Das Hauptquartier des britischen Geheimdienstes MI6 befindet sich in einem imposanten Gebäude aus Beton und grünem Glas am Südufer der Themse nahe der Vauxhall Bridge in London. Der Bau in den frühen Neunzigerjahren unterlag einer so strengen Geheimhaltung, dass nicht einmal der Architekt wusste, für wen er die Anlage eigentlich entwarf. Die Themse ist ein Tidefluss. Zweimal täglich drückt die Flut das Nordseewasser landeinwärts und lässt die Pegel steigen, bevor es mit der reißenden Strömung wieder abfließt.
Es kommt schon mal vor, dass ein Entenwal von seiner Gruppe getrennt wird und sich gefährlich weit vom Meer den Fluss hinauf verirrt. Bei Ebbe schrumpft die Themse, der Pegel fällt um sechs Meter und legt den schlammigen Uferbereich frei. Urbane Strandgutsammler – »mudlarks« genannt – haben hier im Schlick Überbleibsel vergangener Zivilisationen gefunden: bronzezeitliche Dolche und Münzen aus der Eisenzeit.
Die Themse zog ursprünglich auch die Römer an, die hier vor zwei- tausend Jahren ein Lager errichteten, das sie Londinium tauften. Zur Hochzeit des British Empire hatte London ein Viertel des Erdballs kolonisiert. Im Jahr 1860 entfiel die Hälfte aller Exporte aus Asien, Afrika und Lateinamerika auf die Stadt; die Themse war der größte Hafen der Welt. Hunderte Schiffe ankerten hier jede Woche, und hohe Kräne entluden Tabak, Elfenbein, Gewürze, Wolle, Reis, Tee und andere Kostbarkeiten. Der Handel florierte, und auf dem Fluss drängten sich Schiffe, Kaufleute, Hafenarbeiter und Seeleute aus aller Herren Länder, die von fremden Zivilisationen hinter dem Horizont berichteten.
Doch das Flussufer konnte zuweilen auch ein Furcht einflößender Ort sein. Im viktorianischen Zeitalter herrschte hier das Verbrechen. Allzu oft kamen Menschen in der Themse zu Tode, mal selbst gewählt aus Verzweiflung, mal, weil man sie hineinstieß. Rutschte man nach einer durchzechten Nacht auf dem glitschigen Pflaster aus, verschlang einen das dunkle Wasser sofort. Bei Charles Dickens wird der Fluss oft als unheilvolle Kraft dargestellt, schmuddelig und übel riechend, »wie er um Pfähle und Pfosten und Eisenringe plätschert, seltsame Dinge in seinem Schlamm bergend, mit Selbstmördern und durch Unfall Ertrunkenen rascher, als es sich für ein mitternächtliches Begräbnis schickt, von dannen eilt.«
Das ist das Paradox der Themse: Sie war die pochende Arterie des Londoner Wirtschaftsbooms mit gewaltigen, von Arbeitern wimmelnden Lagerhäusern und Fabriken, deren Schlote an den Ufern qualmten. Aber zugleich sah Dickens den Fluss als »Abbild des Todes«, als ein Band der Gefahr, das sich »mitten durch das Leben dieser großen Stadt« schlängelte.
Das MI6-Gebäude sollte an die industrielle Ära Großbritanniens anknüpfen und an die monumentalen Kraftwerke wie Battersea und Bankside erinnern, die ganz in der Nähe standen. Doch als Queen Elizabeth II 1994 das neue Geheimdiensthauptquartier eröffnete, waren die Kraftwerke schon lange außer Betrieb und wirkten mittlerweile selbst wie Relikte – Überbleibsel aus Londons Vergangenheit als Fabrikstadt. Die meisten Fabriken waren geschlossen; zwischen 1960 und 1990 sank die Zahl der Arbeitsplätze im Produktionssektor um achtzig Prozent.
Auch die Frachtschifffahrt war verschwunden. Im Jahr 1955 erfand ein Speditionsvorstand aus North Carolina den modernen stapelbaren Frachtcontainer. Die Standardisierung dieser sechs und zwölf Meter langen Stahlboxen in den Sechzigern löste eine Revolution im Welthandel aus und ermöglichte eine besser vernetzte Transportinfrastruktur, in der sich die Container ohne Unterbrechung vom Lkw aufs Schiff und dann auf den Güterzug verladen lassen. Auf einmal wurden die großen Lagerhäuser am Ufer nicht mehr gebraucht, und eine neue Klasse gigantischer Containerschiffe konnte immer größere Frachten transportieren. Diese Frachter waren so gewaltig, dass sie nicht mehr in die schmalen Hafenbecken der Themse passten. In der Folge mussten zwischen 1960 und 1980 fast alle Londoner Frachthäfen schließen, und ein ganzer Wirtschaftssektor, der die Region ernährt hatte, war nahezu verschwunden. Jahrhundertelang war London eine Hafenstadt. Das war nun plötzlich vorbei.
Immerhin war die Luft nun sauber. Das Wort »Smog« hatte man in London erfunden, um zu beschreiben, wie sich der Rauch der Kohlenfeuer und Fabriken mit dem englischen Nebel verband und die Stadt oftmals verhüllte. Doch neue Luftsauberkeitsvorschriften und die Schließung der vielen Fabriken sorgten dafür, dass in London die Luft rein war. Als das MI6-Hauptquartier eröffnet wurde, hatte sich die Industriestadt aus Dickens’ Zeiten in eine strahlende Hochglanzmetropole verwandelt. Da London jetzt kein Fracht- und Produktionszentrum mehr war, erfand es sich kurzerhand neu als Finanzhauptstadt.
Am Themseufer wehte ein frischer Wind: 1988 verwandelte eine Gruppe junger Kunststudenten ein verlassenes Lagerhaus an den Surrey Docks für die Ausstellung »Freeze« in eine temporäre Galerie. Bald folgten hippe Restaurants und schließlich neue Wohngebäude und Hightech-Handelsräume. Das Themseufer hatte jegliche Spur seines alten rauen Charmes und seiner Bedrohlichkeit abgeschüttelt und war zum gepflegten Spielplatz für Touristen und junge Besserverdiener geworden. Im Jahr 2000 wurde die Bankside Power Station als Tate Modern Museum wiedereröffnet. Und Battersea wurde schließlich als Einkaufszentrum neues Leben eingehaucht.
Das neue London wurde für viele zum Anziehungspunkt – die Stadt erfand sich neu als Lieblingsziel des großen Geldes und all jener, die es besaßen. Gefühlt zum allerersten Mal gab es nun gute Restaurants, außerdem erstklassige Einkaufsmöglichkeiten und Luxushotels, vor deren Türen Bentleys samt Chauffeuren warteten. Wieder einmal dominierten Kräne die Londoner Skyline, doch entluden sie keine Baumwolle oder Muskatnuss mehr, sondern zogen Wolkenkratzer aus Glas und Stahl hoch, sowie schimmernde Wohnkomplexe mit exorbitanten Preisen. Viele Londoner konnten sich diese neue Version ihrer Stadt nicht mehr leisten, mussten umziehen und aus fernen Vororten hereinpendeln.
Die Immobilienspekulation wurde zum großen Teil von ausländischen Käufern angetrieben, die Wohneigentum in London als Investition betrachteten und nicht als Ort zum Leben. Die Gebäude waren folglich reich an Komfort, aber auffällig arm an Bewohnern, weil die internationalen Besitzer nur selten da waren. Die Uhren in den Eingangsbereichen zeigten die Zeiten in Moskau, Hongkong und Abu Dhabi an. »Hier gibt es Leute mit fünf oder zehn Wohnungen überall auf der Welt«, erklärte ein Mitarbeiter eines der neuen Luxustürme. »Sie sind mal hier, mal dort.«
London war ein attraktives zweites Zuhause für »Machthaber, Monarchen, Fürsten, Sultane und Diplomaten«, sagte Trevor Abrahmsohn, ein langjähriger Immobilienmakler mit milliardenschwerer Kundschaft. Aber viele dieser Wohnungen in ausländischer Hand standen einen Großteil des Jahres leer. Die ehemalige stellvertretende Bürgermeisterin Londons Nicky Gavron beschwerte sich, Investoren aus Übersee »wollen sich eine Luxuswohnung in einem Wolkenkratzer kaufen, um sie als Banksafe zu benutzen«. Es besteht eine statistische Korrelation zwischen dem Wert einer Immobilie und der Wahrscheinlichkeit, dass sie bewohnt ist: Je höher der Preis, desto höher die Chance, dass sie leer steht. Vormals lebendige Teile Londons erschienen daher nun wie ausgestorben. Die Wirkung war verstörend; in angesagten Gegenden der Stadt lagen nach Sonnenuntergang die Fenster ganzer Reihen millionenschwerer Häuser im Dunkeln. Die Presse gab diesen verlassenen Palästen einen Namen: Geistervillen.