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Der Fluch des Erbens | FAZ

Interview von Sebastian Balzter in der FAZ: Nicolai Tangen leitet den norwegischen Staatsfonds und verschenkt nun 5500 Kunstwerke. Ein Gespräch über die Eitelkeit von Sammlern, die Auswüchse des Kunstmarkts und den Fluch des Erbens

Foto: Aitor Diago/Getty Images
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Alles, was ich über Führung gelernt habe

Alles, was ich über Führung gelernt habe

Nicolai Tangen

Hardcover

256 Seiten

29 €

In Kooperation mit Campus Verlag

Alles, was ich über Führung gelernt habe

Zum Original-Interview geht es hier: https://www.faz.net/aktuell/finanzen/nicolai-tangen-kunstsammler-und-chef-des-norwegischen-staatsfonds-im-interview-19695636.html

Herr Tangen, Sie haben in der Finanzbranche ein Vermögen gemacht und lenken inzwischen den norwegischen Staatsfonds. Wie sind Sie nebenbei zum Kunstsammler geworden?
Wie alles im Leben fing es mit der Mutter an. Als ich klein war, hat sie unsere Familie in den Ferien in jedes Kunstmuseum in Europa geschleppt. Jedenfalls kam es mir damals so vor, dass es jedes Museum gewesen sein muss. Ich war als Junge nicht besonders begeistert davon. Aber etwas ist davon hängen geblieben, und mit der Zeit hat sich ein eigener ästhetischer Geschmack ausgebildet.
Wann haben Sie Ihr erstes Gemälde ersteigert?
Das war 1996, ich war dreißig Jahre alt und hatte gerade mit dem Geldverdienen angefangen. Ich erinnere mich noch gut an die Auktion, ich habe per Telefon teilgenommen und für „Das Atelier des Künstlers“ geboten, ein Gemälde des norwegischen Modernisten Johannes Rian. Es ist leicht zugänglich, mit großen monochromen Flächen, ziemlich deutlich von Henri Matisse inspiriert. Aber ich finde, es hat bis heute seinen Wert. Für 160.000 Kronen habe ich damals den Zuschlag bekommen.
Warum haben Sie sich in den Jahren danach auf den skandinavischen Modernismus beschränkt?
Dass ich damit angefangen habe, hatte sicher mit der typischen Eitelkeit der meisten Sammler zu tun. Man will etwas haben, zu dem die Freunde, Bekannten, Nachbarn einen Bezug herstellen können. Also bot sich norwegische Kunst für mich an. Später kamen Dänemark, Schweden und zuletzt Finnland hinzu. Was die Epoche angeht, hat mich die Empfehlung eines erfahrenen norwegischen Kunsthistorikers auf die richtige Spur gebracht. Skandinavische Kunst aus den Jahren zwischen 1920 und 1990 war weitgehend unterschätzt, als ich sie zu sammeln anfing.
Einen Schwerpunkt Ihrer Sammlung bildet das Werk des deutschen Künstlers Rolf Nesch. Was fasziniert Sie an ihm?
Das hat mit Edvard Munch zu tun. Munch war so außergewöhnlich, dass er in Norwegen erst einmal nicht rezipiert wurde, keine direkten Schüler fand. In Deutschland war das anders. Da gab es die Brücke-Künstler, die erste Generation der Expressionisten, auf die Munch eine große Wirkung hatte. Nesch steht in ihrer Tradition. Er gehörte zur zweiten Generation der deutschen Expressionisten, besuchte Kirchner in Davos. Später zog er aus Hamburg nach Norwegen und nahm dann eine Schüsselrolle für die norwegische Kunstgeschichte ein. Denn erst über seine Schüler kam Munch in Norwegen überhaupt wieder ins Spiel.
Sie haben in London am Courtauld-Institut für Kunstgeschichte sogar eine Masterarbeit über Nesch geschrieben.
Dafür habe ich drei seiner Serien genauer untersucht. Erst danach habe ich sehr viel von ihm gekauft, bis heute mehr als 100 Werke. Meine Sammlung orientiert sich insgesamt stärker an Deutschland und deutschen Künstlern, als wir es in Norwegen gewohnt sind. Unser Kanon ist traditionell viel mehr auf Frankreich als auf Deutschland ausgerichtet, das ist bei mir anders.
Sie haben die Sammlung, rund 5500 Werke, ihrer Heimatstadt Kristiansand geschenkt, wo sie nun in einem nagelneuen Museum ausgestellt wird. War das schon immer der Plan?
Diese Idee hat nach und nach Formen angenommen. Aber mir war früh klar, dass ich eine Sammlung aufbauen wollte, die zumindest theoretisch in einem Museum hängen könnte, die tief und umfassend genug dafür ist. Ich wollte es unbedingt vermeiden, mich beim Sammeln zu verfransen und alles Mögliche zu kaufen.
In den vergangenen Jahren haben Sie im Durchschnitt jeden Tag ein neues Werk gekauft. Soll es in diesem Tempo weitergehen?
Nein. Ich wollte die Sammlung bis zur Eröffnung des Museums in gewisser Weise komplettieren, deshalb war das Tempo zuletzt besonders hoch. Aber ich werde nicht aufhören zu sammeln.
Wie geht das künftig formal, wenn Ihnen die Sammlung überhaupt nicht mehr gehört?
Eine Stiftung, die ich gegründet habe, wird dem Museum Geld für Zukäufe geben, und dann beauftragt mich das Museum mit der Auswahl. So haben wir es vereinbart. Das ist schließlich das, was mir am meisten Spaß beim Sammeln macht.
Bieten Sie immer noch persönlich mit, am Telefon oder im Auktionssaal?
Nein, damit habe ich aufgehört, inzwischen lasse ich andere Leute für mich bieten. Ich will in einer Auktion immer zu sehr selbst den Zuschlag bekommen. Mir fällt es sehr schwer, mich dabei an die Grenzen zu halten, die ich mir vorher gesetzt habe.
Was halten Sie davon, dass neuerdings auch Anteile an Kunstwerken verkauft werden?
Nichts. Wer Kunst kauft, sollte das nach meiner Überzeugung nicht als eine Wertanlage betrachten. Dazu ist das Ganze viel zu riskant, die Transaktionskosten sind zu hoch, und beim Verkauf verliert man meistens Geld. Man sollte ein Kunstwerk kaufen, um es danach anschauen und Freude daran haben zu können. Das geht nicht, wenn einem nur ein paar Prozent davon gehören.
Was sollten Leute tun, die Kunst lieben, aber nicht genug Geld für ein ganzes Gemälde haben?
Sie sollten nach einem günstigeren Kunstwerk suchen.
Warum haben Sie Ihre Sammlung überhaupt verschenkt, statt sie an Ihre Kinder zu vermachen?
Weil ein großes Erbe das Schlimmste ist, was einem passieren kann. Worum geht es im Leben? Du setzt dir ein Ziel und strengst dich an, um es zu erreichen. Ein Erbe verdirbt das alles. Es raubt dem Leben all seine Kraft. Meine Kinder wissen schon lange, dass sie nichts erben werden. Deshalb strengen sie sich in ihrer Ausbildung, in ihrem Beruf an. Und sie sollen auf jeden Fall auch selbst herausfinden, welche Kunst sie persönlich anspricht und nicht meine Vorlieben übergestülpt bekommen.
Als Sie ankündigten, die Sammlung Ihrer Heimatstadt überlassen zu wollen, wurden Sie dafür angefeindet - als abgehobener Millionär, der sich ein Denkmal setzen und dafür die Steuerzahler einspannen wolle. Die Angriffe waren zum Teil geschmacklos. Haben die Kritiker Sie jemals um Verzeihung gebeten?
Nein. Aber ich trage niemandem etwas nach, verzeihe allen. Aus Prinzip. Ich bin überzeugt: Verbitterung ist der Feind des Erfolgs. Ein Gift, das dich von innen auffrisst und dich außerdem auch noch furchtbar unsympathisch macht. Es gibt viel zu viele schöne, spannende Dinge der Welt, mit denen man sich beschäftigen kann, anstatt die Zeit mit etwas zu verplempern, was in der Vergangenheit unglücklich gelaufen ist.

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