Politik

Politik | 22.05.2009 13:15 | Felix Lüttge

Die zwei Leben des Todesschützen

IM Otto Bohl: Zufällig decken Mitarbeiter der Birthler-Behörde die Stasi-Vergangenheit des Polizisten auf, der Benno Ohnesorg erschoss. Eine Linksammlung

Nach fast 42 Jahren steht der Tod von Benno Ohnesorg in einem anderen Licht. Am 2. Juni 1967 wurde er vom West-Berliner Polizisten Karl-Heinz Kurras erschossen. Kurras wurde deswegen nie verurteilt, sondern in zwei Prozessen 1976 und 1970 vom Vorwurf der fahrlässigen Tötung freigesprochen. Dieser Fall könnte jetzt wegen der möglichen Verbindungen zur DDR-Staatssicherheit neu aufgerollt werden.
Wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung und das ZDF  berichteten, sind die zwei Forscher durch einen Zufall bei  Recherchen in den Akten des DDR-Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) auf Quellen gestoßen, die Kurras als Inoffizellen Mitarbeiter (IM) des MfS entlarven. Unter dem Decknahmen Otto Bohl soll er seit 1955 für die Stasi tätig gewesen sein.
Der Vorsitzende der Vereinigung 17. Juni und stellvertretende Bundesvorsitzender der Vereinigung der Opfer des Stalinismus, Carl-Wolfgang Holzapfel, verlangt nun die Wiederaufnahme der Ermittlungen. Mord verjähre nicht, begründet er seine Forderung. Der Philosoph Oskar Negt beschreibt die neuen Erkenntnisse im Interview mit der Süddeutschen Zeitung als „gespenstische Wende“ und die Tatsache, das Kurras nie verurteilt wurde als Skandal. Der 2. Juni gilt als Auslöser für die radikalisierte 68er-Bewegung. „Fast alles Linke der Republik lässt sich auf den 2. Juni 1967 zurückführen“, schreibt die tagezeitung. Die FAZ berichtet aus diesem Anlass über den 2. Juni und seine Folgen.
Kurras selbst bestreitet gegenüber dem Tagesspiegel die Vorwürfe, mit dem MfS zusammengearbeitet haben. Er ist heute 81 Jahre alt und lebt in Berlin. Uwe Soukup, Autor des Buches Wie starb Benno Ohnesorg, porträtierte ihn in der taz.
 

 
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Artikelaktionen
Kommentare
Tania schrieb am 22.05.2009 um 15:20
Es scheint doch sehr suspekt zu sein,das diese "Erkenntnis"gerade zum 6o.Jahrestag der BRD erscheint!
Wenn ich den Aufmacher mit dem Artikel in meiner Lokalzeitung vergleiche,wird es noch suspekter!
Zitat des Täglichen Anzeigers (Hannover/Holzminden):

...Kurras wurde in zwei Verfahren freigesprochen,die rückblickend fragwürdig erscheinen.
In einem Interview sagte der mittlerweile 81-jährige ,heutige Polizisten würden viel zu selten von der Schußwaffe Gebrauch machen."Wer mich angreift,wird vernichtet.Aus.Feierabend."

Das sind meiner Ansicht nach faschistische Äußerungen,die keinesfalls auf die ehemalige Staatssicherheit der DDR hinweisen!

Denn wenn die "Stasi"so gefährlich war,wie sie dargestellt wird,wird sie kaum so dämlich gewesen sein,einen solchen Fehler zu begehen!
marsborn schrieb am 22.05.2009 um 17:16
Uh, da will die große Weltverschwörung mal wieder unsere schöne DDR kaputt machen, oder wie? Das das aber auch nie auf hört!
;-)
derfreitagsmaler schrieb am 22.05.2009 um 19:16
Mir läuft es nur kalt den Rücken herunter, wie Sie hier die Stasi beinahe noch heroisieren und ohne jeden Zweifel verteidigen wollen.

Für mich zeugen diese zitierten Äußerungen von Kurras hingegen von großer Menschenverachtung und Würdelosigkeit. Und mit diesen Eigenschaften war er sicher gut aufgehoben beim MfS und der SED.

Und noch was: mit dem Fund dieser Akten wird der unbedingte Sinn der Arbeit der Birthler-Behörde in sehr eindeutiger Weise fundamentiert. Man - auch durch solche Enthüllungen - geneigt zu zu verstehen, warum die SED-Nachfolgepartei DIE LINKE die Schließung dieser Behörde befürwortet.
Magda schrieb am 22.05.2009 um 19:52
@ freitagsmaler "Man - auch durch solche Enthüllungen - geneigt zu zu verstehen, warum die SED-Nachfolgepartei DIE LINKE die Schließung dieser Behörde befürwortet."

Wissen Sie, wer die Schließung dieser Behörde am lebhaftesten fordert? Dr. Klaus Schröder,vom Forschungsverbund SED-Staat bei der FU. Der will die ganze Behörde in das Bundesarchiv überführen. Er begründete das heute in einem Interview damit, dass solche zufälligen Funde doch ein Beweis sind dafür, dass die Birthler-Behörde nicht effektiv arbeitet. Ich glaube die LINKE spricht sich auch dafür aus.
Es ist nicht immer alles so einfach, wie man denkt.
Magda schrieb am 22.05.2009 um 19:14
@ marsborn, "unsere schöne DDR kaputt machen, oder wie? "
Ne, die ist kaputt. Mein Gefühl ist eher, Sie selbst kriegen die DDR nicht so richtig verdaut. Rückwirkender Hass oder rückwirkende Verklärung - alles für mich Zeichen, dass es noch Diskussionsbedarf gibt.

Wie schon woanders vermutet. Ich denke, dass es jetzt nur beiläufig auch Richtung DDR geht, jetzt geht es wohl hauptsächlich gegen Teile der ehemaligen Linken im Westen.
Streifzug schrieb am 22.05.2009 um 20:08
(Das habe ich schon als Kommentar unter den Artikel von Elmar Altvater gesetzt.)

Solche netten "zufälligen" Funde vertuschen meiner Meinung den wirklichen Zweck der Birthler-Behörde.

70% der dort geleisteten Arbeit befolgen m. M. die Weisung: Informationen über westdeutsche Personen, Verbände, Unternehmen und andere gewichtige Interessensgruppierungen finden, sichten, aussortieren und / oder ganz oder teilweise verschwinden lassen. Man erinnere sich nur an Kohls Akten.

N. g. Quellen berichten, dass es geheime Kopien vieler besonders brisanter Stasi-Unterlagen an geheimen Orten gibt. Wann oder ob sie überhaupt der Öffentlichkeit zugespielt werden, ist ungewiss.

[Der Kommentar ist ein persönliches Werturteil.]
marsborn schrieb am 22.05.2009 um 22:54
Hundertprozentig gesicherte Quellen hingegen berichten seit langem, dass in der Birthler-Behörde einstige hauptamtliche Stasimitarbeiter bis heute an entscheidender Position mitarbeiten (z.B. an den Karteienkataloge zum Auffinden der eigentlichen Akten): exkat 52 arbeiten seit Gaucks Zeiten bis heute dort. Sie haben "unbefristete Arbeitsverträge erhalten", ihre Kündigung ist "aus arbeitsrechtlichen Gründen nicht möglich" sagt Frau Birthler. Und wie passt das nun ins Bild der schönen Verschwörungstheorien?
Magda schrieb am 23.05.2009 um 09:41
Das ist doch überall bekannt. Das stört aber niemanden. Vielleicht genau aus dem Grunde, den Du anklingen lässt. Passt doch gut, dann kann man auch das noch alles dem ehemaligen MfSlern in die Schuhe schieben.

Ne, ne der alte Gauck konnte da sicherlich gar nichts machen. Ich denke, der war ohnehin nur der Grüßonkel dort. Die Entscheidungen hat wohl Geiger getroffen.

Wenn Du Dir aber wirklich vorstellst, die alte Stasi enttarnt jetzt ihre eigenen Leute? Auch gut, möglich ist alles, aber auch alles. Dir scheint es ja Recht zu sein, Hauptsache die SED is weg. Die Stasi kann man noch prima weiterverwenden zum Schutz der Demokratie. Ich sage ja, Du bist unpolitisch...
Ich verweise auf meine eigene Hervorbringung von der Geschichte, die man umschreiben muss.
Magda schrieb am 22.05.2009 um 22:54
Mir scheint es auch sehr wahrscheinlich, dass Kurras sich mit dem Westberliner Verfassungsschutz arrangiert und zwei Herren gedient hat. Deshalb konnte er nicht in die DDR gehen.
Die Akten der anderen Seite aber sind nicht zugänglich. Die Definitionsmacht ist sehr einseitig.

Was sich aber im Laufe des Tages so alles an Medienrauschen eingestellt hat, kann einen schon ziemlich erstaunen. Diese Häme, vor allem darüber, dass ein "Kommunist" einen linken Protestierer erschossen hat.
Ein medialer Jammer ist das.
josse schrieb am 23.05.2009 um 10:48
"Mir scheint es auch sehr wahrscheinlich, dass Kurras sich mit dem Westberliner Verfassungsschutz arrangiert und zwei Herren gedient hat."
Diese Vermutung möchte ich bestärken.
Ein Mann, der lange Zeit durch die Tötung des Benno Ohnesorg im Focus des öffentlichen Interesses stand, sollte nicht genauestens unter die Lupe genommen worden sein? Das kann nicht sein.
Allerspätestens nach der Tötung Ohnesorges ist der Mann mit Sicherheit so durchleuchtet worden, dass dem Verfassungsschutz alles über ihn bekannt war.
Wenn nicht, müsste die Qualität der Arbeit der westdeutschen Geheimdienste als "ungenügend" beurteilt werden.
Da aber die Akten des Verfassungsschutzes nicht zu Rate gezogen werden können, kann keine Wahrheitsfindung erfolgen - aber um die geht es hierbei wohl auch gar nicht.
Nos Nibor schrieb am 28.05.2009 um 17:54
..natürlich muss dem Herrn Kurras jetzt ein neuer Prozess gemacht werden. Es ist ja wohl noch ein Unterschied, ob ein charakterlicher Mistkerl bei der
bundesrepublikanischen Polizei oder dem MfS gedient hat. Die Chancen stehen nach den Enthüllungen gut, dass er jetzt endlich seine verdiente Strafe erhält. (Nach nochmaligem Durchlesen und um Missverständnisse auszuschließen: Das ist von mir richtig zynisch gemeint!) NN


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