Dies ist nur ein kleiner Fortschritt für die Genforschung, aber bei Lichte besehen ein Desaster für die katholische Morallehre, was zwei chinesischen Wissenschaftlerteams gerade gelungen ist. Sie haben ein paar Mäuse geklont, was nach dem Klonschaf „Dolly“ von 1996 keine Sensationsmeldung mehr hervorruft. Und zu allem Überfluss wurde der chinesische Erfolg, wenn er überhaupt eines Kommentars für würdig befunden wurde, bislang geradezu als Ausweg aus einem moralischen Dilemma gelobt.
Die beiden Forschergruppen um Shaorong Gao und um Xiao-yang Zhao konnten zeigen, dass sogenannte „induzierte pluripotente“ Stammzellen nach geeigneter chemischer Behandlung das gleiche Potenzial von embryonalen Stammzellen besitzen: einen vollständigen Organismus herausbilden zu können. Wenn man Experimente mit embryonalen Stammzellen beim Menschen für unzulässig hält, hingegen induzierte Stammzellen für moralisch unbedenklich, dann folgt aus der neuen Entdeckung tatsächlich eine Verkleinerung des moralischen Übels der Genforschung.
Das Ziel der Forschung ist die Herstellung von Ersatzgewebe, um so bislang unheilbare Krankheiten, die mit dem Verfall oder der Zerstörung von Körpergewebe einhergehen, zu heilen, zum Beispiel Herzmuskelgewebe nach einem Herzinfarkt. Aber die katholische Kirche hat unmissverständlich erklärt, dass, obwohl die Heilung solcher Krankheiten durchaus wünschenswert wäre, es moralisch ausgeschlossen sei, zum Züchten von Ersatzgewebe Embryonen zu verwenden. Wegen ihres Potentials, menschliches Leben zu erzeugen, können Ei- und Samenzellen des Menschen in der katholischen Wertordnung niemals bloßes Mittel zum Zweck sein; einen Kranken mittels embryonaler Stammzellen zu heilen, wäre wie die Rettung eines Menschen durch den Mord an einem anderen.
Von Mäusen und Menschen
Deshalb wurde es als Glücksfall angesehen, als vor zwei Jahren japanische Genforscher eine Methode fanden, gewöhnliche Körperzellen in die besagten induzierten pluripotenten Stammzellen zu verwandeln. Nach ein paar Verbesserungen der Methode brauchte man nur noch eine Hautschuppe oder etwas Hustenschleim mit ein paar Chemikalien behandeln und heraus kam eine Zellkultur, die für die meisten Experimente zur Züchtung von Ersatzgewebe geeignet war. Nur schienen sie nicht völlig gleichwertig zu den aus Embryonen gewonnenen Zellkulturen.
Diesen Rest an Ungleichheit haben die Chinesen nun beseitigt. Der Beweis des Kuchens ist, ihn zu essen: es ist ihnen gelungen, die induzierten Stammzellen genau wie Embryonen zu vollständigen Lebewesen heranzuziehen: Aus Mäusehautzellen wuchsen 28 neue Mäuse, die jetzt schon über Hundert Nachkommen auf natürlichem Weg gezeugt haben. Dass man die Experimente nicht mit Menschen gemacht hat, lag ausschließlich an strafrechtlichen, nicht an technischen Komplikationen.
Zu einem Problem wird der chinesische Forschungserfolg jedoch, weil die katholische Kirche mit der Enzyklika Humanae vitae von 1968 eben diese Potentialität zur Prämisse ihres Moralsystems über Biologie, Leben und Sexualität erhoben hat. In dem Wunsch, eine logische Ordnung in die Menge ihrer traditionellen Handlungsge- und -verbote zu bringen, kam man auf die Formel von dem sich in den Zielen der biologischen Gesetze manifestierenden göttlichen Schöpfungsplan, dem sich ein rechtschaffener Katholik zu unterwerfen habe. Die Pille, Kondome oder Onanie sind demnach gerade deshalb sündhaft, weil sie eine auf Fortpflanzung zielende natürliche Potenz durch menschlichen Willen an ihrer schöpferischen Vollendung hindern. Die rührende Fürsorge der katholischen Kirche für die tiefgefrorenen Zellklumpen, die nach einer frühzeitig erfolgreichen künstlichen Befruchtung übrig bleiben, rührt aus dem gleichen Glaubensprinzip: dass die bloße Potenzialität der befruchteten Eizelle, einen ganzen Menschen erschaffen zu können, hinreichend für die Partizipation an der Würde und allen Schutzrechten des menschlichen Lebens sei.
Aber jetzt ist dank der Chinesen der Schlamassel da. In Konsequenz ihrer bisherigen Argumentation müsste die katholische Kirche eigentlich dem Panpsychismus verfallen: Die ganze Welt voll potentiellem menschlichen Leben! Jeder Husten verstreut Millionen ungeborener Embryonen; in allen Ritzen tummelt sich potentielles menschliches Leben, das auf unsere chemische Freisetzung zum Menschen hoffen darf. Und jeder Kochwaschgang der Schmutzwäsche mordet vermutlich mehr potentielle Nachkommen als alle heute lebenden Völker der Erde.
Oder aber die katholische Kirche besinnt sich zurück zu ihrem Begründungssystem vor Humanae vitae. Damals bezogen sich Werte und Moral noch ausschließlich auf menschliches Handeln und nicht auf abstrakte und womöglich falsche Theorien über die biologische Natur und ihre überhaupt nur durch ein Mikroskop wahrnehmbaren Gegenstände. Mit dieser Rückbesinnung ließen sich auch die Dogmen über Medizin und Sexualmoral revidieren, die aus dem bloßen Zwang zur Systematik bereitwillig grausame Konsequenzen in Kauf nahmen. Ganz zu schweigen vom Respekt vor dem eigenen Glaubensgründer, der aus guten Gründen in keiner seiner Predigten und Gleichnisse über Genetik oder Fragen der wissenschaftlichen Tatsachenfeststellung gesprochen hat.
Wenn das die Konsequenz wäre, dürften wir die chinesische Entdeckung doch als einen ganz großen Durchbruch feiern.
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Dieses Ergebnis ist auf jeden Fall ein Riesendurchbruch, auch für die Reproduktionsmedizin. Nicht (nur), weil es in naher Zukunft möglich sein könnte, Menschen direkt aus somatischen (also nicht Keim-) Zellen zu klonen mit allen ethischen und natürlich auch medizinischen Implikationen, die das mit sich brächte.
Viel realer, einfacher und unbedenklicher ist die Generierung von Hoden- und Eierstockgewebe aus Körperzellen von Menschen, die nach Transplantation (wieder) zu einer ganz "normalen" Fertilität führen - und genetisch nicht verschieden sind von ganz "normalen" Keimzellen. Soviel ich weiß, sind Spermien bereits aus somatischen Zellen im Labor gewonnen worden. Damit können die bestehenden ethischen Dilemmata der Samen- und besonders der Eizellspende elegant vermieden werden. Eine Folge könnte auch sein, daß die Wechseljahre für Frauen praktisch obsolet werden, zumindest, was ihre Fertilität angeht. Die Lebensplanung von Frauen könnte sich ändern, was nicht ohne soziale und gesellschaftliche Folgen bleiben wird. |
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Interessant, vor allem für mich als bekennenden Ex-Katholiken. ;) Jetzt wüßte man noch gern, was Benedikt dazu meint...
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... das würde mich auch brennend interessieren!
Aber das Problem ist ja jetzt erst ganz neu entstanden und da müssen wir der katholischen Kirche wohl einfach erst Mal ein paar Jahre Zeit geben, darüber nachzudenken. Ein intellektueller Schnellschuß wie nach der Erfindung der Pille wäre jedenfalls in keinem Interesse. |
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Wie schön wäre es, würde die katholische Kirche ihre Morallehre überdenken. Nur gibt der Test der Chinesen sicher keinen Anlass dazu: Auch sie brauchten Eizellen (bzw. Embryonen) um aus den chemisch reprogrammierten Hautfetzen Mäuse zu machen. Bislang geht es nicht ohne. So stimmt die Behauptung nicht, dass es "erstmals" gelungen sei aus Körperzellen neues Leben zu schaffen. Das war das Schaf Dolly 1996, und vor ihr gab es noch einige andere Tiere, allerdings keine Säuger.
"Dass man die Experimente nicht mit Menschen gemacht hat, lag ausschließlich an strafrechtlichen, nicht an technischen Komplikationen." Keine Ahnung, was das chinesische Recht aktuell dazu sagt, andere chinesische Forscher durften offenbar bereits mit menschlichen Klonembryonen arbeiten (www.dradio.de/dlf/sendungen/forschak/915484/), ist noch nicht so lange her. Da haben sie mit der konventionellen Dolly-Technik menschliche Klonembryonen geschaffen, die aber nur wenige Tage alt wurden. Bislang gibt es keine glaubhaften Berichte über einen lebenden Menschenklon. Geklonte Tiere gibt es Tausende. Das deutet irgendwie schon auf "technische Komplikationen" hin. |
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Sie glauben an einen fundamentalen biologischen Unterschied zwischen Mensch und Tier? Also an einen Unterschied, der sich darin manifestiert, dass sich andere Säugetiere leicht klonen lassen, aber dem Klonen von Menschen ein biologisch-naturgesetzliches Hindernis im Weg steht?
Was die anderen Punkte angeht, haben Sie natürlich recht: Der Fortschritt der Chinesen ist, wie geschrieben, nur „ein kleiner“. Und natürlich könnte sich die katholische Kirche auf den Standpunkt stellen, dass alle diese Fortschritte solange ignoriert werden dürfen, bis tatsächlich einmal unter notarieller Aufsicht ein Mensch ausschließlich aus einer Hautzelle und petrochemisch gewonnener Chemikalien (ohne Zuhilfenahme eines Uterus) erschaffen wurde (und dieses Wesen nach den Maßstäben der Kirche als ein beseelter Mensch erkannt wurde). Dass das passiert, möge Gott verhüten! Aber zu vermuten, dass das rein naturgesetzlich nicht funktionieren kann, halte ich, gerade auch angesichts des kleinen Erfolgs der Chinesen, für naiv. |
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Lieber Herr Kühne,
vielen Dank für diesen gelungenen, prägnanten Beitrag, der bereits die Perspektive auf einen mit absoluter Sicherheit nicht fernen Kulturkampf mit der katholischen Morallehre liefert. Apropos Morallehre. Ich kann kaum eine katholisch-kirchliche Moral erkennen, vielmehr nur den extensiven Gebrauch des Begriffs "Moral". Die Katholische Kirche praktiziert seit langem / schon immer eine Gesinnungsethik. Das heißt: Die richtige Gesinnung muss ihrer Auffassung nach einfach die richtigen Konsequenzen mit sich führen. Falls die Realität dem zuwider läuft, tut sie es nur dem Schein nach. In Wahrheit ist die Realität “richtig“. Heikles, aber anschauliches Beipiel: Katholische Verhütungspolitik und AIDS. Die Folgen von AIDS in Afrika und andernorts sind bekannt. Dennoch verweigert sich Rom strikt, irgend eine Art der Verhütung zu akzeptieren, insbesondere auch nicht die Anwendung von Kondomen, womit das Ansteckungsrisiko dramatisch gesenkt würde. Die Konsequenz - Millionen von Toten - ist aus der Perspektive Roms ganz offenkundig akzeptabel, weil die Gesinnung, die der strikten Forderung nach freier Empfängnis zugrunde liegt, schon immer die richtige Ethik war. Um das bereits ins Leben getretene Leben hat sich Rom eher selten gekümmert, doch um das ungeborene Leben umso mehr. Denn es ist - unbefleckt, sündfrei. Wohingegen das bereits im Leben befindliche Leben befleckt ist - sündhaft. Im schlimmsten Fall - durch Sünde aidsverseucht. Und damit nicht mehr hinreichend schutzwürdig. Mit Moral hat das nur insofern zu tun, als es jahrhundertealte katholisch-rhetorische Übung zustande brachte, den Begriff Moral mit solchem amoralischem Tun verbunden zu lassen (früher hieß Rhetorik: "scholastische Gelahrtheit" :-). Die "Würde einer Hautschuppe" schreckt mich unendlich weniger als die Moral der Kirche. |
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Natürlich gibt es keinen fundamentalen biologischen Unterschied zwischen Mensch und Tier, jedenfalls keinen der beim Klonen eine Rolle spielen dürfte. Aber ja, die verschiedenen Säugetiere scheinen sich unterschiedlich gut klonen zu lassen, ohne dass derzeit jemand sagen könnte, woran das liegt. Es scheint schwieriger zu sein, Menschen zu klonen als etwa Mäuse. Vögel sind noch widerspenstiger.
Nun, ich bin kein Kloneur. Aber es gibt einige unter ihnen, die sagen, dass beim Klonen (egal welcher Tierart) versucht wird, eine biologische Barriere zu überschreiten. Das funktioniert manchmal, dann kommen dabei lebende Säugetiere heraus, die jedoch alle als mehr oder weniger krank gelten können, manchmal haben sie sichtbar Fehlbildungen, manchmal leben und altern sie wie natürlich gezeugte Tiere. (Ihre natürlich gezeugten Nachkommen sind hingegen immer völlig normal.) Kann sein, dass irgendwann die Reprogrammierung erwachsener Zellen besser funktioniert. Bis dahin ist das Statistik: Es gibt viele Mäuse- oder Rindereizellen, also kann man auch viele Experimente machen, auf dass mal eines funktioniert. Menschliche Eizellen sind rar. |
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