Kultur : Lasset die Kindlein zu mir kommen

Was verbindet Fritz von Uhde und Michael Jackson?

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Pop-Kultur und Christentum sind sich näher, als man vielleicht denken mag. Das zeigte sich zumindest bei dem Benefiz-Konzert, zu dem Michael Jackson kürzlich ins Münchner Olympiastadion geladen hatte. Mario Adorf las aus der Schöpfungsgeschichte vor, dann schwebte der Gastgeber in den Himmel (um allerdings wenig später aufgrund eines technischen Defekts ziemlich unsanft wieder auf der Erde zu landen, statt elegant hinabzuschweben), bevor er beim Finale die Kindlein zu sich kommen ließ. Christussymbolik pur, nur daß der King of Pop noch mehr Gläubige um sich versammeln kann als Christus vor 2000 Jahren bei der Bergpredigt.

1883 malte der damals in München lebende Fritz von Uhde (1848 - 1911) sein erstes Bild mit christlichem Thema. Lasset die Kindlein zu mir kommen wurde in seiner Entstehungszeit gleichermaßen abgelehnt und hoch gefeiert, da Uhde die Szene in seine eigene Zeit verlegt hatte. Ein barfüßiger Christus, eingehüllt in ein langes blaues Gewand, sitzt auf einem Holzstuhl in der Diele eines niederdeutschen Bauernhauses. Kinder aus den unteren Volksschichten haben sich um ihn versammelt, eines hat sich in seinem Schoß geborgen, ein anderes reicht ihm die Hand und blickt ihm mit frommem Gesichtsausdruck in die Augen.

Das Bild brachte den gewünschten und lang herbeigesehnten Erfolg. Noch im Jahr der Vollendung, 1884, wurden über 10.000 Photographien des Werkes verkauft. Die Kunstkritiker hingegen waren sich nicht einig. Die einen sprachen von der »stillen Gewalt«, die von dem Bild ausging, andere hingegen beschwerten sich über den nicht anziehend wirkenden Christus und vor allem über die »struppigen und schmutzigen Kinder«. Kaiser Franz Joseph war von dem Bild zu Tränen gerührt, der spätere Kaiser Wilhelm II. hingegen bezeichnete Uhdes Abendmahl von 1886 als »Anarchistenfraß«. Vertreter der protestantischen wie der katholischen Kirche protestierten gegen den Armeleute-Christus. Das Christliche Kunstblatt kritisierte die »matte, schwindsüchtige, hinfällige, leibarme, schnädrige Gestalt« und charakterisierte Uhdes Christus als »Mann von der traurigen Gestalt mit dem blöden Gesicht.«

Dennoch malte der nach einer zehnjährigen Militärlaufbahn seit 1877 als Künstler in München lebende Uhde zwischen 1884 und 1890 jedes Jahr ein neues, großformatiges Bild mit christlichem Thema im Armeleutemilieu. Der Erfolg gab ihm recht. Er wurde damals weit höher geschätzt als sein Freund Max Liebermann.

Die Kontroversen um Uhdes Bilder schadeten dem Maler nicht, im Gegenteil. Ganz richtig schrieb er seinem Kunsthändler: »Stellen Sie ein Bild eines Malers aus, der es Allen recht macht, so läuft nicht die Hälfte hin.« Uhde wollte mit seinen Bildern zwar provozieren, doch nicht auf eine revolutionäre oder zumindest sozialdemokratische Art. Er war vielmehr eingebunden in christlich-soziale Reformideen und hat sich auf der Höhe seines Ruhms auch nicht dem Wunsch verschlossen, seine Christusbilder zu idealisieren. Seit 1892 wich er vom Armeleute-Christus ab und malte ihn überhöht, wandte sich aber gleichzeitig auch der impressionistischen Malweise zu.

Vincent van Gogh hatte früh die Absichten Uhdes durchschaut. Über Lasset die Kindlein zu mir kommen schrieb er seinem Bruder Theo: »Da kann ich so einen Nikolaus wie bei Uhde da in der Schule - die Schule ist sonst doch recht schön! - nicht gut ausstehen. Uhde ... hat es gemacht, weil die braven Bürger des Landes, wo er wohnt, ein Sujet und etwas ›Konventionelles‹ zum Nachdenken verlangen und weil er sonst Hunger leiden müßte.« 1896 besuchte Rainer Maria Rilke Uhde in seinem Atelier und lobte dessen gerade entstandene Himmelfahrt Christi. Nachdem Uhde auf Wunsch der Ankaufskommission der Neuen Pinakothek das Auffahren Christi verbessern sollte, schrieb Rilke allerdings: «... das Wenigste, was mans von einem königlich sanktionierten Christus verlangen muß, ist, daß er fliegen kann. Und weil das dem Angekauften ziemlich beschwerlich fiel, so muß Herr von Uhde ihm jetzt wohl in seinem Atelier noch ein paar Privatstunden dieser überaus intimen Kunst angedeuhen lassen...«

Zum 150. Geburtstag von Fritz von Uhde hat die Kunsthalle Bremen zusammen mit dem Museum der bildenden Künste in Leipzig vergangenes Jahr eine große Ausstellung unter dem Titel Vom Realismus zum Impressionismus zusammengestellt. Diese Ausstellung, in der neben den christlichen Themen die Kinderbilder dominieren, ist jetzt in stark erweiterter Form in München zu sehen. Hinzu gekommen sind Bilder der Zeitgenossen, das Frühwerk, der Vergleich mit anderen christlichen Darstellungen der Zeit und Reproduktionen der christlichen Bilder auf Konfirmationsscheinen, in Schulbüchern und so weiter.

Im Gegensatz zu Max Liebermann, mit dem Uhde in München befreundet war, ist er heute kaum noch bekannt. 1911 fand die bisher letzte Einzelausstellung seiner Werke statt. Anlaß war, seinen Nachlaß zu verkaufen. Die Bedeutung, die seine realistischen Kinderbilder in ihrer Zeit hatten, da er die Kinder weder verniedlichte, noch idealisierte, die Art der frühen christlichen Bilder mit dem Armeleute-Christus, sind durch die Ausstellung wieder ins Bewußtsein gerückt, auch wenn die Bilder den Geschmack der heutigen Zeit nicht treffen mögen. So bietet die Ausstellung ein Stück Kunstgeschichtsaufarbeitung an. Denn die Forschungen über das 19. Jahrhundert weisen noch immer viele Lücken auf.

Wenn auch die zahlreichen Reproduktionen von Uhdes Gemälden einer volkstümelnden Vereinnahmung Vorschub geleistet haben und der Maler auch deswegen ins kunsthistorische Abseits geriet, so macht die Ausstellung sehr deutlich, daß Uhde sowohl im sakralen Bereich als auch in seinen Kinderbildern neue Bilderfindungen entwickelte. Sein Bild Lasset die Kindlein zu mir kommen erlangte mit der damals unglaublich großen Anzahl von 10.000 Reproduktionen ähnliche Popularität wie das musikalische Spektakel in München, das mit biblischen Zitaten gewürzt wurde, um daraus ein Abenteuer Menschlichkeit zu machen. Fritz von Uhde malte einen zeitgenössischen Armeleute-Christus. Michael Jackson hingegen verkörpert einen Glamour-Christus, der aufgrund einer verlorenen Wette Millionen für die Kinder dieser Welt sammelt. Nur mit der Himmelfahrt hat es weder beim Maler noch beim Pop-Star so richtig geklappt.

Die Ausstellung Fritz von Uhde. Vom Realismus zum Impressionismus ist noch bis 19. 09. in der Neuen Pinakothek in München zu sehen. Katalog im Verlag Gerd Hatje in der Ausstellung 49,- DM, im Buchhandel 98,- DM