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Es geht auch ohne Rockkonservatismus – zumindest, wenn man Lou Reed heißt

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„If you don't think it's music, then get the fuck outta here.“ Man muss sicher mindestens Lou Reed heißen, um sich so einen Satz gegenüber seinem Publikum zu erlauben, das immerhin Eintritt gezahlt hat, um sich das illustre Trio aus Lou Reed, Laurie Anderson und John Zorn beim Montreal International Jazz Festival anzuschauen. Und zu genießen. „Genießen“ allerdings war nicht im Sinne der Künstler. Denn was die Veranstalter leichtsinnigerweise in ihrer Ankündigung geschrieben hatten – sinngemäß verkürzt: „der Mann der mit „Walk On The Wild Side“ einen Hit hatte“ – war weit entfernt von der Anmutung des in der Tat „Wild-side“-Ausflugs in die vorwiegend atonale Lärmhölle kompromissloser Improvisation.

Man hätte sich das denken können, wenn man das Schaffen der Protagonisten auch nur ein wenig verfolgt hat. Laurie Anderson – seit den Achtzigern eine Avantgardepop-Ikone – hatte erst kürzlich mit ihrem „Music For Dogs“-Konzert auf den Treppen des Opernhauses in Sydney für Aufsehen gesorgt, dessen Titel wörtlich verstanden werden muss. Saxophonist John Zorn zählt zu den kompromisslosesten und renommiertesten Lärm-Apologeten der letzten dreißig Jahre Jazzgeschichte. Und Lou Reed – nun ja – der ist gerade meist mit seinem Metal Machine Trio zu Gange, das sich hingebungsvoll dem Tribut an eines der groteskesten Alben der Rockgeschichte widmet. „Metal Machine Music“ erschien 1975, besteht über vier Albenseiten aus praktisch nichts als düster dräuenden Feedbacks und wurde wahlweise als Reeds durchgeknalltes Drogenexperiment oder brutale Rache an Plattenfirma, Publikum und mäkelnden Kritikern interpretiert. Nur nicht als ernstgemeintes Werk, auch wenn ein damals ständig zugedröhnter Reed gern etwas anderes erzählte, was sich wiederum bei Rockkritikerlegende Lester Bangs in wunderbarer Gehässigkeit nachlesen lässt. (Bangs liebte das Album übrigens inbrünstig, gerade weil es so schauderhaft unhörbar war.)

Jedenfalls war das Publikum in Montreal – zumindest zu großen Teilen – offensichtlich unzufrieden und ließ die Musiker das auch lautstark wissen. Man kennt solche Aufregung aus den wilden Tagen der Neuen Musik, wo sich Traditionalisten gern anlässlich von spektakulären Premieren verabredeten, um dem Event des enthemmten Ausbuhens beizuwohnen und ordentlich beizutragen. Oder von „Theaterskandalen“. Also der sogenannten Hochkultur, zu dessen Kanon Jazz immer noch nicht so richtig und Rockmusik schon gar nicht gezählt wird, auch wenn sich das mit dem fortschreitenden Alter des Genres und seiner Akteure sowie einem gediegenen Fundus an Klassikern langsam ändert. Immer deutlicher wird dabei das Dilemma, das gerade die Stars der stilbildenden Blütezeiten des Rock haben, die – so sie noch aktiv – kaum in der Lage sind, aufregend Neues zum Thema beizutragen.

Ihre Konzerte sind oft kaum mehr als eine Reminiszenz an die „guten alten Zeiten“, der Hitlieferservice für ein Publikum ohne Anschluss an (wenigstens) Trends oder gar Innovation. Alben werden – wie man das zum Beispiel bei den Rolling Stones in Perfektion begutachten kann – nur noch als Aufhänger für die nächste Tour produziert, bei der kein Mensch erwartet, dass die neuen Songs überhaupt gespielt werden. Sich diesem quasi selbstverständlichen Kreislauf zu entziehen ist heikel, läuft man doch so Gefahr, die Basis des Resterfolgs – die mitgealterte Fanschar – zu vergrätzen. Leisten kann sich das nur, wer genug Mumm, einen über alle widrigen Zeiten hinweg immer noch strahlkräftigen Namen und eine einschlägige Reputation als Widerborst hat. So wie Lou Reed.

Der mag es wahrscheinlich sogar, als arrogant angesehen zu werden, weil er die künstlerische Kapitulation zugunsten geschmackskonservativer Ticketkäufer nicht mitmachen will. Immerhin: seine Alternative ist attraktiv genug, um sich ein vielleicht kleineres aber – zumindest aus seiner Sicht – feineres Publikum warmzuhalten, das sich auch an gediegen kakophonischem Lärm erfreuen kann. Zumindest, wenn ein Lou Reed auf der Bühne steht. Der hat ohnehin genügend zu tun mit dem Kuratieren von Fotoausstellungen und Filmfestivals, einer eigenen iPhone-App (ganz ohne Musik) oder allen möglichen Auftritten in diversen Konstellationen. Und für die großen Bühnen und ein dankbares Massenpublikum lädt er sich halt einfach zum spektakulären Glastonbury-Auftritt der Gorillaz ein. So gehts halt auch.

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