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Politik : Andere zahlen mehr als Jussufow

Die Werften in Wismar und Rostock haben einen neuen Eigentümer. Russlands Ex-Energieminister Igor Jussufow hat gekauft, was nach der Insolvenz wohlfeil zu haben war

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Franz Müntefering hat als Wahlkämpfer wieder sein Sudelbuch unterm Arm und spendiert der Union und ihrer Kandidatin die Prophezeiungen eines Realpolitikers. „Merkel kann schon mal die Umzugskoffer packen“, beschied er der Kanzlerin am Wochenende. Die Arbeitslosen seien ihr egal. Das Timing für diese verbale Glanzleistung war instinktsicher und geriet vorzüglich. Merkel hatte gerade erst beim Sotschi-Gipfel mit Präsident Dmitri Medwedjew eine erhoffte Rettung der Wadan-Werften in Wismar und Rostock abgestimmt und über einen Verkauf des Unternehmens verhandelt, das noch im Frühsommer zweieinhalbtausend Menschen beschäftigte.

Einen ersten Stichtag hat dieser russische-deutsche Deal nun schon hinter sich. Er fiel auf den 17. August, als die Gläubiger den Verkauf an den russischen Investor Igor Jussufow absegnen durften und vorerst auf mehr als die Hälfte ihrer Forderungen (90 Millionen Euro) verzichten mussten. Der Käufer – Russlands Energieminister der Jahre 2001 bis 2004 – zahlt 40,5 Millionen oder gar nichts. Stichtag zwei wird es geben, wenn das Wadan-Rettungspaket aufgeschnürt und ausgepackt wird. Der neue Eigentümer will sich damit Zeit nehmen. In etwa sieben Wochen soll es soweit sein. Dann könnte die Produktion wieder anlaufen, dann erfahren die Beschäftigten, wer noch arbeiten und wer gehen darf – dann ist auch die Bundestagswahl vorbei und das Thema Wadan seine hypnotische Kraft wieder los.

Igor Jussufow brauche diese Zeit, um Aufträge zu akquirieren, wird skeptischen Beobachtern beschieden. Das überrascht bei einem so erfahrenen Geschäftsmann, der immerhin die Reeder von Gazflot hinter sich weiß, einem Tochterunternehmen des Energie-Giganten Gazprom. Sollte Jussufow wirklich nicht wissen, wie viel Wadan-Schiffe der russische Markt fürs Erste abnimmt? Warum der verzögerte Offenbarungseid? Vorbesitzer Andrej Burlakow fehlten im Juni plötzlich läppische fünf Millionen Euro, so dass Wadan nur die Insolvenz blieb. Wer nach solcher Bestattung wieder aufersteht, mag aus optischen Gründen noch ein Preisschild tragen, hat aber an Wert extrem verloren. Will heißen, man kann ein Unternehmen auch soweit treiben, dass es sich an sein Überleben heran stirbt.

Den Preis dafür zahlt am wenigsten Käufer Jussufow, sondern zuerst die Belegschaft, von der bestenfalls die Hälfte auf Weiterbeschäftigung hoffen darf. Den zahlen aber auch das Land Mecklenburg-Vorpommern und damit der Steuerzahler. Die über die ostdeutschen Werften hereingebrochene Marktwirtschaft wurde während der zurückliegenden zwei Jahrzehnte in zwei Milliarden Euro Staatsgelder verpackt. Für diese Alimentierung zeichneten Politiker verantwortlich, denen die freie Marktwirtschaft über alles geht, die aber notfalls auch alles tun, deren Gesetze außer Kraft zu setzen. Der Stichtag für diese Bewusstseinsspaltung liegt sehr viel weiter zurück als der Wadan-Verkauf – er fällt auf den 1. Juli 1990, als die DM in den Osten ging. Damals übrigens waren die Realitätsverluste auch recht beachtlich. Selbst Franz Müntefering hätte da nicht mithalten können.

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