Vorüberlegung : Machiavellis Buch vom Fürsten – noch einmal aufgeblättert
»So blieb ihm nur die Hellsicht, die Waffe der Verzweifelten.« – Patrick Boucheron
Warum wieder vom »Fürsten« reden? Von den zahlreichen Fragen, die seit dem Beginn des 21. Jahrhunderts das zeitgenössische Publikum an vielen Denk- und Brennpunkten der Welt beunruhigen, scheint keine sich leichter beantworten zu lassen als diese. Die Fürsten, so möchte man meinen, sind vielerorts wieder da, manche schon an der Macht, andere auf dem Sprung, förmlicher Krönungen nicht bedürftig, von Unterwürfigkeit getragen wie seit frühen Zeiten, der Schwäche ihrer Gegner allzu bewußt. Jede einfache Antwort jedoch, sieht man näher zu, erweist sich als Eingang zu einem Labyrinth aus unbequemen und abstoßenden Folgerungen. Die einfachste Auskunft ergibt sich aus dem Hinweis auf die Existenz von politischen Figuren wie Vladimir Putin und Donald Trump. Die bloße Tatsache ihrer zeitweilig synchronen Präsenz auf der Weltbühne bedeutet einen Skandal für all jene, die überzeugt waren, moderne Gesellschaften seien lernende Systeme, die irgendwann aus dem imperialistischen Trotzalter herauswachsen sollten. Auch durch Gestalten wie Xi Jinping, Narendra Modi, Recep Tayyip Erdoğan und zahl- reiche andere Akteure auf den Szenen der Tyrannei – neuerdings etwas vornehmer als »Autokratie« betitelt – reaktualisiert sich auf breiter Front die Sorge, die zeitgenössische Welt sei nicht wirklich entscheidend hinausgekommen über die vormals im Königtum gefundene Lösung der Aufgabe, die legitime Macht und die Herrschaft des guten Rechts solle sich in einer Einzelperson und ihren Beauftragten, ob man sie Minister oder Kommissare nenne, verkörpern. Man redet wieder vom Fürsten – gelegentlich sogar von einem »verrückten König«2 –, aus begreiflichen, wenn auch eher erschreckenden Gründen. Die Standardhypothese der neueren Zeit, daß nach den Königen unter normalen »demokratischen« oder »republikanischen« Bedingungen die Präsi- denten, die Premierminister oder die Generalsekretäre kommen müßten, läßt sich mit den Erfahrungen der Gegenwart wie auch denen der beiden nach 1789 abgelaufenen Jahrhunderte nur sehr unvollkommen zur Deckung bringen. Nicht wenige Episoden in den weitverbreiteten Erzäh- lungen, die vom Übergang von der Monarchie in die Demokratie handeln, werden, wie man mehr und mehr begreift, gemäß dem Cliffhanger-Schema verfaßt. Ist erst einmal ein König gestürzt, geköpft oder emigriert, zeigt sich: Kein Gesetz der Nachfolge stellt sicher, daß der Mann, der seinen Platz einnehmen wird, sich mit den Aufgaben und Qualitäten eines ersten Ministers, eines Präsidenten oder Kanzlers begnügt. In der nächsten Episode zeigt sich nicht selten, daß der neue erste Mann im Staat ein umgekleideter und reformatierter König ist und sich als solcher gebärdet. Nur relativ selten wurde der Neue auf Anhieb zu einem paßgenau ins Amt eingefügten Präsidenten – zu einem Mann, der bereit war, von den ersten Tagen an die Anzüge der demokratischen Gewöhnlichkeit zu tragen.
Es war die Französische Revolution, die für diesen ironischen Ablauf das Modell liefern sollte. Über die Tragweite dessen, was in den Großen Tagen geschah, kann man sich – wie aus dem Mund des vormaligen chinesischen Premiers Tschou Enlai zu erfahren war – bis heute nicht ganz im Klaren sein.3 Immerhin wurde durch die Turbulenzen der Umwälzungen nach 1789 ein Drehbuch erkennbar, dessen Schema sich erst im Rückblick präzisieren ließ. Es trug die Überschrift: »Der Fürst und seine Doubles«. Zu den tragischen Grandiositäten der französischen Geschichte gehört, daß Ludwig XVI. , im Januar 1793 hingerichtet, schon ab 1795 von einem jungen korsischen General beerbt und in mancher Hinsicht ersetzt werden konnte. Wenig später stieg dieser Mann zum Ersten Konsul auf, um im Jahr 1804 nach der Kaiserwürde römischen Stils zu greifen, einem in Frankreich bis dahin unbekannten Typ von Herrschaft aus über-königlicher Höhe. Napoleons Drama erwies sich als eine post-monarchische Cliffhanger-Geschichte in aufsteigender Linie : Ein legitimer Bourbone bescheidener Statur bekommt einen »großen Mann« illegitimer Provenienz namens Napoleon Bonaparte, wenn nicht zum »Erben«, doch gleichsam zum Kollegen – ein Vorgang, für den die Annalen der Menschheit kein zweites Beispiel liefern. Bei den meisten anderen Übergängen aus monarchischen Systemen zu republikanischen Verfassungsstaaten wird die Symbolik des leeren Throns ins Spiel gebracht, besser: Man schwört die Beteiligten auf den Grundsatz ein, wonach es künftig nur noch vorübergehende Besetzungen des ersten Stuhls im Staat geben dürfe. Die Überleitung vom Königtum zum Präsidenten- oder Kanzleramt einer Republik setzt eine dezidierte Absenkung der Thronhöhe voraus. Sie müßte mit merklichen Einbußen an exekutiven, legislativen und richterlichen Vollmachten für die Person an der Spitze einhergehen, überdies mit der Absage an das Prinzip der dynastischen Nachfolge. So betrifft die Transformation des Königsamts in das eines Präsidenten auf subtil physische Weise die Stellung, die Funktion und das Design des ersten Sitzmöbels der Verfassung. Würde man einen Tischler nach dem Unterschied zwischen der Monarchie und der Republik fragen, gäbe er zur Antwort, die erste würde bei ihm einen Thron zur Aufpolsterung geben, die zweite bestellte einen Sessel für den Vorsitzenden einer Ministerrunde. Es war, nebenbei bemerkt, Napoleon in eigener Person, der zur Entsakralisierung des Throns das Nötige beitrug: In einer Ansprache an die Nationalversammlung – am 1. Januar 1814 –, als die Stimmung der Deputierten sich schon gegen ihn gewandt hatte, legte er die neuen Verhältnisse zynisch offen dar, indem er die Anwesenden daran erinnerte, daß sie sich zwischen ihm und einem zurückkehrenden Bourbonen entscheiden müßten : »Was ist der Thron – vier Stücke Holz, von einem Fetzen Samt bedeckt? Doch, um monarchisch zu reden, der Thron bin ich.«