Ganz in der Nähe von Thiepval, einem kleinen französischen Dorf in der Picardie mit etwas mehr als 100 Einwohnern, steht eines der ergreifendsten Denkmäler für die Millionen Opfer des Ersten Weltkriegs. Das über 50 Meter hohe Monument erhebt sich am Ufer des Ancre, eines Nebenflusses der Somme. Auf seinen Wänden wird der mehr als 72 000 britischen Soldaten gedacht, die immer noch vermisst sind und nicht in den Kriegsgräberstätten liegen, die im Tal der Somme über die Landschaft verstreut sind – 72 000 Menschen, deren Leichen nach dem Blutbad nie identifiziert wurden.
Die verschollenen britischen Toten machen nur einen Bruchteil der Soldaten aus, die im Ersten Weltkrieg in der Schlacht an der Somme getötet wurden.1 Zwischen Juli und November 1916 gab es dort mehr als eine Million Verluste – Menschen aus der ganzen Welt: Deutsche, Franzosen, Briten, Kanadier, Österreicher, Inder, Afrikaner, Araber, Chinesen. Allein am ersten Tag der Schlacht, dem 1. Juli 1916, gab es beinahe 70 000 Verluste. Viele Tote wurden nie geborgen. Zehn Autominuten von Thiepval entfernt, auf der anderen Seite der Landstraße, die heute zu der wohlhabenden französischen Stadt Amiens führt, liegt der deutsche Soldatenfriedhof Fricourt. Unter seinen schwarzen Kreuzen sind 17 000 deutsche Soldaten begraben, ebenfalls nur ein Bruchteil der 160 000 Deutschen, die dort starben. Solche Verlustzahlen können uns leicht abstumpfen. Aber jeder einzelne Tote war eine Persönlichkeit, ein Schicksal, in der Regel ein junger Mann, der sein Leben nie leben konnte. Unter den Gräbern an der Somme sind die von fünf jungen Männern, die zufällig alle Alfred Webb hießen.2 Sie waren zwischen 21 und 23 Jahre alt, als sie im Juli oder August 1916 starben. Vier von ihnen waren Engländer, aus den Grafschaften Cheshire und Essex sowie der Stadt Manchester, und der 23-jährige Alfred Louis Webb von der 48. Australian Infantry war kurz zuvor in Fremantle im Westen Australiens eingewandert und von dort aus zurück nach Europa verschifft worden, wo er am 7. August 1916 an der Somme starb, an seinem ersten Tag in der Schlacht. Er liegt mit beinahe 1800 weiteren Toten in Puchevillers begraben, mit Stahlarbeitern, Müllern, Bauern, Fahrern, Wissenschaftlern, Schriftstellern. Für den modernen Betrachter sieht das Thiepval-Denkmal, wenn man vom Fluss aus zu ihm hinaufschaut, ein wenig aus, als seien riesige Legosteine hastig zusammengebaut und, als das Spiel zu Ende war, so zurückgelassen worden. Es lässt an etwas Unbeabsichtigtes, ja Zufälliges denken. Das Denkmal für die Vermissten an der Somme erinnert an den Krieg, in dem diese jungen Männer starben, und daran, dass er durch eine Reihe miteinander verknüpfter Entscheidungen ausbrach, die viel ältere Männer fern des Schlachtfelds trafen – Entscheidungen, von denen einige zufällig oder sogar wirr waren. So wurden die Legosteine zusammengesetzt, als die Zeit ablief und die Welt 1914 in den Krieg zog. Der Erste Weltkrieg war eine der größten Katastrophen der Menschheitsgeschichte.3 Insgesamt lag die Zahl der militärischen und zivilen Verluste bei etwa 40 Millionen. Die Überlebenden waren oft für den Rest ihres Lebens seelisch und körperlich verstümmelt. Für viele war die Welt zu einem schrecklichen Ort geworden, auch wenn ihr Name nicht auf einem Kriegerdenkmal stand. Neben der damals schon bekannten materiellen Verwüstung zerstörte der Große Krieg, wie er damals genannt wurde, auch eine Welt, in der viele Menschen an Fortschritt und allmähliche Entwicklung geglaubt hatten, und ersetzte sie durch eine zynische und verzweifelte Welt, in der andere Nationen und Ideologien als natürliche und unvermeidliche Feinde galten. So trug der Schaden, den der Erste Weltkrieg angerichtet hatte, zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs und zu dem auf ihn folgenden Kalten Krieg bei. Nach dem »Krieg zur Beendigung aller Kriege«, wie einige seiner Befürworter ihn genannt hatten, dauerte es mindestens drei Generationen, bis das durch ihn verursachte Leid verheilt war.
Dies ist ein Buch über das wichtigste Thema unserer Zeit, die Frage von Krieg oder Frieden. Heute hat weniger als ein halbes Prozent der Weltbevölkerung noch einen Krieg zwischen Großmächten erlebt. Und obwohl ein sehr viel größerer Teil der Menschheit unter den verheerenden Folgen anderer Kriege gelitten hat, sind die meisten heutigen Erwachsenen in einer relativ stabilen Welt aufgewachsen, die entweder von einer oder von zwei Supermächten beherrscht wurde. Auch diese Welten waren nicht friedlich, aber sie waren in einem gewissen Ausmaß vorhersehbar. Unsere heutige Welt wird komplexer und unsicherer. Wir treten in eine Phase ein, in der mehrere Großmächte sowohl in bestimmten Regionen als auch bei bestimmten menschlichen Errungenschaften wie Nukleartechnologie, künstlicher Intelligenz oder Raumfahrt um die Vorherrschaft kämpfen. Der Handel, der zwei Generationen lang immer freier geworden ist und fast den Zustand erreicht hatte, in dem er sich vor dem Ersten Weltkrieg befand, wird heute wieder zunehmend beschränkt und fragil, und zwischen wichtigen Mächten brechen Handelskriege aus.
Diese Welt ist anders als alles, was irgendjemand von uns je erlebt hat. Aber sie sieht der Welt recht ähnlich, die vor mehr als 100 Jahren, vom späten 19. Jahrhundert bis 1914, bestand. Auch in der damaligen Welt konkurrierten mehrere Großmächte miteinander, die ihre jeweilige Region zu beherrschen suchten. Nationalismus und Populismus waren im Aufstieg begriffen, und viele Menschen hatten das Gefühl, dass ihnen die damalige Form der Globalisierung keinen Vorteil gebracht hatte. Der Protektionismus nahm zu, die Zölle wurden erhöht, und immer mehr Menschen machten die Bewohner anderer Länder für ihre Probleme verantwortlich. Immigration und Terrorismus gehörten zu den großen Themen. Überall fürchteten führende Politiker den Ausbruch von Kampfhandlungen, bereiteten sich aber dennoch so auf einen Konflikt vor, dass eine Beteiligung der Großmächte beinahe sicher war, falls in Europa Feindseligkeiten ausbrechen sollten.
Die damalige Welt endete in einem verheerenden Krieg, den Alfred Louis Webb und Millionen andere mit dem Leben bezahlten. Ganze Gesellschaften wurden zerstört, und die Nachwirkungen des Weltkriegs führten dazu, dass immer wieder Konflikte ausbrachen, nachdem die vierjährigen Kämpfe vorüber waren. Die Entwicklung der Weltwirtschaft wurde um Jahrzehnte zurückgeworfen. Am schlimmsten jedoch war das menschliche Leid. Die britische Krankenschwester Vera Brittain wünschte sich, dass die Verantwortlichen die Opfer von Senfgas sehen könnten, »der ganze Körper verätzt und voller Blasen […] die erblindeten Augen nässend und verklebt, immer um Atem ringend, die Stimme nur noch ein Flüstern, sie sagen, ihnen gehe die Kehle zu, sie wüssten, dass sie ersticken«.4 Krieg in all seinen Formen ist schrecklich. Aber Kriege zwischen Großmächten sind wegen ihrer Intensität und ihres Ausmaßes, wegen der eingesetzten Waffen und wegen ihrer Tendenz, sich auszubreiten, noch zerstörerischer als andere. Sollte es heutzutage zu einem Krieg zwischen Großmächten kommen, werden andere aktuelle Kriege geradezu harmlos wirken, selbst wenn die ultimativen Massenvernichtungswaffen nicht zum Einsatz kommen. Millionen werden sterben. Die Entwicklung der Menschheit wird sich um eine Generation verzögern, und unsere Kinder werden ihr Leben damit zubringen, das Niveau des Fortschritts vor dem Krieg wieder zu erreichen. Wenn es Lehren aus der Geschichte gibt, dann müssen wir sie jetzt beherzigen, damit wir nicht noch einmal in einen Krieg zwischen Großmächten geraten, weil wir der tödlichen Kombination von Hurrapatriotismus, Angst, Fatalismus und schierer Dummheit erliegen, die den ersten großen Krieg des 20. Jahrhunderts verursacht hat.