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Kultur : Der Aufstand ist da!

Zumindest auf Papier: Warum das anarchokommunistische Manifest "The Coming Insurrection" eine ebenso gewaltige wie gespensterhafte Wirkung erzielt

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Als das aus Frankreich stammende anarchokommunistische Manifest La Insurrection qui vient vor anderthalb Jahren als The Coming Insurrection ins Englische übersetzt in einem kalifornischen Independent-Verlag erschien, erlebte es weltweit und auch hierzulande eine breite Rezeption in der linken Szene. Die jetzt erschienene deutsche Version Der kommende Aufstand wird derzeit, wenn auch sehr spät, flächendeckend im hiesigen Feuilleton besprochen (der Freitag war in diesem Fall allerdings Avantgarde, siehe Kasten, Anmerk. des bearbeitenden Redakteurs). Dort ruft es zwar Interesse, stellenweise wegen der literarischen Qualität sogar Begeisterung hervor, etwa bei Nils Minkmar in der 'FAS', trotzdem gehen die Rezensenten mit spitzen Fingern an den Text heran. Wer radikal links steht, muss naiv sein, denn die Praxis widerlegt jegliche Sozialromantik, so der postideologische Kanon.

Nun ist aber eigentlich genau das Gegenteil der Fall. Denn die Virulenz des Textes hat in erster Linie etwas mit den realen Ereignissen zu tun, die der Entstehung des Manifestes vorausgingen und folgten. Die Aufstände in den Banlieues im Herbst 2005 und die Revolte in Griechenland 2008 sind zwei völlig unterschiedliche, voneinander unabhängige Ereignisse, die sich aber in dem Konzept der sozialen Implosion, die der Text beschreibt und einfordert, wiederfinden lassen. In diesem Sinn taugt das Manifest als Drehbuch einer Abfolge von dezentralen, selbstorganisierten militanten Protesten. Die jüngsten Ausbrüche politischer Gewalt bei einer Studentendemonstration in London, die stundenlangen Straßenschlachten beim spanischen Generalstreik in Barcelona Ende September, die Müllkrawalle in Neapel und die Ausschreitungen in Frankreich vor wenigen Wochen legen gar den Schluss nahe, die Taktung der Krawalle veränderte sich.

Gespensterhaft

Der Rhythmus, in denen diese weder formal noch inhaltlich miteinander in Verbindung stehenden Proteste aufeinander folgen, wird beschleunigt. Aber keines dieser jüngsten Ereignisse hat eine einschneidende Wirkung. Es gibt einen, vielleicht zwei Tage lang Randale, danach kommen die Aufräumarbeiten, die Innenstädte kehren zum normalen Tagesbetrieb zurück, als wäre nichts geschehen. Ein Revolten- oder Aufstands-Szenario lässt sich daraus nicht einmal ansatzweise ablesen. Genauso wenig taugen die weit ins bürgerliche Lager hineinreichenden Proteste gegen den Castor-Transport oder Stuttgart 21 dazu, von der sich radikalisierenden Protestkultur zu sprechen, auf den das Manifest eigentlich abzielt.

Dennoch ist die diffuse Revolten-Sehnsucht, die dieses kleine Büchlein ausdrückt, in all diesen Ereignissen präsent. Ob die Akteure den Text als Anstoß verstehen oder ihn nicht einmal kennen, bleibt unklar – ebenso wie breit die Rezeption des Manifests weltweit wirklich ist. Der kommende Aufstand kursiert auf unzähligen Seiten in mehrere Sprachen übersetzt im Netz, wird dort heruntergeladen, eine andere deutsche Version neben der jetzt im Nautilus-Verlag erschienenen gibt es bereits seit Monaten. Das Buch ist so gespensterhaft und schwer fassbar wie das Phänomen, das es beschreibt. Der kommende Aufstand hat als Text ebenso ein Eigenleben wie die Revolten en miniature, die er weniger heraufbeschwört als vielmehr trocken konstatiert. Was immer sich derzeit an unkontrolliertem linken politischen Protest auf der Straße ereignet: es findet seine ideologische Begründung in diesem Text, der fester Bestandteil des politischen Ereignishorizonts geworden ist. Als Erzählung ist die Revolte schon vorhanden, die soziale Realität steuert bruchstückweise neue Kapitel bei. Nur der Aufstand ist das nicht – oder noch nicht.

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