Als im Jahr 1920 ganz Berlin mit expressionistischen Filmplakaten geschmückt war, auf denen die kryptische Aufforderung „Du musst Caligari werden“ zu lesen war, wurden Kunst und Leben tatsächlich vereint und mit dem Film Das Kabinett des Dr. Caligari ein expressionistisches Gesamtkunstwerk erschaffen. Der expressionistische Film der 1920er Jahre hat also letztlich das eingelöst, was die expressionistischen Malerinnen und Maler fünfzehn Jahre zuvor begonnen hatten, und so ist es nur naheliegend, beide Kunstformen gegenüberzustellen und die engen Beziehungen und Verknüpfungen zu beleuchten.
Die Ausstellung Expressionismus in Kunst und Film widmet sich dem Expressionismus über herkömmliche Gattungsgrenzen hinweg. In gemaltem und bewegtem Bild zeigt die Ausstellung, wie tief der Expressionismus von den Krisen seiner Zeit durchdrungen war und wie er lautstark den rasanten gesellschaftlichen Umbrüchen Ausdruck verlieh. Der Expressionismus als kulturrevolutionäre Bewegung war von Beginn an bestrebt, Kunst und Leben zu vereinen, die Trennung der Künste aufzuheben, und so wurden Mehrfachbegabungen zum Ideal der Künstlerinnen und Künstler und das Gesamtkunstwerk zum angestrebten Ziel.
Die Stadt Halle und insbesondere das Kunstmuseum Moritzburg Halle (Saale) damals unter der Leitung von Max Sauerlandt, spielte eine bedeutende Rolle in der frühen Auseinandersetzung mit dem Expressionismus. 1924 vermittelte Sauerlandt, der bereits nach Hamburg gewechselt war, der Moritzburg 24 expressionistischen Werken aus der Sammlung von Ludwig und Rosy Fischer. Ab Frühjahr 1925 waren diese Werke im Kuppelsaal des Museums zu sehen. Damit rückten Halle und die Moritzburg in die erste Reihe der deutschen Kunstmuseen der Moderne.
In einer gemeinsamen Präsentation von Malerei, Grafik und Film zeigt die Ausstellung, wie tief der frühe deutsche Film der Weimarer Zeit von der expressionistischen Geisteshaltung durchdrungen war, insbesondere in seiner inhaltlichen Einflussnahme. Der Film erlaubte dem Expressionismus, den Rahmen der Malerei zu verlassen und bot ihm auf einer wesentlich größeren Leinwand gänzliche neue Entfaltungsmöglichkeiten.
Die Ausstellung in der Kunsthalle “Talstrasse“ ist in einer Kooperation mit dem Institut für Kulturaustausch in Tübingen entstanden. Ergänzt wird sie durch zahlreiche Exponate namenhafter Leihgeber wie der Kulturstiftung Sachsen-Anhalt, dem Sammler Frank Brabant und weiterer privater Sammler.
Die vorgestellten Werke nehmen Gestaltungselemente expressionistischer Malerei und Grafik auf. Sie bearbeiteten aktuelle gesellschaftliche Themen und Umbrüche, wie die zunehmende Verstädterung, die Konflikte zwischen Mensch und Maschine, Individuum und Gesellschaft, die sich etablierende Psychoanalyse und eine generelle Zukunftsangst nach den Verheerungen des Ersten Weltkriegs in einer die Massen faszinierenden Ästhetik.
Die leitgebenden Sektionen der Ausstellung umfassen dabei Schlaglichter wie „Traum und Trauma“, „Aufbruch und Bruch“ sowie „Form und Deformation“. Sie beschreiben die gesellschaftlichen Entwicklungen, die die Menschen in der damaligen Zeit durchlebten und in der Kunst und im Film des Expressionismus widerhallen.
Der Expressionismus als kulturrevolutionäre Bewegung wollte Kunst und Leben vereinen, die Trennung der Künste aufheben und das Ideal des Gesamtkunstwerks verwirklichen. Der Film »Das Cabinet des Dr. Caligari« (1920) löste mit seinem irritierenden Werbespruch »Du musst Caligari werden!« dies Versprechen der Verschmelzung von Kunst und Leben als Realität ein.
So ist es naheliegend, beide Kunstformen gegenüberzustellen und die engen Beziehungen und Verknüpfungen aufzuzeigen. Über 110 Werke, darunter Gemälde, Zeichnungen, Grafiken, Skulpturen, Filmstills und-sequenzen von 45 Künstlerinnen und Künstlern sowie Filmemacherinnen und Filmemachern erschaffen ein Kaleidoskop des bis heute uns bewegenden Expressionismus in Kunst und Film.