Politik

GABRIEL GARCÍA MARQUEZ | 05.01.2001 00:00 | Im Gespräch

Phantome eines Bauchredners

Der Dichter Gabriel García Marquez über einen mysteriösen Internet-Text und seine Memoiren

Seit einigen Monaten kursiert im World-Wide- Web eine kleine Niederschrift, mit der sich der kolumbianische Autor Gabriel García Marquez als todkrank bezeichnet und vom Leben verabschiedet. Zunächst waren dazu weder eine Bestätigung noch ein Dementi zu erhalten - García Marquez schwieg, war dann aber Mitte Dezember zu einem Interview mit der größten kolumbianischen Tageszeitung EL TIEMPO bereit, das wir auszugsweise dokumentieren.

FRAGE: Während des vergangenen Jahres gab es alle möglichen Spekulationen über Ihren Gesundheitszustand. Was ist die Wahrheit?

GABRIEL GARCIA MARQUEZ: Vor mehr als einem Jahr war ich drei Monate lang in Behandlung wegen einer Lymphdrüsenerkrankung und heute bin ich selbst darüber überrascht, welche enormen Möglichkeiten dieser Stolperstein in meinem Leben mit sich gebracht hat. Aus Angst, nicht genug Zeit zu haben, die drei Bände meiner Erinnerungen und die zwei Bände mit Erzählungen, die halb fertig sind, zu Ende zu bringen, habe ich die Beziehungen zu meinen Freunden auf ein Minimum reduziert, das Telefon abgeschaltet, Reisen storniert. Ich habe mich eingeschlossen, um jeden Tag ohne Unterbrechung von acht Uhr morgens bis zwei Uhr nachmittags zu schreiben. Während dieser Zeit, als ich bereits keine Medikamente mehr nahm, beschränkten sich meine Beziehungen zu den Ärzten schon auf die jährlichen Kontrollen und eine einfache Diät, um nicht zuviel zuzunehmen. Währenddessen bin ich zum Journalismus zurückgekehrt, zu meinem Lieblingslaster, der Musik, und habe die aufgeschobene Lektüre nachgeholt. Jetzt bin ich wieder auf dem Laufenden und genieße das Zusammensein mit meinen Freunden mehr denn je. All das hat mir die Zeit und die gute Laune gegeben, um die 1.200 Seiten des ersten Bandes meiner Memoiren zu schreiben, der gerade fertig geworden ist, und ich hoffe, mit dem zweiten Band im Januar beginnen zu können, nachdem ich einen der Erzählbände abgeschlossen und den Entwurf des anderen gründlich überarbeitet habe.

Was hat es mit dem Internet-Text auf sich, in dem Sie sich als todkrank bezeichnen?

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Meine einzige Sorge ist, vor Scham zu sterben, falls man glauben könnte, ich hätte tatsächlich derartigen Kitsch geschrieben. Ich habe das kürzlich gelesen und was mich am meisten überrascht hat, ist der Umstand, dass offenbar unterstellt wird, unter meinen Lesern könnte sich jemand befinden, der zu glauben bereit sei, das sei von mir geschrieben worden. Die einzige Erklärung, die ich für diesen Vorgang finde, lautet, jemand verdient sehr viel Geld mit der Verbreitung dieses Textes. Diese Person hat sich nicht einmal der Mühe unterzogen, selbst etwas zu schreiben, denn es handelt sich um einen gestohlenen Text: Der wahre Autor ist ein mexikanischer Bauchredner, der das für seine Puppe geschrieben hat. Dieser Mann hat aber nichts mit der Verbreitung im Internet zu tun. Mehr noch: Jemand hat ihm geraten, mich zu verklagen, da ich seinen Text als den meinen ausgegeben und verbreitet hätte ...

Wie haben Sie darauf reagiert?

In gewisser Weise bin ich dankbar dafür, dass diese Sache in die Welt gesetzt wurde. Die Folge war nämlich, dass mir daraufhin wieder ein Maß an Zeit und Ruhe gewährt wurde, das mir zuvor auf Grund des Missgeschicks, berühmt zu sein, nicht gegönnt war.

Sprechen wir nicht mehr von apokryphen Texten, sprechen wir von dem, was Sie wirklich schreiben. Wie steht es mit Ihren Memoiren?

Der erste Band ist beendet. 1.200 Manuskriptseiten - das Buch beginnt mit der Schilderung des Lebens meiner Großeltern mütterlicherseits am Anfang des Jahrhunderts, beschreibt die Liebe zwischen meinem Vater und meiner Mutter und reicht bis 1955, als mein erstes Buch La hojarasca (Dürres Laub) veröffentlicht wurde und ich als Korrespondent des Espectador nach Europa ging. Im zweiten Band will ich die darauf folgenden 20 Jahre bis zur Veröffentlichung von Hundert Jahre Einsamkeit behandeln. Für den dritten Band denke ich an eine andere Form. Da will ich nur Erinnerungen ausbreiten, die sich aus meinen persönlichen Beziehungen zu sechs oder sieben Präsidenten verschiedener Staaten ergeben.

Gibt es schon einen Titel?

Der Gesamttitel soll schlicht die pure Wahrheit zum Ausdruck bringen: Vivir para contarlo (Leben, um davon zu erzählen) ...

Übersetzung: Harald Irnberger

 
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