Die Kritik am Grünen Kapitalismus, die Stephan Kaufmann und Tadzio Müller in ihrem Buch formulieren (mehr dazu hier), hat Hand und Fuß: Der Wechsel vom Benziner zum Elektromobil, von der Ölheizung zum Pelletofen, reicht nicht aus. Die derzeitige kapitalistische Wirtschaft ist zu tief in der Sackgasse, als dass Detailveränderungen ausreichen würden.
Die Kritik von Kaufmann und Müller am Grünen New Deal dagegen geht völlig daneben. Die Autoren ignorieren zwei Drittel des Projekts und behaupten dann, es greife zu kurz. Sie mahnen die große Alternative zum Weiter-so an und schaffen es nicht, diese ökologisch-soziale Transformation zu formulieren, weil sie verkennen, dass der Grüne New Deal genau diese Transformation ist.
Aber der Reihe nach. Das derzeitige Wirtschaftsmodell hat uns erstens in eine anhaltende und tiefgreifende Wirtschafts- und Finanzkrise geführt. Die in Art und Umfang einzigartigen geld- und fiskalpolitischen Rettungsmaßnahmen tragen in sich die Gefahr neuer Krisen, insbesondere staatlicher Überschuldung und neuer spekulativer Blasen, und können dennoch nicht einfach beendet werden. Eine Sackgasse.
Tiefgreifende Fehlentwicklung
Zweitens zerstört das derzeitige Wirtschaftsmodell unser Klima und bedroht die Artenvielfalt. Die TEEB-Studie zur Biodiversität, die bisher unverständlicherweise weniger öffentliche Wirkung hatte als der Stern-Report, nennt erschreckende Zahlen der Vernichtung von Naturkapital: Bis zu fünf Billionen Dollar jährlich durch die Zerstörung von Wäldern, 50 Milliarden Dollar jährlich wegen Überfischung. So wackelig solche Zahlen sind, sie zeigen eine tiefgreifende Fehlentwicklung, nämlich die unwiederbringliche Zerstörung unserer Lebensgrundlagen.
Drittens zerstört das Wirtschaftsmodell der finanzmarktgetriebenen Globalisierung unsere Gesellschaften, indem es sie in eine Armuts- und Verteilungskrise führt. Wie abgestumpft muss man eigentlich sein, um ein Wirtschaftsmodell hinzunehmen, das ein Siebtel der Weltbevölkerung hungernd lässt? Auch bei uns geht die Schere erschreckend auseinander. Während die Mittelschicht schrumpft und die Arbeitnehmereinkommen sinken, steigen die Einkommen der Reichsten – und die Unterschicht wächst.
Der Grüne New Deal ist – als Antwort auf diese drei globalen Krisen – ein Projekt der ökologisch-sozialen Transformation unserer Wirtschaft. Er hat drei Säulen:
1. die effektive Regulierung der Finanzmärkte, um die Finanzwirtschaft wieder in den Dienst realer wirtschaftlicher Entwicklung zu stellen;
2. die ökologische Neuausrichtung unserer Wirtschaft hin zu einer auf erneuerbaren Energien basierenden Kreislaufwirtschaft, in der das Recycling zum allgemeinen Prinzip der Wiederverwendung von Rohstoffen weiterentwickelt wird;
3. die Wiederbegründung des sozialen Ausgleichs, bei uns und global.
Klare Absage an den grünen Kapitalismus
Stephan Kaufmann und Tadzio Müller reduzieren nun den Grünen New Deal allein auf die zweite Säule, die er tatsächlich mit dem grünen Kapitalismus gemeinsam hat, und ignorieren dabei das Ergebnis der Auseinandersetzung darüber, ob die gebotene Antwort nun der grüne Kapitalismus ist oder eine tiefer greifende ökologisch-soziale Transformation der Wirtschaft: Bündnis 90/Die Grünen haben 2008 auf dem Erfurter Parteitag in dieser Frage eine klare Entscheidung getroffen, indem die drei Krisen – die Wirtschafts- und Finanzkrise, die Klima- und Biodiversitätskrise sowie die Armuts- und Verteilungskrise – zusammengedacht wurden und der Grüne New Deal als Antwort auf diese drei Krisen definiert wurde, als ein ökologisch-sozialer Transformationsprozess, der nicht nur die ökologische Neuausrichtung unserer Wirtschaft, sondern ebenso die strikte Regulierung der Finanzmärkte einschließlich der Besteuerung von Finanztransaktionen und auch eine Neudefinition des Sozialen beinhaltet: Mindestlöhne, die Förderung solidarischer Ökonomie, eine neue Handelspolitik, Stärkung der Entwicklungshilfe, etc. Warum zitieren Kaufmann und Müller alle möglichen Äußerungen des Vorstands der Heinrich-Böll-Stiftung, Ralf Fücks, der seit langem in der Minderheit für einen grünen Kapitalismus streitet, nicht aber den entscheidenden Parteitagsbeschluss?
Weil dann sichtbar würde, dass es Bündnis 90/Die Grünen mit dem Grünen New Deal eben nicht um die Rettung des globalen Finanzkapitalismus geht, indem diesem eine neue, ökologische Basis gegeben wird. Ganz bewusst wurde mit dem New Deal, der damals in den USA unter Franklin Roosevelt nicht nur die Banken an die Leine legte, sondern auch Mindestlöhne, Streikrecht, stark progressive Steuern und die Sozialversicherung einführte, ein historisches Vorbild genommen, das wie wenig andere wirtschaftliche Transformationsprozesse auch die Verteilungsfrage beantwortete und die wirkliche Beteiligung der Arbeitnehmer an der gesellschaftlichen Wertschöpfung sicherte. Dieses Vorbild ist eine klare Absage an einen grünen Kapitalismus, der die Macht- und Vermögensverteilung unbeeinflusst lässt. Und diese Absage ist zwangsläufig, weil eine wirkliche Ökologisierung ohne die Beantwortung sozialer Fragen nicht gelingen kann: Verschwenderischer Konsum globaler Eliten ist ein Teil des Ökologieproblems. Und natürlich bedarf es einer Regulierung der Finanzmärkte, um beispielweise zu verhindern, dass Spekulation mit Rohstoffen und Nahrungsmitteln neue Krisen erzeugt.
Die Frage der Kräfteverhältnisse
Nun mag man fragen, ob der soziale und der regulative Teil des Grünen New Deal angesichts der gesellschaftlichen Kräfteverhältnisse eine Chance auf Umsetzung haben. Diese Frage müsste man sich allerdings dann auch für die von linker Seite als Alternative propagierte Schrumpfungswirtschaft stellen. Vor allem aber muss man bei der Wachstumskritik aus linker Perspektive sehr vorsichtig sein. Die eingängige Argumentation, allein während des Zusammenbruchs der osteuropäischen Volkswirtschaft und bei der jetzigen globalen Rezession habe es eine Reduktion der Treibhausgasemissionen gegeben, weshalb allein über eine Schrumpfung des Wirtschaft das Klima gerettet werden könne, ist sozial blind und unverantwortlich. In diesen Phasen ist die Arbeitslosigkeit deutlich gestiegen und die Staatsverschuldung explodiert. Soll die wirtschaftliche Schrumpfung Islands und Lettlands, die jetzt auch Griechenland verordnet wird, wirklich das Vorbild sein? Dieses Dilemma kann man nicht wegdefinieren: Weniger wirtschaftliches Wachstum mag gut fürs Klima sein, verschärft aber die Armutskrise. Mehr wirtschaftliches Wachstum mag unter bestimmten Bedingungen Verteilungskonflikte lösen, verschärft aber die Klimakrise.
Ich bin überzeugt davon, dass wir in Deutschland in den nächsten Jahren geringe Wachstumsraten haben werden, ob wir es wollen oder nicht. Allein die abnehmende Bevölkerung und die katastrophale Lage unserer Banken sprechen dafür. Es gilt also jedenfalls, sich Gedanken zu machen, wie eine Wirtschaft mit geringeren Wachstumsraten stabil und sozial sein kann. Vor diesem Hintergrund halte ich den Verschuldungsabbau für sehr wichtig, den wir Grünen mit einer Abgabe auf große Vermögen leisten wollen. So sollen die in der Krise angehäuften Staatsschulden zurückgezahlt und verhindert werden, dass die Krisenkosten den kleinen Leuten aufgebürdet werden. Die bis dato herrschende Vorstellung ist jedoch, dass wirtschaftliches Wachstum für einen Rückgang der Schuldenquote sorge. Wer aber eine wachstumsarme Wirtschaft andenken will, muss eine andere Antwort auf das Schuldenproblem finden als wirtschaftliches Wachstum. Ähnliches gilt für die Ordnung der Arbeitswelt und der sozialen Sicherung, die wir so ausrichten müssen, dass sie ohne Wachstum funktionieren können.
Keine Nischenstrategie
Weiter führen deshalb allein konzeptionelle Arbeiten, die ökologische, ökonomische und soziale Leitplanken wirtschaftlicher Entwicklung in gleicher Weise berücksichtigen. Nur eine ökonomisch durchdachte ökologisch-soziale Transformation wird die notwendige Überzeugungskraft entfalten für all diejenigen Menschen, die Angst um ihre Arbeitsplätze, ihre Rente und die Finanzierung der Ausbildung ihrer Kinder haben. Das ist die Chance des Grünen New Deals, die wir nutzen müssen: Er ist ein mehrheitsfähiger, auf Erfolg angelegter Ansatz echter Umgestaltung, nicht eine Nischenstrategie, die die Ablehnung durch die gesellschaftliche Mehrheit und damit ihr eigenes Scheitern antizipiert. Selten zuvor lag das Versagen unseres Wirtschaftsmodells einer breiten Mehrheit der Menschen so klar vor Augen wie jetzt. Es wäre historisch unverantwortlich, diese Chance einer Neuausrichtung unserer Wirtschaft am Wegrand liegen zu lassen, in einer Zeit, in der die Legitimationskrise, von der Stephan Kaufmann und Tadzio Müller zu Recht sprechen, einen politischen Wandel erfordert.
Gerhard Schick, Jahrgang 1972, ist promovierter Volkswirt und seit 1996 Mitglied der Grünen. Er sitzt seit 2005 im Bundestag und ist finanzpolitischer Sprecher der Fraktion. Schick ist Mitgründer des Instituts Solidarische Moderne.
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Ach ja, das Ende der Ge(s)chichte, endlich ist es da! (Ironie) Einige Verbesserungen sind aber weiterhin gestattet. Die systemischen Eigenschaften kapitalistischer Ökonomie - Profit, Privateigentum, Wachstum - erscheinen nicht mehr als strukturelle Gefahr für das Überleben von Natur und Menschen. Quasi-korporatistische Kompromisse zwischen den Unternehmen und Ein-Themen-AkteurInnen reichen aus, um den Weg nicht in eine andere, aber doch in eine bessere Zukunft zu weisen. Eine grundsätzlich andere Gesellschaft kann der Leitartikler sich überhaupt nicht vorstellen. Green New Deal konzentriert sich auf seine Kernaufgaben: Liberalisierung, Privatisierung, Marktkult.
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Hr. Schick hat irgendwie nicht mitbekommen, dass die Grünen ein Glaubwürdigkeitsproblem haben. Nicht ein Wort im Artikel zu der Scheisse, die während der Regierungszeit mit Schröder gebaut wurde, bis heute hat keinerlei kritische Aufarbeitung stattgefunden. Seit Jahren sondern sie jede Menge nette Ideen ab. In der Realität wird dereguliert und privatisiert, bis die Schwarte kracht, weil die Pseudo-Vorzeige-Linken in der Partei wie Schick, Trittin und Niegold aber nun wriklich gar nichts mehr zu melden haben. Siehe Saarland, Hamburg und bald NRW. Nicht umsonst gelten die Grünen seit Fischer als korrumpiert. Völlig absurd wird die Zirkusvorstellung der Grünen, wenn sie sich wie im Hamburger Parlament jetzt geschehen, zu Verteidigern der Atomkraft aufschwingen. Mehr Heuchelei und Scheinheiligkeit geht nun wirklich nicht. Und in NRW wollen Löhrmann und die Grünen genau wie im Saarland um jeden Preis an die Futtertröge. Inhalte sind den Grünen mittlerweile komplett egal, die eigene Pension soll gesichert werden. Im Grunde haben die Grünen keine Existenzberechtigung mehr.
gez.: Ein von den Grünen zutiefst frustrierter ehemaliger Hüttenbewohner aus Gorleben. |
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Ich dachte als Information getarnte Parteienwerbung ist nicht erlaubt?
Herr Schick bitte unterlassen Sie das Wortspiel, entweder sie schreiben Green New Deal als Eigenname oder übersetzen es vollständig neue grüne Wirtschaftsvereinbarung, -abkommen, -handel. Ansonsten sehe einfach das Problem, dass mit den derzeit vorhandenen verkrusteten, verfilzten Lobbystrukturen auch ehrliche und "echte" Politiker wie Hans Christian Ströbele einfach nicht arbeiten können bzw. sogar behindert werden (Anträge zur Aufklärung vom SoFFin usw.). Macht korrumpiert, ob es Die Linke ist, welche in Berlin Kürzungen von 113 Millionen Euro an den Unis mit umgesetzt haben oder die ehemals Turnschuh tragende Ex-Zottelfraktion von B'90, welche nun in Maßanzügen durch die Gefilde von Kohlekraftwerken wandeln. Wenn man sich mal anschaut was alles nötig ist um heutzutage Macht zu haben, dann liegt auf der Hand dass von den Wahlversprechen nur diejenigen eingelöst werden welche die mächtigste Klientel bedienen. Kaum ein Politiker der noch ein Profil hat und dies beibehält, stattdessen geht man soviele Kompromisse ein, bis nichts mehr übrig ist vom ehemals idealistischen Anspruch nur um endlich an der Macht zu sein. Die dunkle Seite stark jetzt ist, junger Padawan. Diese ganzen festgefahrenen Strukturen mit gemachten und NICHT! etwa gewählten Politikern müssten aufgebrochen, die erste und zweite Riege abtreten (auch die Beamte in den Ministerien) und anschließend mit Leuten besetzt werden die a) Ahnung haben b) ethisch moralische Maßstäbe von demos kratie und res publica vertreten |
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Was der Artikel zu verhandeln versucht, sind programmatische Fragen, werte Mitkommentatoren. Statt auf diese Fragen im einzelnen einzugehen, werden - möglicherweise durchaus richtige - Grundsatzargumente aufgefahren (hadie) oder ad personam debattiert (die beiden anderen Vorredner).
Mir scheint folgendes sicher zu sein: Der Wert 'Nachhaltigkeit' in seiner sozialen und ökologischen Dimension ist der tragfähigste Kandidat für massentaugliche Politik. Er ist (noch) nicht ideologisch verbrämt und führt deshalb zum Glück noch nicht zu den altbekannten Lagerkämpfen. Sie drohen sich allerdings auch hier zu entzünden, wenn mit der ökonomischen die dritte Dimension des Begriffs in die Diskussion Eingang nimmt. Anders als hadie halte ich es für nicht ausgemacht, dass kapitalistisches Wirtschaften Nachhaltigkeit in ökologischer und sozialer Hinsicht ausschließen muss. Gleichwohl sehe ich ein grundsätzliches Spannungsverhältnis zwischen wirtschaftlichen Interessen, die in Zeiten des modernen Finanzkapitalismus zudem immer kurzfristiger und risikofreudiger ausgerichtet sind, und Nachhaltigkeitszielen. Leider ist mir aber das Argument, dass die Kombinierbarkeit von beiden nachweislich ausschließt, noch nicht untergekommen. Solange es nicht vorliegt, bleibt wohl der Green New Deal zumindest ein Modell, das diskutiert werden sollte. Die Frage, ob es nur von den "korrupten" Grünen vertreten werden kann, ist relativ zur Aussicht des Programms sekundär. |
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schrieb am
26.04.2010 um 12:34
Das skizzierte Programm kurzgefasst: Materieller Verzicht in gewaltigem Ausmaß!
Wie soll das in einer säkularen Gesellschaft aus freien Stücken durchsetzbar sein? Ohne die Aussicht, dass am Ende der Regenbogenbrücke ein himmlicher Garten Eden wartet, gilt es doch hauptsächlich, dass im Hier und Jetzt für sich selbst und die eigene Sippschaft gesorgt ist. Deswegen hebt ja auch in der westlichen Welt jede relevante politische Gruppierung vor allem auf den materiellen Wohlstand ab - und sei es auch nur, um den Wählern Sand in die Augen zu streuen. Und da will sich nun ein Häuflein erheben und mit der Aussicht, dass es in Zukunft von allem weniger geben, dafür aber wieder mehr Zeit im Gemüsegarten und beim Socken stopfen zugebracht werden müsse, auf Stimmenfang gehen? Dass mit dem Versiegen fossiler Energieträger und anderer nicht-erneuerbarer Ressourcen das Leben in einigen Jahrzehnten höchstwahrscheinlich immer erbärmlicher werden wird, steht ja außer Frage. Aber wer wollte denn heute aus eigenem, Antrieb auch noch diesem Jammertal aktiv entgegenstreben? |
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Sicher ist das ein (wahl-) programmatischer Artikel mit der Werbeaussage: wir haben das beste Rundum-Sorglos-Paket mit den drei Weißmachern (Säulen):
1. Bewältigung der Finanzkrise (mit schon fleißig spekulierenden Verschmutzungsrechte-Börsen?) 2. ökologischer Umbau "unserer" Wirtschaft, Nachhaltigkeits-Rhetorik usw. 3. Wiederbegründung des sozialen Ausgleichs - etwas, was man den Hartz-IV-Miterfindern nun am wenigsten zutrauen kann. Insgesamt geht Schick nicht einmal so weit wie seinerzeit der Club of Rome, denn bei ihm gibt es keine Grenzen des Wachstums - wenn entsprechend dotierte "Experten" nur die "Nachhaltigkeit" der jeweiligen Blasenproduktion zertifiziert haben ... |
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Ein sehr enger Begriff materiellen Wohlstands, den Sie da zur Anwendung bringen. Ich verstehe Ihren Beitrag nicht ironisch und gehe deshalb darauf ein.
Zunächst halte ich den Verzicht etwa auf spritfressende Großfahrzeuge oder auf energieverschwendende Plasma-Fernseher nicht für einen so herben Verlust, wenn sparsame Alternativen zur Verfügung stehen. Es geht doch gerade darum, den technologischen Fortschritt, der uns seit Jahren materiell bereichert, in effizienterer Form zu nutzen und dafür nicht nur ökonomische, sondern auch ideologische Anreize zu schaffen. Als einen Anreiz der letzten Sorte würde ich übrigens gerade die Sorge um die eigene "Sippschaft" auffassen, leben wir doch heutzutage vor allem auf Kosten unserer Kinder und Kindeskinder. Ich würde dem obigen Artikel grundsätzlich in der Absicht beispringen, den Green New Deal als diskussionswürdigen Vorschlag zu betrachten, weil die Detailfragen, wie ohne (nennenswerten) Verlust materiellen Wohlstands nachhaltiger gelebt werden kann, die interessanten politischen Fragen sind. Die Frage nach dem grundsätzlichen Systemwechsel ist, das habe ich schon angedeutet, davon ja nicht unbedingt auszuschließen. |
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@hadie
Leider wiederholt Ihr Beitrag vor allem die Vorwürfe des ersten, nun allerdings in besonders polemischer (Listen-)Form. Wenn ich noch einmal betone, dass ich intuitiv Ihrer Auffassung zugeneigt bin, dass es womöglich nicht zu bewältigende Widersprüche zwischen ökonomischen Interessen im kapitalistischen Sinne und Nachhaltigkeitsansprüchen gibt, so deshalb, weil auch Ihr neuer Beitrag handfeste Argumente schuldig bleibt. Es kann nicht als prinzipieller Einwand gelten, dass der programmatische Anspruch, etwa die Finanzwirtschaft zu "zähmen", genau das ist: ein programmatischer Anspruch. Dass zur wirklichen Umsetzung solcher Ziele mehr gehört als sie schriftlich zu notieren, das ist unbenommen und betrifft jedes politische Programm gleichermaßen. Dass die Grünen gegenwärtig möglicherweise an Politik beteiligt sind, die in gegenläufiger Richtung unterwegs ist, schmälert auch die Glaubwürdigkeit der Partei, nicht aber des Programminhalts. Ich warte also weiter auf das entscheidende Argument. |
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Ich sollte anmerken, dass ich auch den "Contra-Green-New-Deal"-Artikel kommentiert und dort die Frage aufgeworfen habe, die hier implizit mitschwingt.
www.freitag.de/positionen/1016-kein-linkes-projekt#comments |
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@klonkifanko
Das eine große Argument gegen olivgrüne Machtgeilheit lässt sich sehr schön und unverfänglich durch eine Fabel des Äsop wiedergeben, hier in einer Fassung von Daniel Wilhelm Triller (um 1750): Inzwischen werd ich mich vorjetzt bemühn, Die Fliegen, die mit tausend Röhren Dir das Geblüt aus deinen Adern leeren, Und dir beschwerlich, zu verjagen. Ich bin zwar nicht gemeynt, so eine Medicin, Von solcher Kraft und Wirkung, auszuschlagen, Sprach hier der Patient, allein der Fliegen wegen, So lass sie immer sitzen bleiben, Und hüte dich, dieselben wegzutreiben. Du siehst ja, daß sie schon mit meinem Blut erfüllt. Wenn du die satten nun verjagen willst; So kommen andere, die hungrig, hergeflogen. Von diesen würd ich Ärmster gar Bis auf den Tod begierigst ausgesogen. |
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Immerhin sehr spannender Vorschlag, aber sehr aus der Tüte, da hätte man mehr Basisarbeit machen müssen, warum das eine gute Idee ist. Und ausserdem finde ich es nicht gut, einen deutschen Vorschlag einen englischen Namen zu geben. Das wirkt abgehoben und realitätsfremd, und deutet darauf, dass es ein elitär ausgearbeitetes Konzept von Think Tanks ist und eben kein basisdemokratischer Prozess.
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Der alte Streit zwischen den Reformern und den Revolutionären oder Parlamentarismus gegen Antiparlamentarismus. Der Grüne New Deal endet, wie die Reise des verhungernden Afrikaners, an den Grenzen der Festung Europa. Wenn wir über Finanzierung von grünen Jobs reden, dann müssen wir auch über die abgelehnten Asylanträge der Klimaflüchtlinge reden, die wieder in ihre alten Länder zurück geschickt werden, um dort ihre von westlichen Konzernen und vom Klimawandel zerstörte Lebenswelt vorfinden. Diese ökologisch-soziale Transformation von ist doch nur der Honig, um die Mäuler der privilligierten Wähler in Deutschland, damit wenigstens suggeriert werden kann, dass dem deutschen Volk Genesung bevorsteht. Das es noch eine Welt ausserhalb unseres Nationalstaates liegt ist dem Autor völlig fremd und daher muss es auch ein gewaltiges Projekt sein zur Förderung des nationalen Wohlstandes als Enklave in einer ausgebeuteten und verwüsteten Welt. Der Neue Grüne Deal ist nur eine weitere Fremdherrschaft über die Menschen und zwingt sie in den alten kapitalistischen Kategorien konform ihrem Tagwerk nachzugehen. Da die Krise so gewaltig ist muss die Medizin dagegen noch gewaltiger sein und durch unsere Defizitkonjenkturen finanziert werden. Der einzelne Mensch ist völlig machtlos gegenüber diesem Apparat.
Climate Justice Action versucht einen Ausweg aus diesen Sachzwängen zu finden und von den Graswurzelbewegungen aus dem globalen Süden zu lernen. Gegen Fremdherrschaft durch den globalen Weltmarkt hilft nur Autonomie im Lokalen. Besonders die Energie- und Nahrungsmittelproduktion müssen wieder regional in demokratischer Verwaltung kontrolliert werden. Nur so können die Menschen in den Industrienationen ihren zerstörerischen Konsumismus hinter sich lassen und endlich, wie es die indigenen Völker seit Jahrtausenden praktizieren, in Hamonie mit Mutter Erde leben. |
Ausgabe 06/12
09.02.2012
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