Die URBAN ART BIENNALE ist weltweit eine der größten Werkschauen dieser anarchischen Kunstform jenseits herkömmlicher White Cube-Ästhetik. Seit 2011 wird alle zwei Jahre das gesamte Areal der Völklinger Hütte zum kongenialen Dialogpartner für die Kunst, die sich aus Street Art und Graffiti entwickelt hat.
Nachdem die beiden letzten Biennalen weit in den Völklinger Stadtraum ausgegriffen haben, liegt der Fokus 2026 räumlich und inhaltlich wieder stärker auf der Völklinger Hütte. Mehr Arbeiten als je zuvor entstehen in situ speziell für ihren Ort in der Hütte. Zahlreiche Künstler:innen treten mit ihren Werken direkt in Dialog mit der Architektur und der Geschichte des ehemaligen Eisenwerks.
„Street Art und Graffiti haben sich in Reibung mit der Stadt und in Konkurrenz zu den dort schon bestehenden Botschaften entwickelt. Auch die heutige Urban Art braucht den Gegenspieler und Mitspieler — einen Ort, von dessen räumlicher Struktur man sich inspirieren oder abgrenzen kann und auf dessen Geschichte die eigene Kunst reagiert. Die Völklinger Hütte bietet hierzu unzählige Möglichkeiten“, sagt der Kurator der URBAN ART BIENNALE, Frank Krämer.
Der raue Charme der Möllerhalle oder der Sinteranlage treffen auf filigrane Stoffe und raumgreifende Installationen. NeSpoon spannt zwischen Sinteranlage und Möllerhalle ein fragiles Spinnennetz aus Häkeldeckchen, der Graffiti-Pionier Boris Tellegen, unter dem Künstlernamen DELTA für seine dreidimensional wirkenden Buchstaben bekannt, überführt seine Malerei in den Raum mit einer gigantischen zweifarbigen Holzskulptur. VORTEX-X bespielt die gesamte Möllerhalle mit einem riesigen Netzwerk aus gespannten Linien, die mal konkret Webstuhlassoziationen, mal abstrakt Raumdynamiken realisieren – aus industriellen Restbeständen, die im Luftraum der Möllerhalle die Logik von Über-Produktion und Upcycling weiterspinnen.
In Baptiste Debombourgs im wahrsten Sinne des Wortes facettenreicher Installation über die Arbeit und die Arbeiter der Völklinger Hütte spielt mit zerbrochenem Spiegelglas besetzte Kleidung eine zentrale Rolle. Der französische Künstler Milo sammelt Fingerabdrücke in der Stadt Völklingen und bringt sie per Kohlenstaub auf Papier in die Möllerhalle des Weltkulturerbes. Igor Ponosov übersetzt charakteristische Bewegungen der Hüttenarbeiter in eine Performance, die den historischen Rhythmus des Werks zu neuem Leben erweckt.
Und in den Jacken, Hemden, Hosen, Röcken, Tüchern und Mützen, die Coco Bergholm in Anlehnung an Oberflächen des ehemaligen Eisenwerks und heutigen Weltkulturerbes von Rostrot bis Paradiesgrün gestaltet, können die Besucher:innen in textiler „Camouflage“ regelrecht mit unterschiedlichsten Orten der Hütte verschmelzen – HUETTECOUTURE vom Feinsten!
Die Arbeit des spanischen Künstlers Ampparito auf dem Dach der Möllerhalle – die größte der diesjährigen URBAN ART BIENNALE – kann man am besten von der spektakulären Aussichtsplattform des Weltkulturerbes in 45 Metern Höhe sehen. Sie spielt mit der Botschaft, die Autobesitzer in Spanien immer öfter in ihre Fahrzeuge legen: NO HAY NADA DE VALOR, frei übersetzt „Hier drin gibt es nichts von Wert“. Die riesenhafte Vergrößerung auf dem Dach der Möllerhalle spiegelt auch die Zeit unmittelbar nach der Schließung 1986, als das heutige Weltkulturerbe nicht einmal genug Schrottwert für den Abriss besaß... Die kleinsten Ausstellungsstücke der Schau sind die präparierten Münzen russischer Provenienz des Italieners Andrea Ceresa, die eine leicht zu übersehene Spur von historischer Ausprägung durch die Anlage ziehen.
„Die URBAN ART BIENNALE ist dieses Jahr im besonderen Maße ein Seismograph von Geschichte(n) und Gegenwart(en):Es geht um scheinbar verlorene oder gefährdete Werte, um festgefahrene Mobilität oder inspirierende Vehikel sowie um Tarnung und Mimikry– die latent unsicheren Zeiten werden kreativ reflektiert und humorvoll bis ironisch in insitu-Installationen verarbeitet“, so Dr. Ralf Beil, Generaldirektor des Weltkulturerbes Völklinger Hütte.
Die Faszination von Zugwaggons — die stets im Zentrum der Graffiti-Kultur standen und Haupttransportmittel in und um die Völklinger Hütte waren — manifestiert sich in der diesjährigen URBAN ART BIENNALE in Kunstinstallationen und einer Foto-Präsentation, die die Kultur der urbanen Graffiti-Crews spiegelt und Street Art von entlegenen und unzugänglichen Orten für die Besucher:innen der Hütte sichtbar macht.
REFRESHINK bezieht sich auf eine Technik der traditionellen Kunst, wenn er mit klassischen Spraydosen Werke erschafft, die an Mosaike erinnern. Tomas Lacque wiederum lässt seine urbane Installation mitsamt Auto unter einer Farbschicht erstarren – als habe ein Ascheregen das Fossil des Benziners samt persönlicher Lebensspuren bedeckt. Ein Eindruck, der Assoziationen an Pompeji nach dem Vulkanausbruch zulässt.