Politik

Wettskandal | 22.11.2009 12:55 | Lutz Herden

Der Wahnsinn geht weiter

Fairplay hat im Fußball ausgesorgt. Manipulierte Spiele sind daher mehr das folkloristische Dekor eines Metiers, in dem ökonomisches Kalkül den Sport versklavt

Natürlich handelt es sich um einen Zufall. Einen denkwürdigen auf jeden Fall. Ausgerechnet in dem Moment, da eine exemplarische Betrugsserie die europäische Fußballwelt erschüttert, qualifiziert sich eine der großen Fußball-Nationen Europas durch Betrug für die Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika und besitzt nicht die Größe, das einzugestehen. Gewiss die Regeln des Weltfußballverbandes sind eindeutig, wenn der Schiedsrichter ein Handspiel übersieht und den 1: 1-Ausgleich der Franzosen gegen Irland als regulär erzieltes Tor anerkennt, sind die Würfel gefallen. Nur existiert neben diesem Regelwerk auch ein sportliches Reglement des Fairplay, das darauf hoffen lässt: Ein so renommierter Spieler wie Thierry Henry, der einst mit Zinédine Zidane in einer Mannschaft stand, könnte sich dazu durchringen, seine regelwidrige Aktion einzuräumen. Stattdessen tritt Frankreich im Frühsommer 2010 mit einem Makel in Südafrika an. Der dürfte um so größer werden, je weiter die Équipe Tricolore in diesem Wettbewerb vorstößt, und kann das gesamte Championat überschatten. Wem ist es letzten Endes zu verdanken, wird man fragen, wenn die Franzosen dank einer exzellenten Leistung, die an den Gewinn des WM-Titels 1998 erinnert, im Finale stehen?

Hinter den Kulissen hat Fairplay im Fußball schon lange ausgesorgt, wenn das mehr und mehr auch auf dem Rasen gilt, geraten Wettskandale wie der jetzige zum folkloristischen Dekor eines Metiers, das besser Branche genannt werden sollte. Wer sich darüber erregt, dass Spiele manipuliert werden, verfällt dem Irrtum, es gäbe noch einen fairen Wettbewerb, zum Beispiel in den deutschen Ligen, zum Beispiel in der Bundesliga. Nichts weniger als das. Spielerisches Potenzial ist wie nie zuvor vom ökonomischen Potenzial der Vereine und ihrer Sponsoren abhängig. Der Wahnsinn besteht darin, dass Spielertransfers inzwischen – losgelöst von sportlichem Kalkül und Bedürfnis – oft nur noch stattfinden, um Spieler vom Markt zu holen und für eine Art fußballerische Reservearmee des Vereins zu rekrutieren, aus der man sich bedient oder es eben lässt.

ANZEIGE

Sicher, das gab es schon immer. Aber in einen solchen Ausmaß und mit einem solchen Hang zur Machtprobe, wie das die Transaktionen vor der Bundesliga-Saison 2009/10 offenbart haben? Aus Stuttgart wechselte der Stürmer Mario Gomez für 30 Millionen Euro zu Bayern München, ein Rekordtransfer, dessen sportlicher Ertrag in wahrlich bescheidenen Grenzen verharrt. Nicht weil Gomez plötzlich zu einem miserablen Fußballer geworden ist, sondern weil ein talentierter Spieler dem Größenwahn eines Vereins geopfert und seiner Entwicklungschancen beraubt wird. Bayern München hat Sponsoren im Rücken, mit deren Gaben sich locker drei bis vier Mannschaften aufstellen ließen. Soeben wurde der Vertrag mit Hauptsponsor Telekom bis 2013 verlängert – Audi will in Kürze dazu stoßen. Dagegen sind betrügerische Wetten und manipulierte Spiele gewiss keine Peanuts, aber tatsächlich nichts weiter als die Kehrseite des Millionenspiels der Giganten. Die für sich reklamieren dürfen, dass es ihnen in erster Linie nicht einmal um Fußball geht. Auch wenn sie etwas anderes behaupten.
 

 
Senden Bookmarken Drucken
Artikelaktionen
Kommentare
Flori schrieb am 22.11.2009 um 14:26
Lieber Lutz Herden,
nun, ganz so ist es nicht im Falle Henry. Auch er hat seinen Faux-Pas längst zugegeben und tritt inzwischen sogar selbst für eine Wiederholung des Spiels ein. siehe z.B. diesen Link: portal.gmx.net/de/themen/sport/fussball/international/9352912-Handspiel-Auch-Henry-fuer-Wiederholung.html Aber "Les règles du jeu" verbieten es wohl...
Lutz Herden schrieb am 22.11.2009 um 14:40
Lieber Flori!
Einverstanden, sicher eine Ehrenrettung, bei der sich Henry aber auch darüber im Klaren sein dürfte, dass sie zu spät kommt. Das sieht mehr nach Imagepflege als nach Flurbereinigung aus. Er hätte auch während des Spiels dem Schiedsrichter bedeuten können, was Sache war.
dk1982 schrieb am 22.11.2009 um 20:09
@ Lutz Herden

Das ist aber eine sehr idealistische Sichtweise. Selbst in den Unterklassen würde es keinem Spieler einfallen zum Schiri zu gehen und zu reklamieren, dass es absichtliches Handspiel war, bevor er gerade das Tor geschossen hat.

Die Aufregung um dieses Tor ist verständlich - bei einem Relegationsspiel sowieso - nur der Schiedsrichter hat es nicht gesehen und damit ist es auch nicht passiert. Wenn seine Assistenten auch nichts gesehen haben, ist es in diesem Fall einfach nur Pech für die Iren.
Janusz Biene schrieb am 22.11.2009 um 23:32
Miroslav Klose hat vor vier Jahren vorgemacht, was Fairplay ist: www.handelsblatt.com/magazin/fussball/klose-wird-mit-vds-trophaee-fuer-fairplay-geehrt;1052905

Es gibt also sehr wohl Fälle, in denen Fußballer sich gemäß dieser idealistischen Sichtweise verhalten. Leider selten, aber immerhin...

Es ist die eine Sache ein wenig zu tricksen um in der Grauzone zwischen Erlaubtem und Nicht-Erlaubtem einen Vorteil zu erzielen. Was Henry gemacht hat ist von anderer Qualität. Die Grenzen sind fließend, aber er hat sie eindeutig überschritten.
Michael Angele schrieb am 23.11.2009 um 15:08
Natürlich ist Fairplay eine gute Sache. Andererseits hätte Henry die halbe Nation gegen sich aufgebracht, hätte er den Regelverstoß gleich beim Schiedsrichter gemeldet. Er befand sich streng genommen in einer tragischen Situation, und erkennt das ja auch selbst, wenn er sagt: "Ich war in einer Situation, in der ich so oder so nicht als Gewinner hervorgehen konnte."
Für diese Einsicht hat er meinen Respekt.
bioport schrieb am 23.11.2009 um 15:41
lieber Herden,
hab' ich das falsch in erinnerung? Henry hat dem schiedsrichter genau das noch waehrend des spiels gesagt, der ihm aber geantwortet haben soll "bitte halten Sie sich da raus, ich bin hier der schiedsrichter" (oder aehnlich aber in diesem sinn). das nur mal zur ehrenrettung Henry's -- was dann jedoch ein weiteres mal auf den eigentlichen betrug deutet.
Lutz Herden schrieb am 23.11.2009 um 17:45
Das ist sicher richtig, nur ändert es eben nichts daran, dass man jedes Spiel der Franzosen mit einem faden Beigeschmack verfolgen wird.
FrWeichelt schrieb am 23.11.2009 um 15:32
Ich finde gut, dass der Autor neben dem Wettskandal auch den Blick auf die Geldmaschine weitet. Schon in der ersten Fußballbundesliga gibt es doch eine Zwei-Klassen-Gesellschaft, die einen wirklich fairen Wettbewerb nicht mehr möglich macht. Die reichen Bayern kaufen hübsch die anderen schwach. Und man kann es unseren Idolen ja auch nicht wirklich übel nehmen, wenn die Millionen locken - allerdings landen dann viele auch nur auf der Bank, siehe Borowski oder Podolski...
bioport schrieb am 23.11.2009 um 15:49
"...die Kehrseite des Millionenspiels der Giganten. Die für sich reklamieren dürfen, dass es ihnen in erster Linie nicht einmal um Fußball geht. Auch wenn sie etwas anderes behaupten."

ich finde diese naïve argumentation nicht einmal in ihrer besten absicht angemessen. in der zwischenzeit wissen doch alle, dass fussball ein teil des "showgeschaefts" ist, unterhaltung eben, im besten sinne von unterhaltungs-industrie.


Meistkommentiert
7 Tage
Monat
Bisher
Liebeshandlung - Eugenides

Berlinale

Freitag_Salon

PortletSalon_120216.png

Christoph von Marschall Was ist mit den Amis los? Herder Verlag 2012

260 Seiten. Gebunden.

18,99
 
Warum sie an Barack Obama hassen, was wir lieben. 2012 steht in den USA im Zeichen des Präsidentschaftswahlkampfs und auch Europa schaut gespannt zu. Christoph von Marschall erklärt die unterschiedlichen politischen Kulturen dies- und jenseits des Atlantiks und entlarvt typische Vorurteile auf beiden Seiten >> mehr
Occupy

portlet_occupy.png

IGEL

portlet_IGEL.png

Probe-Abo

probeabo260x120.jpg

Aktuelle Ausgabe bestellen
Café Moskau

Ausgabe 07/12
16.02.2012

keine Versandkosten
kein Aufpreis

Einzelpreis: 3.60 €

>> bestellen
Arte

portlet_arte+zeile.pngportlet_arte+zeile.png

der Freitag Kollektion

Freitag-Kollektion_05_06.jpg

Freitag-Buchshop.png

Blog-Tipps

Carta
Autoren-Blog für Politik, Medien und Ökonomie

Lobby Control
Blog von lobbycontrol.de

annalist
Anne Roth verfolgt den "Krieg gegen den Terror"

Nachdenkseiten
Das kritische Tagebuch von Albrecht Müller und Wolfgang Lieb

Reporterwelt.Blog
Blog des Korrespondenten von Weltreporter.net

Latinomedia
Toni Keppeler berichtet aus Lateinamerika

politik.de
Portal für Politik und Demokratie

Sprengsatz
Der Politikblog von Michael Spreng

Lafontaines Linke
Tom Strohschneider und Co. bloggen über die Linkspartei

Bangemachen gilt nicht
Das Blog von Jürgen Link

 
 
 
 
© der Freitag Mediengesellschaft mbH & Co. KG