglich zu Deinen dabei kooperierenden Professoren ;-). Na ja, der betreuende Professor war Kommunikationspsychologe, dem hat das gefallen. Er hatte sich auch, ohne Psychoanalytiker zu sein, viel mit Freud beschäftigt und Freud hat ja eine wunderbare wissenschaftliche Prosa geschrieben. Zunächst hatte ich mich an Freud nicht rangetraut, habe vorsichtshalber erst einige Einführungen in die Psychoanalyse gelesen. Diese Einführungen waren so kompliziert, daß mir Angst und Bange wurde. Wenn die Einführung schon so schwierig ist, wie wird da erst der Meister selber sein? Und dann stellte ich mit Verblüffung fest, daß die Originaltexte sehr viel einfacher waren als die Erläuterungen, daß sie sich überdies wirklich schön lasen. Ähnliches ist mir etwa gleichzeitig mit Marx und Engels passiert. Aber auf all das zielte ich nicht ab. Mir ging es wirklich ernsthaft darum, den hier im Raum stehenden "Schachtelsatzvorwurf", den Vorwurf der "zu" abstrakten Kategorialität oder Argumentationsfigur am Beispiel belegt zu bekommen. Ich habe nichts gegen den Schachtelsatz an sich, aber er verlangt natürlich eine erhebliche Kunstfertigkeit, wenn er verständlich und elegant bleiben will. Ich verweise wieder und wieder auf Kleist. Ich habe auch nichts gegen abstrakte Kategorien, sie sind das unvermeidliche Ergebnis wissenschaftlichen Nachdenkens. Aber eben das Ergebnis, nicht der Ausgangspunkt. Abstraktionen wollen abgeleitet werden aus konkreten Dingen heraus. Ein schönes Beispiel ist die Geschichte mit dem Kellner in Sartres "Das Sein und das Nichts". Es geht ihm um den Umstand, daß Menschen im richtigen Leben eine Rolle spielen, daß sie sich dieser Rolle gemäß verhalten, solange sie diese Rolle spielen und ob und wie sie diese Rolle gestalten können. Sartre stellt nun an den Anfang seiner Überlegungen die Verhaltensbeobachtung an einem Café-Kellner und steigt dann allmählich die Abstraktionsleiter hinauf. Du referrierst in Deiner Arbeit auf lexikalisch-sematisch-definitorischer Ebene, was z.B. ein Syllogismus sei. Da wird man kaum widersprechen. Spannend würde es - und da die Sätze dann vielleicht auch "länger" - wenn so ein Syllogismus in einem Argument inhaltlich konkret daherkäme und etwas beweisen sollte und dann gesagt werden müsste, warum ein "erster Satz" ein erster Satz sein kann. Der Titel der Arbeit war "Argumentationsstrukturen in Parlamentsdebatten", das hätte das Thema gesprengt. Und: Ich glaube, die Sätze müssen um so einfacher werden, je komplizierter und dem Leser unvertrauter der zu verhandelnde Sachverhalt wird. An Grammatik, Sytax und Semantik des Deutschen selbst läge es gewiss nicht - so rum und so rum. Freilich nicht. Die deutsche Sprache ist bloß ein Werkzeug, ein ziemlich gutes Werkzeug finde ich. Man kann in ihr allerdings auch heideggern. Comprende? Ist das Italienisch? Wenn ja, wieso siezt du mich? Ciao Wolfram |
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schrieb am
24.06.2010 um 22:16
Barbara Sichtermann hat im verflossenen Freibeuter des Wagenbach Verlages mal ein Plädoyer für eine komplizierte Sprache gegeben. Denn mit journalistischem und Blogdiskurs nur läßt sich die Welt, die zu verändern ist, nicht beschreiben.
Keine Sätze, Wörter, müssen gedeutet werden. Kontexte kommen hinzu, die sind anzueignen und müssen einfließen in Deutung. Alles Prozesse der Verständigung mit der Sache und mit Fachleuten. Mißverständnisse gibt es auch, die können aufgeklärt werden. Aber es muß gedeutet werden. Fakten sind keine Wirklichkeit, sie müssen zur Wirklichkeit interpretiert werden. Das ist völlig klar. Das ist sehr kompliziert. |
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@walter ter linde
Denn mit journalistischem und Blogdiskurs nur läßt sich die Welt, die zu verändern ist, nicht beschreiben. Daß es in dieser Welt komplexe Zusammenhänge gibt, deren Analyse auch nur nachzuvollziehen Anstrengung erfordert, hat hier meines Wissens niemand bestritten. Es ging um die sprachliche Ausformung solcher Analysen und hier lautete die Forderung, diese sprachliche Form sollte nicht komplizierter sein als der zu beschreibende und zu analysierende Sachverhalt. Ich verweise hier nochmal auf Einsteins Originalabhandlung zur Speziellen Relativitätstheorie, also wahrlich kein einfaches Ding, das er trotzdem in einer glasklaren Sprache dargelegt hat. Fakten sind keine Wirklichkeit, sie müssen zur Wirklichkeit interpretiert werden. Richtig. Klar ist, daß Wissenschaftler Fakten interpretieren, also deuten. Die Frage war aber, ob es in der Ordnung ist, wenn die Schriften dieser Wissenschaftler nun ihrerseits wieder gedeutet werden müssen. Ciao Wolfram |
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@ Wolfram Heinrich am 24.06.2010 um 06:01
Lieber Wolfram, da wir uns in Kleist einig zu sein scheinen, sollten wir uns über den Rest nicht auseiandersetzen zu brauchen. Comprendes? ut P.S.: Der Spanier an sich ist sehr höflich und förmlich |
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schrieb am
24.06.2010 um 23:30
@ Wolfram Heinrich
Ja, die Ergebnisse von Wissenschaft sollten durchaus so geschrieben sein, daß man sich mit einem allgemeinen Lexikon nebendran einlesen kann als Laie. Was im Lexikon steht, ist das als Allgemeinwissen Bezeichnete. Selbst ich, der alles weiß, muss da manchmal verschämt reingucken. Kurz: So allgemeinverständlich wie ein Lexikon sollte Wissenschaft sein (h.yurens kritik ziehe ich hier schon hinzu). Und: Warum sollte Fachsprache alltagsverständlich sein? Die sprachliche Ausformung kommt mit der Alltagssprache vielleicht doch nicht aus. Zum oft als Beispiel bemühten Adorno: Es ist bei ihm als Wissenschaftler und als Theoretiker und als Essayist auch immer ein wenig anders. Aber wer seine Denkfiguren gefunden hat, wird sich an keiner Kompliziertheit der Sprache stören. - Wie bei einem Schriftsteller, den man völlständig auch erst mit der (richtigen) Wissenschaft an der Hand versteht. Sonst versteht man Sätze rein alltagssprachlich entgegen ihrem (historischen) Sinn. |
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@Uwe Theel
Comprendes? Ho capito ma devo rispondere in italiano perchè il mio spagnolo è quasi inesistente. Ciao Wolfram |
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@walter ter linde
Kurz: So allgemeinverständlich wie ein Lexikon sollte Wissenschaft sein. Nein, das sollte sie nicht und das braucht es auch nicht. Wir sprechen jetzt über die Sozial- und Geisteswissenschaften, damit keine Mißverständnisse entstehen. Bei den Naturwissenschaften muß ich mir, will ich Forschungsberichte verstehen, ein sehr spezielles Fachwissen aneignen und sogar eine neue Sprache lernen, die Mathematik nämlich. Aber auch die Sozialwissenschaft ist von der Sache her gelegentlich recht kompliziert. Worum es geht, das ist die Frage, ob ich diese Sache durch die sprachliche Gestaltung meiner Ausführungen nochmal zusätzlich verkompliziere oder ob ich die einfachst mögliche Form wähle (die mag dann immer noch einige Anstrengung erfordern). Und: Warum sollte Fachsprache alltagsverständlich sein? Die sprachliche Ausformung kommt mit der Alltagssprache vielleicht doch nicht aus. Natürlich kommt sie damit nicht aus. Niemand hat verlangt, die Kritische Theorie auf BILD-Niveau runterzuschreiben. Wie bei einem Schriftsteller, den man völlständig auch erst mit der (richtigen) Wissenschaft an der Hand versteht. Sonst versteht man Sätze rein alltagssprachlich entgegen ihrem (historischen) Sinn. Einen Schriftsteller, den du erst mit wissenschaftlichem Begleitapparat verstehst, kannst du in der Pfeife rauchen. Damit wir uns recht verstehen: Ich meine schon zeitgenössische Schriftsteller aus unserem Kulturkreis. Natürlich bist du beim Nibelungenlied auch in der übersetzten Fassung auf Anmerkungen angewiesen, weil der Abstand zu Sprache und Handlung einfach zu groß ist. Schon bei Thomas Mann sind erläuternde Fußnoten an manchen Stellen hilfreich, weil uns die geschilderte Welt fremd geworden ist. Das ist aber nicht das, was ich unter Deutung verstehe. Ciao Wolfram |
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@ Wolfram Heinrich am 24.06.2010 um 23:38
Ho capito ma devo rispondere in italiano perchè il mio spagnolo è quasi inesistente. Ich lese und verstehe Dich, lieber Wolfram, es scheint, dass mein Latein , das Kleine, was, von dem übrig ist, dafür reichte :-) lg ut |
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Klar herrscht überall Pidgin, Çat-Pat, Lingua franca, und hier darüber Einigkeit. Die aber, die Deutsch schreiben (wie hier doch einige) lassen sich grob in zwei Typen einteilen: Wolfram ist Skulpteur, Sprachskolptor, er handelt wie Michelangelo, indem er, wenn er einen Löwen machen will, vom Stein/Text alles weghaut, was nicht nach Löwe aussieht. Andere sind eher Plastiker, sie nehmen nur einen ungeformten Klumpen und formen daraus nach und nach ne ganze Vase.
Hier noch das Beispiel eines wasserklaren Schachtelsatzes: „Wie eine Jungfrau unter Männern erscheint, so tritt die Elbe schlank und klar unter die Felsen, leise, mit schüchternen Wanken naht sie sich, das rohe Geschlecht drängt sich, ihr den Weg versperrend, um sie herum, der glänzend reinen ins Antlitz zu schauen, sie aber, ohne zu harren, windet sich flüchtig, errötend hindurch.“ (Heinrich von Kleist) |
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schrieb am
24.06.2010 um 22:19
Das sollte einfacher geschrieben werden können:
"Die Elbe muss begradigt werden." |
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@Hibou
"Wie eine Jungfrau unter Männern erscheint, so tritt die Elbe schlank und klar unter die Felsen, leise, mit schüchternen Wanken naht sie sich, das rohe Geschlecht drängt sich, ihr den Weg versperrend, um sie herum, der glänzend reinen ins Antlitz zu schauen, sie aber, ohne zu harren, windet sich flüchtig, errötend hindurch." (Heinrich von Kleist) Mit Entsetzen mußte ich erkennen, daß ich - gelegentlich - viel zu kompliziert denke. Ich habe das Worte "Elbe" in Kleists Satz tatsächlich als die alte Form für "Elfe" gelesen. Auf die näherliegende Variante, daß es sich also um den Fluß Elbe handelt, bin ich nicht gekommen, erst Walters Replik hat mich drauf gestoßen. Ciao Wolfram |
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@ Wolfram Heinrich am 24.06.2010 um 23:11
Lieber Wolfram, Tolkien geschult, solltest Du wissen, dass Eleben nicht erröten. Davon abgesehen halte ich die "Übersetzung" von herrn ter linde auch für falsch, weil Kleist gerade das Gegenteil sagt: "Die Elbe ist nicht zu begradigen!" Wozu ich mir jetzt einen weitere Deutung des "ist" in dieser überflüssigen Verkürzung eines nicht zu verkürzenden Kleist selbstverständlich versage, um nicht zu ausufernd zu werden. lg ut |
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@Uwe Theel
Tolkien geschult, solltest Du wissen, dass Elben nicht erröten. Ach, Tolkien. Als Ende der siebziger Jahre der erste Tolkien-Hype in Deutschland war, haben mich Bekannte so lange gedrängt, bis ich mir ihren "Herrn der Ringe" ausgeliehen habe. Ich habe nach ca. 50 Seiten aufgegeben, weil sich das derart zäh hinzog, daß es nicht mehr zum Derpacken war. Ciao Wolfram |
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und, ganz anders:
„Die glatte Stille des Wassers, die Fischerboote, die Eisenstangen, die das Fahrwasser abgrenzen, die tiefbordigen Schlepper mit schwerfällig ausgebordeten Rümpfen, die schwarzen Fährboote und die glänzenden Deckstützen, der unveränderliche Himmel, der in vielen Biegungen sich hinziehende Fluß, die sich weit hinstreckenden und immer das Tal umschließenden Hügel, das ständig wechselnde und sich doch gleichbleibende Panorama, die Buntheit und Bewegung des Lebens unter dem unveränderlichen Zeichen der Trikolore, das alles ist die Geschichte der Seine, die mir im Blute liegt und in das Blut aller eingehen wird, die nach mir kommen, wenn sie an einem Samstagnachmittag an diesen Ufern entlangfahren.“ (Henry Miller) |
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schrieb am
24.06.2010 um 22:20
"Die Seine auch."
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Ja, ein wenig fand ich auch, dass Franz Walter zwar eine durchaus belegbare These vertritt und damit eine Ursache ausleuchtet, warum Sozialwissenschaftler und Soziologen, aber auch Politologen, wenn sie nicht als direkte Berater für Unternehmen, Marketing und Politik, dienen, wenig Beachtung finden. Ein Sprachproblem belastet sie. Sie kommen in der Öffentlichkeit über den Jargon nicht hinweg.
Bei den Beispielen habe ich dann meine Zweifel, ob die überhaupt passen. Es ist nicht unüblich, Nietzsche, Heidegger, Adorno und sogar Kant und Hegel immer wieder wegen ihrer tatsächlich oder doch nur eingebildet, schwer verständlichen Sprache zu tadeln. Einmal abgesehen davon, wie schwer verständlich doch Texte der Logiker oder Sprachphilosophen zu lesen sind. Volle Zustimmung, Herr Angele, was ihre Einschätzung Adornos, Marcuses und Co. angeht. Sogar die Gegenspieler, z.B. Arnold Gehlen oder Hans Albert, konnten sich an mehr Menschen, als nur an das eigene Seminar wenden und dabei sehr klar, anschaulich und bildreich ihre Erkenntnisse darlegen. Adorno war darin geradezu ein Meister seines Fachs. Das liegt aber auch an dem ihm eigenen Sprachduktus. Wer dazu Lust und Laune hat, der schaue (höre) sich die entsprechenden Schnipsel im Web an. Sie sind leicht zugänglich und führen vor Augen, was es heißt, einen Gedanken beim klaren Sprechen zu entwickeln, dabei aber die Sprache und die Begriffe nicht so voraus eilen zu lassen, dass eben keiner mehr folgen kann. Bei Marcuse bin ich mir nicht so sicher im Urteil, obwohl der natürlich in den USA und dann hier, während der 68er Zeit, unter Studenten viele Leser und Zuhörer hatte. Ich weiß aber dafür umso sicherer, dass z.B. "Eros and Civilization" (1955, dt.1957) nicht nur ein einfach lesbares, sondern auch hilfreiches Buch für fast jeden ist, der z.B. hier einer Diskussion folgen kann. Bei Sloterdijk kann ich ihnen jedoch in der Meinung nicht beipflichten. Er hält überhaupt nichts davon, Begriffe zu erklären und gute Beispiele auszuführen, sondern neigt dazu, in ein thesenhaftes, manchmal sogar wortschöpferisches Sprechen zu verfallen. Er hegt Vorurteile, z.B. gegen die Psychoanalyse, die er nur widerwillig und schlecht belegt. Es verspottet andere Wissenschaftler und Gäste, die seinen Thesen nichts abgewinnen. - Das entwertet nicht seine Philosophie und nicht seine Denkanstöße, macht aber eine sachliche Diskussion sehr schwierig. Was dieses Sendung angeht, so fiel mir nur auf, dass beide philosophisch-philologischen Moderatoren einen enormen Sprachanteil für sich vorbehalten, hingegen die Gäste häufig nicht oder doch nur verkürzt zur Sprache kommen (im Unterschied zu Panzer, dem es gelingt Gäste zum Sprechen zu bringen, mit Absicht oder ganz ohne Strategie, das ist mit wirklich nicht so wichtig) , die Moderatoren sich Fragen lieber gleich selbst beantworten und für sich problematisieren, und gerade Sloterdijk dazu neigt, über Antworten, die ihm nicht passen, glatt hinweg zu gehen. Ein mir gerade einfallendes "Opfer" war der Sozialpsychologe Harald Welzer. - Na, es wird dem nicht weh getan haben. Übrigens ist der ein munteres Gegenbeispiel zur These, es gebe keine verständlichen Sozialwissenschaftler mehr. Gleiches gilt für den Bielefelder Soziologen Wilhelm Heitmeyer, der nicht nur langjährige empirische Projekte durchzuführen weiß, sondern auch die Mittel dafür an Land zieht und sehr verständlich zu den Ergebnissen, z.B. zur "gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit", Auskunft geben kann. Zudem ist Heitmeyer offensichtlich in der Lage Wissenschaftler-Teams zu organisieren. Ein weiteres, positives Beispiel: Der Soziologe Michael Hartmann von der TU Darmstadt. Er versteht es, die Ergebnisse seiner Forschung (Eliten) einfach und verständlich zu präsentieren. Er hat keinen Dünkel und weicht keiner noch so einfachen Nachfrage aus. Er hält die Überzeugung aufrecht, dass empirische und sozialwissenschaftliche Forschung immer allgemein erklärbar ist und die Fachsprache dem dient, für das sie eigentlich in jeder Fachwissenschaft genutzt wird, einer schnellen Verständigung unter den Wissenschaftlern, die die Definitionen kennen, nicht zur Vermittlung. Am Wochenende einsam auf der Autobahn, die Lieben in Sicherheit, hörte ich eine WDR Hörfunk Sendung zu, bei der sich zum Thema "Rettet unsere Städte" u.a. der Publizist Matthias Greffrath und der Soziologe Berthold Vogel unterhielten. Obwohl ich weiß, wie fundiert Vogel schreiben kann, so wenig war er hier in der Lage seine Thesen zur städtischen Bürokratie und zum Auseinanderfallen der Stadtgesellschaften mit anwendungsbezogenen Beispielen und Handlungsanleitungen zu untermauern. Der Publizist, ein Kabarettist, eine Künstlerin und die Moderatoren waren ihm darin weit voraus. Die von Franz Walter genannten Beipiele stammen vorwiegend aus den historischen Wissenschaften und aus der Philosophie. Allerdings vertraten und vertreten die genannten Autoren auch Standpunkte, die sie niemals in einen Konflikt mit den Medien bringen, die sie daher auch schätzen. - Ein Unterschied zu den von mir genannten Forschern. In Amerika gibt es z.B. eine Riege von Sozialwissenschaftlern, die immer dann aufgerufen werden, wenn es z.B. um die Frage geht, was denn "die Straße" in den islamischen Ländern denke. Bei uns dürfen Versicherungskonzerne und Parteien ihre Experten positionieren (Raffelhüschen, Langguth, Patzelt). Meist treten sie liebenswert und harmlos auf und bestätigen fleißig, was die Moderation schon vorformulierte. Offene Fragen werden selten gestellt. Meist solche im Stile von "Denken Sie nicht auch,..." Sehr einleuchtend ist allerdings Franz Walters Hinweis zur Gestaltung wichtiger Primärliteratur und der modernen Standardwerke in den Geistes- und Sozialwissenschaften. Meist sind das staubtrockene, schlecht editierte Ausgaben, mit vielen nummerierten Kapiteln und Unterkapiteln. Das Schriftbild erinnert an die Tippwüsten ausgedehnter Magister- und Promotionsarbeiten und der Hang zu deutlich mehr Fußnoten als Text ist weiterhin unausrottbar. Dafür fehlen häufig Stichwort- und Sachverzeichnisse, kurze Definitionserklärungen und vor allem Beispielexkurse und visuell anschauliche Hilfen. Bei den Psychologen sieht es damit etwas besser aus, auch wenn dort die Thesengenerierung und die Bildung ständig neuer Begriffe noch viel weiter voran geschritten ist. Noch immer sichert eine Universitätsprofessur, zumal eine vollwertige Lehrstuhlbesetzung, eine große Unabhängigkeit. In den erklärenden und beschreibenden Wissenschaften sogar noch mehr, als bei den wirklich stark Drittmittel- abhängigen Technik- und Naturwissenschaftsstudienfächern. Die Arbeit nahe bei und sogar in Parteien, die sollte für einen Uni- Wissenschaftler, gerade für Soziologen und Politologen, tabu sein. Dass wissenschaftlich ausgebildete Leute bei Parteien arbeiten, hat damit nichts zu tun. Das ist legitim und nicht ehrenrührig. Sobald es aber um die Wissenschaft an Hochschulen geht und auch um die Wirkung auf die Öffentlichkeit, gilt das aber nicht mehr. Grüße Christoph Leusch |
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schrieb am
24.06.2010 um 22:25
Es gibt auch eine "beredte Sprachlosigkeit", gerade bei denen, die in ihrer "Anprache an die kleinen Leute" genau in ihrer einfach gemachten Sprache den Komplex verwischen, den sie den Auftrag haben zu schützen vor dem Umsturz.
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Ich hätte eine kleine, durchaus ernstgemeinte Frage an die Adorno-Kenner: Weiß einer, warum Adorno diese skurrile Marotte mit dem nachgestellten Reflexivum entwickelt und gepflegt hat? Ich geh mal davon aus, daß es kein Marketing-Gag war.
Ciao Wolfram |
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@ Wolfram Heinrich am 25.06.2010 um 00:23
ad Adorno und das Reflexivum Ich nehme an, Wolfram, du fragst, warum dieses "Fremd mochten eher die Sätze klingen als das Vokabular. Versuche der Formulierung, die um die gemeinte Sache genau zu treffen, gegen das übliche Sprachgeplätscher schwimmen und gar sich bemühen, verzweigtere gedankliche Zusammenhänge getreu im Gefüge der Syntax aufzufangen, erregen durch die Anstgrengung, die sie zumuten, Wut." und nicht das: "Fremd mochten eher die Sätze klingen als das Vokabular. Versuche der Formulierung, die um die gemeinte Sache genau zu treffen, gegen das übliche Sprachgeplätscher schwimmen und sich gar bemühen, verzweigtere gedankliche Zusammenhänge getreu im Gefüge der Syntax aufzufangen, erregen durch die Anstgrengung, die sie zumuten, Wut." (zitiert nach o. wwalkie am 22.06.2010 um 20:06) Ich glaube die Antort ist sehr einfach zu finden: Lies die o.a. Sätze laut mit der rethorischen Intention Adornos, dass man Zeit habe zuzuhören und zu verstehen. Du solltest feststellen, dass in Adornos Variante, die natürliche Betonung in diesem Satz (Emphase) auf das Wort "gar" fällt, damit ironisch die Ungeheuerlichkeit der Zumutung " Zusammenhänge getreu im Gefüge der Syntax aufzufangen" noch einmal betont. Analoges gilt im anderen Zitat wwalkies für die besondere Betonung von "dort": "Das Recht der Fremdwörter gegend den Positivismus einer allgemein verständlichen und eben damit ihrem eigenen Gehalt entfremdeten Umgangssprache, der sie geschichtlich heute unterliegen, weist einzig dort sich aus, wo sie dem sprachlichen Positivismus nach dessen eigener Spielregel überlegen sind, die der Genauigkeit." |
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@Uwe Theel
Ich nehme an, Wolfram, du fragst, warum dieses "Fremd mochten eher die Sätze klingen als das Vokabular. Versuche der Formulierung, die um die gemeinte Sache genau zu treffen, gegen das übliche Sprachgeplätscher schwimmen und gar sich bemühen, verzweigtere gedankliche Zusammenhänge getreu im Gefüge der Syntax aufzufangen, erregen durch die Anstgrengung, die sie zumuten, Wut." Nein, ich meine gar nicht irgendeine bestimmte Konstruktion, die er hie und da verwendet. Daß man manchmal die übliche Grammatik etwas umstellt um des Effektes willen, das ist so ungewöhnlich, das mache manchmal sogar ich. Worauf ich hinauswollte, ist das vielbespöttelte Phänomen, daß Adorno grundsätzlich das "sich"/"mich" nachstellt. Etwa hier: "Der vage Ausdruck erlaubt dem, der ihn vernimmt, das ungefähr sich vorzustellen, was ihm genehm ist und was er ohnehin meint." Ciao Wolfram |
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@ Wolfram Heinrich am 25.06.2010 um 05:59
Dein Beispiel ist nicht anders zu verhandeln als das zu vor von mir gewählte: Lies Laut: "Der vage Ausdruck erlaubt dem, der ihn vernimmt, das ungefähr sich vorzustellen, was ihm genehm ist und was er ohnehin meint." (Adornos Original) Dann das: "Der vage Ausdruck erlaubt dem, der ihn vernimmt, sich ungefähr das vorzustellen, was ihm genehm ist und was er ohnehin meint." (Grammatisch "richtig) In der Originalfassung fällt die natürliche Betonung automatisch auf "ungefähr das" (mit Höhepunkt auf "ungefähr"), während inder grammatisch "richtigen" Fassung ein Holpern im Satz eintritt, wollte mann die Betonung auf dieselben Worte legen. Der Akzent verschiebt sich schwerpunktmäßig auf "das" bleibt nicht auf "ungefähr"; das hängt alles mit der Endbetonung im Deutschen zusammen. Außerdem wird durch das Trennen der des Reflexivums von der Infintivgruppe die Aufmerksamkeit des Hörers mehr auf die Qualifizierung der durch das Verb bezeichneten Handlung gelenkt, als die Handlung als solche, die sonst ganz gewöhnlicher Art sein könnte. In Deinem Beispiel kritisert Adorno, das "Ungefähre" in der Rezeption Ausdrucks, wenn er nicht präzise daherkommt, und damit dem Sinn der mitgeteilt werden soll nicht nahe kommt. Sprache ist zuerst gesprochenen Sprache. Es empfiehlt sich immer die Sätze, die seltsam erscheinen, laut zu sprechen, als hielte man einen Rede. Wenn dort Rythmus und Melodie stimmen, dann geht`s; das ist der Lackmustest auf guten Satzbau. |
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schrieb am
25.06.2010 um 11:23
Ich weiß gar nicht, ob die Mär des nachgestellten "sich" überhaupt mehr als eine Mär ist: Berühmtheit erlangte es durch Eckhard Henscheids Haffmans-Buch "Wie Max Horkheimer einmal sogar Adorno hereinlegte", darin 'Kritische Theorie - schmunzelnd'.
Irgendwas wird dran sein, bzw. blieb hängen. |
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Uwe Theel am 25.06.2010 um 11:14
### Korrektur### Der Satz muß gestrichen werden, "Außerdem wird durch das Trennen der des Reflexivums von der Infintivgruppe die Aufmerksamkeit des Hörers mehr auf die Qualifizierung der durch das Verb bezeichneten Handlung gelenkt, als die Handlung als solche, die sonst ganz gewöhnlicher Art sein könnte." da habe ich noch ins Unreine gedacht, etwas stehen lassen. Dafür sei der Gedanke von der "Enbetonung" noch präzisiert: "ungefähr" wird daduch, dass Reflexivum und Infintivgruppe zusammengehalten werden stark topikalisiert, d.h., es erhält den Focus des Satzes. Der Satzfocus wird im Deutschen grundsätzlich am Satzanfang erwartet. |
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@Uwe Theel
Dein Beispiel ist nicht anders zu verhandeln als das zu vor von mir gewählte: Ich glaube es dir ja gerne, daß diese Satzstellung einen Sinn hat, aber soweit ich das überblicke verwendet Adorno sie immer . Ein Gegenbeispiel und ich halt's Maul. Und damit wir uns richtig verstehen (das geht auch an die anderen Mitdiskutanten): Dieses eher skurrile Detail ist natürlich kein Argument gegen Adorno, diese Marotte macht diesen knochentrockenen, bierernsten Denker auch ein bisserl menschlich. Gibt's eigentlich ein Photo, auf dem Adorno mal lacht? Sprache ist zuerst gesprochenen Sprache. Es empfiehlt sich immer die Sätze, die seltsam erscheinen, laut zu sprechen, als hielte man einen Rede. Wenn dort Rythmus und Melodie stimmen, dann geht`s; das ist der Lackmustest auf guten Satzbau. Wem sagst du das. Ich schreibe (fast) immer so, als würde ich mit dem Leser sprechen. Meistens führt das bei mir dazu, daß die Sätze von der Struktur her relativ einfach werden, dem Hörer angepaßt, so als könnte der nicht wieder an den Satzanfang zurückgehen und nachschauen. Ciao Wolfram |
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@walter ter linde
Ich weiß gar nicht, ob die Mär des nachgestellten "sich" überhaupt mehr als eine Mär ist: Berühmtheit erlangte es durch Eckhard Henscheids Haffmans-Buch "Wie Max Horkheimer einmal sogar Adorno hereinlegte", darin 'Kritische Theorie - schmunzelnd'. Hmnja, aus diesem Buch kenne ich einige Geschichten. Auf der anderen Seite ist es so, daß ich noch nie etwas von Adorno gelesen oder gehört habe, bei dem das "sich" an der "richtigen" Stelle gestanden hätte. Es kommt mir wie ein grammatischer Marker bei ihm vor, ähnlich Brechts Verwendung der im Deutschen eigentlich unüblichen Verlaufsform der romanischen Sprachen. "Sitzend im Garten erschien mir..." (das "Zitat" ist nur erfunden, zur Erläuterung). Das nachgestellte "sich" findet man übrigens auch bei manchen anderen Autoren, die sich der Schule Adornos verbunden fühlen. Ciao Wolfram |
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Adorno - End
Warum so kompliziert, lieber Wolfram: Adorno scheint das rhetorische Mittel der Topikalisierung beim Reflexivum mit Infinitivgruppe systematisch verinnerlicht und genutzt zu haben. - Jeder betont seine Sache in seinem Stil. - Ohne mich mit Adorno vergleichen zu wollen, und ohne sagen zu können, ich hätte Adorno wirklich umfassend gelesen, ich tendiere stark, um nicht zu sagen ausschließlich dazu, dieselbe Konstruktion zu verwenden und hatte immer das Gefühl damit den Akzent besonders deutlich setzen zu können. Auf jeden Fall läßt das Deutsche diese Konstruktion zu, sie stellt keinen Regelverletzung dar, jedenfalls nicht auf der Ebenen, die der Duden ursupiert, falls er in diesem Fall etwas anderes aussagte Tut er aber nicht. S. regel 1550 dort wird Kafka als Beispiel gegeben: "Denn in einem Raum, in dem Gregor ganz allein die leeren Wände beherrschte, würde wohl kein Mensch außer Grete jemals einzutreten sich getrauen." (Duden, Grammatik 3. Auflage, 1973) Kafka hat nicht geschrieben: "Denn in einem Raum, in dem Gregor ganz allein die leeren Wände beherrschte, würde sich wohl kein Mensch außer Grete jemals einzutreten getrauen." P.S.: Kafka habe ich intensiver gelesen als Adorno :-) P.S.P.S.: ... dem Hörer angepaßt, so als könnte der nicht wieder an den Satzanfang zurückgehen und nachschauen. ... dem Leser angepaßt, der kann immer wieder wieder an den Satzanfang zurückgehen und nachschauen (wenn`s denn beim ersten mal nicht klappt) ;-). |
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@Uwe Theel
Adorno scheint das rhetorische Mittel der Topikalisierung beim Reflexivum mit Infinitivgruppe systematisch verinnerlicht und genutzt zu haben. Puh, jetzt deckelst du mich aber mit Fachsprech zu, wahrscheinlich hab ich es selber provoziert. Ohne mich mit Adorno vergleichen zu wollen, und ohne sagen zu können, ich hätte Adorno wirklich umfassend gelesen, ich tendiere stark, um nicht zu sagen ausschließlich dazu, dieselbe Konstruktion zu verwenden und hatte immer das Gefühl damit den Akzent besonders deutlich setzen zu können. Ha ick dir erwischt! Wenn du tatsächlich ausschließlich die adornosche Konstruktion verwenden würden täteste, hättest du dann nicht schreiben müssen: " Ohne mit Adorno mich vergleichen zu wollen..."? :o) Auf jeden Fall läßt das Deutsche diese Konstruktion zu, sie stellt keinen Regelverletzung dar, Und wenn, so wäre es auch wurscht. Aber generell hatte ich meine Frage eher psychologisch gemeint als grammatisch. "... dem Hörer angepaßt, so als könnte der nicht wieder an den Satzanfang zurückgehen und nachschauen." ... dem Leser angepaßt, der kann immer wieder an den Satzanfang zurückgehen und nachschauen (wenn`s denn beim ersten mal nicht klappt) ;-). Das ist so eine Geschichte. Wenn sich ein Leser meiner Texte gar zu oft frägt: "Was schreibt dieser Irre da?" und an den Satzanfang zurück muß, dann habe ich wohl etwas falsch gemacht. Wenn ich mir schon die Mühe mache, überhaupt etwas zu schreiben, dann möchte ich, das mag eine Marotte von mir sein, daß dieser Text dann auch gelesen wird und zwar gern gelesen wird. Der Leser soll am Ende seufzen "Schade, daß es schon aus ist" und nicht "Gott sei Dank, ich bin durch". Bei manchem akademischen Autor habe ich oft den Eindruck, er baue drauf, daß die Studenten und seine Fachkollegen den Schinken ohnehin lesen müssen, wenn sie ihr Examen machen wollen oder auf dem Laufenden bleiben wollen. Wenn ich was lese, dann genieße ich den Eindruck, daß der Autor um meine Aufmerksamkeit buhlt. Fehlt dieser Eindruck, so werde ich grantig und klappe das Buch dann schon mal endgültig zu. Als Student kannst du dir das nicht leisten, da mußt du dich durch den Satzdschungel dieser Sadisten quälen. Ciao Wolfram |
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@ Wolfram Heinrich schrieb am 25.06.2010 um 15:04
Ha ick dir erwischt! Haste mir beim mir selba Topikalisieren *) erwischt! *) de.wikipedia.org/wiki/Topikalisierung |
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"Das immergleiche Argument für die passive Beobachterrolle oben auf dem Mont Ventoux weltabgewandter Esoterik: Man sei doch kein Politikberater oder gar ein Volksaufklärer."
Aber Herr Walter, das ist nicht Ihr Ernst. Die Parteien strotzen nur so vor sozialwissenschaftlichen Politikberatern und durch ihren Äther dringt doch an das Ohr der Bevölkerung die Aufklärung - gerade die SPD, die Grünen und die Linken sind feder- und wortführend, sich mit der Übersetzung von regierungspolitischer Sprache zu bemühen. Man kann sich jenseits der Massen an Sozialwissenschaftlern in diesen drei Parteien kaum noch eine Politik ohne diese eifrigen Translatoren vorstellen. Und es geht nicht ganz ohne diese Fachsprache, dort allerdings ebenso bemüht um Erstveröffentlichung, Impact-Faktor und Monopolisierung von Neubegriffen. Prägen die einen die "Wachstumsbeschleunigung", hören wir gegenüber von "Entschleunigung", "Vergesellschaftung" und "antirepressiven Grundsicherungssystemen". Nicht inhaltlich falsch fürwahr, jedoch genauso unlesbar für Leute, die nicht nur Strauss lesen. Was würde aber aus einer breiten Einmischung der Sozialwissenschaft im Gassenjargon aber "anspruchsvoll" resultieren?! Käme dann nicht eine neue Art der Definitionsgleichheit und ohne Hoheit daher und woraus, wenn nicht aus dieser Sprache, hätte dann Politik ihre Macht zu ziehen. Ich halte Ihren Artikel für weniger ehrlich, als Ihre vielen Jahre in der Sozialwissenschaft, in der Sie das hier Geronnene praktiziert haben, denn Ihre Einzigartigkeit, in dieser Weise zu sprechen und zu publizieren, ginge verloren, wenn einträte, was Sie sich da wünschen. Und ein Franz Walter, unzählige Male kopiert, hätte weitaus weniger Definitionshoheit. Verzeihen Sie mir ernstgemeint Lob und Kritik. Ich bleibe weiterhin ein begeisterter Leser Ihrer "Allüren". |
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Das gilt doch bei weitem nicht nur für Sozialwissenschaften.
Es scheint mir eher ein menschliches Bedürfnis zu sein, Teilhabe an exklusiven Zirkeln mit Sprach- oder Statussymbolik zu manifestieren. Ob Einmalreisende das Luftfahrt-Englisch nachäffen um als weitgereist zu gelten, oder Pennäler auf dem Bahnsteig vor sich hinspucken wie die Lamas um als Fußballasse erkannt zu werden, es ist immer der Trieb etwas vorzutäuschen, was nicht wirklich vorhanden ist. Diese Menschen kann man ganz schnell "entkleiden", wenn man sie bittet ihr Geschwurbel allgemeinverständlich zu erklären. Hans Christian Andersen läßt grüßen. |
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Achtung: P.C. attack !!!
Die "Elite" Soll Gefälligst Alltags Sprache Benutzen Statt Sich "Abzugrenzen" Und -, was nützt es dem "Einfachen" "Ungebildeten"wenn er denn einen "text" oder eine "abhandlung" lesen kann und alle wörter kennt aber den inhalt "trotzdem" nicht begreift ?? |
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@einauge
Und -, was nützt es dem "Einfachen" "Ungebildeten"wenn er denn einen "text" oder eine "abhandlung" lesen kann und alle wörter kennt aber den inhalt "trotzdem" nicht begreift ?? Dann ist ihm halt der Inhalt zu schwierig, dergleichen passiert. Es ging hier darum, ob zu den inhaltlichen Schwierigkeiten auch noch eine krause Sprache das Verständnis zusätzlich erschweren sollte. Es kommt hinzu (soweit ich das überblicke), daß es in den Sozial- und Geisteswissenschaften deutlich weniger populärwissenschaftliche Literatur als in den Naturwissenschaften, wo es oft ganz hervorragende Werke gibt. Bei Marx und Freud habe ich es sogar erlebt, daß die einführenden Schriften deutlich schwerer (weil vor Jargon triefend) zu lesen waren als die Originalwerke. Ciao Wolfram |
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Kannitverstan ansich
Macht und Gewalt werden mit den verschiedensten Mitteln ausgeübt. In die Abteilung "Psychologische Kriegsführung" reihe ich die sprachlichen und pseudo-rationalen Versuche, bei denen jemand die eigenen Interessen gegen andere durchsetzt, bzw. verteidigt. Diese Veranstaltung findet sich nicht nur im Wissenschaftszirkus, sondern auf allen Ebenen menschlichen Strebens um Vorteile. Das Etikett "gebildet", bwz. "eingeweiht, läßt sich jedem aufkleben, der einem anderen gegenüber einen Wissensvorsprung hat und es spielt keine Rolle, ob es sich dabei um einen Kindergartenpimpf oder einen Professor Doktor Doktor Doktor handelt, denn es geht gewöhnlich nur um persönliche Interessen und keine Wahrheit "ansich". Daß man es mit "objektiven Fakten" zu tun hat, wollen einen die jeweiligen Interessenten nur glauben machen, weil der Heiligenschein, der über den sogenannt allgemeingültigen wissenschaftlichen "Gesetzen" schwebt, bei der Durchschnittsbevölkerung noch immer als sakrosankt gilt. Mit der hochgelobten Autorität und Exklusiviät der fachlichen Zwinger ist es nämlich nicht allzuweit her. Da bröseln die Argumente sehr schnell, wenn man einmal an das Eingemachte (die Objektivität) rührt. Da schlägt so eine exklusive Abgrenzung auch schnell mal in die andere Richtung um und die Abgrenzer sind die Ausgegrenzten, wenn erst einmal klar ist, daß dieser exklusive Schmonzes [Allgemeingültigkeit] völlig irrelevant ist, bzw. auf falschen Voraussetzungen beruth. Dann können sich die pseudo-elitären Experten ihre Expertise sonstwo hinschmieren, weil ihnen plötzlich jede Glaubwürdigkeit abhanden kommt. Avantgarde findet dann anderswo statt. Sind die Grundfragen nicht geklärt, muß man sich nicht wundern, daß es die Mißverständnisse und das Unverständnis nur so aus allen möglichen Texten und Reden hagelt. Die Grundfrage heißt: Was soll "Verständnis", bzw. "Verstehen" sein? Geht man dabei von der Möglichkeit eines objektiv-allgemeingültigen Wissens aus, ist von vornherein Hopfen und Malz verloren und so ein falsches Verständnis landet in einer Sackgasse, aus der es kein Entkommen mehr gibt. Die Widersprüche werden nicht weniger, sondern mehr. Dann geht es nicht mehr darum, etwas in einer verständlichen Sprache auszudrücken, sondern darum, daß man es mit mehr Irrationalität zu tun hat, als man glaubt. Dann ist es auch egal, ob die Veranstaltung in den Natur- oder in den Geisteswissenschaften stattfindet. Wenn es darum geht, ob etwas nützlich oder bedeutungsvoll ist, dann hat man es mit einem Wert- und damit mit einem Interessenproblem zu tun. Dann hat das Urteil erst in zweiter Linie etwas mit Logik zu tun und in erster Linie mit einem Zweck, der verfolgt wird, einem Willen, dem es auf etwas ankommt. Die kritische Prüfung auf Widersprüche gilt jetzt nicht mehr einem Wissen "ansich", sondern nur bezogen auf den grundsätzlichen Ausgangspunkt und der ist kein logischer, sondern ein moralischer, wie die Wahrheit in erster Linie eine moralische Größe ist und keine technische. Die Logik ist nichts weiter, als eine Moral des Denkens und sollte erst einmal als ethische Anforderung verstanden werden. Damit haben es die objektivischen Realitätsapostel aber eher nicht. Sie halten das Paradigma einer neutralen Allgemeingültigkeit [formale Logik] weiterhin aufrecht und hoffen, daß ihnen das große Publikum nicht auf die Schliche kommt [mit den Zunftgenossen, die sich gegen dieses heilige Credo wenden, wird man schon irgendwie fertig]. Daß Fakten keine Wirklichkeit sind und daß es allgemeingültige Wirklichkeit überhaupt nicht geben kann, geht leider immer noch über den Horizont der meisten Leute und man muß schon froh sein, wenn Juristen (hoffe ich) begriffen haben, daß Fakten kein Recht schaffen. Es soll sogar Leute geben, die zudem "verstehen", was es mit dem sogenannten "naturalistischen Fehlschluß" auf sich hat (daß sich nämlich aus Wirklichkeit überhaupt keine Moral ableiten läßt). Leider gehören derartige Erkenntnisse nicht zur Standard-Ausstattung grundschulischer Ausbildung, so daß weiter auf breitester Basis das Sein mit dem Sollen verwechselt wird, mit all den Konflikten eines verfehlten Rechthabertums, das so eine Aktion mit sich bringt. Daß Naturgesetze, wie alle anderen Gesetze auch, nicht "ansich" gelten, sondern auf gewisse Voraussetzungen bezogen sind, ist den ungebildeten Leuten schwer vermittelbar, denn in diesem Milieu ist der Wunsch Vater des Gedankens. Das ist alles Psychologie und hat mit Verstand nicht viel zu tun. Ökonomisch steht es auch nicht viel anders. Viel mehr Psychologie als Rationalität. Überall wimmelt es nur so vor Interessen und Zwecken, die in einen pseudo-logischen Rahmen gebügelt werden. Diese Art von rationalem Optimismus, beruth letztlich auf dem Irrtum, daß man es mit einem "Gegebenem" zu tun hat, aber es ist nichts wirklich gegeben, sondern immer schon mehr oder weniger frei interpretiert. Wer diese grundsätzliche Willkür nicht einplant, tut sich auch mit der angesammelten mächtigen Willkür schwer. Solange es aber nur auf bloße Rhetorik ankommt, ist es auch kein Problem aus schwarz weiß zu machen. Man trimmt sein Argument darauf, was vom Publikum verstanden werden kann und schon ist der Käse gebissen. Um was es dabei im einzelnen geht und wie es um das Niveau steht, spielt keine große Rolle, solange die Veranstaltung nur harmonisch über die Bühne geht. der Fliesenleger |
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