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Im vergangenen Jahr schickte die WDR-Sendung Quarks ein paar Probanden zum Hirnforscher Bernd Weber nach Bonn, der legte sie in einen Kernspintomographen und zeigte ihnen die gleichen Waren, einmal mit und einmal ohne Rabatt-Etikett. Das Ergebnis: „Ein Teil des so genannten Kontroll- oder Verstandeszentrum (das Anteriore cingulum, im Vorderhirn oberhalb des Balkens) zeigt reduzierte Aktivität beim Anblick von Rabattschildern.“
Womit wissenschaftlich bewiesen wäre, dass wir gar nichts anders können, als uns jedes Mal wieder zum Kauf hinzureißen lassen, wenn irgendwo ein großes Schild mit einem dicken %-Zeichen herumhängt. Vermutlich ist es sogar noch schlimmer, die Logik des Rabatts ist im Grunde ein regelrechter Teufelskreis: Je besser ich mir all der Beeinflussungsversuche bewusst bin (und das sind wir uns natürlich alle!), desto eher werde ich das nächste Mal wieder darauf reinfallen. Schließlich kann nur der informierte und reflektierte Käufer der Meinung sein, gerade ein echtes Schnäppchen zu machen, das heißt: dem Verkäufer ein Schnippchen zu schlagen – handelt er doch im Glauben, er sei besser als dieser über den wahren Warenwert informiert.
Wo die werbetreibende Wirtschaft ist, sind freilich auch die Spam-E-Mails nicht weit (was unterscheidet die beiden eigentlich überhaupt voneinander?). Auch Spammer schreiben am liebsten die Reizwörter „Discount“, „Rabatt“ oder „Schnäppchen“ sowie das Reizzeichen „%“ in die Betreffzeile. Und eigentlich fing das alles einmal recht harmlos an. Mit erst 10, dann 15 Prozent. Auch 25 oder 30 Prozent erschienen noch realistisch. Es folgten 40 Prozent. 50 Prozent. Dann 76 Prozent (eine derart genaue Angabe soll wohl der Glaubwürdigkeit dienen). Dann 80 Prozent. Dann 81 Prozent. Und bald trudelten Mails ein mit dem Titel „Choose your discount“, der wohl nicht meint, dass man selbst über die Höhe des Rabatts entscheiden möge, aber doch ein wenig danach klingt.
Solche Prozentzahlen und -zeichen werden allerdings beinahe ausschließlich zur Anpreisung handelsüblicher Konsum- und Luxusgüter verwendet, also für Software, für (nachgemachte oder angeblich echte) Taschen und vor allem für (nachgemachte oder angeblich echte) Designer-Uhren. Dass etwas erst als edel oder rar dargestellt wird, um dann auf dessen sensationelle Preisreduktion hinzuweisen, kennt man aus Elektrofachmärkten, Matratzen-Discountern und Fitnessstudios (um nur einige der Rabatt-bekannten Branchen zu nennen).
Während diese Dinge, mit denen man sich umgibt, die man im eigenen Heim und am eigenen Körper ausstellt, also durchaus Waren in dem Sinne sein dürfen, dass ein unglaublicher Preisnachlass ihrer imaginären Potenz nicht schadet, spielen dagegen bei der Anpreisung jener Pillen, die man uns zur Vergrößerung oder Verkleinerung unserer erogenen Zonen anbietet, %-Zeichen so gut wie keine Rolle. Diese Medikamente mögen „billig“ oder „im Angebot“ sein oder „nur heute“ für wenige Dollar zu haben sein – eine prozentuale Preisreduktion jedoch wird hier kaum als Verkaufsargument angeführt. Mit Recht: Die Waren, die nicht die Oberfläche des Körpers zieren, sondern ihn selbst zur Ware machen, indem sie ihn von innen heraus verändern, sollten schon etwas wert sein. Denn wenn es um die eigene Leiblichkeit geht, will man ja eigentlich nicht sparen – das ist man sich schließlich wert! –, sondern nur einmal ein Schnäppchen machen. Und das gilt eben nicht nur für den Einkauf im Bio-Supermarkt, sondern in gleichem Maße fürs Online-Pillen-Bestellen.
Der klassische Rabatt-Spam für Uhren und ähnliches gilt demnach jenen, die beim %-Zeichen bereits zu denken aufhören; der medizinische Preiswert-Spam dagegen jenen, die dann erst das Denken anfangen, weil sie sich auf dem Markt auszukennen meinen. Und was schließen wir daraus? In jedem Fall eines: dass der Preis einer Packung Viagra offenbar zur Allgemeinbildung gehört. Oder andersherum: dass niemand eine Ahnung hat, was eine echte Rolex kostet.
Ausgabe 06/12
09.02.2012
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