Wissen

Gleichberechtigung | 01.10.2009 05:00 | Klaus Hurrelmann

Kompetenz, Kinder und Karriere

Eine ­unbemerkte Revolution: ­Frauen siegen im im Bildungswettstreit. Die Folge - immer mehr junge Männer sitzen schlecht ausgebildet und unzufrieden zuhause

Alle modernen Gesellschaften sind durch soziale Ungleichheit gekennzeichnet. In den letzten 20 Jahren hat die Verteilung von ökonomischen und finanziellen Ressourcen eine immer stärkere Schieflage bekommen. Die Reichen werden noch reicher, die Armen noch ärmer. In der soziologischen Forschung sind solche Prozesse bekannt. Die meisten Gesellschaften neigen dazu, einmal bestehende Hierarchien von sozialen Gruppen immer weiter zu verfestigen.

Umso überraschender ist ein aktuelles Ergebnis aus der Bildungsforschung: Die Geschlechterhierarchie dreht sich um. Junge Frauen sammeln immer mehr Bildungsressourcen und schneiden bei fast allen Prüfungen im Schul- und Hochschulsystem besser ab als die jungen Männer. Die Frauen erwerben die Mehrzahl der hochwertigen Schulabschlüsse – in Deutschland schon fast 55 Prozent beim Abitur – und in vielen Fächern auch Hochschulabschlüsse. Sie besetzen heute im Prestigefach Medizin schon fast zwei Drittel aller Studienplätze.

Das ist soziologisch ein aufregendes Ereignis. Eine generationenlange Tradition der Rangordnung der Geschlechter gerät ins Rutschen. Solange es formale Erziehungsinstitutionen gibt, solange dominierte bisher das männliche Geschlecht in ihnen, sowohl was die Anzahl der Plätze als auch was die Qualität der Abschlüsse betrifft. Diese Epoche nähert sich dem Ende.

Die letzten international vergleichenden Schulleistungsstudien der OECD, die in 30 hoch entwickelten Ländern der Welt durchgeführt wurden, sprechen eine klare Sprache. Das „Programme for International Student Assessment“, kurz PISA genannt, dokumentiert in statistischen Zahlen das Bildungsdesaster des männlichen Geschlechts. Die PISA-Daten beziehen sich auf die 15-Jährigen, die in den meisten Ländern kurz vor dem Ende ihrer Pflichtschulzeit stehen. Lesekompetenz, naturwissenschaftliche und mathematische Fähigkeiten werden in standardisierten Tests erhoben. Die Ergebnisse: Seit dem Start der vergleichenden Untersuchungen im Jahre 2000 haben Mädchen und junge Frauen ihre Position in der Lesekompetenz gehalten oder sogar weiter ausgebaut. In diesem Kompetenzbereich sind sie durch ihre hohen kommunikativen und sprachlichen Fähigkeiten schon immer besser als die jungen Männer gewesen. Aber in der früheren Männerdomäne der naturwissenschaftlichen Fächer haben sie sich seit 2000 ebenfalls kontinuierlich verbessert und liegen heute über weite Strecken vor dem männlichen Geschlecht. Nur in Mathematik übertreffen die Leistungen der jungen Männer die der jungen Frauen, wenn auch nur noch sehr knapp. Schreibt man die Tendenzen fort, ist bei der nächsten oder übernächsten Erhebung auch in diesem Bereich der Durchbruch der jungen Frauen denkbar.

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Ehrgeiz der Frauen

Diese Entwicklung zeigt sich in allen hochentwickelten Ländern der Welt. Es handelt sich ausnahmsweise einmal nicht um ein deutsches Phänomen, das irgendetwas mit unserem gegliederten Schulsystem oder der föderalistischen Verfassung zu tun hat. Die Antriebskräfte für diese Entwicklung liegen ganz offensichtlich sehr viel tiefer, als dass wir sie bei einer vergleichenden Analyse von pädagogischen Strukturen und Institutionen identifizieren könnten. Das gilt auch für den Hochschulbereich. In den USA sind deutlich mehr Frauen in den Hochschulen registriert als Männer und immer häufiger schneiden sie auch erheblich besser ab als ihre Geschlechtsgenossen. Viele von ihnen haben sich sogar – was bisher als undenkbar erschien – deutlich bessere Positionen für Berufseinmündung und Karrieregestaltung bis hin zur Einkommenshöhe gesichert. Das, obwohl auch in den USA, wenn auch lange nicht so stark wie in Deutschland, die traditionellen Berufsbereiche noch von Männern dominiert sind und männliche Netzwerke wie ein closed shop funktionieren. Die Abschottung bröckelt, vor allem in heute boomenden Berufssektoren, die mit Kommunikation und Wissensverarbeitung zu tun haben.

Der Aufstieg der jungen Frauen macht auch in den ansonsten eher benachteiligten Bevölkerungsgruppen nicht halt. In den USA zum Beispiel erhalten die Frauen 66 Prozent der Bachelor-Abschlüsse, die an Afro­amerikaner vergeben werden, 61 Prozent sind es bei den Hispanics, 60 Prozent bei den Native Americans, 55 Prozent bei den Asian Americans. Das ist zum Teil ein höherer Frauenanteil als bei den weißen Amerikanern. Das heißt: Auch in den bildungsmäßig benachteiligten Bevölkerungsgruppen sind es die Mädchen und jungen Frauen, die deutlich stärker nach vorne streben als die Männer. Die Frauen setzen sich über eingefahrene sozio-ökonomische und soziokulturelle Barrieren hinweg, was auf eine starke Antriebskraft und einen sehr großen Ehrgeiz hindeutet.

Was hier vor sich geht, ist so etwas wie eine kulturelle Revolution. Seit Generationen etablierte Muster der Hierarchie der Geschlechter geraten ins Rutschen. Wenn dieser Trend so weiter geht, stehen wir möglicherweise vor einer neuen Runde im Geschlechterkampf, denn die jungen Frauen haben inzwischen derartig viel Bildungskapital angehäuft, dass sie die jungen Männer in immer mehr Bereichen vom Sockel der Macht stoßen können, die sie in Politik und Wirtschaft noch ausüben.

Wie sind diese Muster zu erklären? In den letzten Shell Jugendstudien war uns der Geschlechtsunterschied in der Familienorientierung aufgefallen. Die jungen Frauen in Deutschland bekennen sich zwar zu der traditionell etablierten weiblichen Geschlechtsrolle, die einen starken Akzent auf Harmonie, Gemeinschaft und Netzwerkbildung, soziale Bindung und Dienst am Gemeinwesen verlangt. Die jungen Frauen wollen eine eigene Familie gründen und stellen die „drei K’s“, Kinder, Küche, Kirche/Kommune nicht in Frage. Aber: Sie geben sich mit dieser Orientierung an der traditionellen Ausrichtung der Frauenrolle nicht zufrieden, sondern sie erweitern sie. In der Shell Jugendstudie drückt sich das so aus: Fast 80 Prozent der zwölf- bis 25-jährigen Frauen wünschen sich eine Familie mit eigenen Kindern, aber zugleich auch eine erfolgreiche schulische und berufliche Laufbahn. Sie wollen zu den drei traditionellen „Ks“ das vierte „K“, die Karriere im Beruf, hinzu erobern, und sie sind bereits auf dem Weg dahin. Das bedeutet, sie schlüpfen in wesentliche Bereiche der traditionellen Männerrolle hinein und erschließen und sich einen neu gestalteten, flexiblen Weg zur Weiblichkeit.

Anders die jungen Männer. Hier lässt sich nur eine Minderheit von allenfalls 40 Prozent auf eine Abwendung vom traditionellen Männerbild ein, das um die berufliche Karriere herum gestrickt ist. Die Mehrzahl der jungen Männer ist nicht bereit, sich auf die als „weiblich“ codierten Lebensbereiche Kinder, Küche, Kirche/Kommune einzulassen. Sie betrachten eine solche Rollenerweiterung als erniedrigend und unter ihrer Würde. Damit sperren sie sich in eine enge Rolle von Männlichkeit ein und blockieren alternative und flexible Wege zur Ausübung der männlichen Geschlechtsrolle. Den meisten jungen Männern ist überhaupt nicht bewusst, wie sehr sie sich mit dieser Einschränkung ihrer Spielräume beschränken und wie stark sie sich damit in ihrer Fähigkeit der sozialen, kulturellen und ökonomischen Entfaltung schädigen. Eine kritische Reflektion der männlichen Geschlechtsrolle findet nicht statt.

Versagen der Männer

Worin bestehen die Einschränkungen und Schädigungen genau? Zusammen mit meiner Kollegin Gudrun Quenzel habe ich in einem Forschungsprojekt an der Universität Bielefeld die internationale Fachliteratur nach Anhaltspunkten für empirische Befunde durchsucht. Wir sind dabei zu frappierenden Ergebnissen gekommen: Das Absacken der jungen Männer bei den Bildungsbilanzen ist mit einer mangelnden Kreativität und Flexibilität bei der Bewältigung praktisch aller wichtigen entwicklungsspezifischen Aufgaben im Lebensalltag verbunden. Das zeigt sich in drei Schlüsselbereichen: dem Freizeitverhalten, der Wertorientierung und dem Bindungsverhalten.

Das Freizeitverhalten ist elementar wichtig für die Regeneration der Kräfte, bei Kindern und Jugendlichen auch für die Entwicklung von Kreativität und Realitätsgefühl. Die jungen Frauen fallen hier durch ein breit gefächertes und vielgestaltiges Muster auf, in dem sie körperliche und handwerkliche Aktivitäten mit medialen und elektronischen Impulsen verbinden. Bei den jungen Männern hingegen überwiegen die elektronischen Medien. Viele von ihnen verbringen viel zu viele Stunden am Tag mit sehr einseitigen und am Ende wenig stimulierenden und kaum intelligenzfördernden, geschweige denn kompetenzfördernden Berieselungsbeschäftigungen.

Das gleiche Bild zeigt sich bei Wertorientierungen. Mädchen und junge Frauen sind geschickter darin, sich in der Tugend von Selbstdisziplin und Selbstmanagement zu üben, sich an Kindergarten und Schule anzupassen und die komplexen Anforderungen eines sozialen Systems zu akzeptieren. Junge Männer tun sich hier sehr viel schwerer, was auch damit zu tun haben könnte, dass in allen Erziehungseinrichtungen, besonders in Kindergärten, Grundschulen und weiterführenden Schulen, inzwischen Frauen als Berufspädagogen dominieren. In vielen Untersuchungen konnte nachgewiesen werden, wie stark hiermit Lernkultur, Auswahlmuster und Bewertungskriterien verweiblicht wurden. Auf Harmonie und sanfte Einordnung orientierte Muster kommen den jungen Männern nicht gerade entgegen.

Das Fenster der Möglichkeiten

Auch im dritten großen Entwicklungssektor, dem Bindungsverhalten, zeigt sich: Junge Männer haben heute größere Probleme mit der Gestaltung der persönlichen Beziehungen als junge Frauen, weil sie mit der Veränderung der Geschlechtsrolle in einer individualisierten und enttraditionalisierten Gesellschaft schlechter zurecht kommen. Die meisten Jungen empfinden die Offenheit der Orientierung, die riesige Vielfalt von Gestaltungsmöglichkeiten von Partnerschaft und Lebensstil als belastend und überfordernd. Sie sehnen sich nach klarer Orientierung. Sie haben zum Beispiel in der Schule große Sorge, als Weichei oder als anpasslerischer Streber angesehen zu werden. Viele flüchten unbeholfen in primitive Macho-Muster von Männlichkeit und setzen den Cowboyhut auf.

Seit über 20 Jahren nutzen, wenn wir die Bildungsstatistiken genau betrachten, die jungen Frauen nun dieses window of opportunity. Sie haben die einmalige Chance erkannt, durch Bildungsinvestitionen endlich ihren niedrigeren gesellschaftlichen Status gegenüber den Männern zu überwinden. Nicht unbedingt bewusst, aber unbewusst spielen sie kollektiv mit den Regeln der Leistungsgesellschaft und investieren an der richtigen Stelle: Sie sammeln Bildungskapital an, das sich über kurz oder lang in Karrierekapital einlösen lässt. Lange werden die männlichen Abwehrbastionen in den Chefetagen auch in Deutschland nicht standhalten, dazu ist der weibliche Nachrückdruck zu groß. Dazu sind auch die globalen Konkurrenzanforderungen in den Betrieben zu hoch, die sie von einem innovativen Beschäftigungspotenzial abhängig machen.

Bisher sieht es nicht so aus, als ob an irgendeiner Stelle in der Karriereleiter aktiver männlicher Widerstand gegen den Vormarsch der Frauen geleistet würde. Die meisten Männer in Führungspositionen und etablierten Berufsetagen haben den Ernst der Lage offenbar noch nicht erkannt. Die jungen Männer im Bildungssystem sehen mit Irritation und teilweise mit Wut, wie die jungen Frauen in Schule, Hochschule und Berufsausbildung an ihnen vorbei ziehen. Solange sie nicht gegen ihre strukturellen Benachteiligungen aufbegehren und nur resigniert maulen, wird die nächste Runde im Geschlechterkampf an ihre weiblichen Mitbewerber gehen. Und es ist vielleicht die entscheidende.

 

 
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Artikelaktionen
Kommentare
Coroner schrieb am 03.10.2009 um 01:29
Deuten sich hier etwa die Schäden einer Fehlentwicklung an?

Der Kampf für die Gleichberechtigung der Frau ist seit etlichen Jahren längst in eine Benachteiligung von Männern eingemündet.
Das fängt im Kindergarten an, wo braves angepaßtes Verhalten verlangt wird. Es setzt sich fort in der Schule, wo es im wesentlichen darum geht, das auswendig zu lernen, was die jeweilige Lehrerin oder der Lehrer hören will.
Im Wesentlichen werden also von jungen Menschen bis zum Abitur überwiegend Anpassungsleistungen verlangt. Und darin sind Mädchen und junge Frauen nun mal besser.

Jungenhaftes Verhalten geht oft mit Infragestellen von Regeln, aber auch von Inhalten einher.
Letzteres ist unerläßlich für die Entwicklung von selbstständigem Denken und von einem unabhängigen Standpunkt.
Jungen und junge Männer machen die Erfahrung, daß solch ein Verhalten sanktioniert wird.

Im Hochschulbereich, den ich seit Jahrzehnten kenne, gibt es in den letzten Jahren einen starken Zuwachs von Professorinnen. Aber nicht etwa, weil junge Akademikerinnen einfach fachlich besser wären als ihre männlichen Kollegen, sondern weil dies mit politischem Druck und mit Geld durchgesetzt wird. An den meisten Universitäten bekommt eine Fakultät, die eine Professorin einstellt, vom Präsidium gleich ein paar Hunderttausend Euro mehr. „Gender“ ist ein Kriterium für die (von wem auch immer durchgeführte) „Bewertung“ von Universitäten. Und eine Uni mit geringem Anteil von Professorinnen rutscht in der Bewertung nach unten. Umgekehrt kann eine Uni durch Einstellung von ein paar Professorinnen schnell punkten – unabhängig von irgendeiner inhaltlichen Qualität.
Die älteren Professorinnen, die noch eine überlegene wissenschaftliche Leistung erbringen mußten, sind teilweise nicht glücklich über diese Entwicklung.

Es gibt zahlreiche Fälle, wo Stellen auf Juniorprofessuren trotz Vorhandensein hervorragend geeigneter männlicher Bewerber wiederholt ausgeschrieben wurden, bis endlich eine in Frage kommende weibliche Bewerberin gefunden war.
Von den vielen Stellen, die ausschließlich für Professorinnen geschaffen (besser gesagt umgewidmet) wurden, gar nicht zu reden.
Man fragt sich, wozu es nötig ist, mit solchen Methoden einen höheren Frauenanteil durchzusetzen, und ob das dem Land dient. Mit der fachlichen Überlegenheit junger Akademikerinnen hat das jedenfalls nichts zu tun.
Junge Männer wehren sich nicht dagegen wird im Artikel behauptet.
Ich kann nur sagen: Ein Mann der es versuchen würde sich zu wehren, der sollte sich gleich besser ein anderes Fachgebiet suchen. Er wäre gebrandmarkt.

Schaut man sich z.B. die herausragenden Naturwissenschaftler in Deutschlands wissenschaftlicher Blütezeit zu Beginn des 20. Jahrhunderts an, dann fällt auf, daß sie in ihrer Jungend fast alle unangepaßte junge Männer waren. Echte Querdenker.
Die heute verlangte Anpassung (von jungen Männern wie auch von jungen Frauen) tötet hingegen das unabhängige Denken. Die so dressierten jungen Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen werden perfekt funktionieren und das erlernte in einem „Wissenschaftsbetrieb“ brav perpetuieren.
Aber ich bezweifle, ob dabei viel fundamental Neues herauskommen wird.

Nicht wenige diagnostizieren eine inhaltliche Verflachung unserer Gesellschaft.
-Politiker reden in den Talk-Shows, machen aber keine Politik mehr.
-Unsere Talkmeister, die Unterhalter der Nation, Vorbilder vieler Jungendlicher, beherrschen kaum mehr die Prozentrechnung.
-Philosophen wie Sloterdijk kochen die Philosophie, die in unserem Lande geprägt ist durch die Namen Kant, Hegel, Nietzsche oder Habermas und andere, klein, auf das Niveau von Talk-shows
-Derweil funktioniert in unseren Städten nicht mal mehr der U-Bahn Bau.

Vor dieser Kulisse findet der „weibliche Aufstieg“ statt, und man könnte durchaus provokativ fragen, ob das Eine etwas mit dem Andern zu tun hat.

Mittlerweile übt unsere Gesellschaft auf junge Frauen einen enormen Druck aus, genauso wie Männer eine Karriere zu machen. Viele Frauen tun dies, auch um diesem Erwartungsdruck nachzukommen, und ihrem Wunsch nach Anpassung.
Dieser Druck zeigt sich in Bildern offizieller Web-Seiten wie z.B.
www.gender-mainstreaming.net/
wo man fünf (beruflich) erfolgreiche Menschen sieht. Nur zwei davon Männer. Und einer hat ein Kind auf dem Arm. Die Frauen nicht.
Was wird hier "transportiert"?

Ob die Frauen damit ein glücklicheres Leben führen werden, bleibt abzuwarten.
Das Problem ist aber: Unsere Gesellschaft hat keinen Plan, wie mit den Konsequenzen dieses auf breiter Front erfolgenden Rollenwandels umzugehen ist.
Familien zerbrechen.
Zwei Partner, beide mit Karriere und dann noch Kinder, das kann und wird nicht funktionieren. In allen Familien, die ich kenne, mußte ein Partner oder Partnerin seine beruflichen Ambitionen zurückstellen.
Eine gravierend zunehmende Zahl von Alleinerziehenden, überwiegend Frauen, die mit ihrer Doppelfunktion absolut überfordert sind, kommt nicht mehr klar.
Jungen Männern in unserer Gesellschaft mangelt es an einem Rollenvorbild. Das Alte, das ihnen in jedem Action-Film und jedem Video-Spiel vorgezeigt wird, dürfen sie nicht ausleben. Ein neues, das ihnen vorgelebt wird, gibt es nicht.
Zudem machen sie die Erfahrung, daß junge Frauen immer noch den Macho sexy finden, und nicht das Weichei.
Diese jungen Männer geraten in ganz großer Zahl ins Abseits. Sie finden keine Rolle in dieser Gesellschaft, ziehen sich im harmlosen Fall zurück, werden in kritischeren Fällen aggressiv und kriminell.

Auf unsere Gesellschaft kommen in naher Zukunft ernorme Herausforderungen zu. Aufsteigende Länder wie China haben funktionierende Großfamilien, in denen alle Zusammenhalten, sich gegenseitig fördern und Rückschläge abfedern.
Bei uns brechen selbst die Kleinfamilien derzeit zusammen. Unser "Zukunftsmodell" ist Single und, falls mit Kind, dann Alleinerziehend.
So werden wir die zukünftigen Herausforderungen nicht bestehen können.
k volk schrieb am 06.10.2009 um 12:56
Mit großer Irritation und Ärgernis habe ich diesen Artikel von Hurrelmann gelesen. Dieser Artikel fällt unter den Begriff der „Gleichberechtigung“ für Hurrelmann allerdings scheint es das Wort nicht zu geben, er spricht lieber von „Geschlechterkampf“. Mit dem Begriff des „Geschlechterkampfes“ beschreibt Hurrelmann den beabsichtigten Willen der Frauen nun das „Zepter“ mal in die Hand zu nehmen und das derzeitige Unvermögen der Männer, die den „Ernst der Lage“ noch nicht erkannt hätten. In Hurrelmanns Gesellschaftsentwurf müssen sich die Geschlechter scheinbar zwangsläufig unterdrücken: entweder die Männer die Frauen (was seines Erachtens nach in Ordnung wäre) oder die Frauen die Männer, wie es nun Hurrelmann, fasst horrorszenarig skizziert. Hurrelmann selbst merkt mit Verweis auf die Shell-Studie an, dass Männer aus ihrem engen Bild von Männlichkeit nicht herauskommen, er selbst tut es allerdings auch nicht. Stattdessen reproduziert Hurrelmann hier Klischees und Stereotypen von hegemonialer Männlichkeit und Weiblichkeit: Frauen seien angepasster und kämen dadurch besser durch das Bildungssystem, Männer hingegen seien es nicht und eckten daher an. Des Weiteren klingt es so, als wären Mädchen oder Frauen in unserer respektive in der amerikanischen Gesellschaft überhaupt nicht mehr benachteiligt – sogar aus den unteren Schichten, seien Frauen nun auf dem Vormarsch. Allerdings belegen die Zahlen – beispielsweise über den Anteil der Professorinnen (der immer noch unter 20 Prozent (!!) liegt (siehe dazu auch Daten des Statistischen Bundesamtes)– genau das Gegenteil. In Deutschland existiert zudem immer noch das traditionelle Familienbild – Frauen sind nach wie vor primär für die Versorgung der Familie zuständig (wie die Politik der Familienministerin Ursula von der Leyen zeitigt), verdienen bei gleicher Arbeit weniger als Männer, sind immer noch in Berufen zu finden, die schlecht bezahlt werden und zudem häufig nicht sozialversicherungspflichtig sind. Doch dazu äußert sich Hurrelmann nicht. Warum eigentlich nicht?
Schade, dass der Freitag hier nicht den Mut aufbringt kritische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zu Wort kommen zu lassen, die Positionen jenseits des mainstreams vertreten, sondern Wissenschaftlern wie Hurrelmann das Feld überlässt. Aber der freitag ist ja „Meinungsmedium“ geworden, da sollte es nicht verwundern.
Ulrich Kühne schrieb am 06.10.2009 um 14:01
Also ich freue mich außerordentlich, dass im Freitag kritische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler wie "k volk" frei und offen zu Wort kommen, die Positionen jenseits des mainstreams vertreten. Dankeschön für Ihre Meinung!
Blinkfeuer schrieb am 06.10.2009 um 14:20
Das hat er jetzt davon, der Prof.!
Läßt mich am hellen Tage (bright day) an Westerwelle denken. Muss ein "window of opportunity" rein in den Text, weil er "Senior Professor of Health and Education an der Hertie School of Governance" -aber in der BRD ist- oder weil er Welli ärgern will?
Und mich nerven?

Habe ich leider in der bezahlten Ausgabe, heißt wohl: "PRINT" gelesen. Ich glaube, das Geldverschleudern, das "money out of window" sollte ich einstellen.
Das geht bestimmt nur schriftlich?
f.j.neffe schrieb am 05.11.2009 um 10:52
Ist Lebensqualität ein iuristisches Problem? Wird Leben durch Kampf gewonnen? Geht es wirklich darum, Männern und Frauen für alle die gleiche Schablone zu verpassen?
Als Ich-kann-Schule-Lehrer sehe ich in jedem Menschen POTENTIALE, Kräfte, Talente, Begabungen, und mich interessiert vor allem eins: diesen Talenten optimale Wachstumsbedingungen zu lassen oder, wenn man sie bereits ge- oder zerstört hat, sie wieder zu geben. LEBEN bedeutet nicht den Kampf für gleiche Schablonen, Leben bedeutet über alle Schablonen hinauszuwachsen. Es kommt nicht darauf an, andere zu besiegen oder besiegt dämlich herumzusitzen; es kommt darauf an, mit allen seinen Potentialen GUT FREUND zu sein und sich mit ihnen zu entwickeln. Wer IN sich Freunde (in seinen Kräften) hat, der findet sie auch außen. Ich grüße freundlich.
Franz Josef Neffe


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