Positionen

Krise | 12.02.2009 00:05 | Friedrich Schorlemmer

Das Superwahljahr und Jothams Fabel

Die Wirtschaftskrise beschwört Erinnerungen an 1929 herauf. Im Wahljahr kommt es deshalb auf die Bürger an, sich mehr als bisher einzubringen. Zum Schutz der Demokratie

Die Gedenkjahre 1919, 1939, 1949, 1989 im Super-Wahljahr 2009 werden überschattet, wenn nicht gar verdüstert durch das Superkrisenjahr 2009, das böse Erinnerungen an das Jahr 1929 heraufbeschwört. Der von den Aposteln des Neoliberalismus weltweit deregulierte Weltfinanzmarkt mit seiner gigantischen „Finanzindustrie“ hat nicht nur menschlicher Gier alle Scheunentore geöffnet. Er hat auch politische (Macht-)Strukturen geschaffen, die es erlauben, dass sich riesige Finanzblasen bilden, plötzlich platzen und Megakrater in der Weltökonomie hinterlassen, von denen kein Experte auf den vornehm hohen Hügeln von Davos etwas geahnt haben will.

Schamlos wechseln Experten die Fronten

Es stellt sich heraus, dass Banken, die schwindelerregende Dividenden gemacht hatten, plötzlich so notleidend sind, dass der von ihnen bisher geschmähte Staat einspringen muss. Sowohl in den USA wie auch in Deutschland und anderen EU-Staaten verschlingen ins Schleudern gekommene Banken Milliarden an Steuergeldern, ohne dass irgendein Verantwortlicher zur Rechenschaft gezogen würde. Man traut seinen Augen nicht – Verstaatlichungen von Banken stehen an! Der Staat übernimmt Schulden, die jedes Vorstellungsvermögen sprengen, obwohl er schon viel zu viel davon hat. Bietet die Krise auch die Chance, das Kapital demokratischer Kontrolle zu unterwerfen? Wird der Staat zum Retter, nachdem er so oft als ökonomische Niete verschrieen wurde? Man lese nur die Wirtschaftsseiten aller größeren deutschen Zeitungen der vergangenen Jahre nach! Gänzlich schamlos wechseln Experten nun die Fronten.

Bei den 2009 anstehenden Wahlen brauchen solche Parteien und Personen unsere Stimme, die glaubwürdig, kompetent und durchsetzungsfähig sind. Denen wir ein national und international nachhaltiges Wirtschaften zutrauen. Von denen wir erwarten können, dass sie ein seismographisches Gespür für Konflikte und Entschlusskraft zu deren Lösung besitzen.

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Fabel von Jotham

Im Alten Testament wird eine Fabel von Jotham erzählt, einem jungen Mann, der als einziger das Massaker an seiner Familie überstanden hat. Dieser Jotham erzählt, wie die Bäume aufgefordert werden, einen König zu wählen. Der Ölbaum lehnt es aber ab, politische Verantwortung zu übernehmen, weil er lieber Öl produziert, das für die Speisen wie für die Schönheit unentbehrlich ist. Der Feigenbaum verweigert sich, weil er nicht darauf verzichten will, die Süße seiner Feigen anzubieten. Auch der Weinstock weist solches Ansinnen ab, will er doch lieber den Wein reifen lassen, der des Menschen Herz erfreut. Als letzter wird der Dornbusch gefragt, der zustimmt, aber sofort droht: „Wenn ihr mich wählt, bergt euch in meinem Schatten und wenn nicht, so gehe Feuer vom Dornbusch aus und verzehre die Zedern Libanons“. Alle können also wissen, was geschieht, wenn sie ihm Machbefugnisse übertragen!

Es wird in diesem Jahr darauf ankommen, dass wir Bürger uns auf allen Ebenen viel mehr politisch zu Wort melden. Und dass besonders all jene, die etwas Sinnvolles zu tun vermögen, sich nicht zu schade sind, politische Verantwortung oder gar Führung zu übernehmen. Natürlich auf Zeit, denn Macht braucht Grenzen ebenso wie Kontrolle und Selbstkontrolle sowie eine kritische Distanz zu sich selbst. Bei allem Selbstbewusstsein, das Menschen brauchen, wenn sie Führungspositionen einnehmen, haben sie doch Rat anzunehmen, notfalls Unpopuläres zu vertreten und lernbereit auf ungewohnte Herausforderungen einzugehen. Demokratie lebt von der Überzeugung ihrer Bürger, dass sie immer noch die beste Staatsform und es wert ist, wegen ihres menschenrechtlichen Fundaments wachsam verteidigt zu werden. Demokratie ist ein stets gefährdetes Projekt, weil Mehrheiten immer wieder allzu gern den Schatten eines „Dornbuschs“ suchen und sich der Mühsal eigenen Mitwirkens wie riskanter Verantwortung entziehen.

 
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Artikelaktionen
Kommentare
Eduard Brauner schrieb am 13.02.2009 um 01:47
Die unverbesserlichen neoliberalen Positionshalter, besser gesagt Hasardeure, verdienen weder Mitleid noch Spott, was sie verdienen ist nur einen Tritt in den… Sie wissen schon. Oder Sie meinen sie werden freiwillig die Bühne verlassen? Nur der Souverän, also der Wähler in einem demokratischen Staat ist in der Lage und berechtigt dies zu tun. Wir sehen in den letzten Wochen und Monaten was geschieht – „die linke Hand wäscht die rechte und den Arsch beide“. Unsere Politiker wagen sich nicht zu krass vorzugehen, das Ding könnte nach hinten losgehen und dann sind sie selber dran. Wer sonst hat so viel Spielräume und Freiheiten für die Kasinobetreiber geschaffen? Die Hasardeure mögen sich im Augenblick ein bisschen zurücknehmen, sie mögen sich auch partiell pro forma entschuldigen für ihre Missetaten, aber im Inneren glauben sie, das Spiel geht in ein paar Stunden, Tage, Monate weiter.
EtienneRheindahlen schrieb am 14.02.2009 um 18:36
Sie erwähnen den Souverän, den Wähler in einem demokratischen Staat. Ja, gut...aber wo ist denn der Wähler "souverän" (Definition "Duden": souverän = autonom, eigenstaatlich, eigenständig, eigenverantwortlich, emanzipiert, frei, selbstbestimmt, selbstständig, selbstverantwortlich, unabhängig, ungebunden) ?
Ist er in der Lage, die "Hasardeure" per Eintritt in das Wahllokal von der Bühne zu jagen ? Selbst wenn dem so wäre: *schwupp* sind die Hasardeure per Bühneneingang wieder im Theater. Und lenken bzw. beeinflussen als Souffleure, Regisseure, Dramaturgen oder Beleuchter weiter das Geschehen auf der Bühne. Und der Souverän lehnt sich bequem in seinem Sessel zurück und freut sich auf eine Neu-Inszenierung des "ewig alten Stücks" in dem von ihm alimentierten Theater. Über dem in leuchtenden Lettern das Motto hängt: "Eure Gunst - Unser Streben". Aber halt - ist das nicht der Slogan vom "Circus Krone"...?
ebertus schrieb am 13.02.2009 um 10:18
"Gänzlich schamlos wechseln Experten nun die Fronten"

Auch in diesen, alternativlosen Sachzwang verbreitenden, neoliberal übernommenen Wirtschaftsredaktionen ehemals liberaler, gar linksliberaler Medien ala Spiegel oder SZ. Die Wölfe und deren Lautsprecher fressen Kreide? Nein, sie tun nur so, versuchen sich an der Quadratur des Kreises. Wie kan man unter Beibehaltung von Macht- und Besitzverhältnissen das Volk anfixen, ala "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" staatstragend zum Konsumieren bewegen, den Hamster im Rad geben, sich direkt und indirekt über die mit Beratervertrag versorgten Politiker zu verschulden - für Generationen verpfänden und verbürgen.

Nie war der diesbezügliche Spruch von Henry Ford richtiger und wichtiger, wobei es vielleicht weniger um Blechkarrossen gehen sollte sondern eher um Bildung, die weiten Kreisen der Bevölkerung via Kostenschranken zunehmend vorenthalten wird. Verantwortung übernehmen, diese Forderung ist bestenfalls blauäugig, wenn der angeblich so alternativlose Sachzwang regiert. Da werden lediglich Verwalter gesucht, bis hin gar zum Blockwart. Verwalter, Hamster im Rad und schlußendlich Kanonenfutter - im Interesse von wem?
steppenwolf schrieb am 15.02.2009 um 10:48
"Bei den 2009 anstehenden Wahlen brauchen solche Parteien und Personen unsere Stimme, die glaubwürdig, kompetent und durchsetzungsfähig sind." Eine süffisante Frage an Herrn Schorlemmer: Können sie mir auch nur eine Partei, einen einzelnen Politiker nennen, auf die/dem die beschrieben Attribute zutreffen? Ich sehe niemanden in der aktuellen politischen Landschaft, der meiner Stimme würdig wäre. Und ewig das kleinere Übel zu wählen bringt uns auch nicht weiter.


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