Die weltweiten Rezession setzt Dominosteine auf praktisch allen wirtschaftlichen und sozialen Feldern aneinander. Trotzdem konzentriert sich die Aufmerksamkeit der Medien vorrangig dort auf die Krise, wo Machtzentren erschüttert werden. Die Peripherie interessiert weniger, obwohl dort die chronische Armut so vertieft wird, dass die Folgen für die Menschen mehr als dramatisch sind.
Wir beobachten das nun seit einem Jahr und zwar Tag für Tag. Auf der ersten Seite dominiert die Berichterstattung über die Tausenden Millionen von Dollars und Euros, die die Industrieländer in ausufernder Weise zur Rettung ihrer Banken aufwenden, über Krisensitzungen, Tagungen und Debatten in den Hauptstädten des Nordens, über die steigende Arbeitslosigkeit und fallenden Wachstumsraten in den entwickelten Ländern. Das Finanzsystem und die Rezession in den übrigen zwei Dritteln der Erde finden kaum Erwähnung. Und wenn, dann bestenfalls in fragmentierten sensationslüsternen Kurznachrichten.
Diese ungleiche Behandlung von Informationen zugunsten des Nordens und zum Nachteil des Südens ist eigentlich nichts Neues, wirkt aber besonders krass inmitten einer Wirtschaftskrise, bei der es dringend geboten wäre, dass sich die öffentliche Meinung auch in Kenntnis der Lage in Afrika oder Asien bildet.
Globale Themen lassen sich schlecht verkaufen
Gleichzeitig gehen essentielle Veränderung in den Massenmedien selbst vor sich, so dass besonders bei den Tagesmedien der Raum für internationale Themen schrumpft, besonders für globale, „die sich schlecht verkaufen lassen“ wie Armut, Klimawandel, nachhaltiges Wachstum, Menschenrechte, Demokratisierung oder Sicherheitsfragen (verstanden als friedliche Lösung von Konflikten). Während die wirtschaftliche Depression, auch wenn sie noch so ernst ist, früher oder später in irgendeiner Form überwunden wird, und vermutlich wieder eine Phase des Wachstums eintritt, so ist die Transformation der Massenmedien eher strukturell. Die Tendenz der Berichterstattung, internationale Information über globale Prozesse zu verringern, scheint eine eher längerfristige zu sein.
Die sich fortsetzende Abwärtsbewegung der traditionellen Printmedien ist dem Wettbewerb mit dem Fernsehen geschuldet und wird nun beschleunigt durch die Konkurrenz im Internet, dazu kommt das Erscheinen von gedruckten und elektronischen Medien, die gratis zu beziehen sind und sich vollständig über den Umweg der Werbung finanzieren.
In den USA ist während der vergangenen Jahre die Zahl der Leser von Online-Informationen um 17 Prozent angestiegen, allein seit 2008 hat die Zahl der Leser der größten 50 Websites um 27 Prozent zugenommen. Hier zeigt sich sehr deutlich, wohin die Leser der Printmedien abwandern. Gleichzeitig ist ein wesentlich größerer Teil der Werbung von den Printmedien abgezogen worden und in die Online-Ausgaben gesteckt worden. Trotzdem erreicht heute noch die Gesamtauflage von Tageszeitungen in den USA 48 Millionen. Und einige Erzeugnisse machen immer noch Gewinne.
Mit der Online-Version allein könnte die "New York Times" noch 20 Prozent der Belegschaft halten
Um zu überleben, reduzieren die Verlage die Belegschaft der Redaktionen, schließen Auslandsbüros, verschulden sich neu, verkleinern Formate oder sparen Seiten. Es gibt Schätzungen, wonach 2008 in den USA der journalistische Bereich um zehn Prozent geschrumpft ist. In den Jahren zwischen 2001 bis 2009 werden die journalistischen Arbeitsplätze um 25 Prozent geschrumpft sein.
Das erklärt auch die verbreitete Sorge, dass in nächster Zukunft die gedruckte Ausgabe einer Zeitung wie der New York Times eingestellt werden muss, weil sie etwa 400 Millionen Dollar Schulden mit sich herumschleppt. Dann würde es das Traditionsblatt nur noch online geben. Doch mit einer solchen Version allein könnte die NYT nur noch 20 Prozent der Belegschaft halten.
Wir stecken also mitten in einem widersprüchlichen Prozess, der selbst bei verbesserten ökonomischen Bedingungen nur teilweise gedämpft werden kann. Es gibt allen Grund zu befürchten, dass daraus auch negative Folgen für die Berichterstattung über zentrale entwicklungspolitische Themen erwachsen. Die Medien, die sich darum bemühen, verlieren an Einfluss und bekommen Probleme, die Berichterstattung zu konzentrieren, die anderen, die tonangebenden, werden weiter ihre Themen auf der internationalen Agenda durchsetzen.
Die kleineren Medien könnten eine Art Austauschnetzwerk zum Thema Entwicklungspolitik aufbauen, um den Aufwand für Expertise und professionelle Information zu teilen (ähnlich wie es die großen Medienkonzerne machen). Es würde freilich einer massiven Anstrengung bedürfen, um die eingangs erwähnten negativen Einflüsse zu überwinden. Dies kann nicht von den Kommunikationsprofis im Alleingang in Angriff genommen werden. Es ist ein Kampf, an dem sich die zivile Gesellschaft als Akteurin im Eigeninteresse beteiligen müsste. Auch die akademischen Zirkel, die sich mit der Ausbildung von entwicklungspolitischen Kadern beschäftigen, müssen sich dieses Problems annehmen.
Mario Lubetkin ist Generaldirektor der Nachrichtenagentur IPS, die ihren Schwerpunkt auf "Eine-Welt"-Themen legt
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Lieber Mario Lubetkin,
vorab!:"Ist nicht das Wesen dieser Weltfinanzkrise daran erkennbar, dass es keine Peripherie mehr gibt,dass globale Marshall- Pläne Not tun neben Rettungsschirmen, -paketen für Banken Vesicherungen?" Meine Meinung zum : "Thementod der Zeitungen Not?", oder Cance zu regional- lokalen Aus- Tausch Netzwerken mit lokalen & globalen Partnern/innen, Kitas, Schulen, Hochschulen, Reha- Kliniken, Berufsförderungswerken, Senioren- Einrichtungen, Bürgerhäusern, Kommunikationszentren, Unternehmen, Gesundheits- und Krankenkassen, Bildungs- , Ausbildungsträgern, im Rahmen von mehrsprachlicher, historischer wie zeitnah lebenslanger Bildung im nachhaltig ganzheitlichen Sinne? Zeitungen als neu anerkannte Säule der Bildung in der Gesellschaft “Zeitung, neben Barrikaden- Themen- Stürmer schlichtender Mediator auf Sicht und Augenhöhe der Verhältnisse vor Ort“ ? Neben der Schulpflicht wird die Zeitungspflicht mit wahlweisen Zwangsabonnements inkl. Angebot in Gebärdensprache, Blindenschrift eingeführt? Finanziert wird das durch ein gesellschaftliches Einkommen aller Bürger/innen, von der Wiege bis zur Bahre, kommunal angelehnt an die Arten und Weisen der staatlichen Finanzierung der Parteien (Parteienfinanzierungsgesetz inkl. Wahlkampfkostenerstattungs- Kopfpauschale), Verbände, Gewerkschaften, Kirchen als steuerlich subventionierte Meinungsblöcke? Zeitungen erhalten steuerlich finanziert für alle Leser/innen, die im Internet registriert auf die Printausgabe verzichten, eine Kopfpauschale als Entgelt wg, Schonung der Ressourcen und Umwelt?! tschüss JP |
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Auf der Suche nach einem neuen Geschäftsmodell...
Kann es sein, dass die mediale Zukunft gerade darin besteht, ohne herkömmliches, betriebswirtschaftlich schlüssiges Geschäftsmodell auszukommen? Könnte es gar gesellschaftspolitisch eine Vorreiterfunktion bedeuten? Auch auf anderen Gebieten stößt die ewig währende Wachstumsideologie zunehmend an ihre Grenzen. Die technische Seite des Internet wird "irgendwann" als Alibi nicht mehr ausreichen, bestenfalls partielle Beschränkungen im Bereich des Werbeoverkill aufzeigen. Ein Ad-Blocker ist schließlich heute Standard, brauch nicht mal wirkliches IT-Wissen bis zum produktiven Einsatz. Nein, ich sehe da eher drei andere, gewichtigere Ansätze im Hinblick auf den zunehmenden Verzicht bei den Mainstream- den Top/Down- ja, auch den sog. Qualitätsmedien. 1. Zielgruppenspezifisch im Niveau - natürlich - ist es zunehmend die gleiche "Soße" der Vermittlung, der Anpreisung des ach so alternativlosen Sachzwanges ala TINA. Die überwiegend investorengetriebenen Medien haben das neoliberale Weltbild verinnerlicht, der Blick über den Tellerrand ist bestenfalls ein alibihaftes Feigenblatt, schlimmstenfalls ein "bedauerlicher" Einzelfall, über den distanziert, gar tendenziös zu berichten ist. Der "Brot und Spiele"-Fraktion mag dies reichen, andere wenden sich ab. Hofberichterstattung mit gespielter, meist künstlicher Aufgeregtheit und Status-quo sind einfach zu wenig für denkende Individuen. 2. Die extreme Umverteilung nach oben stellt in zunehmender Zahl Menschen vor die Frage, was über die existentiellen Grundbedürfnisse hinaus machbar ist im Sinne eines noch "frei" verfügbaren Einkommens. Ein Zeitungsabo - oder gar mehrere - ist unter den um sich greifenden, prekären Verhältnissen schon sehr gut zu überlegen. Sind es nicht nur Kosten sondern geht gewisse Abhängigkeit (z.B. Kündigungsfrist) damit einher. 3. Nicht zuletzt das ebenfalls wachsende "akademische Proletariat" könnte zwar einerseits ideale Zielgruppe, gerade für anspruchsvollere Medien sein. Aber auch hier kommt das Fressen vor der Moral und neue Medien waren bzw. sind normale Bestandteile von Ausbildung und Studium - mehr noch, des Lebens überhaupt. Peer-Groups bis hin zu Parallelgesellschaften werden die Entwicklung wohl zukünftig bestimmen. Im Extremfall abgeschottete Intranets, beinahe als reload der damaligen DDR-Nischengesellschaft. Aktuelle, immer mehr um sich greifende Überwachung ist die vorausgenommene Antwort des Staates, zunehmende Zensur in angebliche Anforderungen wegen Terrornetzwerken oder KiPo verpackt sind andererseits für (uns) Betroffene Anlaß, genau in eben die skizierte Richtung zu denken und zu gehen. |
Ausgabe 11/10
18.03.2010
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