Politik

Porträt | 22.07.2010 09:05 | Ulrike Winkelmann

Hardliner an die Unions-Front

Nach dem Rücktritt von Ole von Beust wird mit Christoph Ahlhaus noch ein Law&Order-Politiker Regierungschef. Gerät Merkels Öffnung der CDU schon ins Stocken?

Der Jurist aus Heidelberg ­ Christoph ­Ahlhaus (40) hat in Hamburg eine bemerkenswert schnelle Karriere gemacht: 2001 an die Elbe ge­zogen, steigt er nun zum Bürger­meister auf

So sieht Generationenwechsel bei der Union aus: Da geht Ole von Beust, der mit seiner etwas heiseren, stets leicht vernuschelten Stimme und dem jugendlichen Auftritt neun Jahre lang Sympathien jenseits der CDU wecken konnte. Der pragmatische, schwule und lernfähige Bürgermeister, der auf halber Amtsstrecke zugab, dass er nun erst erkenne, dass die Menschen in den armen Vierteln an ihrer Armut nicht Schuld seien.

Da kommt Christoph Ahlhaus, nach Geburtstermin 15 Jahre jünger und doch mit jeder Faser mindestens 15 Jahre älter, ein neuer Bürgermeister mindestens für ein Interregnum, der in allem an die hanseatische CDU vor von Beust erinnert.

Zuletzt machte Ahlhaus Schlagzeilen mit dem Erwerb einer 300-Quadratmeter-Villa in Elbnähe. Die edle Immobilie musste mit einer Million Euro Steuergeld innensenatorengerecht rundum gesichert werden. Früher, als innenpolitischer Sprecher der CDU-Fraktion in der Bürgerschaft von 2004 bis 2006, war er sich für keine klassische Hardliner-Parole zu schade, schwärmte vom „schärfsten Polizeigesetz der Republik“, das noch zu absoluten CDU-­Mehrheitszeiten aufgelegt wurde. Bei der Law&Order-Fraktion punktete er damit, dass er vom eigenen, wenn auch parteilosen Innensenator mehr und zügigere Abschiebungen verlangte – etwa von Afghanen. Als Innensenator ab 2008, zu Zugeständnissen an die GAL im schwarz-grünen Bündnis gezwungen, machte er dennoch den stets die politfolkloristischen Fronten nur verfestigenden Vorschlag, die Stadtteilparty „Schanzenfest“ zu verbieten, weil sie wie immer nicht offiziell angemeldet (aber wie immer angekündigt) war.

Um Stammwähler wirbt man nicht

Das schwarz-grüne Modell hat in den Augen vieler Unionspolitiker nun bereits ausgedient. In Hessen rückt dem Ministerpräsidenten Roland Koch der sechs Jahre ältere Innenminister Volker Bouffier nach, ein Law&Order-Only-Kandidat sozusagen, der im Unterschied zum Law&Order-Plus-Kandidaten Koch noch nicht einmal mehr Wirtschaftskompetenz verströmt. Stefan Mappus in Baden-Württemberg wurde von vielen Konservativen in der Südwest-CDU als Erlösung vom stets zu liberal wirkenden Günther Oettinger begrüßt. Ob der moderne Umweltminister Norbert Röttgen oder der Integrationspolitiker Amin Laschet es schaffen, den filzigen nordrhein-westfälischen Landesverband zu übernehmen, ist offen. Könnte es sein, dass die Liberalisierung der CDU durch Angela Merkel schon wieder ins Stoppen gerät?

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Die stets um einen schwammigen Kern von Werten und Moral kreisende Identitätsdebatte der Union hat dank der Öffnung der Partei zur städtischen und weiblichen Klientel schon einige neue Runden gedreht. Doch hatte Merkel bis September 2009 immerhin Erfolge vorzuweisen. Das Prinzip, wonach man um das Stammpublikum nicht zu kämpfen braucht, um sozialdemokratische und grüne Wähler aber wohl, überzeugte jedoch schon diesen Januar nicht mehr alle. Da legte die CDU-Spitze als Antwort aufs desaströse Prozentergebnis der Bundestagswahl eine „Berliner Erklärung“ vor, die mehr desselben, sprich weitere Avancen nach links ankündigte.

Seither hat die Koalition die Mehrheit in den Umfragen klar verloren. Umso drängender fragen viele Leitartikler mittlerweile nach dem Wesenskern der Union, und was sie denn sei, wenn schon nicht mehr konservativ. Vielen scheint allein in Männern wie Friedrich Merz ein Funke zu stecken, der Begründungszusammenhänge ersetzt: Charakter statt Argumente. Mancher jüngere Thinktanker wie Daniel Dettling dagegen mahnt: Die Union müsse die Chance in der Finanzkrise erkennen, den neoliberalen Kurs aufzugeben. Dieser frisst auch nach Meinung vieler Konservativer ihre eigene ideologische Basis, den familiären und nationalen Zusammenhalt, schlicht auf, verlangt er doch bloß nach dem flexiblen, egoistischen Arbeitskraft-Multiverwerter.

Die Macht der Innenpolitiker

Es mag nun keine Absicht sein, dass mit Ahlhaus oder Bouffier ausgerechnet Innenpolitiker zu Landesfürsten berufen werden. Doch liefert deren Kür einen Hinweis, wie die Union ihre Identitätskrise vorübergehend überbrücken könnte – mit dem schönen Thema Innere Sicherheit. In Hamburg hatte diese noch stets ihre ganz eigene Konjunktur. Doch eignet sich die politische Wirtschaft mit den Ängsten der Menschen auch andernorts immer noch dafür, sowohl aus verdecktem Rassismus Kapital zu schlagen, als auch autoritäre Stärke zu demonstrieren. Pate der Bewegung wäre natürlich Wofgang Schäuble. Er ist schon seit Jahrzehnten eine der überzeugendsten konservativen Figuren der Republik, hatte als Innenminister auch ein wesentlich deutlicheres Profil denn als Sparkommissar.

Auch ein ganz besonderer Vorteil der Recht&Ordnungs-Masche lässt sich an Schäubles Vorbild ablesen: Es reicht in der Regel vollkommen, mit düster orakelnden Gefahrenbeschwörungen Sicherheitsforderungen zu erheben. Reden reicht. Nach der Umsetzung fragt meist keiner. Oder wer erinnert sich noch an Schäubles Idee von Internierungslagern für islamistische Gefährder? Auch sein Leib- und Magen-Projekt, der Bundeswehreinsatz im Innern, kam nicht, ohne dass dies als Scheitern gegolten hätte. Richtig widersprüchlich darf der Kurs freilich nicht sein: Roland Koch nutzte sich im Wahlkampf 2008 nicht, als er die Abschiebung „junger krimineller Ausländer“ verlangte sowie schnellere und härtere Strafen für Kinder. Umgehend kam heraus, dass niemand so viele Stellen in der Justiz abgebaut hatte wie er selbst.

Ahlhaus hat das Schanzenfest am Ende dann natürlich auch nicht verboten. Und die Afghanen konnten auch bleiben. Ob er bleibt, entscheiden die Hamburger. Entweder bei Neuwahlen demnächst, oder eben turnusgemäß 2012.

 
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Artikelaktionen
Kommentare
Achtermann schrieb am 22.07.2010 um 11:35
Es ist fraglich, ob ein Artikel über die interparteiliche Situation der CDU Erkenntnisgewinne übermittelt, außer für diejenigen, deren Politikverständnis sich auf die Personalsituation reduziert. Dieses Spiel wird seit Tagen betrieben: Sechs wichtige CDU-Männer seien innerhalb eines Jahres verlustig gegangen. Na und? Ganz nebenbei wird mit dieser scheinbar wichtigen Frage das Gerücht genährt, bei der Kanzlerin handele es sich um eine liberale Persönlichkeit, wie in der Formulierung der Autorin unterstellt wird: Könnte es sein, dass die Liberalisierung der CDU durch Angela Merkel schon wieder ins Stoppen gerät? Merkel hält die politische Fahne in den Wind. Wenn die Umfrageinstitute prophezeiten, die Bevölkerung strebe in ihrer Mehrheit nach konservativen Lösungen, dann wäre Merkel bei den Ersten, die eine solche Strömung in ihre Politik’agenda‘ aufnähme. Und was heißt hier „Liberalisierung“? Schaut man auf die konkrete Politik, so wurden von der Kanzlerin und deren Adepten keine Konsequenzen aus dem Casino, das sich Finanzwirtschaft nennt, gezogen. Der Begriff „Neoliberalisierung der CDU“ wäre hier der treffendere.

Wichtiger ist doch die Frage, ob es eine linke Parlamentsmehrheit, wie von vielen gewünscht, geben kann, wenn die Grünen sich wohl doch an jeden reaktionären Rockzipfel hängen, an dem sie sich zu gut dotierten Ämtern hochziehen können. Wenn die Autorin über den Beust-Nachfolger feststellt:

Früher, als innenpolitischer Sprecher der CDU-Fraktion in der Bürgerschaft von 2004 bis 2006, war er sich für keine klassische Hardliner-Parole zu schade, schwärmte vom „schärfsten Polizeigesetz der Republik“…

hätte die GAL längst die Konsequenzen ziehen müssen, zumal auch ihre Schulpolitik gescheitert ist.
misterl schrieb am 22.07.2010 um 13:48
Wie wahr - wie wahr

"Wichtiger ist doch die Frage, ob es eine linke Parlamentsmehrheit, wie von vielen gewünscht, geben kann, wenn die Grünen sich wohl doch an jeden reaktionären Rockzipfel hängen, an dem sie sich zu gut dotierten Ämtern hochziehen können. Wenn die Autorin über den Beust-Nachfolger feststellt:

Früher, als innenpolitischer Sprecher der CDU-Fraktion in der Bürgerschaft von 2004 bis 2006, war er sich für keine klassische Hardliner-Parole zu schade, schwärmte vom „schärfsten Polizeigesetz der Republik“…

hätte die GAL längst die Konsequenzen ziehen müssen, zumal auch ihre Schulpolitik gescheitert ist."

Wahr ist aber leider auch, dass der geistig kalte Krieg in den Köpfen der Meinungsmanipulateure auch weit 20 Jahre nach dem Ende von Ost und West immer noch die presenteste Form ist erfolgreich zu manipulieren.


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