Das Demo-Tape des 21. Jahrhunderts heißt Youtube-Video. Der Hype ist die Hoffnung jener Musiker, die ihr Talent feilbieten, das aber nicht in Castingshows tun wollen. Das Netz bestimmt sich durch die Klickrate seine Stars selbst. Bisher blieb für die Musikindustrie nach dem Hype der monetäre Übersetzungsversuch ins alte System Plattenverkauf. Bei Lana Del Rey scheint es, als habe sich die Industrie auf der Suche nach Ertrag des Phänomens „Internethype“ mit allen Mitteln des Marketings angenommen.
Am 27. Januar erscheint Lana Del Reys Debütalbum Born to die. Schon im August hatte sie in Eigenregie, so die Legende, einen Clip zum Song Video Games bei Youtube hochgeladen – collagierte Sequenzen verblasster Hollywood-Ikonografie und amerikanischer Kleinstadtjugend. Leuchtreklamen, Wind im Haar, Pool im Garten, Skateboard fahren – verwehtes Freiheitsgefühl im Vintage-Filter-Look und Visualisierung des Künstlernamens, der sich aus Lana Turner, Sexsymbol aus der großen Zeit der Hollywoodstudios, und dem Automodell Ford Del Rey zusammensetzt.
Einen Monat und 1,2 Millionen Klicks später präsentierte Universal Music in Deutschland „die Musikerin hinter dem Internet-Hit“, die ihre Songs noch nie veröffentlicht habe. Der Konzern kündigte für Anfang Oktober eine Single an und schneiderte Del Rey eine Biografie zurecht, die im freien Assoziieren von Keywords identifikationstauglicher Lebensläufe entstanden sein muss: Kleinstadt-Kindheit, Jugend im Internat, mit 18 Jahren der große Traum New York, für die White-Trash-Credibility ein paar Monate Trailerpark, „Open Mic Night“ in Williamsburg und schließlich Video Games. „Eine Lolita, die sich im Ghetto verlaufen hat“, sagt Lana Del Rey. Einer der Stars, „die einfach in die Atmosphäre eintauchen, als ob sie von einer jenseitigen Kraft angetrieben werden“, sagt Universal. Kein Wort davon, dass Lana Del Rey schon einmal mit einem Album in diese Atmosphäre eingetaucht war, das dem Märchen zuliebe wieder vom Markt verschwunden ist. Dafür ist viel von Authentizität die Rede und doch ausgeschlossen, dass die „jenseitige Kraft“, von der Universal schreibt, nicht auch Universal heißt. Es wirkt alles zu perfekt, zu glatt.
Zu groß für kleine Clubs
Als der Hype zwischenzeitlich abflaute, performte Lana Del Rey schlecht bei Saturday Night Live, eine Art Kessel Buntes im US-Fernsehen. Bad news is good news. Man sprach wieder über Lana Del Rey, fragte sich, ob das Album überhaupt die hohen Erwartungen erfüllen könne, die mit den dosierten Releases von Video Games, Blue Jeans und Born to die aufgebaut wurden. Lana Del Rey sprach derweil darüber, dass sie sich auf der großen Bühne eigentlich gar nicht zu Hause fühle und war schon viel zu groß für kleine Clubs. Ihre Youtube-Videos bringen es mittlerweile auf knapp 46 Millionen Views.
Lana Del Rey ist die perfekte Inszenierung eines Phänomens. Sie ist die Mimesis des Internethypes, der nun Teil der Wertschöpfungskette der Musikbranche ist. Ein Konstrukt mit dem verkaufsfördernden Charaktermerkmal, dass die Fans sie mit dem nach oben weisenden „Like“-Daumen schon einmal zum Erfolg gebracht haben.
Lana Del Rey ist aber durchaus auch ein Indiz für den Massengeschmack. Das Gros der Musikindustrie-Retorte ist um viele Welten schlechter. Wenn jetzt Born to die auf den Markt kommt, ein knappes halbes Jahr nach Video Games bei Youtube, hat Universal schon ganz ordentlich an der Erwartung mitverdient. Und Lana Del Rey bereits eine längere Halbwertszeit als manches andere Popsternchen.
Born to die, Lana Del Rey, erscheint am 27. Januar 2012 bei Vertigo Berlin
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...sagte der Blogger.
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Keine Sorge, der Begemann überlebt se alle !
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Die Beobachtung ist ja interessant, doch ich finde es problematisch, dass der Artikel so reaktant rangeht: Es wirkt, als würden hier zugunsten der Aussage des Textes einige Informationen ausgeblendet – zum Beispiel allein schon die Tatsache, dass jene, denen am unnötig despektierlichen Ende des Artikels der sogenannte „Massengeschmack“ unterstellt wird, selbst zumeist mündige Internetnutzer sind, und somit nicht den „Legenden“ der Industrie ausgeliefert. Ganz leicht lässt sich herausfinden, dass es jede Menge kritische Artikel sowie zahlreiche Videos aus Lana Del Reys Zeit als Lizzy Grant gibt, dass sie die Tochter eines Millionärs ist (Wikipedia); dass sie in Interviews sagt, ihre ersten Videos seien selbstgemacht und dies teilweise erläutert, andererseits auch davon erzählt, dass sie bei Bedarf in anderen Bereichen stets Experten zu Rate zieht. Und dass es viele Widersprüche gibt. Authentisch mag man sie als Person schwer nennen können, aber Kunst und Künstlerin sind konsistent.
SNL ist im amerikanischen Fernsehen eine der wichtigsten Sendungen – ihr Auftritt wurde übertrieben kritisiert und als der schlechteste aller Zeiten bezeichnet, allerdings keineswegs einhellig – auch das ein interessantes Phänomen in diesem Zusammenhang. Dass Youtube für einen Hype gut ist und die Musikindustrie das nutzt, ist klar wie Kloßbrühe, die Komplexität des Wie wäre interessant. Und nicht zuletzt der Konsument, der die Marketingstrategie schon wittert und sich deshalb informiert – an möglichst unterschiedlichen Stellen. Allein die Youtube-Kommentare sind dafür nicht ungeeignet. Die vereinfachte Darstellung der Sachverhalte, die hier als Untermauerung fungiert, geht nur auf, wenn man sich über den Artikel hinaus nicht weiter mit Lana Del Rey beschäftigt, deren Musik auch ganz für sich genommen durchaus originell ist. |
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16.05.2012
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