Politik

Die Grünen und ihre Freunde | 11.07.2003 00:00 | Thomas Rothschild

Eid-Genossenschaft

Was ungesagt bleibt, wenn die "Gesellschaft für bedrohte Völker" ausgezeichnet wird

Der Frühling stand vor der Tür. Die grüne Politikerin Uschi Eid, parlamentarische Staatssekretärin im Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und G 8-Afrika-Beauftragte des Bundeskanzlers, fand warme Worte für einen Preisträger. Sie hatte die Laudatio "sehr gerne übernommen", weil sich - "wie könnte es anders sein" - in ihrem "eigenen politischen Wirken immer wieder fruchtbare Berührungen ergeben haben". Das Lob galt nicht nur der "Gesellschaft für bedrohte Völker", der Eid den Göttinger Friedenspreis 2003 der Stiftung Dr. Roland Röhl überreichen durfte, sondern auch der "visionären Einzelperson", die hinter dieser Organisation steht, dem "tatkräftigen" Tilman Zülch.

Die grüne Politikerin musste sich schon ins Zeug legen, um vom Glanz des Gepriesenen ein wenig abzubekommen. Zwei Jahre vor ihr hatte bereits der "Bund der Vertriebenen" Tilman Zülch eine Plakette verliehen, "für den Einsatz um die Menschenrechte der deutschen Vertriebenen". Mittlerweile gehört Zülch dem Beratungsgremium der Vertriebenen an.

Dass er 1963 stellvertretender Vorsitzender des Sozialdemokratischen Hochschulbundes an der Universität Hamburg war, besagt wenig. Er wäre nicht der Einzige mehr oder weniger Linke, der inzwischen ganz rechts gelandet ist. Umgekehrt muss es nicht allzu viel bedeuten, dass die rechtsextreme Zeitung Junge Freiheit die "Gesellschaft für bedrohte Völker" als "Vertreter und Unterstützer bedrohter Nationalitäten und Stammesvölker und ethnischer und religiöser Minderheiten" lobt. Man kann sich nicht immer gegen Beifall von der falschen Seite schützen. Was zählt ist der Klartext. Die Aufforderung Uschi Eids, "den Ausspruch (sic!) ›Nie wieder Auschwitz‹ als einen zentralen politischen Auftrag zu verstehen", war Zülchs "Gesellschaft für bedrohte Völker" längst nachgekommen, etwa mit dem unmissverständlichen Hinweis: "In der Weltgeschichte (!) ist die Vertreibung der Deutschen aus Osteuropa 1945 bis 1948 der schwerste Fall". Wer ein Ohr für Zwischentöne hat, sollte auch ohne Mühe verstehen, was gemeint ist, wenn Zülch in diesem Zusammenhang vom "Tribunal der Siegermächte" und von "Kriegsverbrechen alliierter Regierungen" spricht.

Uschi Eid geriet in ihrer Laudatio in Begeisterung. Die "Gesellschaft für bedrohte Völker" sei "als Organisation sehr gut aufgestellt" und engagiere sich "politisch und ideologisch unabhängig, und das ist ihr Gütesiegel". Politisch und ideologisch unabhängig, fürwahr. Deshalb wurde bereits 1995 - acht Jahre vor Eids Lobesworten - öffentlich, dass der ehemalige Verwalter des Ghettos in Kolomea (Polen), der für den Tod von 30.000 Juden mitverantwortlich sein soll, im Beirat der "Gesellschaft für bedrohte Völker" arbeitet.

ANZEIGE

Letztere wirbt damit, dass sie nach Amnesty International die zweitgrößte Menschenrechtsorganisation in Mitteleuropa sei. Das muss auch Amnesty imponiert haben. In deren Satzung wird festgelegt, das Vermögen der Organisation solle bei einer eventuellen Auflösung zur Hälfte an die "Gesellschaft für bedrohte Völker" fallen.

Nun könnte man zu Gunsten von Eid hoffen, dass sie von all dem nichts gewusst hat, als sie ihre Laudatio für den "sehr geehrten Herrn Zülch" sprach. Ganz leicht ist ein Mann wohl nicht zu durchschauen, der im Laufe der Jahre unter anderem vom Serbischen Bürgerrat in Sarajevo, vom deutschen Bundespräsidenten Rau und von der Sudetendeutschen Landmannschaft geehrt wurde. Auf die Anfrage, ob es Dokumente gebe, die die mehrfach gegen die "Gesellschaft für bedrohte Völker" erhobenen Vorwürfe - nachzulesen unter www.antifaschistische-nachrichten.de oder www.german-foreign-policy.com - widerlegten, teilte Frau Eids Büro mit, dass ihm "keine expliziten ›Entlastungs-Dokumente‹ bezüglich der gegen die ›Gesellschaft für bedrohte Völker‹ erhobenen Vorwürfe vorliegen", um sich darüber irritiert zu zeigen, welche "Anliegen" und "Motive" man habe, darüber Auskünfte zu erbitten.

Im Übrigen ist Eid nicht die einzige Grüne, der die "Gesellschaft für bedrohte Völker" und Tilman Zülch am Herzen liegen. Auch Ludger Volmer, ehemaliger Staatsminister im Auswärtigen Amt, gab sich die Ehre, Zülchs Organisation einzuladen, als es galt, die deutsche Asien-Politik vorzustellen.

 
Senden Bookmarken Drucken
Artikelaktionen


Meistkommentiert
7 Tage
Monat
Bisher
MIssbrauchsdebatte

portlet_missbrauch.png

Aktuelle Ausgabe bestellen
Freiwillige vor!

Ausgabe 11/10
18.03.2010

keine Versandkosten
kein Aufpreis

Einzelpreis: 2.90 €

>> bestellen
Linke Mitte

portlet_linkeMitte.png

probeabo260x120.jpg

Artikel zum Thema

Buch der Woche

11bdw.png

Blog-Tipps

Carta
Autoren-Blog für Politik, Medien und Ökonomie

Lobby Control
Blog von lobbycontrol.de

annalist
Anne Roth verfolgt den "Krieg gegen den Terror"

Nachdenkseiten
Das kritische Tagebuch von Albrecht Müller und Wolfgang Lieb

Reporterwelt.Blog
Blog des Korrespondenten von Weltreporter.net

znet
Chomsky, Avnery und Co. auf Deutsch

politik.de
Portal für Politik und Demokratie

Sprengsatz
Der Politikblog von Michael Spreng

ruhrbarone
Journalisten bloggen das Revier

Bangemachen gilt nicht
Das Blog von Jürgen Link

Freitag unterstuetzt

portlet_polit_camp01.png

 
 
 
 
© der Freitag Mediengesellschaft mbH & Co. KG