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Kultur : Fussball und Seele

Was der Ball über die Seele erzählen kann: Über den Druck im Leistungssport, den Umgang mit Niederlagen und die Wechselwirkung von Öffentlichkeit und Erfolgen

Abstrakte Darstellung eines roten Gesichts mit Kopfhörern und grünen Ringen.

Illustration: Otto

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Ob einer der Manager vom FC Bayern in den vergangenen Wochen einen Moment lang an Robert Enke gedacht hat, als die Spieler des Triple-Zweiten niedergeschlagen auf dem Rasen des Münchener Stadions herumlagen, zum Teil gar weinten, weil sie wieder nur Vize-Champion ge­worden waren – und das auch noch zu Hause (genannt „dahoam“)?

Zugegeben, der Vergleich zwischen schwerer Depression und Suizidalität auf der einen Seite und der Trauer über einen verlorenen Silbertopf samt anhängender Millionen auf der anderen – der ist eigentlich überhaupt nicht zulässig: Bei ersterem handelt es sich um eine schwere Erkrankung mit komplexen Ursachen und ernsten, oft fatalen Folgen; bei letzterem um eine jedem Sportwettkampf und Allerweltssituationen anhängiger Folgeerscheinung. Man kann halt nicht immer gewinnen, sehr oft verliert man, und die Überwindung eines Verlustes gehört wohl zu den grundlegenden Konzepten der psychologischen Daseinsbewältigung.

Trotzdem bietet einem die gegenwärtige Lage im deutschen Elite- und Massenfußball einigen assoziativen Stoff, der bei weitem nicht damit ausgereizt ist, einen Sportpsychologen danach zu fragen, ob die Bayernspieler des Europameisterschaftskaders denn rechtzeitig vor dem ersten Spiel im ukrainischen Lemberg am 9. Juni noch die psychologische Kurve kriegen werden.

Soziales Befinden

Nein, zum einen spiegelt der mediale Betreuungseinsatz nach dem Champions-League-Finale und nach dem Testspiel gegen die Schweiz den Druck, der jenseits des schlichten Gewinnenwollens auf allen beteiligten Spielern liegt, besonders aber auf den jüngeren, die ja neurobiologisch betrachtet gerade erst ihre konstruktive Hirnentwicklung abschließen. Entgegen der landläufigen Ansicht, das Rumoren in den neuronalen Windungen sei allerspätestens im Alter von 18 Jahren vorbei, hält die Umstrukturierung im Hirn nämlich bis ins 25. Lebensjahr hinein an. Und obwohl man es wissenschaftlich genau noch nicht sagen kann, schwant einem, dass die Kombination von großem Talent, seelischer Vulnerabilität und enormem Leistungsdruck ein empfindsamer Grund ist, auf dem der Druck seine Spuren hinterlässt. Wobei man sich um die Bayern-Spieler oder selbst um jüngere Fußballtalente wiederum nicht allzu große Sorgen machen muss: Untersuchungen an knapp 800 Spielern haben gezeigt, dass das permanente „mentale Coaching“ schon im Sportinternat messbare Effekte zeitigt – im Vergleich zu normalen Schülern können angehende Fußballprofis besser mit Rückschlägen umgehen, handeln effektiver und grübeln nicht über Probleme. Was so gut weil seelisch gesund klingt, dass man allen Jugendlichen den Leistungssport ans Herz legen möchte. Aber eben da erkennt man die intensiv gepflegte Funktion von Sport als Verhaltens­regulatorium. Bertolt Brecht nannte es „Hygiene“ und verfluchte sie, weil sie nichts mit Sport zu tun habe.

Vielleicht ist die Wirkung des Sports auf die Gesellschaft auch schlicht über-, und die Reaktivität der Gesellschaft auf den Sport weit unterbewertet. Die Sportpsychologie, und das gilt nicht nur für den Fußball, befasst sich ja im Grunde mit wenig anderem als auf Sportler bezogenen seelischen Strategien für maximale Erfolgsbilanzen. Das ist unter den gegebenen Bedingungen zwar der Job, blendet aber einen wesentlichen Teil der Wechselwirkungen zwischen Sport und Öffentlichkeit aus: Nämlich den, in dem es um die Spiegelung des sozialen ­Befindens geht – also darum, was die ­Öffentlichkeit mehr oder weniger un­bewusst in den Sport hineinprojiziert. Das Erlebnis von Rückschlägen, etwa. Womöglich ist die Anteilnahme an der mentalen Verfassung des 23-köpfigen EM-Kaders deshalb jetzt besonders groß.

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