Politik

EINHEIT UND OSTEN | 29.09.2000 00:00 | Im Gespräch

Gewohntes Überwintern

Der Psychotherapeut Hans-Joachim Maaz über Resignation und Radikalität, Nischen und Schwejkschen Humor im Osten

FREITAG: Mehr als zwei Drittel der Ostdeutschen antworten auf die Frage, ob sie sich als Bundesbürger fühlten, nach wie vor mit keinem klaren Ja - bedenklich oder eher normal angesichts der Umbrüche im Osten?

HANS-JOACHIM MAAZ: Ich sehe für beides Argumente. Es ist normal, weil die Beteiligung der Ostdeutschen an diesem Transformationsprozess nicht ausreichend ermöglicht wurde. Die Ostdeutschen sind in ihrer Kompetenz viel zu sehr abgewertet oder überhaupt nicht gefragt worden. Es ist bedenklich, weil damit alte, aus der bisherigen Sozialisation stammende Ressentiments und Widerstände vermehrt werden. Die Auffassung etwa: Wir taugen nichts, sind Menschen zweiter Klasse - das geht vielfach in Resignation und Passivität über. Wir wissen, wie schnell das in Radikalität umschlagen kann.

Noch öfter allerdings in Verweigerung oder Rückzug in die bekannten Nischen ...

Ja sicher, wir erleben eine Fortsetzung gewohnter Überwinterungstaktiken. Wenn man schon nicht selbst mitbestimmen darf und keinen Einfluss hat, zieht man sich eben zurück, passt sich an oder unterwirft sich. Oder es gibt eine stille Rebellion. Ein anderes Phänomen, das ich für relativ gesund halte - ist ein verbreiteter Schwejkscher Humor, mit dem auf manche Verhaltensmuster von Westdeutschen reagiert wird.

Andererseits sind Fortschritte beim Aufbau Ost nicht zu übersehen - wo gibt es da nach Ihrem Eindruck die markantesten Erfolge hinsichtlich einer Angleichung der Lebensverhältnisse?

Aus meiner Sicht hat sich die wichtigste Angleichung auf dem Informationssektor vollzogen. Nicht nur beim Zugang zu den Medien, sondern vor allem durch die Verfügbarkeit moderner Kommunikationstechnologien - bis hin zum Internet. Es gibt eine deutliche Verbesserung - ob eine Angleichung, wäre noch zu fragen - beim Wohnkomfort, beim Reisen, bei der Versorgung mit Dienstleistungen. Wie gesagt, ob jedoch bei alldem schon von Angleichung gesprochen werden kann, müsste genaueren Untersuchungen vorbehalten bleiben.

Warum spielt unter den Ostdeutschen beim Ost-West-Vergleich immer noch auch der Systemvergleich eine gewisse Rolle?

Der ist sogar sehr dominierend. Vor allem dort, wo Erwartungen und Hoffnungen nicht erfüllt wurden, Arbeitslosigkeit und persönliche Abwertung eine Rolle spielen. Da begegnet man noch recht häufig dem Argument, dass doch früher vieles anders oder besser gewesen sei - besonders bei der sozialen Absicherung der eigenen Existenz. Mit anderen Worten: Wenn Menschen daran gehindert werden, in der Gesellschaft aktiv zu sein, sind derartige Systemvergleiche keine Seltenheit.

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Sehen Sie dennoch Ansätze für eine eigenständige Elitenbildung in den neuen Ländern?

Also in größerem Umfang leider nicht, was ich sehr bedaure. Nach meinem Eindruck gibt es neue Eliten nur im ostdeutschen Management, sofern das auch erfolgreich ist. Bei den Intellektuellen hingegen, unter Akademikern, sehe ich das kaum. Generell lässt sich bezogen auf die normale ostdeutsche Bevölkerung feststellen, dass sich dort erkennbar noch keine Schicht herausbildet hat, die mitbestimmt, Einfluss sucht oder sogar Macht anstrebt.

War der Zeitraum seit 1990 zu kurz oder gibt es andere Gründe?

Den würde ich nicht für zu kurz halten. Ich sehe den entscheidenden Grund eher darin, dass die Vereinigungspolitik die Ostdeutschen deutlich benachteiligt hat - und das in vielfacher Hinsicht. Es hat einen Elitenaustausch gegeben, und der war gründlich. Dazu kommt, dass durch die jetzt vorhandenen Ungleichheiten bei Vermögen, Immobilien, Produktionsmitteln und so weiter kaum Impulse für eine eigenständige Elitenbildung entstehen. In diesem fehlenden Gleichgewicht sehe ich derzeit eines der wesentlichen Hindernisse, wenn es um mehr Angleichung und Verständnis zwischen Ost und West geht.

Das Gespräch führte Lutz Herden.

 
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