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Kultur : Ein Schuss, ein Bild

De Beauvoir, Fellini und Truffaut frönten ihm: Dem Fotoschießen. Jetzt zeigt die Berliner Ausstellung "Shoot!" wie aus der Jahrmarktattraktion ein Kunstvergnügen wurde

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Der Kopf des Knirpses ragt kaum über den Tresen. Er hält das Gewehr einigermaßen fest und hat ein Ziel anvisiert. Es ist François Truffaut als Zwölfjähriger, der später als Filmemacher bekannt werden sollte und der hier wie viele andere dem Fotoschießen frönt. Einer Jahrmarktsattraktion, bei der jeder Schütze auf eine Scheibe zielt, über der eine Kamera montiert ist: Trifft er, wird im Fotoapparat eine Aufnahme ausgelöst – genau hierfür scheint die Bezeichnung „Gegenschuss“ aus dem Vokabular des Films erfunden worden zu sein –, und der Schütze im Moment des Schießens festgehalten.

Wie viele Leute dem Reiz des Fotoschießens erlegen sind, zeigt die Ausstellung Shoot! Fotografie existentiell, die im Postfuhramt bei C/O Berlin zu sehen ist. Dort sind reihenweise selbst geschossene Bilder versammelt. Allein das „Kabinett der Berühmtheiten“ ist eindrucksvoll: Simone de Beauvoir, Jean-Paul Sartre, Robert Frank, Federico Fellini.

Dass ein Freizeitvergnügen in eine Kunstausstellung überführt wird, liegt in erster Linie daran, wie anschaulich die Doppelbedeutung des Schießens hier wird: Das Bild des Schützen, der sein Selbstporträt „schießt“, versteht jedes Kind.

Lebensgeschichte in Schnappschüssen

Tatsächlich wird in den Bildern dann aber eine andere Ebene der Fotografie sichtbar, und darin besteht das Verdienst dieser Ausstellung. Die Holländerin Ria van Dijk porträtiert sich seit 1936 jährlich an einem Schießstand in Tilburg. Die Aufnahmen, die van Dijks Lebensgeschichte auszugsweise dokumentieren und die bei C/O Berlin alle zu sehen sind, erschienen erstmals in einem Bändchen der Reihe In almost every Picture. Darin verdichtet Erik Kessels found footage-Material zu serieller Kunst. Bei Ria von Dijk heißt das: Eine beleibte Holländerin steht über Jahre regelmäßig am Tresen einer Schießbude. Die selbst geschossenen Porträts von van Dijk erzählen aber viel mehr: Sie illustrieren die Entwicklung von Mode, Lebenswandel und Fotografietechnik im sommerlichen Tilburg.

Von dieser zweiten Ebene, dem, was die Bilder über das immer gleiche Motiv hinaus erzählen, gehen andere Arbeiten spielerisch aus. Etwa Shooting himself von Sylvia Ballhause. Die Fotografin hat ein Konvolut von Fotoschüssen so zugeschnitten, dass diese nur noch den Oberkörper des Schützen zeigen. Der Fokus wird dadurch zum einen auf die stets gleiche Physiognomie, zum anderen auf die wechselnde Kleidung des Schützen gelegt. Die Jeansjacke mit Union-Jack-Aufnäher oder der Ballonseideanzug sind die einzigen Attribute, über die man den Schützen charakterisieren kann.

Die Gewalt, die aus den Bildern spricht – immer sieht der Betrachter Bilder, aus denen Menschen auf ihn zielen –, hat Christian Marclay thematisiert. Für die Videoinstallation Crossfire montierte Marclay Schussszenen aus zahllosen Filmen wie Pulp Fiction und Der letzte Mohikaner zu einem rasanten Gesamtkunstwerk. Die Arbeit, die in einem abgedunkelten Raum auf vier Wände projiziert wird, stellt den Zuschauer mitten ins geballte Kreuzfeuer des Kinos.

Der Besucher der Schau kann übrigens selbst zur Waffe greifen. Dass der Umgang damit einiger Versuche bedarf, trübt nicht den Spaß, den der eigens für die Ausstellung gebaute Schießstand macht. Man kann François Truffaut gut verstehen.

Shoot! Fotografie existentiell C/O Berlin, Bis 1. Mai. Der Katalog kostet 24

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