Wochenthema

Ein zerrissenes Südafrika möchte mit der WM die Gegenwart besiegen

Südafrika | 06.01.2010 16:15 | Karl-Ludwig Günsche

Cup der guten Hoffnung

Die Regenbogen-Nation reitet auf einer Welle der Euphorie und darf bis zum WM-Finale vergessen, wie zerrissen sie ist

Kein Bürgerkrieg, kein Völkermord, keine Naturkatastrophe haben die Augen der Welt je so stark auf den Schwarzen Kontinent fokussiert wie die Fußball-WM 2010. Seit Südafrika im Mai 2004 von der FIFA den historischen Auftrag bekam, das globale Fußballfest zum ersten Mal auf afrikanischem Boden auszurichten, hat es viele Zweifel gegeben, ob das Land wirklich in der Lage sei, ein solches Weltereignis auf die Beine zu stellen.

FIFA-Chef Sepp Blatter hat die Skepsis immer wieder selbst genährt, mit dem Entzug des Turniers gedroht und einen geheimnisvollen „Plan B“ angedeutet. Das alles scheint vergessen: Die Auslosung der Gruppenspiele Anfang Dezember in Kapstadt hat nicht nur gezeigt, dass Südafrika den Ansprüchen gerecht wird. Mit diesem in 190 Länder übertragenen Spektakel ist, laut Blatter, die WM gleichsam angepfiffen und die Zuversicht gestärkt worden, dass die Welt am Kap ein rauschendes Fußballfest erlebt. Einen kleinen Vorgeschmack auf die Lebensfreude, den Spaß, die Leichtigkeit, die auf Fans und Spieler warten, haben die Gala und das Straßenfest während der Auslosung vermitteln können. Vielleicht trägt der Rausch, in den Südafrika sich derzeit hineinredet, sogar die spielerisch eher mittelklassige Nationalmannschaft Bafana, Bafana (s. unten) im Sommer wider Erwarten über die erste Runde hinaus. Zu wünschen wäre es dem Team, dem Land und einem ganzen Kontinent.

Südafrika hat sich eine neue – eine eigene – Zeitrechnung gegeben, die mit dem Zuschlag 2004 begann und mit dem Schlusspfiff des Finales am 11. Juli 2010 endet. Alles, was die Euphorie und das neue Nationalgefühl stören könnte, bleibt deshalb vorerst ausgeblendet, wird weggeredet oder beschönigt. Jetzt geht es erst einmal darum, der Welt zu beweisen, dass Afrika kein Kontinent ist, aus dem nur Katastrophenberichte kommen. Das Championat bietet die einmalige Chance, dem Ruf des krisengeschüttelten, zu oft schon verloren gegebenen Kontinents zu entkommen und „Afro-Pessimismus“ abzustreifen. Insofern ist es nicht weiter überraschend, dass vom Sudan über die Elfenbeinküste bis Angola die Weltmeisterschaften auch als „afrikanische Spiele“ begriffen werden.

Weniger als 15 Rand

Die Ernüchterung nach dem Tag des Endspiels wird umso größer sein – vorrangig für das Gastland. Zwar gibt es das blühende, wohlhabende Südafrika mit seinen Naturschönheiten und Safaris, seiner Fauna und den Weinbergen – das Land, in dem es sich gut leben lässt, das Fans und Touristen zu sehen bekommen, das sie bewundern und sie immer wieder an dieses Ende der Welt zurückziehen mag. Aber die Rede ist von der Welt der Weißen, der wenigen Farbigen und zählbaren Schwarzen, die zu den Siegern der Boom-Jahre kurz nach dem Zusammenbruch der Apartheid gehören.

Kaum irgendwo sonst in Afrika klafft die Schere zwischen Arm und Reich heute so weit auseinander wie am Kap – Tendenz steigend. Über zehn Millionen vegetieren in menschenunwürdigen Behausungen, 13 Millionen sind auf Sozialhilfe angewiesen, allein 2009 haben eine Million Südafrikaner ihren Job verloren – Ein Drittel der Bevölkerung muss mit weniger als 15 Rand am Tag auskommen. Das sind 1,35 Euro! Aids rafft die Menschen an der sozialen Peripherie zu Tausenden dahin. Die durchschnittliche Lebenserwartung liegt nur noch bei 47 Jahren – 44 sind es in Afghanistan.

Ein Pulverfass

Die Kriminalität hält das Land gleichsam in Schach – etwa 50.000 Morde im Jahr, die meisten in den Townships. Zwar ging diese Rate etwas zurück. Aber die Welle der Gewaltkriminalität – bewaffnete Überfälle, Entführungen, Vergewaltigungen – rollt ungebrochen dahin, weil nur die Symptome, aber nicht die Ursachen bekämpft werden. Die Polizei geht inzwischen mit unglaublicher Härte gegen Kriminelle vor. Die Parole heißt „Erst schießen, dann fragen“. Wenn auch Unbeteiligte Opfer von Polizeikugeln werden, wird das unter der Kategorie „Kollateralschaden“ verbucht. Vor der WM will Südafrika der Welt im wahrsten Sinne mit Gewalt vorführen, wie es ernst macht bei der Verbrechensbekämpfung und dafür einen Verlust an Rechtsstaatlichkeit riskiert.

Das „Konjunkturpaket“ Fußball-WM hat Folgen der globalen Krise für Südafrika bereits 2009 abgefedert. Es hat freilich zugleich die Unruhe in den Armenvierteln geschürt, Begehrlichkeiten auf Teilhabe geweckt. 20 Jahre nach dem Ende der Apartheid wollen immer weniger Menschen hinnehmen, auf Dauer in einer Parallelgesellschaft abgestellt zu sein, aus der es kein Entkommen gibt. Fast täglich berichten Zeitungen wie Cape Times, The Star oder Herald über Aufruhr und Protest in den „informal settlements“, den Blechhüttendörfern irgendwo im Regenbogenland. Südafrika diskutiert 15 Jahre nach Mandelas Wahl zum ersten schwarzen Präsidenten wieder über Rassentrennung. Julius Malema, der Präsident der ANC-Jugendliga, zieht die Rassismus-Karte fast täglich und verantwortungslos, um Zorn und Wut in den Armenvierteln über das Versagen des regierenden ANC einzudämmen, der lieber Fregatten, U-Boote und Kampfjets einkauft, als Schulen und Hospitäler zu bauen.

Helen Zille, Premierministerin am Westkap, die ihren Wahlsieg fast ausschließlich den Weißen verdankt, spielt genauso hemmungslos auf dieser Klaviatur: Ihre Politik zielt darauf, traditionelle Vorurteile ihrer weißen und farbigen Klientel gegen die Schwarzen zu verfestigen. Bei aller Fußball-Feierlaune – Südafrika bleibt ein Pulverfass.

Der umstrittene Präsident Jacob Zuma scheint allerdings entschlossen, die größte sportliche Herausforderung in der Geschichte Afrikas zu nutzen, um zu versöhnen und zu besänftigen. Nach Nelson Mandela, der dem Land die Vision der Regenbogennation gab, und Thabo Mbeki, der Südafrika gespalten hat, könnte Zuma es sein, der trotz aller Zerrissenheit nationale Identität prägen hilft, auch wenn er trotz Weltmeisterschaft nicht hoffen darf, sein Heil in ökonomischer Prosperität suchen zu können. Deshalb wird sich in der Tat erst nach dem letzten Abpfiff am 11. Juli zeigen, wie tief Südafrikas innere Krise wirklich ist. Vorerst feiert der Kontinent.

 
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Artikelaktionen
Kommentare
Tedfell schrieb am 07.01.2010 um 14:21
Yebo, ja, so ist es. Ich lebe nun seit mehr als zwei Jahren im Regenbogenland und empfinde und sehe die Lage so wie der Autor.
Dabei ist die gelebte Zerrissenheit auf dem platten Land im Norden, in der Provinz Limpopo, noch einen Zahn schaerfer als in der Metropole Johannesburg. Im alten Eisenerzstaedtchen Thabazimbi, beispielsweise, durchbohren einen Blicke wie Giftpfeile, kommt man als Weisser mit einem/r schwarzen Bekannten in ein Restaurant. Das passiert dir in Johannesburg nicht mehr.
Trotzalledem: Die Fussball-WM kann durchaus zum so genannten Nation Building beitragen, zumindest "gefuehlt", oder in den Koepfen. Den sportverrueckten Suedafrikanern ist das zuzutrauen. Aber, die abgrundtiefen Graeben zwischen Arm und Reich werden damit weder ueberbrueckt noch zugeschuettet.
goodoldmarley schrieb am 07.01.2010 um 23:13
Ein wirklich negativer Befund. Kaum zu glauben, dass daraus dieser kleine Funken Hoffnung gezogen werden kann. Ein Mega-Ereignis als nationales Einigungsmoment? Schwer vorzustellen. Der Autor hat sicherlich einen guten Einblick in die südafrikanische Gesellschaft, aber langfristige Folgen nationaler Euphorie im Rahmen sportlicher Großereignisse werden gerne überschätzt. Möglicherweise auch hier.
Die Armut wird bleiben, möglicherweise fühlen sich die Ausgeschlossenen noch weiter ins Abseits gedrängt und von der weißen Veranstaltung FIFA-WM ausgebeutet. Spätestens nach dem Turnier wird die Frage zu beantworten sein, warum in Stadien investiert wurde anstatt in "Schulen und Hospitäler".
Daran dass Cape Times, The Star oder Herald fast täglich über Aufruhr und Protest in den Blechhüttendörfern zu berichten haben, wird sich nichts ändern. Und der Weg zur täglichen Berichterstattung dieser Art wird nicht durch ein Nelson-Mandela-Stadion, für das sich die Wenigsten eine Karte kaufen können und eine Südafrikanische Elf, die möglicherweise in der Vorrunde ausscheidet, aufgehalten werden können.
Tedfell schrieb am 08.01.2010 um 07:47
Klar, die WM wird an den oekonomischen und sozialen Verhaeltnissen nichts aendern. Wer das glaubt oder hofft, und das sind einige, sitzt einer Illusion auf. Der FIFA-Zirkus ist big business und kein soziales Unternehmen.
Und doch ergreift das Fussball-Mega-Ereignis die Massen, wenn ich's mal so formulieren darf. Das ist eine Tatsache. Vielleicht habe ich die schwache Hoffnung, dass der positive Trend, den der Wechsel zur Zuma-Administration bewirkt hat, durch ein kleines nationales Einigungsmoment an Schub gewinnt? Ich denke, das ist eine Chance, die die Politik wahrnehmen kann, wenn sie es will.
Tedfell schrieb am 08.01.2010 um 09:02
Ein Gutes hat die WM in jedem Fall: Suedafrika kehrt wieder zurueck auf die Landkarte der Medien, zumindest einen Sommer (Winter) lang...
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