Vor mehr als 40 Jahren komponierte Paul McCartney den Song Hey Jude, der zur meistverkauften Single der Beatles avancierte. Das Abspielen auf Oldie-Wellen sorgt noch immer für üppige Tantiemen – dem Urheberrecht sei es gedankt. 50 Jahre lang genießen Schöpfer kreativer Werke seinen Schutz. Die Europäische Kommission will diese Dauer nun auf 95 Jahre anheben. Noch die Enkel von McCartney und seinen geschiedenen Frauen würden ein gutes Leben führen. Die Frage sei erlaubt, warum wir sie so lange alimentieren.
Als der Regisseur Hendrik Handloegten vor zehn Jahren seinen Film Paul is Dead in die Kinos bringen wollte, stieß er auf Probleme. Wegen der vielen Beatles-Songs, auf denen die Story beruht, und der utopischen Summen, die die GEMA dafür verlangt, traute sich zunächst kein Verleih an den Film heran. Das Urheberrecht bildet einen Vergleich zwischen den Rechten der Schöpfer und den Interessen der Öffentlichkeit. Doch sind Schöpfer nicht Teil der Öffentlichkeit und beziehen sie ihre Inspiration nicht aus einer öffentlich zugänglichen Kultur? Das Urheberrecht gehört deswegen nicht verlängert, sondern verkürzt. Popmusik etwa sollte nach zehn Jahren von allen genutzt werden können.
Das ist ein kühner Wunsch. Den dafür notwendigen Eingriff ins Gesetz würde die Kreativwirtschaft sofort vereiteln. Schon eine Kulturflatrate ist ihr nicht geheuer. Mit diesem Modell einer Pauschalabgabe auf urheberrechtlich geschützte Inhalte im Internet wollen die Grünen in die kommenden Wahlkämpfe ziehen: Internetnutzer sollen eine monatliche Gebühr von fünf Euro zahlen, um freien Zugriff auf Musik, Filme und Bücher im Netz zu erhalten. Das gesammelte Geld soll über die Verwertungsgesellschaften an die Urheber ausgeschüttet werden. Beim Institut für Europäisches Medienrecht ist ein Gutachten über die „Zulässigkeit einer Kulturflatrate nach nationalem und europäischem Recht“ entstanden. Das Ergebnis: eine Flatrate wäre verfassungskonform, nur müssten das deutsche Urheberrechtsgesetz und die EUInfo-Richtlinie verändert werden.
Die „digitale Todesstrafe“
Die Vorteile einer Kulturflatrate erscheinen bemerkenswert. So würden die meist sehr jungen Tauschbörsennutzer entkriminalisiert. Seit 2004 sind in Deutschland 100.000 zivilrechtliche Verfahren angestrengt worden. Die Musikindustrie, die an dieser Strategie festhält, will weiterhin monatlich 1.000 Abmahnungen versenden. Auf diese Weise möchte Musik-Lobbyist Dieter Gorny das „Internet in den Griff kriegen“. Lieber wäre ihm eine Politik à la française. Im Nachbarland ist vergangene Woche das sogenannte Three-Strikes-Modell in Kraft getreten. Filesharer werden künftig erst per E-Mail, dann per Brief verwarnt, beim dritten Verstoß stehen sie ohne Internet-Zugang da. In der Netzgemeinde gilt dies als „digitale Todesstrafe“. Hierzulande ist das Modell politisch noch umstritten. Internet-Provider müssten in die Pflicht genommen werden, „ohne Richtervorbehalt“ ihre Kunden anzuschwärzen. Schon wirtschaftlich kann ihnen daran nicht gelegen sein, denn die Zugangssperren dauern zwischen drei und zwölf Monate. Schätzungen gehen von 20 Prozent gelegentlichen Tauschbörsennutzern aus; im schlimmsten Fall würde jeder fünfte Surfer ein ganzes Jahr ausfallen. Seitdem vergangene Woche in Schweden die „EU-Richtlinie zur Durchsetzung geistiger Eigentumsrechte“ umgesetzt worden ist, ist der Datenverkehr dort um bis zu 30 Prozent eingebrochen. Ihre abschreckende Wirkung hat die Richtlinie, die Rechteinhabern per Gerichtsbeschluss den Zugriff auf Verbindungsdaten gestattet, nicht verfehlt. Und darum geht’s: um Einschüchterung.
Eine Kulturflatrate wäre die elegantere Lösung. Sie würde mit Drohgebärden und Denunziationen aufräumen, die Gerichte entlasten und für einen „schonenden Grundrechteausgleich“ sorgen. So sehen es die Grünen. Weiten Teilen des politischen Lagers, einschließlich des Kulturstaatsministers, ist die Flatrate zu planwirtschaftlich. Von „Sowjetisierung“ ist die Rede, die FDP spricht gar von der „Enteignung der Urheber“. Ihre Sorge gilt aber wohl dem Wohlbefinden der Industrie. Denn bei einer Flatrate wären weitere Wirtschaftsmodelle schlecht vorstellbar. Niemand würde zusätzliches Geld für Musik, Videos oder E-Books ausgeben, wenn alles legal in den Tauschbörsen vorhanden ist.
Unter den gegebenen politischen Machtverhältnissen wird eine Kulturflatrate wohl ebenso schwer durchzusetzen sein wie die Verkürzung der urheberrechtlichen Schutzdauer. Beides aber wären Möglichkeiten, das Copyright den Gegebenheiten der digitalen Ära anzugleichen, wo die Unterschiede zwischen Original und Kopie wie zwischen Schöpfer und User verwischen.
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Zum Glück ist es das nicht! Wie wir inzwischen wahrscheinlich alle erfaheren haben, ist das Gesetz überraschenderweise an der Nationalversammlung gescheitert. Ich finde die Idee einer Kulturflatrate sehr gut. Für die Künstler würde das nicht bedeuten, dass sie Einnahmequellen verlieren würden, sie könnten sich im Gegenteil neue erschließen. Statt dass ihre Werke im Netz illegal verbreitet würden, könnten sie auch dort Geld verdienen, obwohl der Nutzer nicht explizit für den einen Inhalt bezahlen müsste. Trotzdem ist es auch bei mir als Internet- und MP3-User so, dass ich - als Beispiel - besonders gute Alben immer noch im Laden als CD erwerbe. Diese Haptik, das Gefühl, reine Musik in der Hand zu halten und durch das Booklet blättern zu können, übertrifft einfach nach wie vor jedes MP3. |
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Entschuldigung! Dieser Kommentar sollte natürlich nicht völlig bezuglos auftauchen, ich wollte zu Beginn diesen Satz zitieren, was leider nicht funktioniert hat:
"Im Nachbarland ist vergangene Woche das sogenannte Three-Strikes-Modell in Kraft getreten. " |
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Ich spiele und komponiere selbst Musik (wenn auch bisher ohne eine Produktion, aber mit Live-Auftritten) und ich "konsumiere" Musik. Ich bin also zweifach betroffen.
1. Als Musiker will ich nicht die Rechte an meiner Musik verlieren, solange ich lebe. Das bezieht sich auf mein Stück, wenn es, so wie es geschrieben wurde, oder extrem ähnlich, gecovert wird, oder meine Aufnahme im Radio o.ä. gespielt wird. Warum sollte ein Anderer mit meiner Kunst (ich betrachte zumindest Musik wie ich sie mache als Kunst) Geld verdienen? Natürlich ist das Lied auch durch den Einfluss meiner Umwelt auf mich entstanden, aber der, der es geschrieben hat bin ich. Und rein theoretisch ist jeder von seiner Umwelt beeinflusst, Erfinder, Designer, Maler... Äußerst kritisch finde ich aber ein Recht am Musikstück über den Tod hinaus. Geistiges Eigentum ist ja immer auch damit verbunden, dass man es geschrieben hat, in wie fern hat also mein Kind ein geistiges Eigentum an dem Stück, das ich geschrieben habe? Gut, ein Kind hat evtl. eine besondere persönliche Verbindung, einfach weil es das Bild mit dem Elternteil verbindet und man Kann versuchen solch ein Recht zu vererben, wie man Vermögen vererbt, aber das scheint mir dann schon weit hergeholt. Das alles bezieht sich darauf, wenn andere Musiker mein Stück nachspielen wollen, oder das Stück irgendwie vermarktet ohne mein zutun oder gar wissen vermarktet wirkt. Es bezieht sich nicht darauf, wenn sich mal jemand meine Songs im Internet herunterlädt oder eine CD brennt. Ich würde hier unterscheiden zwischen Privatradio (das in aller Regel ein wirtschaftlicher Betrieb ist) und freier Verfügbarkeit im Internet und werbefreien bzw. öffentlichen Radiosendern (die im besten Fall nur dazu dient, das Stück dem Musikhörer zugänglich zu machen). Radiosender sollen von den Werbeeinnahmen, die sie u.a. dadurch machen, dass die Leute ihren Sender wegen der Musik hören, ruhig etwas abtreten. 2. Sehe ich eine Kulturflatrate als problematisch an. Warum sollten alle nicht ganz unerheblich draufzahlen, für etwas, auf das definitiv nur ein Teil der Internetnutzer zugreift? Ich kaufe mir in aller Regel Platten, weil ich sie in gewisser weise als Gesamtkunstwerk betrachte. Eine Platte ist für mich mehr als nur die Summe seiner Lieder. Auf der anderen Seite nutze auch ich es ab und an, bei Youtube auf ein "Video" zuzugreifen, um einmal ein Lied zu hören von jemandem, dessen Platte ich mir nicht kaufen würde. Und ich habe mir auch schon CDs gebrannt. Das hat wohl so gut wie jeder. Ich habe aber auch schon Platten gekauft, wenn ich davon schon MP3s oder eine gebrannte CD hatte, einfach weil sie so gut waren. |
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3. Finde ich es extrem unterstützenswert (und ich werde auch versuchen meine Bandkollegen davon zu überzeugen), wenn Bands und andere Musiker ihre Lieder entweder gleich frei zum Download anbieten (früher so geschehen bei Turbostaats Platte Schwan) oder aber als Onlinestream (wie die Türen bei ihrer neuesten Platte) auf ihre Homepages stellen und somit frei zugänglich machen. Damit beugen sie von sich aus jedem Klau vor, weil er überflüssig wird. Vielleicht kaufen auch noch weniger Leute die Platten (vielleicht aber auch mehr, wegen einem Werbeeffekt?). Leute die aber gerne ein Vinyl oder eine CD im Schrank stehen haben, werden die Platte auch weiterhin kaufen.
4. Ist der Weg nicht, darauf zu pochen, weiterhin mit den Platten das Geld zu machen, sondern der Weg kann meiner Meinung nach nur sein, in Zukunft mit Konzerten das Geld einzunehmen. Platten sind dann noch Liebhaberstücke und Werbung. |
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@cms
"Sehe ich eine Kulturflatrate als problematisch an. Warum sollten alle nicht ganz unerheblich draufzahlen, für etwas, auf das definitiv nur ein Teil der Internetnutzer zugreift?" Das ist schon allein aus ganz praktischen Gründen so. Wenn man sich das Recht auf freie Kultur erst kaufen muss, dann gibt es nur zwei möglichkeiten sowas umzusetzen: 1) Zugangskontrollen Durch Zugangskontrollen verliert die Kulturflatrate eigentlich wieder an Sinn. Denn die Idee dahinter ist ja, dass unabhängig davon wie man sich die Kulturgüter im Internet beschafft, es legal ist. Die Zugangskontrollen würden das Ganze wieder auf bestimmte Dienste begrenzen. Wir wären also praktisch wieder bei dem gleichen Modell, dass wir sowieso schon haben: Mehrere legal Bezahldienste für Musik und Filme (Musicload, Amazon, iTunes, etc). 2) Schutzbrief Wenn man das System als eine Art Schutzbrief anlegen würde, der einen davor Schützt von der Medienindustrie angeklagt zu werden, wird die Akzeptanz unter den Internet Benutzern relativ gering sein. Das ist genau so wie mit GEZ und U-Bahnfahrscheinen, viele drücken sich einfach darum und hoffen nicht erwischt zu werden. Und wenn man gegen diese Leute versuchen würde effektiv vorzugehen würden dadurch auch die Leute leiden, die bezahlen. "Als Musiker will ich nicht die Rechte an meiner Musik verlieren, solange ich lebe." Das ist natürlich verständlich, ich sehe sowieso nicht das Problem mit dem abtreten der Rechte zu Lebzeiten. Lediglich eine nicht kommerzielle Nutzung zu Lebzeiten sollte grundsetzlich erlaubt sein (ich persönlich fände es am fairsten wenn dabei der orgianl Urheber genannt wird). Eine kommerzielle Nutzung ist dadurch ja nicht ausgeschlossen, sondern bedarf lediglich vorher der Einwilligung des Urhebers. Genau ein solches Urheberrecht kann schon durch Creative Commons umgesetzt werden und sollte auch, meiner Meinung nach, verstärkte Anwendung finden. Übertragbare Urheberrechte bzw. das vererben von Urheberrecht finde ich persönlich etwas absurd, da es ja dem Geiste des Urheberrechtes wiederspricht. Dem ->Urheber<- sollen ja dadurch Rechte gegeben werden und nicht sonst jemandem. |
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"Wenn man sich das Recht auf freie Kultur erst kaufen muss, dann gibt es nur zwei möglichkeiten sowas umzusetzen: 1) Zugangskontrollen ... 2) Schutzbrief"
Ja, da hast du vollkommen Recht. Deshalb auch mein Punkt viertens. Damit wollte ich sagen, dass das ganze am besten bleiben gelassen wird. "Lediglich eine nicht kommerzielle Nutzung zu Lebzeiten sollte grundsetzlich erlaubt sein" Da bin ich vollkommen deiner Meinung. |
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Ich halte 10 Jahre bereits schon für eine lange Zeit an Vorsprung, die der Autor eines Werkes zur Eigenverwertung exclusiv erhält.
Danach wird es Zeit der Community seinerzeit zurückzugeben, was Autor von Community vorher auch erhalten hat : Inspiration. Wenn ein Autor in 10 Jahren sein Werk nicht anständig versilbern konnte, kann es auch nicht so dolle gewesen sein, daß sich ein Schutz darauf überhaupt rechtfertigt ... würde ich mal frech sagen. Punkt. Eine Flat wird in einem Land wie dem unsrigen sicherlich genauso zum Alptraum gebogen wie die GEZ, da darf man sich keinen Illusionen hingeben. Und nachdem ein McCartney erstmal aus dieser Flat seinen Anteil gesaugt hat, wird für den kleinen Künstler auch nicht mehr viel übrig bleiben. Die Schere zwischen Groß und Klein zu kürzen, sollte auch in die Problemfindung mit einfließen! Ein Lösungsansatz, neben der Flat, könnte im 'Grundeinkommen' liegen, das allen Künstlern zusteht und Ihnen eine Basis zum Leben und Schaffen gibt. Dafür ist es dann andererseits auch legitim, wenn die Allgemeinheit nach dieser 'Alimentierung' durch Kunsthandwerk und Digitale Beteiligung (gegen Applaus, versteht sich) beglückt wird. Autoren ist ja darüberhinaus sehr wohl möglich gutes Geld dadurch zu verdienen, daß sie Bücher, CDs, Videos, Ölgemälde, etc verkaufen [oder verkaufen lassen, wenn sie unbedingt mit Verwertern teilen wollen ;-) ] und dadurch zu einem eigenen Mehrwert kommen, der sich dann auch in Preisen (und Preisgelder), entlohnten Vorträgen und evtl Dozentenstellung niederschlägt - Werbegeldeinnahmen nicht zu vergessen = also zuverlässige Einnahmequellen in Hülle und Fülle!. Ein Egoman wird natürlich jeglichen Einfluß auf sein Genie von außerhalb leugnen (manche machen sogar ihre Gene für ihre Leistung verantwortlich - Rechtsradikale Einstellung?) - das ist klar. Denn erst mal auf Höhenflug, holt keiner mehr einen McCartney runter. PS Dabei wird allmählich Zeit, daß auch diese Leute an den Globalisierungs-Folgen und geplatzten Blasen der Banken beteiligt werden. |
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Ich kann mir gut vorstellen, daß sich Tauschbörsen in naher Zukunft (fast) erledigt haben werden. Die Kids werden sich mit tragbaren Festplatten auf dem Schulhof oder sonstwo treffen und ihre Musik etc. dort austauschen. Speicher und besonders Flashspeicher wird ja immer billiger - 1 TB gibt´s schon für um die 80 Euro.
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Ausgabe 06/12
09.02.2012
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