In Kooperation mit Stiftung Bauhaus Dessau

Bauen, Zweifeln, Weiterdenken

„Glas | Beton | Metall“ beleuchtet die materiellen Wurzeln der Moderne – und ihre Schattenseiten. Die Ausstellung „Algen | Schutt | CO₂“ denkt im Kaufhaus Zeeck weiter: Wie können Kreisläufe, Ressourcen und Design den Wandel der Gesellschaft formen?

„As Close As We Get“, 2022, in Zusammenarbeit mit DTU Sustain und By & Havn realisiert. Das Projekt wurde vom Dänischen Kunstrat unterstützt

© Superflex, Foto: Lars Hestbæk

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An die Substanz. Bauhaus Dessau 100

An die Substanz. Bauhaus Dessau 100

Bauhaus Dessau

Glas | Beton | Metall (28.3.26–10.1.2)

Bauhausgebäude [Gropiusallee 38, Dessau]

Algen | Schutt | CO2 (28.3.–27.9.2026)

Ehemaliges Kaufhaus Zeeck [Kavalierstraße 72, Dessau]

In Kooperation mit Stiftung Bauhaus Dessau

An die Substanz. Bauhaus Dessau 100

Glas | Beton | Metall

28.3.26–10.1.27
Bauhausgebäude
Gropiusallee 38, Dessau

Das Bauhausgebäude als materielles Manifest der Moderne

Als der Werkstattflügel des Bauhausgebäudes am 4. Dezember 1926 in Dessau eröffnet wurde, erstrahlte er wie ein gläserner Kubus – eine architektonische Manifestation des Neuen Bauens. Die Faszination, aber auch Skepsis der über 1.000 Gäste rührte nicht nur vom ungewöhnlichen, windmühlenförmigen Grundriss her, sondern auch von den neuartigen Baumaterialien, die Walter Gropius verwendete und mit denen sich die Werkstätten der Schule gestalterisch auseinandersetzten.

Fast ein Jahrhundert später nimmt die Ausstellung Glas | Beton | Metall im historischen Werkstattflügel genau diese Materialien in den Blick. Sie untersucht die engen Verflechtungen der Bauhausarbeit mit der Industriegeschichte des frühen 20. Jahrhunderts und fragt nach den oft übersehenen materiellen, wirtschaftlichen und technologischen Grundlagen des ikonischen Gebäudes und seiner Werkstattproduktion.

Die dreiteilige Ausstellung gibt anhand von historischen Fotografien, Werkzeugen, Dokumenten und Gerätschaften Einblick in bisher wenig beachtete Aspekte der Bauhaus-Geschichte. Sie fragt nach den Formatierungen dieser modernen Alltagsästhetik, nach Herstellungsprozessen, Produktionsorten, Arbeitsbedingungen und der Rohstoffgewinnung, die sich hinter den glatten, sauberen Oberflächen von Stahlrohren oder Glasfassaden verbergen.

Glas | Beton | Metall verfolgt Handelswege und Ressourcenströme, die in zutiefst ungleiche koloniale und imperiale Wirtschaftsbeziehungen und Geopolitiken eingebunden waren. Die Ausstellung thematisiert die Irritationen, Verwerfungen, aber auch Aufbrüche, die mit den Materialinnovationen zu Beginn der 1920er Jahre verbunden waren – und schlägt damit eine Brücke zu aktuellen Debatten über Nachhaltigkeit, Ressourcengerechtigkeit und globale Produktionsbedingungen.

Glas

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wird der Baustoff Glas zu einem der wichtigsten Medien einer neuen Architekturauffassung. Die „Glasarchitektur“, schreibt Walter Gropius 1926, zeige „ein verändertes raumempfinden, das das prinzip der bewegung, des verkehrs unserer zeit in einer auflockerung der baukörper und räume widerspiegelt, das die abschließende wand verneint und den zusammenhang des innenraums mit dem allraum zu erhalten sucht.“ Aus mineralischen Feststoffen unter Hitze zu einem durchsichtigen Material verwandelt, ist Glas der Stoff einer künstlichen Transformation – und verkörpert damit auch die Umbrüche der Moderne selbst.

Der erste Teil der Ausstellung untersucht die technischen, ästhetischen und symbolischen Dimensionen dieses Materials, das Architektur neu dachte und den Blick auf die Welt veränderte.

Beton

Das Grundgerüst des Bauhausgebäudes besteht aus einem Stahlbetontragwerk. Was es zur Erbauungszeit des Bauhauses 1925/26 bedeutete, eine solche Tragkonstruktion zu realisieren, welche Voraussetzungen, Rahmenbedingungen und Prozesse damit verbunden waren, steht im Fokus des zweiten Ausstellungsteils.

Beton ermöglichte neue architektonische Freiheiten und Konstruktionen. Zugleich thematisiert die Ausstellung die erheblichen Eingriffe in Landschaft und Ökosysteme, die mit der Gewinnung von Rohstoffen für die Betonproduktion einhergehen – damals wie heute. Die Ambivalenz dieses Baustoffs zwischen Innovation und ökologischer Belastung wird dabei ebenso sichtbar wie seine zentrale Rolle für die Moderne.

Metall

In der Lehre und in den Produkten der Metallwerkstatt, in Stahlhausentwürfen sowie auf der Bauhausbühne mit dem „Tanz in Metall“ entfaltete sich ein neuer, utopisch aufgeladener Gestaltungswille und die Orientierung auf das Industrieprodukt. Die Begeisterung erstreckte sich zugleich auf technische Experimente anderer, wie die der Dessauer Junkers-Werke.

Am Bauhaus wurden Stahl und Aluminium die bevorzugten Metalle, denn nun ging es vorrangig um die Gestaltung von Leuchten und Metallmöbeln, die mit den Architekturprojekten des Bauhauses korrespondierten. Der dritte Ausstellungsteil zeigt jedoch auch, dass die Gewinnung und Verarbeitung von Metallen die intensive Ausbeutung natürlicher Ressourcen und menschlicher Arbeitskraft bedeutete – ein Aspekt, der in der Rezeptionsgeschichte des Bauhauses lange ausgeblendet wurde.

Algen | Schutt | CO2

28.3.–27.9.2026
Ehemaliges Kaufhaus Zeeck
Kavalierstraße 72, Dessau

Das ehemalige Kaufhaus Zeeck in der Dessauer Innenstadt ist Ausgangspunkt der Ausstellung Algen | Schutt | CO2. Der 1908 eröffnete und in den 1920er Jahren erweiterte Bau ist ein herausragendes Beispiel der Warenhausarchitektur der Moderne und erzählt durch seine materiellen Schichten eine über ein Jahrhundert währende Stadtgeschichte.

Die Ausstellung macht diese Geschichte sichtbar: Sogenannte Zeitfenster an Treppe, Fußboden, Pfeiler und Decke geben im Rahmen der Ausstellung den Blick auf die materielle Geschichte des Gebäudes frei. Was auf den ersten Blick unverändert wirkt, offenbart bei genauerer Betrachtung einen sensiblen Umgang mit der historischen Bausubstanz. Abgeblätterter Putz wird entfernt, Löcher werden geschlossen, was repariert werden kann, wird repariert oder umgestaltet – zum Beispiel alte Fenstergläser oder die Paneele der Hetaflex-Aluminium-Fassade, die im Zuge der Fassadensanierung im Frühjahr 2025 abgenommen wurden. Ergänzungen wie das Deckenleuchtsystem und Reparaturen des Bodenbelags aus den 1980er Jahren folgen den Prinzipien der Wiederverwertbarkeit.

Algen | Schutt | CO2 ist eine „Musterausstellung“ für nachhaltige Gestaltung, deren Betrieb möglichst wenig CO2 produzieren soll. Sie ist Schau-, Nutz- und Veranstaltungsraum gleichermaßen. Sie zeigt disziplinübergreifende Forschungsansätze und kollaborative Arbeitsweisen, in denen menschliche und nicht-menschliche Akteur*innen, Ökonomien, Technologien, Material- und Stoffströme zusammenfinden. Im Zentrum der Ausstellung stehen Alternativen zum Materialkanon der (klassischen) Moderne: etwa Lehm, Myzelien, Algen, Lehm-, Basalt-, Flachs- und reststoffbasierten Geopolymerbeton. So entwickelt beispielsweise das InMyco-Projekt der Hochschule Anhalt innovative Myzelmaterialien, wobei Reststoffe aus regionaler Landwirtschaft, Forstwirtschaft und Industrie als Nährboden dienen.

Im Hof des ehemaligen Kaufhauses wird ein Mikrohabitat initiiert, das sich aus sich selbst weiterentwickeln kann. Dies geschieht im Rahmen des Projekts „Habitat Weaves“, welches übersehene städtische Räume als Lebensräume für mehrere Arten neu konzipiert.

Handwerker*innen, kleine und größere Unternehmen, Forscher*innen, Gestalter*innen und Künstler*innen arbeiten hier eng zusammen. Bauen wird als Materialressourcen schonender gemeinsamer Prozess verstanden, der fortwährender Aktualisierung bedarf und Veränderungen unterliegt. Während des Ausstellungszeitraums geben Schaubaustellen Einblick in diese Prozesse, Werkstätten laden zur Teilnahme ein.

Die durch die Ausstellungausgelösten Dynamiken und Synergien wirken über das Bauhaus-Jubiläum hinaus: So wird die Ausstellungsetage mindestens drei weitere Jahre für gemeinnützige Zwecke zur Verfügung stehen. Einige Projekte werden sich erst im Laufe der Jahre entfalten.

Zur Geschichte des Kaufhauses Zeeck

Das Kaufhaus Zeeck wurde 1908 eröffnet und in den 1920er Jahren erweitert. 1945 wurde es zum HO-Warenhaus, in den 1960er Jahren dann zum Magnet-Kaufhaus. Lange prägte es das Stadtbild mit seiner blauen Lamellenfassade und dem Schriftzug „Magnet“. Nach dem Zusammenbruch der DDR stand das Gebäude leer. Anfang der 2000er Jahre erwarb die Familie Dinh das Gebäude und nutzte einen Teil davon für ihren Textilhandel. Heute befindet sich im Erdgeschoss das Asia-Restaurant Lou. 2025 wurde damit begonnen, die Blechvorhangfassade abzunehmen und die historische Fassade aus den 1920er Jahren zu restaurieren.

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