Positionen

Ohnesorg | 22.05.2009 13:10 | Elmar Altvater

Kurras, der Maulwurf

Auch wenn Karl Heinz Kurras für die DDR-Staatssicherheit gearbeitet hat, mindert das die Verantwortlichkeit der Westberliner Staatsgewalt für den 2. Juni 1967 keineswegs

Der Todesschütze Karl-Heinz Kurras – ein Stasi-Mann. Der Funktionär des Westberliner Gewaltapparats ein IM im Auftrag der Machthaber von jenseits der Mauer. Der Polizist und Waffennarr Kurras auch ein Verräter? Als Todesschütze wurde er vor Westberliner Gerichten freigesprochen. Die Staatsräson, nicht unbedingt die Prinzipien der Rechtsstaatlichkeit haben im Fall Kurras milder gestimmt als in der Vielzahl von Verfahren, mit denen Demonstranten in der Zeit, die als “1968“ in die Geschichtsbücher eingeht, überzogen wurden. Das hat für Empörung gesorgt, das wurde als Beleg für den repressiven Charakter des Polizei- und Justizapparats in der alten Bundesrepublik gewertet. Das hat manchen auch als Begründung für Militanz, für die Illegalität des bewaffneten Kampfes geliefert.
Der Schuss am 2. Juni 1967 und die Reaktion der herrschenden Eliten darauf haben diese Tragödie mit ausgelöst. Dass der Polizeibeamte Kurras auch ein Verräter war, zeigt nur, dass er ein noch größerer Lump ist als bislang angenommen wurde, mindert aber die Verantwortlichkeit der Westberliner und westdeutschen Staatsgewalt keineswegs. Kurras war nach derzeit vorliegenden Informationen (von denen man annehmen muss, dass sie stimmen) seit Mitte der fünfziger Jahre als Ostberliner Maulwurf in der Westberliner Polizei tätig, und angeblich mit minderer Aktivität auch nach 1967 bis zu seiner Pensionierung.
Wie ist so etwas möglich, denn auch Top-Spione fliegen irgendwann auf? Kurras war offenbar deshalb unauffällig, weil er so reibungslos und gut innerhalb des westlichen Apparats funktionierte, dass seine Arbeit für den östlichen gar nicht auffallen konnte. Selbst der Todesschuss wurde ihm nicht zum Verhängnis. Er hatte lediglich in eine Richtung überzogen, die die Westberliner regierende Klasse ebenfalls für die richtige hielt.

Sogar der Regierende Bürgermeister Heinrich Albertz verteidigte, damals noch als Saulus, das brutale Vorgehen der Polizei gegen die Anti-Schah-Demonstranten und machte sie und nicht den Todesschützen Karl-Heinz Kurras für den Tod von Benno Ohnesorg verantwortlich, bevor er später zum Paulus wurde, diese Einschätzung als einen verhängnisvollen Fehler einräumte und von seinem Amt zurücktrat.
Der Todesschuss hat den Westberliner Konsens nicht gebrochen, wohl aber der nun ans Licht gekommene Verrat der Westberliner Sache an den Feind von jenseits der Mauer. Das ,und nicht die Tötung des Benno Ohnesorg, ist der wahre Grund, warum nun erneut gegen Kurras Anzeige erstattet wurde.

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Hätte die Studenten- und Protestbewegung der „68er“ einen anderen Verlauf genommen, wenn bekannt gewesen wäre, dass der Todesschütze ein bezahlter Agent der Stasi gewesen ist? Wohl kaum, denn der Tod von Benno Ohnesorg war ein Auslöser, aber nicht die Ursache der Proteste. Ursache waren die Misere der Schulen und Hochschulen in Zeiten der Bildungskatastrophe, die intensive Auseinandersetzung mit den Verstrickungen der Vätergeneration in das Nazi-Regime, die Ablehnung des Kriegs der USA gegen das vietnamesische Volk und der Unterstützung der Bombardements der USA in Vietnam durch die Bundesregierung. Im Kampf gegen die Notstandsgesetze hätte das Wissen um eine Verstrickung des Todesschützen Kurras in den Machtapparat der SED wohl für Irritationen gesorgt, aber niemanden veranlasst, diesen aufzugeben. Denn Bildungskatastrophe, Bomben in Vietnam oder Notstandsgesetze in Westdeutschland waren ja eindeutig Westprodukte und nicht von Spionen, die aus der Kälte kamen, ausgelöst.
 

 
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Artikelaktionen
Kommentare
nbo schrieb am 22.05.2009 um 14:08
Zuerst war ich baff, als ich die Meldung las. Als sich das Erstaunen gelegt hatte, blieb die Frage: Warum heute? Cui bono? Ich finde es sehr eigenartig, dass diese Enthüllung einen Tag vor der Bundespräsidentenwahl gemacht wird, bei der mit Gesine Schwan eine Kandidatin zur Wahl steht, die die Möglichkeit "sozialer Unruhen" nicht ausschließen will (und sich dauernd erklären muss, diese nicht herbeizuwünschen).

Man muss zwar um die Ecke dafür denken, aber irgendwer wird vielleicht in den nächsten 24 Stunden einfach mal "laut" um die Ecke "denken", dass der 2. Juni 67 ff., vor dessen Neuauflage sich alle fürchten, vielleicht ganz perfide vom SED-Staat ausgelöst worden sein könnte. Die 68er ein Werkzeug des Ostens. Die harmlosere Deutung, auf die Elmar Altvater hinweist, wird sein, dass die Westberliner Staatsgewalt zu Unrecht bezichtigt wurde, die Radikalisierung in Gang gesetzt zu haben.

Der Schluss wird in beiden Lesarten derselbe sein: Die 68er hatten keine Berechtigung für ihren Protest, und auch alle eventuell noch kommenden Proteste werden keine Berechtigung haben, da sie auf der einen oder anderen Lüge aufbauen.

Ich glaube jedenfalls schon lange nicht mehr an Zufälle.
Magda schrieb am 22.05.2009 um 15:08
Ich erlaube mir, auf einen Blogbeitrag von mir selbst zu verweisen.

www.freitag.de/community/blogs/magda/kurras-und-die-stasi---warum-sagen-sie-das-erst-jetzt--

Wer sich die Situation in Westberlin damals vor Augen führt, dem muss klar sein, dass die HVA oder wer auch immer, ein Heer von Leuten da hatte, die überhaupt nicht alle glühende Kommunisten gewesen sein müssen, "nur" für den Frieden, vielleicht auch für ein bisschen Zusatzgeld.

Topspion - Du liebe Güte. Ich lach mich kaputt. Der wird ein braver Informant gewesen sein. Die Stasi konnte alles gebrauchen. Das war ihre Stärke, das Puzzlespiel.

Die Stasi kann heute - wenn man will alles vergiften, die hatten ihre Finger überall. Von daher ist Gelassenheit am Platze. Das MfS ist untergegangen und die Akten bringen logischerweise immer mal wieder Erstaunliches ans Licht. Damit kann man prima Stimmung machen.
Und dass es jetzt mehr Richtung Westen geht, hat aus meiner Sicht auch noch etwas von Drohgebärde. Wir können unser Wissen - den grausigen Schatz - überall zum Instrument der Einschüchterung, Umdeutung und Disziplinierung machen... So kommt mir das vor.
Magda schrieb am 22.05.2009 um 17:23
Gleich noch etwas:
Mir fällt noch ein: Wenn das MfS Rudi Dutschke hätte erschießen lassen, das hätte eine innere grause Logik gehabt. Jetzt aber mal losforschen.

Und: Muss die Geschichte umgeschrieben werden, wenn bekannt ist, dass ein Agent des Westberliner Verfassungsschutzes den Sprengstoff für die Attacken gegen die Fahrzeuge von Springergeliefert hat? Stichwort Peter Urbach.

Noch so ein Zeitgeistriese:
Klaus Schröder, Chef des Forschungsverbundes SED-Staat an der FU Berlin spricht kryptische Worte bei Kulturradio vom rbb.
Man wisse ja nicht, was im Hirn eines MfS-Mannes wie Kurras beim Schuss auf Ohnesorg vorgegangen sei. Man könne sich so allerlei vorstellen, aber beweisen könne man nichts. Es sei schon, möglich, dass die SED-Oberen die Schaffung eines Märtyrers im Sinne hätten eventuell haben können....
Es sei ohnehin wichtig, dass jetzt mal eine gesamtdeutsche Sicht ins Spiel komme. Zieht Euch warm an, im Westen. Das gibt jetzt noch einmal volle Breitseiten unter dem Stichwort: Einflussagenten, östliche Steuerung, Unterwanderung,

Vor allem aber müsse man endlich die Birhtler-Behörde in das Bundesarchiv eingliedern, sagt Schröder, damit solche Zufallsfunde nicht die wissenschaftliche Norm würden. Ich kann nur sagen, hier schwimmen Leute wie Fettaugen breit auf der Brühe einer neuen Debatte. Man darf gespannt sein. Die Linke im Westen wird angekarrt und das wird nicht lustig.
Interessant sind alle diese Themen, aber in diesem Klima wird das wieder die reine Schlammschlacht.
Streifzug schrieb am 22.05.2009 um 18:22
Solche netten "zufälligen" Funde vertuschen meiner Meinung den wirklichen Zweck der Birthler-Behörde.

70% der dort geleisteten Arbeit befolgen m. M. die Weisung: Informationen über westdeutsche Personen, Verbände, Unternehmen und andere gewichtige Interessensgruppierungen finden, sichten, aussortieren und / oder ganz oder teilweise verschwinden lassen. Man erinnere sich nur an Kohls Akten.

N. g. Quellen berichten, dass es geheime Kopien vieler besonders brisanter Stasi-Unterlagen an geheimen Orten gibt. Wann oder ob sie überhaupt der Öffentlichkeit zugespielt werden, ist ungewiss.

[Der Kommentar ist ein persönliches Werturteil.]
Roger Beathacker schrieb am 24.05.2009 um 00:47
"Wie ist so etwas möglich, denn auch Top-Spione fliegen irgendwann auf? Kurras war offenbar deshalb unauffällig, weil er so reibungslos und gut innerhalb des westlichen Apparats funktionierte, dass seine Arbeit für den östlichen gar nicht auffallen konnte."

Dass er nicht aufflog waere die eine Moeglichkeit, die andere waere , dass er "umgedreht" wurde, bzw von vornherein ein Doppelagent war. Auch, ohne dass man ein Anhaenger von Verschwoerungstheorien ist (un das bin ich gewiss nicht), sollte man diese Annahme nicht einfach ausschliessen, solange sie nicht als eindeutig widerlegt gelten kann.

Siehe auch:
notatio.blogspot.com/2009/05/stasi-spitzel-kurras-die-ganze-wahrheit.html


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