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Kultur : Die Architektur der Malkunst

Die Darmstädter Mathildenhöhe zeigt „Ernst Ludwig Kirchner als Architekt“. Realisiert wurde keines seiner Projekte, doch die Ausstellung ist eine kleine Sensation

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Ernst Ludwig Kirchner als Architekt lautet der Titel einer Ausstellung auf der Darmstädter Mathildenhöhe. Und der Leser oder Besucher fragt sich, ob da nicht ein Fragezeichen fehlt, denn als Architekt ist der expressionistische Maler (1880-1938) völlig unbekannt. Die von Katharina Siegmann betreute Schau zeigt Architekturzeichnungen aus dem Nachlass Kirchners. Damit wird rund ein Zehntel des architektonischen Werkes aus den Jahren 1901 bis 1905 erstmals öffentlich präsentiert.

Die sorgfältig konzipierte und im Katalog überzeugend dokumentierte Ausstellung ist allein deshalb ein Verdienst, um nicht zu sagen: eine kleine Sensation. Vor allem aber entlarvt sie die voreilige Kategorisierung als falsch, wonach zwischen Historismus, Jugendstil und Moderne (also Expressionismus) ein radikaler Bruch bestehe. Eher dominieren Kontinuitäten, Übergänge, Ligaturen.

Kirchners Architekturzeichnungen wie auch jene von Fritz Bleyl – sie studierten zeitgleich an der TH Dresden Architektur und schlossen 1905 mit dem Diplom ab – belegen nämlich einen sanften Übergang beziehungsweise eine vibrierende Gleichzeitigkeit von akademischer Tradition und früher Moderne. Die beiden anderen Mitglieder der Dresdner Künstlergruppe „Brücke“ – Erich Heckel und Karl Schmidt-Rottluff – studierten zwar auch Architektur, aber wohl eher sporadisch, denn aus dieser Lebensphase hat sich von beiden nichts erhalten. Die Wahl des Wortes „Brücke“ für die Gruppe verweist auf das Selbstverständnis der vier Maler als Künstler des Übergangs vom Alten zum Neuen.

Die nervöse Farbigkeit seiner späteren Bilder

Die Gleichzeitigkeit von Tradition und dem Tasten nach Moderne in den Architekturzeichnungen Kirchners resultiert auch aus der Statur von dessen akademischen Lehrern Paul Wallot, dem Architekten des Berliner Reichstags, und Fritz Schumacher, dem Reformarchitekten der Generation des Aufbruchs im Zeichen der Lebensreform um 1900. Die doppelte Verpflichtung wird in Kirchners Zeichnungen fassbar – etwa in seiner Diplomarbeit von 1905: Die Friedhofsanlage bewegt sich architektonisch mit jugendstilhaften Ornamenten, aber auch durchsichtigem wilhelminischem Pathos auf der „Höhe der Zeit“ (Dieter Bartetzko). In anderen Entwürfen Kirchners – realisiert wurde kein einziges seiner Projekte – sind die architektonischen Einflüsse fortschrittlicher Tendenzen von Zeitgenossen (Adolf Loos, Otto Wagner, Peter Behrens) sichtbar.

Der Entwurf für ein Herrenzimmer (1904) etwa enthält Möbel von einer formalen Geradlinigkeit, wie sie erst 15 Jahre später am Bauhaus zum ästhetischen Standard der Moderne geworden sind. In der Kolorierung der Entwürfe, etwa eines Bibliothekzimmers, erscheint bereits die nervöse Farbigkeit der späteren expressionistischen Bilder. Farblich eruptive Bilder sind in vielen der konstruktiven Blätter enthalten, besonders eindrücklich im schematischen Gesamtplan für eine Friedhofsanlage, deren Grundbestandteile mit schwarzer, violetter, grüner und blauer Tusche markiert werden.

Die Frage, welche Art von Architektur Kirchner geschaffen hätte, wenn er sich nicht unmittelbar nach dem Diplom von der Architektur ab- und der Malerei zugewandt hätte, lässt sich nicht beantworten. Aber dass sich Züge der Malerei in seinen frühen Zeichnungen andeuten, belegen Ausstellung und Katalog.

Ernst Ludwig Kirchner als Architekt Mathilenhöhe Darmstadt. Bis 8. Januar 2012. Der Katalog kostet 25

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