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Kultur : Befragung im Hexenhaus

Interview mit einer weisen Frau über die Machtfrage in Hellabrunn: Wie man die Befragung der Hexe in Engelbert Humperdincks Oper "Königskinder" heute auch hören kann

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Gibt es eine Oper, in deren Zentrum ein Interview steht? Ja. Es handelt sich um die Königskinder von Engelbert Humperdinck, von dem auch Hänsel und Gretel stammt, komponiert zwischen 1897 und 1910. Ein bisschen gewaltsam ist es zwar schon, die Befragung der Hexe im 1. Akt, wen die Stadt Hellabrunn denn zum König küren solle, für ein Interview auszugeben. Aber wir können uns vorstellen, ein „Wirtschaftsweiser“ werde befragt, mit welchem Kanzler dem Land in der Finanzkrise am besten gedient sei. Das ist nicht weit von der Wirklichkeit entfernt, man braucht nur an Griechenland und Italien zu denken, deren Regierungschefs jetzt unter der Frage ausgewählt werden, wer die Märkte am besten beruhigt.

Es kommen also drei Männer zum Hexenhaus, offenbar ein altgedienter Redakteur und zwei Praktikanten. Diese wissen noch nicht recht, wie es läuft. Zunächst scheitern sie daran, der Hexe das Interview überhaupt abzuringen. Sie versuchen es mit Höflichkeit, nennen sie „weise Frau“, das verfängt aber nicht. Erst als der Redakteur sie beschimpft, die Hexe eben Hexe nennt – als wollten wir unsere Wirtschaftsweisen Wirtschaftshexer nennen –, macht sie endlich auf.

Im Interview selbst gelingt es den Praktikanten nicht, bündig zu fragen. Beide holen zu weit aus, der eine verliert sich in der Vorgeschichte, der andere in den Gründen. Der Redakteur fragt ohne Umschweife, er erhält die Antwort. Die Praktikanten glauben, das sei‘s gewesen, und trollen sich. Doch der Redakteur bleibt, setzt die Interviewte weiter unter Druck – „Lass heraus das goldene Vögelein! Oder ich komme hinein!“ – und findet, was sie verbergen wollte.

Fehlende Anerkennung

Spaß beseite: Es sind nicht Zeitungsleute gekommen, sondern ein Künstler und zwei Arbeiter, „Spielmann“, „Holzhacker“ und „Besenbinder“. Der Künstler ist den Arbeitern nicht vorgesetzt, sondern wird von ihnen, den wahren Abgesandten der Stadt, nur so lange geduldet, bis er die Hexe zum Reden gebracht hat. Eigentlich hassen sie ihn.

Aber so viel bleibt wahr, das „Interview“ ist gerade musikalisch in der Oper zentral. Sie fließt vorher in Rezitativen recht träge voran. Die Orchesterbegleitung in Jugendstil-Ornamenten wird dabei nie langweilig. Aber erst wenn die Abgesandten kommen, kommt das Motiv, das uns hineinzieht. Es erinnert an die Musik, zu der bei Wagner die Meistersinger ihre Versammlung eröffnen: An deren Ende stellt sich Nürnbergs künftiger großer Mann vor. Die Versammlung ist Sinnbild der Liberalen und ihres Parlaments, der künftige Mann steht für Bismarck. Er wird nicht gleich anerkannt, später aber doch noch. Bei Humperdinck finden die „Königskinder“ niemals Anerkennung. Im Fin de Siècle ist der Pessimismus übermächtig geworden. Aber immerhin, Humperdinck kann eine weise Frau auf die Bühne stellen, während wir heutigen Interviewer mit „Wirtschaftsweisen“ vorliebnehmen müssen.

Die Musik verarbeitet viele Stileinflüsse des 19. Jahrhunderts. Originell ist sie in der entwickelnden Variation ihrer Themen. Als Spätwerk romantischer Musik kann sie neben Hans Pfitzners Palestrina durchaus bestehen. Die Neueinspielung unter Ingo Metzmacher ist ein Ohrenschmaus. Erfreulich aber auch die Neuauflage der Pionier-Einspielung aus dem Jahr 1976 unter Hans Wallberg, wo man alt-ehrwürdigen Sängern wie Helen Donath, Hermann Prey und Karl Riddersbusch wiederbegegnet.

Engelbert HumperdinckKönigskinder Unter Leitung von Hans Wallberg, EMI Classics 2011. Unter Leitung von Ingo Metzmacher, Crystal 2011

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