Politik

Prozess | 28.08.2009 16:00 | Ingrid Wenzl

Durchkreuzter Versuch

In Gießen müssen sich zwei Gegner von Gentechnikversuchen für eine “Feldbefreiung” verantworten. Vor Gericht drehen die Angeklagten den Spieß um

Im Gießener Landgericht kann man in diesen Tagen ungewöhnliche Szenen erleben: Angeklagte, die in bester antiautoritärer Tradition dem Richter das Aufstehen versagen. Oder Zuschauer, die mit hochgehaltenen Schildern den Verlauf der Verhandlung ironisch kommentieren: „Ach so.“ Auch scheinen in diesem Verfahren die üblichen Rollen vertauscht: Statt der Angeklagten Jörg Bergstedt und Patrick Neuhaus sah sich der als Zeuge geladene Vizepräsident der Universität Gießen von Fragen bedrängt. Seinen hochroten Kopf hat er auch der sorgfältigen Vorbereitung Bergstedts zu verdanken.

Dabei geht es hier keineswegs um eine Posse – sondern um einen Prozess mit einiger Bedeutung. Im Juni 2006 hatten die beiden Angeklagten zusammen mit zwei weiteren Mitstreitern das nur knapp zehn Quadratmeter große Feld der Universität Gießen gestürmt und teilweise zerstört. Als Grund gaben sie an, von den hier angebauten Pflanzen gehe eine erhebliche Gefahr für Mensch und Umwelt aus. Die so genannte Grüne Gentechnik, ein weiteres Argument der Kritiker, führe weltweit zu finanzieller Abhängigkeit der Bauern.

Schlampereien und Verflechtungen

Die beiden Feldbefreier waren in der ersten Instanz zu je sechs Monaten Haft ohne Bewährung verurteilt worden. Der Staatsanwältin war das noch zu wenig, sie legte umgehend Berufung ein – und sitzt nun den Angeklagten erneut gegenüber. Doch während der Richter aus erster Instanz alle Fragen zur Gentechnik im Gerichtssaal unterband, stehen diese nun im Mittelpunkt des Prozesses. In ihm werden nun die Gefahren der Grünen Gentechnik ebenso ans Licht befördert wie Schlampereien und Verflechtungen zwischen Wissenschaftlern, Gentechnik-Lobby, Wirtschaft und Behörden.

Wie sich zeigte, war der Freilandversuch mit Gen-Gerste von zahlreichen Fehlern und Pannen begleitet. Im Antrag an das zuständige Verbraucherschutzministerium behauptete Professor Karl Heinz Kogel zum Beispiel, dass es in einem Radius von vier Kilometern um das Versuchsfeld keine landwirtschaftlichen Nutzflächen gäbe. In Wahrheit befand sich jedoch schon anderthalb Kilometer weiter ein Feld mit Wintergerste, von den nur 100 Meter entfernten Wiesen ganz abgesehen.

„Natürlich“ passiert nichts

Versuchsleiter und Uni-Vizepräsident Kogel will dem „keine Relevanz“ beimessen. Weder hält er den von der Gengerste ausgehenden Pollenflug noch deren Auswirkung auf Nagetiere oder gar den Menschen für gefährlich. „Man kann damit Brot backen, Sie können es essen und es passiert nichts.“ Tierfütterungsversuche mit Kleinsäugern hätten, so Kogel, „natürlich“ nichts ergeben. Natürlich? Nicht gerade ein Beweis für wissenschaftliche Unvoreingenommenheit.

ANZEIGE

Offenbar sind bei dem Versuch auch Sicherheitsauflagen nicht beachtet worden: Nachdem die Umweltaktivisten das Feld soweit zerstört hatten, dass der Versuch nur noch begrenzt ausgewertet werden konnte, sollten die Genpflanzen eigentlich vernichtet werden. Einen Monat später jedoch entdeckte der zuständige Beamte des Regierungspräsidiums auf der Versuchsfläche neu gewachsene Gerstenpflanzen. Ein Aktenvermerk legt nahe, dass dies auch den Mitarbeitern der Universität nicht verborgen geblieben war. Eine Information der Gentechniküberwachungsbehörde fand dennoch nicht statt. Die Panne wiederholte sich sogar ein Jahr später nach einer weiteren „Feldbefreiung“ durch Gentechnikgegner.

Abwehr einer größeren Gefahr

Denen geht es nun darum, nachzuweisen, dass sie zu ihrem Handeln keine Alternative gehabt haben. Für den Angeklagten Bergstedt steht fest, dass die Verflechtungen zwischen Wissenschaft, Industrie, Lobbyverbänden und Behörden so eng sind, dass andere Wege, den Gießener Gentechnik-Versuch zu verhindern, verstellt blieben.

Der Vorsitzende Richter hat dem 45-jährigen Angeklagten bisher nicht nur die geheime Regie im Gerichtssaal überlassen. Er schmunzelte gar über dessen Fachwissen. Womöglich wird erstmals in Deutschland in einem Feldbefreiungsprozess anerkannt, dass Gentechnikgegner einen Freilandversuch zerstört haben, um eine größere Gefahr für sich und andere abzuwehren.

 
Senden Bookmarken Drucken
Document Actions
Kommentare
Streifzug schrieb am 28.08.2009 um 16:42
Toi, Toi, Toi.
alphacarotin schrieb am 28.08.2009 um 18:57
Hei, vielen Dank für den Bericht!

Schön, zu hören, dass der Verlauf des Verfahrens eine so schöne Wende genommen hat!
h.yuren schrieb am 28.08.2009 um 21:32
für uneingeweihte geht aus dem prozessbericht nicht hervor, was für die angeklagten imker auf dem spiel steht, nämlich ihr job als imker.
es ist von verflechtungen die rede, es werden aber keine namen der konzerne, behörden etc. genannt, die ein interesse daran haben, die gengerste genehmigt zu bekommen.
genmanipulierte nahrungsmittelpflanzen, das steht auch nicht im bericht, sind absolut überflüssig; sie dienen einzig der gewinnmaximierung einiger weniger konzerne. bauern sollen abhängig gemacht werden und zahlen für das patentierte saatgut.
die agrochemie ist so riskant wie die atomindustrie. ihre folgen sind nicht absehbar.
demokratie-ist-wichtig.de schrieb am 28.08.2009 um 23:20
Schließe mich dem an. Siehe etwa Monsanto.
mh schrieb am 29.08.2009 um 18:25
diesem thema sollte wesentlich mehr raum eingeräumt werden.

mfg
mh
h.yuren schrieb am 01.09.2009 um 19:43
exactly, mh120. hätte ingrid wenzl mehr raum zur verfügung gehabt, hätte sie bestimmt die einzelheiten gebracht, die ich vermisse.
die feldbefreier in brandenburg werden mit einem foto abgetan. das ist eine journalistische missachtung bis verharmlosung der problematik.


Meistkommentiert
7 Tage
Monat
Bisher
MIssbrauchsdebatte

portlet_missbrauch.png

Aktuelle Ausgabe bestellen
Freiwillige vor!

Ausgabe 11/10
18.03.2010

keine Versandkosten
kein Aufpreis

Einzelpreis: 2.90 €

>> bestellen
Linke Mitte

portlet_linkeMitte.png

probeabo260x120.jpg

Buch der Woche

10bdw.png

Blog-Tipps

Carta
Autoren-Blog für Politik, Medien und Ökonomie

Lobby Control
Blog von lobbycontrol.de

annalist
Anne Roth verfolgt den "Krieg gegen den Terror"

Nachdenkseiten
Das kritische Tagebuch von Albrecht Müller und Wolfgang Lieb

Reporterwelt.Blog
Blog des Korrespondenten von Weltreporter.net

znet
Chomsky, Avnery und Co. auf Deutsch

politik.de
Portal für Politik und Demokratie

Sprengsatz
Der Politikblog von Michael Spreng

ruhrbarone
Journalisten bloggen das Revier

Bangemachen gilt nicht
Das Blog von Jürgen Link

Freitag unterstuetzt

portlet_polit_camp01.png

 
 
 
 
© der Freitag Mediengesellschaft mbH & Co. KG