Politik

China | 16.07.2009 13:00 | Kristin Kupfer

Geballte Fäuste, Knüppel und Zorn auf beiden Seiten

Die gewaltsamen Zusammenstöße zwischen Han-Chinesen und Uiguren in Nordwestchina erschüttern das Land mehr als der schwelende Tibet-Konflikt

Der uigurische Ladenbesitzer an der Yinma-Gasse stürzt aus der Tür. Eine Handvoll seiner Landsleute steht bereits draußen vor den durchweg einstöckigen Ziegelhäusern. Sie heben faustgroße Steine vom Boden auf. Am Ende der Gasse ertönt Kampfgeschrei. Militärpolizisten drängen eine Horde von Han-Chinesen zurück. Knüppel werden geschwungen – sie wollen Rache. Erst randalierten die Uiguren in ihren Straßen, jetzt attackieren die Han-Chinesen die uigurischen Gassen. Plötzlich drehen sich zehn Militärpolizisten um und rennen mit erhobenen Stahlruten auf die Uiguren zu. „Wir töten euch!“, schreien sie. Die Uiguren lassen die Steine fallen und flüchten in Hauseingänge. Die Polizisten machen kehrt.

Szenen aus Urumtschi, der Vielvölkerstadt in der autonomen Region Xinjiang. Sie erinnern an Zusammenstöße zwischen Tibetern und Chinesen im März 2008. Und doch sind die Straßenkämpfe in Xinjiang härter und erbarmungsloser. Die Wut unter der chinesischen Gemeinschaft ist so groß, dass sie selbst zurückschlägt.

Land aus den Fugen

Nach offiziellen Angaben starben 184 Menschen, davon 137 Han-Chinesen, über 1.600 wurden verletzt. Eine derart blutige Konfrontation zwischen zwei Völkern hat es seit Gründung der Volksrepublik 1949 nicht gegeben – der Konflikt zwischen Han-Chinesen und Uiguren bedroht die Einheit des Staates. Wie sehr man sich in Peking dieser Gefahr bewusst ist, hat die vorzeitige Abreise des Präsidenten Hu vom G8-Gipfel gezeigt. Was nützen China internationale Ritterschläge, wenn das Land aus den Fugen gerät?

Die autonome Region Xinjiang ist dank ihrer Gas- und Ölvorkommen eine der Schatzkammern Chinas, sie dient als Pufferzone zu Indien, Russland sowie den zentralasiatischen Republiken und gilt als deren Einflusssphäre. In den fünfziger Jahren schon hat deshalb die chinesische Regierung in diesem Gebiet paramilitärische Produktionskorps angesiedelt und dafür Han-Chinesen rekrutiert – oftmals gegen deren Willen.

Für die Uiguren war das ein Akt der sozialen Diskriminierung, sie fühlten sich von den Pionieren des Mehrheitsvolkes aus der Landwirtschaft verdrängt und einer für sie fremden Modernisierung ausgesetzt. Aber auch unter den Nachfahren der chinesischen Siedler schwelt die Wut, ihnen reicht es heute nicht mehr, in der Wüste für den Aufschwung Chinas zu schuften und dann zu erleben, dass Uiguren im Sinne der Natio­nalitäten-Politik mehr Kinder haben dürfen und bei Aufnahmeprüfungen an Hochschulen begünstigt werden.

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Schmerzensgeld für die Toten

Rund um die Yinma-Gasse herrscht immer noch eine feindselige Atmosphäre. Dutzende von Militärpolizisten mit Schlagstöcken haben die aufgebrachten Chinesen zurückgedrängt. Ein gepanzertes Fahrzeug mit Tränengaswerfer ist angerückt. Posten mit automatischen Waffen, schwarzem Arm- und Beinschutz sperren alle Zugänge zu den angrenzenden Straßen ab. Um die Ecke in der Yinmin-Straße hocken Gruppen von uigurischen Männern vor ihren Häusern. Scheiben sind zerschlagen. Rollläden verbeult. Einige zeigen mit Stofftüchern verbundene Fleischwunden. „Wer weiß, wie lange uns die Militärpolizei noch schützt“, meint einer. Gerüchte machen die Runde: Zwei uigurische Mädchen seien in einem Bus erstochen worden. Die Männer ballen die Fäuste.

Auf der anderen Seite der von der Militärpolizei errichteten Barrikade sitzen Chinesen in kleinen Grüppchen auf den weißen Bänken eines mit Bäumen überwachsenen Korridors aus Steinsäulen. „Meine Frau hat eine Wunde am Kopf und stöhnt vor Schmerzen“, erzählt Wang Liping (Name geändert), „aber im Hospital ist wegen der vielen Schwerverletzten kein Platz mehr für sie.“ Ihren Kleiderladen in der Xinhuanan-Straße hätten die Angreifer total verwüstet. Einer der Nachbarn murmelt vor sich hin: „Nie habe ich den Uiguren getraut. Das werden sie büßen, diese Undankbaren …“ Er wirft einen grimmigen Blick auf die Militärpolizisten. „Wäre meine Frau tot, würde ich auch sofort gegen die Uiguren losschlagen“, meint der 36-jährige Wang und nimmt seine weiße Schlappmütze vom Kopf.

Der Zorn der Chinesen zeigt, wie behutsam die Zentralregierung vorgehen muss, damit sich die Wut in Urumtschi nicht gegen sie selbst richtet. Um die aufgebrachte Bevölkerung zu beruhigen, gibt es ein Schmerzensgeld für jeden Toten der Krawalle, umgerechnet 2.100 Euro. Der Parteisekretär der Stadt Urumtschi, Li Zhi, hat angekündigt, die uigurischen Anführer der Krawalle würden hingerichtet. Zugleich sagt er aber auch, dass „alle Menschen vor dem Gesetz gleich sind, egal aus welchem Volk sie kommen“.

 

 
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