Kultur

Kleine Korruptionen | 05.02.2012 14:00 | Ralf Klausnitzer

Apple für alle?

Nicht nur die Welt der Politik wird vom Geld regiert. Auch der Kulturbetrieb ist natürlich verführbar. Sieben Offenbarungseide. Teil 6: Der Wissenschaftler

Im März des vergangenen Jahres habe ich es getan. Ich habe ein Notebook der Apfelfirma gekauft. Nicht eben billig. Aber ich freue mich noch immer, wenn ich die Silberflunder öffne. Dabei fiel die Entscheidung eher zufällig. Ich hatte von einem Online Store erfahren, der Apfel-Produkte für Angehörige meiner Universität anbot. Mit Rabatt. Hätte ich es auch ohne Preisnachlass für Hochschulangehörige getan? Ich wusste es nicht genau.

Muss ich nun darüber nachdenken, ob ich einen Vorteil genommen habe? Einen Vorteil, der mir als Hochschullehrer gewährt wurde – als Angehöriger einer Institution, die Wissen erzeugt und weitergibt, ohne Profit zu machen? Sind wir Kunden des Uni-Apfelladen korrumpierte Werkzeuge eines Konzerns, der billig produziert und dessen Symbol nun von uns in die Auditorien und Bibliotheken getragen wird?

Schwierige Fragen. Klar scheint zunächst, dass die Vergabe von Privilegien für Angehörige von Institutionen eine Ungleichheit fortschreibt, die durch Zugehörigkeit bereits festgelegt ist. Diese Ungleichheit fühlt sich für die Berechtigten besser an als für Nichtberechtigte.

Der Zeigefinger auf andere Berufsgruppen, denen Vergünstigungen gewährt werden, kann nicht wirklich entlasten: Er verbirgt nur die bereitwillig geöffnete Hand, die weiter verbreitet ist als bislang angenommen. Dabei wäre zuerst nach den Maßstäben zu fragen, die wir an unsere Handlungen anlegen. Und nach den Umgangsformen unserer Gesellschaft mit (versprochener) Gleichbehandlung und (gut nutzbarer) Ungleichheit. Gäbe es für jeden einen Apfelladen mit Preisnachlass, würden sich Diskussionen erledigen. Aber wie fühlen wir uns dann? Und worüber können wir uns neidvoll erregen?

 
Senden Bookmarken Drucken
Artikelaktionen
Kommentare
Daniel Naber schrieb am 03.02.2012 um 22:23
Apple kontrolliert bei seinen mobilen Geräten (iPad, iPhone) nicht nur die Hard- und Software, sondern bestimmt auch darüber, welche Software von anderen angeboten werden darf. Schon bald werden die meisten Nutzer mit solchen mobilen Geräten arbeiten und, im Falle von Apple, damit einer solchen Zensur unterliegen. Wer Produkte von Apple kauft, fördert diese Zensur und schränkt die Freiheit ein, Software zu entwickeln und zu verbreiten. Ob das Produkt gerade günstig oder subventioniert ist, ändert das an der Zensur leider nichts.
Josef Knecht schrieb am 05.02.2012 um 15:40
Die umgarnung von Universitätsmitarbeitern und Studenten durch Konzerne und die offensichtlichen Priveligien sind echt negativ zu bewerten. Aber "Apple" ist nicht der einzige "Google" hat sogar ein eingens Institut an der Humbolt Universtät. Es nennt sich Unabhängiges Forschungsinstitut für Internet und Gesellschaft. Unabhängig das ich nicht lache... .
Free World schrieb am 05.02.2012 um 20:48
eine ebenso wichtige frage ist die, inwieweit hersteller von properitären produkten durch vergünstigungen bestimmter zielgruppen sich in eine position bringen einen teil, ihren teil des marktes zu beherrschen und damit wettbewerb zu unterlaufen. sicher versuchen das alle. microsoft, apple, google, ibm um nur ein paar zu nennen. man sollte sich das neben dem persönlichen vorteil billiger an ein hippes produkt zu kommen hin und wieder klar machen, um nicht zu vergessen, wie alles mit allem zusammen hängt.
salvo schrieb am 06.02.2012 um 08:59
erschreckend, wie uninformiert gerade unsere universitär produzierten 'Bildungseliten' sind

"In China, Human Costs Are Built Into an iPad"

www.nytimes.com/2012/01/26/business/ieconomy-apples-ipad-and-the-human-costs-for-workers-in-china.html?pagewanted=all


Meistkommentiert
7 Tage
Monat
Bisher
David Graeber Schulden. Die ersten 5000 Jahre Klett-Cotta 2012

536 Seiten. Gebunden.

26,95
 
Seit der Erfindung des Kredits treibt das Versprechen auf Rückzahlung Menschen in die Sklaverei. Die Geschichte der Menschheit erzählt David Graeber als eine Geschichte der Schulden: eines moralischen Prinzips, das nur die Macht der Herrschenden stützt. Damit durchbricht er die Logik des Kapitalismus und befreit unser Denken vom Primat der Ökonomie >> mehr
Arte-Kooperation

portlet_ArabienArte.png

portlet-gaertnerbuch.png

Probe-Abo

probeabo260x120.jpg

Aktuelle Ausgabe bestellen
Ziemlich beste Freunde

Ausgabe 20/2012
16.05.2012

keine Versandkosten
kein Aufpreis

Einzelpreis: 3.60 €

>> bestellen
der Freitag Kollektion

Freitag-Kollektion_Gaertner.jpg

Arte

portlet_arte+zeile.pngportlet_arte+zeile.png

Tubuk

portlet_Tubuk.png

Freitag-Buchshop.png

Blog-Tipps

Das Schema
Michael Rutschky, Kathrin Passig u. a.

nachtkritik.de
Unentbehrlich für Theaterliebhaber

Umblätterer.de
Feuilletonbeobachtung. Intelligent und ironisch

Matthias Matusseks Video-Blog
Das deutsche Videoblog von Weltformat.

herthabsc.blogspot.com
Marxelinhos Blog über Hertha und Arsenal

flasher.com
Künstler über Künstler. Auf Englisch

The New Republic
Das US-Magazin

readme.cc
Die virtuelle Bibliothek

Kulturministerium.ch
Wahlrecht für die Schweiz

Parallelfilm
Notizbuch Christoph Hochhäusler

 
 
 
 
© der Freitag Mediengesellschaft mbH & Co. KG