Kultur

News of the World | 01.12.2011 17:45 | Terry Eagleton

Privatsphäre und Privatbesitz

Was hat das Abhören von Anrufbeantwortern mit dem Mittelalter und was mit dem Spätkapitalismus zu tun? Terry Eagleton versucht sich an einer Antwort

In Großbritannien hat ein Untersuchungsausschuss unter Richter Brian Leveson prominente Opfer des Abhörskandals um den Murdoch-Konzern angehört. Die Schauspielerin Sienna Miller beklagte dabei massive Eingriffe in ihr Privatleben und dass die News of the World ihr  "das Leben zur Hölle gemacht hat". Doch wo fängt Öffentlichkeit an und wo hört Privatheit auf?

Indem die Paparazzi der Schauspielerin Sienna Miller ins Gesicht spuckten, um ein angemessen sensationelles Bild zu erhalten, haben sie uns an etwas Wichtiges erinnert: Im Leben eines Menschen gibt es nichts von Natur aus Privates. Der Toilettengang oder auch der Sex sollten es zwar sein, das alles konnte man vor ein paar Jahrhunderten aber noch ohne jedes Schamgefühl in der Öffentlichkeit tun. Im mittelalterlichen Europa waren Ehebetten noch keine ausgesprochen privaten Orte und das Bedürfnis, sich unbeobachtet zu erleichtern, wurde wohl als ebenso exzentrisch betrachtet wie sich selbst einen Witz zu erzählen.
Die Grenze zwischen Öffentlichem und Privatem verschiebt sich von Epoche zu Epoche und von Kultur zu Kultur. Im vormodernen Europa waren die drei großen spirituellen oder symbolischen Bereiche – Religion, Sex und Kunst - allesamt öffentliche Angelegenheiten. Religion war im Verbund von Thron und Altar eine mächtige politische Kraft. Sexualität war eine Frage der dynastischen Heirat, der Zusammenführung und Mehrung von Grundbesitz und der Schaffung von Arbeitskräften. Künstler waren bezahlte Angestellte von Kirche, Hof und Staat.
Dies bedeutete, dass Kunst, Religion und Sexualität wirklich etwas zählten. Sie spielten in der öffentlichen Sphäre eine wichtige Rolle. Sie waren sogar so wichtig, dass man wegen Ketzerei verbrannt werden konnte, die Sittenpolizei einem gegebenenfalls die Tür eintrat oder die Obrigkeit einem diktierte, was man zu schreiben, malen oder komponieren hatte.

Privatisierungen in der Moderne

Mit dem Entstehen der Moderne kam es dann zu einigen notwendigen Privatisierungen. Ein Beispiel war die Privatisierung Gottes. Für die Protestanten wurde die Religion zu einer Sache zwischen sich und dem Allmächtigen. Den Staat ging sie fortan eigentlich nichts mehr an. Was die Sexualität angeht, so konnte man tendenziell mit jedem schlafen, der einem gefiel, je mehr die Vorstellung von der romantischen Liebe sich durchsetzte.

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Aber es gab da ein Paradox. Die Privatisierung von Kunst, Religion und Sexualität setzte diese frei, trug aber auch in gefährlicher Weise zu ihrer Trivialisierung bei. Wie die Hamsterzucht oder das Sammeln von Tassen, gingen sie nun niemanden mehr etwas an außer einen selbst. Wenn niemand mehr auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde, lag das zum Teil daran, dass spirituelle Werte in einer materialistischen Gesellschaft zunehmend an Bedeutung und Einfluss einbüßten.
Nur noch wenige beschwerten sich über künstlerische Experimente, da die Kunst in jeder Hinsicht ziemlich sinnlos geworden zu sein schien. Und wenn man mit jedem ins Bett steigen konnte, mit dem man wollte, lag dies zum Teil daran, dass die Sexualität ihre gesellschaftliche und politische Dimension verloren hatte. Das Wort „privat“ leitet sich im Englischen von „privation“ ab, was auf Deutsch unter anderem Entbehrung, Mangel oder auch Not heißen kann. Damit wird angedeutet, dass alles, was der öffentlichen Sphäre entzogen wird, keine wirkliche Existenz besitzt. „Privat“ bedeutete „Hände weg“, aber gleichzeitig auch „eigentlich nicht wichtig“. Wenn es also eigentlich nicht wichtig ist, mit wem man ins Bett geht, was kann dann falsch daran sein, dass darüber berichtet wird?

Die Moderne hat in dieser Hinsicht ein gewisses Gleichgewicht geschaffen. Wir genießen sexuelle Freiheit und Privatheit, halten Sexualität mit unseren vormodernen Vorfahren aber nach wie vor für eine öffentliche Angelegenheit, die die Politik unter Umständen durchaus zu interessieren hat. Der Staat sollte sich zwar nicht in Fragen der Schwangerschaftsverhütung einmischen, bei häuslicher Gewalt aber durchaus.

Krasses Missverhältnis

In einer Hinsicht herrscht allerdings ein krasses Missverhältnis zwischen Öffentlichem und Privatem. Es gehört zu den Eigenarten der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft, dass die öffentliche Welt des Handels, der Finanzen und Warenproduktion Privatinteressen unterliegt. Dies schließt die Medien mit ein. Die Veröffentlichung des Privaten, wie im Falle der Hetzjagd auf Sienna Miller, ist eine Folge der Privatisierung des Öffentlichen.

Letzten Endes machen die Medien aus dem Privatleben einzelner Leute öffentliche Spektakel, weil die Medien von der Macht und dem Vermögen Einzelner betrieben werden. Wenn heute jedes Privatleben potenziell der Öffentlichkeit gehört, dann liegt das daran, dass der Privatbesitz die Verantwortung der Öffentlichkeit untergraben hat. Unsere Achtung vor der Privatsphäre eines Menschen macht uns das Hacking von Telefonen so widerwärtig und unsere Achtung vor dem privaten Profit lässt solche Verletzungen der Privatsphäre blühen. Um diesen Widerspruch zu lösen braucht es allerdings mehr als einen Parlamentsausschuss.

Übersetzung: Holger Hutt
 
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Kommentare
Wiesengrund schrieb am 03.12.2011 um 21:43
Was die Kunst betrifft, so schreibt dieser Aufsatz etwas an der Aktualität vorbei. Heute erleben wir nicht den Rückzug der Kunst ins Private, sondern im Gegenteil, die Überfrachtung des Öffentlichen Raums durch Ästhetik: Darstellung, Dramaturgie, Schein, Style und Animation wohin sich blicken lässt – Weihnachten als professionelles Massacker der Sinne steht erst wieder noch bevor.

Dieser, von Eagleton etwas vorschnell als „Trivialisierung“ bezeichnete Prozess, hat seine Wurzeln, jeder weiß es, tatsächlich in der (ökonomischen) Zweckexplosion der Moderne – Stichwort Kulturindustrie; aber, im Vergleich zum zitierten Mittelalter, wo die Kunst auf ein Mäzenatentum, das heißt auf die gut betuchte Stifterlaune angewiesen war, die ein gewisser Herr Sloterdijk mit seiner Mär von der thymotischen Tugend auch fürs 21 Jhd. wieder gesellschaftsfähig machen wollte, hat sich in der Moderne schon etwas getan. So ist die Kunst in der Moderne – zumindest kurzzeitig – erst vollends zu ihrem wesenhaften Charakter gelangt: Die Zwecklosigkeit, in anderen Worten Autonomie.

Zwar gibt es nicht mehr wie vielleicht noch im Mittelalter einen festen Begriff davon was Kunst überhaupt ist, weil im Zusammenfall von Masse und Klasse (Postmoderne/Spätkapitalismus) jegliche objektive Perspektive verloren gegangen ist, und durch die zunehmende Virtualisierung des Lebens mittlerweile ein Schwebezustand vorherrscht, der auch keine Besinnung mehr darüber aufkommen lässt, was Fundierung einmal bedeutet hat. Aber dass die Gegenwart kunstlos sei, lässt sich beim besten Willen nicht behaupten.

Was fehlt sind die geschulten Augen und elaborierten Ohren, um die Kunst in den ubiquitären Werken zu erkennen sowie zu kritisieren. Es fehlt an Rezeptionsvermögen, an ästhetischer Urteilskraft und an gebildeten Köpfen um das wahrgenommene zu diskutieren. Denn Kunst ist nichts ohne sprachliche Auseinandersetzung, sie muss durch das Medium des Begriffs nochmals vermittelt werden, ansonsten bleibt sie ostentative Andacht und hat jede Chance auf das Politische, auf die Ethik, die in jeder Ästhetik steckt, vertan. Es geht darum „zu begreifen, was uns ergreift“ (Emil Staiger). Dann ist Kunst qua ihrer Autonomie „die gesellschaftliche Antithesis zur Gesellschaft“ (Adorno).


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