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Die Fotoserie "The Thirty-Two Inch Ruler/Map of Babylon" von John Gossage wird im Sprengl-Museum in Hannover gezeigt

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Bis vor Kurzem noch residierte John Gossage im Rahmen der Leistungsschau Photography Calling! gemeinsam mit den wichtigsten Fotografen in den weitläufigen Räumen der Hauptebene des Sprengel-Museums. Seine aktuelle Einzelausstellung hingegen wurde ein Stockwerk tiefer eingerichtet, in einem abgelegenen Raum ohne natürliches Licht.

Ganz daneben liegen die Kuratoren wohl nicht, wenn sie The Thirty-Two Inch Ruler/Map of Babylon den Publikumserfolg nicht zutrauen. Zu sperrig sind diese beiden Arbeiten des Fotografen des Uneigentlichen, der mit seinen Aufnahmen eher ablenkt als abzubilden. Einen Einstieg in Gossages unwegsame Kunst bietet der Titel der erstgenannten Serie: „Das 32-Zoll-Lineal“, wie man ins Deutsche übersetzen könnte, unterläuft durch die ungewöhnliche Zahl jeden Normierungsgedanken. Die Bilder zeigen beliebige Häuser, Autokennzeichen, Gartenzäune und Restmüll, formal die Aus-der-Hüfte-Ästhetik des Fotoamateurs imitierend. Häufig scheint der Fokus falsch eingestellt, als wäre jemand aus dem Bild gelaufen oder keine Zeit zum Justieren gewesen. Das macht die Aufnahmen enigmatisch und unheimlich.

Produziert ist die Serie an sonnigen Tagen in Gossages Washingtoner Nachbarschaft. Zwischen Diplomaten und Wohlsituierten hat sich hier der einstige US-Verteidigungsminister Rumsfeld in die heimelige Idylle geschlichen. Womit der titelgebende Ruler doppeldeutig wird: In einem parodistischen Frankenstein-Effekt richtet sich das von der Bush-Administration geschürte Klima des Misstrauens gegen seine Schöpfer. Gossage spielt neighbourhood watch in einer von vier Wachdiensten gesicherten Wohngegend und trägt natürlich nichts Belastendes zum Delinquenten Rumsfeld zusammen, sondern zeigt bloß ein nettes Viertel, dessen Bewohner viel Zeit für ihre Vorgärten verwenden.

Kehrseite des weltpolitischen Zentrums

Map of Babylon, die zweite Serie, passt sich der Ästhetik aus The Thirty-Two Inch Ruler an: Nahaufnahmen, Unschärfe, harte Kontraste, nur diesmal geschossen in aller Herren Länder. Selbst wenn Gossage erklärt, es handele sich bloß um „Fotos mit Qualitäten, aber ohne wirkliche Erklärungen“, verdeckt er damit nur das Offensichtliche. Bezieht man die Serien aufeinander, entpuppen sich Länder wie China und Deutschland nämlich als Kehrseite des weltpolitischen Zentrums Washington, in dem die Fäden eines globalen Netzes zusammenlaufen. Gossage sucht also nach der ästhetischen Formel, diese Unauflösbarkeit des politischen Raumes transparent zu machen.

Ohne den Hinweis auf Rumsfeld bleiben die Serien unverständlich, daher wäre den 25 Bildern im Sprengel-Museum die eine oder andere Texttafel hilfreich. Auch eine deutlichere Abgrenzung der Serien in der Hängung wäre wünschenswert gewesen. So ist der Büchertisch mit vier Exemplaren von The Thirty-Two Inch Ruler/Map of Babylon Mittelpunkt der Ausstellung. Durch die gegenläufige Anordnung der Serien im Buch versteht man deren komplementäre Beziehung direkt.

Um Gossages anspruchsvolle Fotoarbeiten standesgemäß auszustellen, hätte es mehr als bloßes Aufhängen gebraucht. Das wird umso deutlicher, wenn man Wolfgang Tillmans’ Fotoinstallation im Erdgeschoss sieht, die durch den Raum verweist, statt ihn verwaisen zu lassen.

John Gossage The Thirty-Two Inch Ruler/Map of Babylon. Bis 17. Juni. Ein Buch, das beide Serien vorstellt, ist bei Steidl bereits 2010 erschienen (englisch, 58 )

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