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Kultur : Von Weizen und Wanzen

„Zur Nachahmung empfohlen!“: Wie ein künstlerischer Hindernislauf die Schnittstellen von Kunst, Kultur und Wissenschaft verbindet

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Ein Mann fährt hinaus aufs Meer. Sein Vehikel ist ein umgedrehter brauner Holztisch. Dessen vier Beine ragen in den Himmel, und ein Motor treibt das Gefährt auf dem milchig-grünen Wasser voran. Mit dieser Momentaufnahme auf dem Plakat, Teil des Land-Mark-Projektes „Under discussion“, und dem Imperativ „Zur Nachahmung empfohlen!“ wirbt die Ausstellung gleichen Namens, die zu „Expeditionen in Ästhetik und Nachhaltigkeit“ aufbricht.

40 Einzelkünstler und Künstlergruppen haben sich der Forschungsreise in den Uferhallen angeschlossen. Der Ort ist klug gewählt. Der Standort nahe des Flusses Panke im ehemaligen Arbeiterbezirk Wedding hat sich verändert: Im 19. Jahrhundert diente er als Pferdebahnhof, wurde in den 1920er-Jahren zum Straßenbahndepot umgebaut und war später Zentralwerkstatt der Berliner Verkehrsbetriebe. Seit 2007 findet hier in privater Trägerschaft Kultur statt. Die unter anderem von der Kulturstiftung des Bundes geförderte Ausstellung „Zur Nachahmung empfohlen!“ bespielt bis zum 10. Oktober Teile des Geländes und wandert danach weiter.

Am Eingang sieht alles nach vertrauter Musealität im Industriedenkmal aus, inklusive Souvenirshop. Doch der künstlerische Hindernislauf vor Ort ist von einem spannenden Werkstattcharakter an den Schnittstellen von Kunst, Kultur und Wissenschaft geprägt; Irrlichter und Irritationen inbegriffen. Besucher können Wasser aus der Panke in der „Berliner Schöpfung“ filtern, werden als „familiär bindungslose Europäer“ symbolisch an Pateneltern in Ghana vermittelt oder erwerben und verkaufen beim „Time Notes Project“ reale und imaginäre Zeit bei einer mobilen Bank. In der Tradition der Konzeptkunst stehen ebenfalls die Performances von Néle Azevedo, die mit „Minimum Monument“ auf die globale Erwärmung aufmerksam macht. Innerhalb kurzer Zeit schmelzen ihre fragilen Eisfiguren, die auf Stufen im öffentlichen Raum ausgesetzt werden. Mit dieser Aktion war die Künstlerin weltweit auf Achse, im Sommer 2009 mit tausend Figuren auf dem Berliner Gendarmenmarkt. In der Ausstellung ist dies in einem Video zu verfolgen.

Von Vergänglichkeit und Deformation erzählen auch „Weizen und Wanzen“. Wie in einem Memento Mori sind Weizenähren auf Fotografien und in nummerierten Kästen verewigt. „Dort, wo herkömmliche Arten aussterben, verlieren die Menschen etwas von ihrer Geschichte und Kultur“ ist der Titel der Installation von Ursula Schulz-Dornburg, ein Zitat des Alternativen Nobelpreisträgers Pat Mooney. Auch Wanzen im Umfeld von Atomkraftwerken gehören zu den manipulierten Arten: Mit Aquarellfarben tupft Cornelia Hesse-Honegger diese and andere Insekten, die sie in einer 20 Jahre langen Feldstudie untersucht hat, mit ihren Schädigungen durch Radioaktivität zu zartgliedrigen Kunstwerken auf Papier. ­Zwischen den erdrückenden Tatsachen irrlichtern immer wieder heitere Geistesblitze und konterkarieren Marktgesetze, wie bei Christin Lahr, die der Deutschen Bundesbank täglich 1 Cent und 108 Zeichen aus dem ersten Band des Marx’schen Kapital überweist.

So fährt er dahin, der Mann auf seinem provisorischen Gefährt in der Weite des Ozeans; stellt Fragen, lanciert Wissen, macht hier und da ein übermütiges Bäuerchen und sucht nach neuen Ufern. Und mit ihm fährt diese Ausstellung in die Welt hinaus. Folgen Sie ihr, wenn Sie können!

Bis 10. Oktober in den , Uferstraße 8 11 in Berlin-WeddingUferhallen

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