Politik

Arbeitsmarkt | 10.03.2010 10:25 | Tom Strohschneider

Mit Null-Euro-Jobs in die falsche Richtung

Die SPD spricht gern von Neuanfang. Doch der „Gemeinwohl“-Vorstoß von Hannelore Kraft unterwirft sich der alten Logik vom schlanken Staat

Was Hannelore Kraft veranlasst hat, sich zwei Monate vor der so wichtigen Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen ausgerechnet mit diesem Vorstoß zu Wort zu melden, wird ein Rätsel bleiben. Sie fühlte sich offenbar gedrängt, auch einmal etwas zur Sozialstaats-Debatte beizutragen. Die wurde von Kontrahent Jürgen Rüttgers schon früh mit dem Ruf nach einer „Generalrevision“ von Hartz IV angeheizt. Auch die Liberalen sind seit Wochen an der Front präsent. Nun hat es die Sozialdemokratin, die sich mehrfach beklagt hatte, mit ihren Themen in der Öffentlichkeit so schwer durchzudringen, in die Schlagzeilen geschafft. Das Echo war miserabel.

Von fast allen Seiten wurde die SPD-Spitzenkandidatin für ihre Idee kritisiert, Erwerbslosen „mit besonderen Handicaps“ das Angebot zu machen, gemeinnützige Arbeit gegen einen „symbolischen Aufschlag“ zu leisten, eine „Lösung ohne Mehrkosten für den Staat“, wie Kraft anfangs betonte. Bundesweit gelten zwischen 400.000 und 600.000 Arbeitslose aus verschiedenen Gründen als chancenlos auf dem regulären Erwerbsmarkt. Ihnen ein Angebot zu machen, etwa auf einem „sozialen Arbeitsmarkt“, ist die Debatte durchaus wert. Aber keineswegs auf der Basis dessen, was die NRW-Sozialdemokratin vorgeschlagen hat. Daran ändern auch die späteren Abschwächungen und Interpretationen der SPD-Politikerin und ihrer um die Vermeidung von Wahlkampffehlern besorgten Partei.

Ein „sozialer Arbeitsmarkt“ existiert bereits, es handelt sich weder um ein Erfolgsmodell noch eine von Nebenwirkungen freie Einrichtung. Rund 700.000 Menschen arbeiten nach Angaben des Deutschen Städtetags jährlich in einem so genannten Ein-Euro-Job. In diese Richtung zielt auch Krafts Vorschlag. Die Gewerkschaften haben jedoch vor den Verdrängungseffekten für reguläre Jobs durch niedrig oder gar nicht entlohnte Arbeitskräfte gewarnt. Die Kommunen fragen sich stellvertretend für regionale Kleinbetriebe: „Wie bekommt man das so hin, dass den Handwerkern nicht gleichzeitig die Luft abgedreht wird?“

Beispiel: Bürgerarbeit

Das ist eines der Probleme: Kraft schlägt vor, dass Erwerbslose „in Altenheimen Senioren Bücher vorlesen, in Sportvereinen helfen oder Straßen sauber halten“. Es mögen dies relativ einfache Tätigkeiten sein, dennoch stellt sich die Frage, warum sie nicht regulär entlohnt werden sollen. Ein Teil davon klingt ohnehin nach „normalen“ Stellen. Und wenn soziale, kommunale und kulturelle Dienstleistungen als „gemeinnützig“ angesehen werden, dann muss die Gemeinschaft diese Nützlichkeit auch angemessen vergüten.

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Die grüne Arbeitsmarktexpertin Brigitte Pothmer hat im Zuge der Debatte erklärt, Stellen wie „Assistenzkräfte für Schulhausmeister“ oder in anderen Projekten könnten „für Menschen mit besonders schweren Vermittlungshemmnissen neue Erwerbs-Perspektiven“ geben. Pilotprojekte wie jener zur „Bürgerarbeit“ im sachsen-anhaltischen Bad Schmiedeberg haben das Gegenteil gezeigt: Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung nannte den Versuch „nur bedingt erfolgreich“, Übergänge in reguläre Beschäftigung würden kaum verzeichnet, wobei es „weniger an der Aktivierung von Arbeitslosen gemangelt hat, sondern schlicht an Arbeitsplätzen“ (zur Studie). In Berlin haben sich gerade erst 25.000 Erwerbslose bei der Arbeitsagentur auf 650 Stellen zum Schneeräumen beworben. Die Stadt war teilweise unbegehbar – die Stadtreinigung allein war offensichtlich unterbesetzt.

Da klingen solche Worte besonders fatal: „Wir müssen endlich ehrlich sein“, hat Kraft erklärt, „rund ein Viertel unserer Langzeitarbeitslosen wird nie mehr einen regulären Job finden.“ Liegt es daran, dass sie die Anforderungen nicht erfüllen können. Oder doch eher daran, dass Bund, Länder und Kommunen nicht mehr in der Lage sind, ihnen eine Stelle zu bieten. Schlanker Staat, lautet das Stichwort. Die Entwicklung im öffentlichen Dienst spricht Bände: 1991 waren hier noch rund 6,7 Millionen Menschen beschäftigt, 2008 dagegen nur noch 4,5 Millionen.

Beispiel: Kommunal-Kombi

2008 hatte der damalige SPD-Arbeitsminister Franz Müntefering den Kommunal-Kombi ins Leben gerufen, ein Beschäftigungsprogramm für Regionen mit hoher Erwerbslosenquote, bei dem Städte und Gemeinden über drei Jahre einen Lohnzuschuss von maximal 500 Euro erhalten, wenn sie Langzeitarbeitslose in zusätzliche Beschäftigung bringen. Doch die klammen Kommunen konnten sich ihren 50-Prozent-Anteil bei der Ko-Finanzierung offenbar nicht leisten. Müntefering hatte Jobs für 100.000 Menschen erwartet – in Wirklichkeit wurden nicht einmal 16.000 Erwerbslose eingestellt.

Hannelore Kraft könnte zumindest eines erreicht haben: Die sozialpolitische Debatte bei den Sozialdemokraten anzufeuern. Für den 15. März hat die SPD-Spitze „einen eigenen Vorschlag zur Reform des Arbeitsmarktes“ angekündigt. Eine Woche später sollen Grundzüge der Korrekturen an der Agenda-Politik auf einer Betriebsrätekonferenz besprochen werden, danach soll die Basis diskutieren. Im Programm des SPD-Vorstandes für 2010 wird als eine Leitidee der „Zukunftswerkstatt Arbeit – Innovation – Umwelt“ formuliert: „die Stärkung von regulärer Beschäftigung und Binnennachfrage und der Ausbau von Beschäftigung im Bereich der sozialen Dienstleistungen“. Wer das fordert, muss auch sagen, wie er dieses Ziel erreichen kann. Hannelore Krafts Vorstoß für Null-Euro-Jobs liegt in der entgegengesetzten Richtung.

 
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Artikelaktionen
Kommentare
Adam Ant schrieb am 10.03.2010 um 22:36
"Was Hannelore Kraft veranlasst hat, sich zwei Monate vor der so wichtigen Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen ausgerechnet mit diesem Vorstoß zu Wort zu melden, wird ein Rätsel bleiben."
Je nun, wesentlich länger rätsel ich ja darüber, was die Genossen mit dem "S" in ihrem Kürzel wirklich meinen – bei der Arbeitsgemeinschaft der Sozialdemokraten in der SPD weiß man's offenbar auch nicht wirklich.

Glaubt man den Umfragen, dann hat die S?PD in NRW bisher (unverschuldet) erheblich an Boden gut gemacht: Guido hat ihre Wähler aufgeweckt und die C?DU sich fleißig selbst demontiert.
Nicht nur, dass Schwarz-Gelb demnach momentan keine Mehrheit mehr hätte ... wenn das so weitergehen würde, dann könnte vielleicht die S?PD die CDU nicht nur ein-, sondern womöglich sogar überholen. (Den Wählern in NRW muss man schließlich alles zutrauen - auch, dass sie die S?PD gewissermaßen dazu drängen den MP zu stellen.)

Insofern hat Frau Kraft gerade noch rechtzeitig und mit "neuen und innovativen Gedanken" reagiert, indem sie von Büchern sprach. Bei den bisherigen Rezepten gegen Langzeitarbeitslosigkeit wollte man lediglich Heimsenioren die Zeitung vorlesen .
D. Mokrat schrieb am 11.03.2010 um 11:58
Mein Vorschlag zur Lösung des Rätsels: Streber
Cato42 schrieb am 11.03.2010 um 13:21
Was Berufspolitiker, die lebenslang ein
leistungsfreies Einkommen beziehen,
vom Prekariat fordern, ist menschen-
unwürdig.
born2bmild schrieb am 11.03.2010 um 13:36
"Was Hannelore Kraft veranlasst hat, sich zwei Monate vor der so wichtigen Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen ausgerechnet mit diesem Vorstoß zu Wort zu melden, wird ein Rätsel bleiben"
Bei eventuellen AMPEL-Koalitionsverhandlungen kein Rätsel mehr.
Im Übrigen bleibt Kraft doch ganz in der Tradition der Clement, Müntefering, Steinbrück. Diese 'Genossen' haben noch genügend Anhänger in NRW, da werden sich gewiss mehr als nur 4 Aufechte (à la Hessen) finden lassen, die eine Koalition mit, bzw. Duldung von der Partei 'Die Linke' mit Mauerbauargumenten verhindern werden. Mit Kraft an der Spitze.
Volle Kraft rückwärts.
Horus schrieb am 14.03.2010 um 21:02
Vielleicht muss MAN wirklich eine Frau sein, um soetwas zugeben zu können : „Wir müssen endlich ehrlich sein“, hat Kraft erklärt, „rund ein Viertel unserer Langzeitarbeitslosen wird nie mehr einen regulären Job finden.“ Insofern kann man nur dankbar sein, dass überhaupt jemand signalisiert die Vollbe-schäftigungslüge ENDLICH aufgeben zu wollen.
Die ganze Hartz IV-Debatte krankt ja gerade daran, dass die amtierende Politik krampfhaft so tut, wie wenn es die Jobs gäbe, vor denen die Arbeitslosen sich drücken. Dabei hat nicht einmal das von Westerwelle dreist angepriesene Schneeschippen in der Hauptstadt geklapp, wie der Artikel deutlich macht.Wieso geben wir nicht beides auf : die Vollbeschäftigungslüge UND das finanzieren von "Nichts-Tun". Wenn wir die heutigen Arbeitslosen zu ihrem Recht auf das "Gebraucht-Werden" kommen lassen wollen, und das Steuergeld zu ihrem Lebensunterhalt nur einmal ausgeben können - wäre es dann nicht zwingend, nach dem Modell "Zivildienst" sie
1. wirklich auskömmlich zu alimentieren (1200 € all incl.)
2. die alberne Unterscheidung zwischen gewerblicher Arbeit und "ziviler,gemeinnütziger" aufgeben zugunsten "SINNVOLLER" und
3. JEDEM der Bedarf signalisiert dann seinen KOSTENLOSEN (weil eh schon finanzierten) Helfer vermitteln, statt die Arbeitsplatz-Besitzer auszuquetschen bis zum letzten Tropfen bzw. in die Frührente ???
-Mai san mir blöd !
Horus schrieb am 18.03.2010 um 19:15
Um Mißverständnisse zu vermeiden : es geht nicht um die Wiedereinführung des "Arbeitsdienstes !
Der Zivi der Zukunft hilft max 6 Stunden täglich - er bekommt ja auch nicht den vollen Lohn.
Und er hat Wahlfreiheit; ähnlich wie jetzt die Zivis sich ihre Stelle auch selber suchen. Sie können die Einsatzstelle wechseln bei triftigem Grund - ihre Bezüge gehen aber mit ihnen mit. Einsatzstellen können die Versetzung beantragen, ebenfalls aus trifftigem Grund. Ein Beauftragter schaut in beiden Richtungen nach dem Rechten und schlichtet, wie jetzt auch schon.
wegw schrieb am 22.03.2010 um 12:26
Was Du nicht willst, daß man Dir tu,
das füg auch keinem andern zu.

Prüfen die Politiker, inwieweit sie selbst bereit wären, Jobs anzunehmen, von denen man kaum leben kann??

Es wird Zeit, daß diese Politiker selbst ein paar Jahre nur mit Hartz IV auskommen müßten!
Floppius schrieb am 28.03.2010 um 16:47
Es geht nicht nur um einen „Sozialen Arbeitsmarkt", der den Betroffenen hilft, es geht um Defizite in unserer Gesellschaft, die durch den konkret existierenden Arbeitsmarkt nicht beseitigt werden.
Der Autor Markus Breitscheidel und der Krankenpfleger Claus Fussek haben es doch schon lange anhand vieler Beispiele belegt. Der Umgang mit alten pflegebedürftigen Menschen ist in Deutschland eine Katastrophe: Die notwendigen Gelder für adäquate menschenwürdige Pflege wollen wir anscheinend nicht bereitstellen.

Warum ?
Weil wir uns nur einen, von der Wirtschaft gesteuerten, Arbeitsmarkt leisten wollen. Alles, was sich nicht rechnet, findet deshalb nicht statt. Das ist die Krux.
Wir benötigen einen zweiten Arbeitsmarkt, den die Gesellschaft/ Politik steuert. Friedhelm Hengsbach hat letztens in einer Diskussionssendung des Westdeutschen Rundfunks vorgerechnet, wieviel Arbeitsplätze wir durch vernünftige soziale Unterfütterung unserer Gesellschaft schaffen könnten. Es kostet allerdings Geld und es braucht den politischen Willen.

Mit ständiger Entlastung der Reichen ist das nicht zu stemmen.
Es fehlen dringend Arbeitskräfte in der Pflege, in der Kinder- und Jugendbetreuung, im Ausbau und der Erneuerung von Infrastruktur, um nur ein paar Beispiele zu nennen.
Dabei geht es nicht um ein paar Stellen, sondern um Hunderttausende, wenn nicht Millionen.

Ich will jetzt nicht sagen, dass die real existierenden Arbeitslosen so ohne weiteres kompatibel mit oben dargestellter Arbeitsplatzbeschreibung sind, aber aktive Arbeitsmarktpolitik gekoppelt mit vernünftiger Bildungs- und Sozialpolitik - das ist die Richtung, in die wir denken müssen.
Finanziert werden muss das durch eine Umverteilung der finanziellen Ressourcen im Sinne der Mehrheit unserer Bevölkerung. (Da liegt ntürlich der Hase im Pfeffer, weil - wir hätten dann eine andere Republik.)
Von derartigen Konzepten ist die SPD, allen voran Hannelore Kraft als brave Ziehtochter von Wolfgang Clement, weit entfernt. Was Frau Kraft bisher zu diesem Thema geäussert hat, grenzt in meinen Augen an Realitätsverweigerung.
Rainer Wenk schrieb am 18.04.2010 um 19:24
Rund ein Viertel aller ALG II Bezieher werden nach Aussage von Frau Kraft nie wieder einen Job finden? Allein die Anzahl der ALG I Empfänger übersteigt deutlich die Anzahl der vorhandenen Stellen auf dem ersten, ungeförderten Arbeitsmarkt! Nach aktuellen Zahlen gab es im März 1.294.544 ALG I sowie 5.015.824 erwerbsfähige ALG II Empfänger. Weiterhin 395.00 Nichtleistungsempfänger und 890.000 Kurzarbeiter. Ohne Kurzarbeiter sind somit 6 Millionen 705.368 Menschen auf der Suche nach einer Existenzabsichernden Erwerbstätigkeit. Quelle: statistik.arbeitsagentur.de Entwicklung des Arbeits- und Ausbildungsmarktes im März 2010 - Seite 20/51
Für Gesamtdeutschland hat das IAB nach aktuellen Zahlen ein Stellenangebot für den ersten Arbeitsmarkt von 764.000 freien Stellen angegeben.
Quelle: doku.iab.de/grauepap/2010/os0904.pdf
Abzüglich von Scheinangeboten (Quelle: www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,403459,00.html) und später zu besetzenden Stellen bleiben ca. 480.000 Stellenangebote auf dem ersten, ungeförderten Arbeitsmarkt, für über 6,7 Millionen nach „Arbeit“ suchender Menschen! Von denen wird bereits ein großer Teil in Arbeitsgelegenheiten oder Weiterbildungsmaßnahmen „beschäftigt und therapiert“. (z.B. 1,57 Millionen in einer von Bund oder Bundesagentur für Arbeit geförderten arbeitsmarktpolitischen Maßnahme / 288.700 Personen in einer Arbeitsgelegenheit nach § 16d SGB II auch Ein-Euro-Jobs genannt / 3.600 Personen in einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme-Seiten 6/32/33 aktueller Monatsbericht der BA) Für den ersten, ungeförderten Arbeitsmarkt standen der BA im März lediglich 288.000 freie Stellen zur Verfügung. Mithilfe eines Taschenrechners erkennt man schnell, wann „Sanktionieren und Disziplinieren“ im 21. technologisierten und automatisierten Jahrhundert für die neu kreierte Unterschicht nicht mehr ausreicht. Anstelle der Realität ins Auge zu sehen und entsprechende Konzepte zu erarbeiten, wird im Zusammenhang mit Arbeitslosen generell die würdevolle Arbeit in Altenheimen oder bei Reinigungsarbeiten genannt. Das die Erfinder von „Hartz IV“ damit die Würde eines Menschen gleichsetzen, zeigt das sie nichts dazugelernt haben. Frau Kraft kann gern einmal den würdevollen Umgang mit ALG II Beziehern durch die Argen/BA bei den „Geschichten eines Hartz IV Paria“ unter www.xinxii.com/geschichten-eines-hartz-iv-paria-p-318186.html nachlesen. Aber vielleicht benötigt sie dazu einen Ein-Euro-Jobber als „würdevollen Vorleser“?


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