1. Deutschland und die russische Revolution
Jeder weiß, dass die bolschewistische Oktoberrevolution das Werk Lenins war, und so ziemlich jeder weiß auch, dass Lenin ein halbes Jahr vorher, im April 1917, aus seinem Schweizer Exil durch Deutschland nach Russland gereist war – mitten im Kriege zwischen Deutschland und Russland.
Was schon nicht jeder weiß, ist, dass diese Reise auf deutsche Initiative erfolgte und dass es die höchsten deutschen Stellen waren – der Reichskanzler, die Oberste Heeresleitung, das Auswärtige Amt, verschiedene deutsche Botschafter –, die gemeinsam den Beschluss zustande gebracht hatten, Lenin nach Russland zu »schicken«. Wie es aber zu diesem erstaunlichen Beschluss hatte kommen können, das liegt immer noch halb im Dunkeln.
Wie kamen die hochkonservativen Staatsmänner des kaiserlichen Deutschlands dazu, sich mit dem radikalsten Revolutionär ihrer Zeit einzulassen, ja geradezu zu verbünden? Wie hatten sie Lenin überhaupt »entdeckt«? Denn eine Entdeckung muss man es schon nennen.
Lenin war ja im März 1917 noch keineswegs die Weltfigur, die er ein halbes Jahr später wurde. Für die europäischen Regierungskreise war er eine obskure Existenz, eine Randerscheinung selbst unter den verfemten und verbannten Überlebenden der gescheiterten russischen Revolution von 1905. Schon einmal vor dieser Revolution, und dann endgültig seit ihrer Niederwerfung, hatte er im Exil gelebt, vor dem Kriege zuletzt im damals österreichischen Krakau, wo man ihn bei Kriegsausbruch als feindlichen Ausländer verhaftet hatte; auf Fürsprache des österreichischen Sozialdemokraten Viktor Adler – der dem Innenminister Freiherrn von Heinold gesagt hatte: »Dieser Mann ist ein schlimmerer Feind des Zaren als Eure Exzellenz« – hatte man Lenin freigelassen, unter der Bedingung, dass er unverzüglich außer Landes ging. Mit Mühe und Not war es ihm gelungen, in die Schweiz hereingelassen zu werden (man verlangte bei der Einreise, er solle 100 Franken Kaution hinterlegen, die er nicht hatte; ein Schweizer Sozialdemokrat hatte schließlich für ihn gebürgt). Und dort lebte er seither ein mehr als bescheidenes Emigrantenleben, von niemandem beachtet außer von der Fremdenpolizei. Seine Züricher Hofwohnung ging auf eine Wurstfabrik; des Geruchs wegen mussten die Lenins ständig bei geschlossenem Fenster leben. Seine Tage verbrachte er denn auch lieber in einer öffentlichen Bibliothek, wo man den kleinen, kahlköpfigen Russen als Stammgast kannte. Dort verschlang er die Zeitungen, schrieb Artikel für obskure sozialistische Blättchen und verfasste Bücher und Broschüren, die seither weltberühmt geworden sind, die er aber damals vergebens durch Freunde in Russland bei irgendwelchen außenseiterischen Verlegern anzubringen suchte.
Im Herbst 1916 stand ihm das Wasser am Halse; er schrieb an seinen Parteigenossen Schljapnikow, der sich in Petersburg in Freiheit befand und dort versuchte, Lenins Bücher unterzubringen: »Von mir persönlich muss ich sagen, dass ich etwas verdienen muss. Sonst krepiere ich glatt, wirklich! Die Teuerung ist höllisch, und ich weiß nicht, wovon ich leben soll.« Schljapnikow solle »mit Gewalt Geld« aus einigen Verlegern herauspressen. »Wenn das nicht zustande kommt, dann kann ich mich wahrhaftig nicht mehr über Wasser halten, das ist mein voller Ernst, glauben Sie’s mir.«
Ein halbes Jahr darauf beschäftigten sich die höchsten Instanzen des Deutschen Reichs mit diesem halb verhungerten russischen Emigranten, und er verhandelte mit ihnen von Gleich zu Gleich. Ein weiteres halbes Jahr später sollte er der Weltgeschichte eine neue Wendung geben. Aber wie waren die Deutschen überhaupt auf ihn gekommen?
Lenins Name taucht in den deutschen Akten zum ersten Mal am 30. November 1914 auf. Einige linksradikale Abgeordnete des russischen Parlaments, der Duma, waren verhaftet worden, und ein russischer Gewährsmann des deutschen Auswärtigen Amtes teilte dort erklärend mit, diese Abgeordneten seien Anhänger eines Herrn Lenin, der zurzeit in der Schweiz lebe. Dieser Gewährsmann, ein gewisser Kesküla, ein junger Estländer deutscher Abstammung, der selber ein wenig in russischer linker Politik mitgemischt hatte, berichtete dann auf Anforderung Näheres über Lenin, und was er zu berichten hatte, klang interessant. Unter dem Vergrößerungsglas betrachtet, stellte sich dieser Exilrusse Lenin als eine in seiner seltsamen Welt nicht unwichtige Figur heraus.
Die Deutschen erfuhren, dass er seit etwas über zehn Jahren eine extreme Gruppe russischer Sozialdemokraten führte, die sogenannten Bolschewiki, und dass er sie mit eisernem Griff zusammenhielt und auf eine künftige Revolution trainiert hatte; dass er mit den russischen Sozialdemokraten milderer Observanz, den Menschewiki, in unversöhnlicher Dauerfehde lag; vor allem aber – und nun wurde es interessant –, dass er von Anfang an die patriotische Einheitsfront, in die die Menschewiki und auch einige seiner eigenen Anhänger bei Kriegsausbruch eingeschwenkt waren, ganz hart und kompromisslos abgelehnt hatte und absolut für »die Niederlage des Zarismus im gegenwärtigen Krieg« war.
Kesküla übersetzte Lenins Artikel, und man las sie in den deutschen Ministerien kopfschüttelnd, aber gefesselt. Der Mann hatte ja ungeheuerliche Ideen, und er vertrat sie mit einer gewissen wilden Logik und haarsträubenden Sachlichkeit: Es komme darauf an, die Völker überall gegen ihre Regierungen zu stellen, sie dahin zu bringen, dass sie die Gewehre umdrehten, man müsse den Weltkrieg in einen Weltbürgerkrieg verwandeln.
Und dieser Mann hatte also tatsächlich Einfluss in Russland? Es gab wirklich eine Partei, die ihm mehr oder weniger folgte? Interessant; man musste sich das merken, der Mann konnte nützlich werden. Lenin war entdeckt.
Schon bald nach Kriegsbeginn hatte die deutsche Reichsleitung den Beschluss gefasst, Russland zu »revolutionieren«. Man dachte dabei vor allem an die Fremdvölker des russischen Reiches – Polen, Finnen, Balten –, die man aufwiegeln wollte, um sie aus der russischen Machtsphäre in die deutsche herüberzuziehen; aber man erinnerte sich auch daran, dass Russland selbst ja vor weniger als zehn Jahren eine Revolution erlebt hatte, dass das Zarenreich ein Jahr lang bis in seine Grundfesten erschüttert gewesen war. Davon musste doch noch etwas übrig geblieben sein … Man stocherte sozusagen nach Funken in der Asche. Was man dabei schließlich wirklich fand, waren Lenin und seine Bolschewiki.
Im September 1915 stand es im deutschen Auswärtigen Amt fest: Wenn man Russland »revolutionieren«, das Zarenreich von innen aus den Angeln heben wollte, dann waren die Bolschewiki der Hebel, den man ansetzen musste. Alle anderen Exrevolutionäre waren jetzt, genau wie die deutschen Sozialdemokraten, Kriegspatrioten geworden; einige wollten wohl immer noch den Zaren stürzen, aber dann mit dem Argument, dass er den Krieg schlecht führe. Damit war natürlich für Deutschland nichts anzufangen. Die Bolschewiki allein waren absolut gegen den Krieg, bereit, auch im Kriege Revolution zu machen, ja – wie hatte doch dieser Lenin geschrieben? – den Krieg in den Bürgerkrieg zu verwandeln. Sie allein waren also als Verbündete zu gebrauchen; falls sie wirklich etwas ausrichten konnten, was zweifelhaft schien.
So weit, so gut. Wenn man vorhatte, das Zarenreich zu revolutionieren, dann allerdings brauchte man dazu wohl das Bündnis mit der extremsten Fraktion der russischen Revolutionäre, mit den Bolschewiki. Aber was noch der Erklärung bedarf, ist dieser Vorsatz selbst. Er ergab sich ja keineswegs logisch und selbstverständlich aus dem bloßen Kriegszustand zwischen Deutschland und Russland. Er war 1914 noch etwas Unerhörtes.
Wie unerhört, das wird einem sofort klar, wenn man sich vorstellt, dass etwa das zaristische Russland mit Deutschland dasselbe Spiel gespielt hätte wie Deutschland mit ihm – dass es also nach 1914 ein Bündnis mit der deutschen Revolution gesucht hätte. Es gab ja auch in Deutschland eine radikale, revolutionär-defätistische Linke, Deutschland hatte seinen Liebknecht wie Russland seinen Lenin. Aber ein Bündnis des Zaren mit dem Spartakusbund hat es nie gegeben, nicht einmal den Versuch dazu; nicht einmal den Gedanken daran; es wäre ja auch eine groteske Vorstellung gewesen. Aber war das Bündnis des Kaisers mit den Bolschewiki denn weniger grotesk?
Es handelte sich ja bei diesem Bündnis nicht etwa darum, dass Deutschland bestehende ideologische Gegensätze als Kriegsmittel einsetzte, dass es sein eigenes System auf den Spitzen seiner Bajonette exportierte, wie das allenfalls gelegentlich auch früher vorgekommen war – in den Religionskriegen etwa oder in den Feldzügen der französischen Revolutionsheere. Das Kaiserreich setzte vielmehr gegen das Zarenreich als Verbündeten eine Macht ein, die auch sein eigener tödlicher Feind war, ja gegen die es eigentlich mit dem Zarenreich selbst im Kriegszustand immer noch eine Art Interessengemeinschaft, eine übergreifende ideologische Gemeinsamkeit hatte.
Heute sind wir an Revolutionierung als Kriegsmittel gewöhnt; ja es gibt eine Theorie, nach der heute die ferngesteuerte Revolution den Krieg als Methode der Austragung internationaler Konflikte geradezu ersetzt habe. Aber der Krieg von 1914 spielte sich noch in einer homogenen europäischen Staatengesellschaft ab, die von solchen Gedanken sehr weit entfernt war. Die europäischen Mächte von damals bildeten immer noch einen jahrhundertealten, sehr vornehmen, sehr exklusiven Klub, dessen Mitglieder, auch wenn sie miteinander Krieg führten, immer noch eine gewisse Solidarität zu bewahren pflegten. Krieg gehörte sozusagen zu den Klubregeln, man machte von Zeit zu Zeit Krieg, um die Kräfte zu messen, und je nach dem Ausgang machte man dann wieder Frieden miteinander: So war es seit Jahrhunderten europäische Konvention. Auf den Gedanken, einen dieser Kriegs- und Friedenspartner gänzlich auszuschalten, war bisher niemand gekommen.
Und gerade die drei Kaiserhöfe von St. Petersburg, Wien und Berlin hatten ja immer noch besonders vieles gemein, sogar gegenüber den westlichen Demokratien – um wie viel mehr gegenüber den unmöglichen, unheimlichen Bolschewiki! Zum Beispiel gab es immer noch enge monarchische Familienbeziehungen, und es hätte nahegelegen, sie bei passender Gelegenheit für Sonderfriedensbemühungen auszunutzen, wie es etwa der deutsche Kronprinz in seiner naiven Art gelegentlich vorschlug. In einem Brief an den Großherzog von Hessen, den Schwager des Zaren, schrieb er im Februar 1915:
»Ich bin der Ansicht, dass es unbedingt nötig ist, mit Russland zu einem Sonderfrieden zu kommen. Erstens ist es zu dumm, dass wir uns gegenseitig zerfleischen, bloß damit England im Trüben fischt, und dann müssen wir unsere gesamte Truppenmacht hier zurückkriegen, um mit den Franzosen aufzuräumen … Könntest Du nicht mit Niki in Verbindung treten und ihm raten, mit uns sich gütlich zu einigen, das Friedensbedürfnis in Russland soll ja groß sein, nur müsste er das Mistvieh, den Nikolai Nikolajewitsch, rausschmeißen …«
Naiv, gewiss, aber naheliegend – näherliegend, als sich mit den künftigen Mördern »Nikis« zu verbünden. Es hatte sich ja spätestens am Ende des ersten Kriegsjahres herausgestellt, dass eine rein militärische Kriegsentscheidung im Osten so wenig wie im Westen möglich war. Die deutschen Armeen hatten sich den russischen klar überlegen erwiesen; aber doch nicht so überlegen, dass sie auch noch den russischen Raum besiegen konnten. Die Ostfront war seit Ende 1915 diesseits der polnischen und baltischen Grenzen Kernrusslands festgefroren – fast so festgefroren wie die Westfront; und Deutschland hatte ein offensichtliches Interesse daran, diese Ostfront loszuwerden.
Was Russland betraf, so hatte es von Anfang an eigentlich keine Kriegsziele gegen Deutschland – gegen Österreich, ja, und gegen die Türkei erst recht; aber von Deutschland wollte es im Grunde nichts. Wenn auch Deutschland von Russland nichts wollte, wäre nach dem Kräftemessen von 1914/1915 ein Status-quo-Friede im Osten nicht unnatürlich, vielleicht auch nicht unerreichbar gewesen.
Einen Status-quo-Frieden aber wollte Deutschland eben nicht – im Osten so wenig wie im Westen. Wenn man verstehen will, wie es zu dem ungeheuren Abenteuer der Revolutionierung Russlands und zu dem paradoxen Bündnis des deutschen Kaiserreiches mit den russischen Bolschewiki kommen konnte, dann muss man sich den Grundwiderspruch klarmachen, der den ganzen Ersten Weltkrieg hindurch die deutsche Situation bestimmte:
Militärisch war das Deutsche Reich nach dem Scheitern des ersten Frankreichfeldzuges die ganze Zeit in einer verzweifelten Defensive – eine belagerte, hungernde Festung, die nur immer wieder Ausfälle machen, aber den Belagerungsring nicht brechen konnte.
Politisch aber führte Deutschland, im Osten wie im Westen, einen hochehrgeizigen Angriffskrieg, dessen Grundziel der Reichskanzler von Bethmann-Hollweg im September 1914 so formuliert hatte: »Sicherung des Deutschen Reiches nach West und Ost auf erdenkliche Zeit. Zu diesem Zweck muss Frankreich so geschwächt werden, dass es als Großmacht nicht neu erstehen kann, Russland von der deutschen Grenze nach Möglichkeit abgedrängt und seine Herrschaft über die nichtrussischen Vasallenvölker gebrochen werden.«
Deutschland wollte sowohl Frankreich als auch Russland als Großmächte ausschalten, aus dem Krieg als einzige verbleibende Großmacht auf dem europäischen Kontinent hervorgehen: Das war sein unerschütterliches Kriegsziel, seine fixe Idee; jedes andere Kriegsergebnis betrachtete es als Niederlage. Denn, wie der Unterstaatssekretär des Äußeren, Arthur Zimmermann, im November 1914 mit direktem Bezug auf Russland erklärte: »Wenn wir mit unserem östlichen Nachbarn jetzt nicht gründlich abrechnen, so haben wir mit Sicherheit neue Schwierigkeiten und einen zweiten Krieg mit ihm vielleicht schon in wenigen Jahren zu gewärtigen.«
Wenn man so ehrgeizige Ziele hatte, diese ehrgeizigen Ziele aber mit militärischen Mitteln nicht durchsetzen, den Widerspruch zwischen der offensiven politischen Zielsetzung und der bedrängt-defensiven militärischen Lage nicht aufheben konnte, dann blieb als Ausweg freilich nur das politische Vabanque-Spiel. Wenn man insbesondere im Osten den Sonderfrieden zwar aus gesamtstrategischen Gründen dringend brauchte, weil man den Zweifrontenkrieg auf die Dauer nicht durchhalten konnte, ihn aber von dem existierenden russischen Zarenreich zu den erstrebten Bedingungen seiner Aufsplitterung und Entmachtung nicht haben konnte, dann musste man sich mit einer russischen Revolution verbünden, der aus ganz anderen Gründen alles daran gelegen war, das Zarenreich zu vernichten, und die bereit war, dafür auch Aufsplitterung und Entmachtung wenigstens für den Augenblick in Kauf zu nehmen.
Dieser Gedankengang hat eine gewisse verzweifelte Logik, und er kommt in verschiedenen deutschen Staatsdokumenten der Zeit klar zum Ausdruck; am klarsten in einer großen Denkschrift des damaligen kaiserlichen Gesandten in Kopenhagen, Graf von Brockdorff-Rantzau, der in dieser Geschichte noch mehrfach vorkommen wird: Er hat in den Beziehungen Deutschlands mit den Bolschewiki vor wie nach der russischen Revolution eine Schlüsselrolle gespielt.
Von Brockdorff-Rantzau schreibt da (im Dezember 1915): »Es wäre ein folgenschwerer Irrtum, jetzt noch traditionelle Beziehungen zu Russland, das heißt zum Hause Romanow, ernstlich in die Waagschale legen zu wollen.« Es gehe um die Existenz Deutschlands schlechthin; gewiss, würde es Deutschland nicht gelingen, einen seiner Gegner aus dem Ring der Entente herauszusprengen, so würde der Krieg sich bis zur Erschöpfung Deutschlands hinziehen und mit seinem Untergang enden. »Der Sieg und als Preis der erste Platz in der Welt ist aber unser, wenn es gelingt, Russland rechtzeitig zu revolutionieren und dadurch die Koalition zu sprengen … Bevor das Zarenreich in seinem jetzigen Bestande nicht erschüttert ist, wird dieses Ziel nicht erreicht werden … Der Einsatz ist gewiss hoch und der Erfolg nicht unbedingt sicher; ich verkenne auch keineswegs die Rückwirkungen, die der Schritt auf unser innerpolitisches Leben nach sich ziehen kann. Sind wir militärisch imstande, eine endgültige Entscheidung zu unseren Gunsten herbeizuführen, so wäre eine solche allerdings vorzuziehen, andernfalls bleibt nach meiner Überzeugung nur der Versuch dieser Lösung.«
Und da ein militärischer Endsieg eben nicht möglich war – um dieselbe Zeit berichtete der Generalstabschef von Falkenhayn dem Kaiser genau dies –, so setzte diese Lösung sich durch.
Das Ziel also war: Ein Ring von Russland abgesprengter deutscher Satellitenstaaten von Finnland über das Baltikum, Polen und die Ukraine bis zum Kaukasus; und eine Revolutionsregierung in Russland, die bereit war, zu diesen Bedingungen mit Deutschland einen Sonderfrieden abzuschließen. Wenn man eine solche Revolutionsregierung an die Macht bringen konnte – dann zum Teufel mit den traditionellen europäischen Klubregeln, der alten Familienfreundschaft mit dem Hause Romanow, den ideologischen Rücksichten und Gemeinsamkeiten mit dem Zarenreich! Zum Teufel auch mit möglichen »Rückwirkungen auf die deutschen innerpolitischen Verhältnisse«! Mit denen würde man schon fertigwerden, wenn man erst einmal den Sieg in der Tasche hatte. Man wusste, dass man einen Teufelspakt abschloss, wenn man in Russland die Revolution installierte. Dazu war man bereit; über die inneren Hemmungen dagegen war man hinweg. Die Schwierigkeit war eine ganz andere: Sie lag darin, den russischen Partner für eine solche Politik zu gewinnen. Denn für die russischen Revolutionäre war ja der Pakt mit dem deutschen Kaiserreich ebenfalls ein Teufelspakt, und zwar gleich aus zwei Gründen: erstens weil dieses deutsche Kaiserreich der Landesfeind war; zweitens aber, weil es ideologisch für sie eine kaum weniger feindliche Macht war als das Zarenreich selbst.
Tatsächlich war die Bereitschaft der deutschen Reichsleitung zum Bündnis mit den russischen Bolschewiki viel früher da als die Bereitschaft der russischen Bolschewiki zum Bündnis mit dem Deutschen Reich, und die Deutschen waren in dieser ganzen Affäre ständig der aktive, werbende Teil – lange Zeit der vergebens werbende. Dass die Werbung schließlich doch angenommen wurde, war der einsame Entschluss Lenins – ein nie veröffentlichter, bis heute nicht zugegebener Entschluss, in den er nicht einmal seine Partei einweihte. Es bedurfte außerordentlicher Umstände, ihn zustande zu bringen, und es erforderte von Lenin äußerste Selbstverleugnung. Auch ist leicht zu verstehen, warum die Bolschewiki diesen Teufelspakt nie haben zugeben wollen: Lenin wurde ja fast vom Augenblick seiner Ankunft in Russland als deutscher Agent verschrien, und es ist natürlich schwer, einem Massenpublikum selbst nachträglich den subtilen, aber entscheidenden Unterschied zwischen einer Unterwerfung unter den Teufel und einer Wette mit dem Teufel klarzumachen.
Ein deutscher Agent war Lenin nie. Aber auf ein Zweckbündnis mit dem Deutschen Reich war er bei seiner Ankunft in Russland zweifellos eingegangen; ein Zweckbündnis, bei dem die Endziele beider Partner himmelweit auseinanderlagen – Lenin wollte die Weltrevolution, einschließlich der Revolution gegen das deutsche Kaiserreich, seine deutschen Partner wollten den Sieg und die europäische Vorherrschaft dieses deutschen Kaiserreichs –, die unmittelbaren Nahziele aber zusammenfielen: Beide Seiten wollten eine Revolutionsregierung in Russland und ein Friedensangebot dieser Regierung; und jeder hoffte, sich des anderen für seine Zwecke zu bedienen. Wenn Lenin zu diesem unnatürlichen Bündnis nicht schließlich im März 1917 bereit gewesen wäre, hätte die Oktoberrevolution nie stattfinden können, ja er wäre nicht einmal vor Kriegsende nach Russland gekommen.
Dieses immer wie ein Schandfleck verheimlichte Einverständnis Lenins mit der deutschen Reichsleitung von 1917 ist in Wahrheit, gerade vom Standpunkt der Bolschewiki aus gesehen, seine höchste Ruhmestat; es zeigt im schärfsten Licht seinen vor nichts zurückschreckenden Realismus, seine geradezu demütige Unterwerfung unter das objektiv Notwendige und seine alles wagende Kühnheit. Aber um die ganze Ungeheuerlichkeit dieses Entschlusses von 1917 zu verstehen, muss man sich auch klarmachen, was Lenin bis 1917 von ihm zurückhielt.
Das tut man am besten, indem man Lenins Einstellung mit der eines anderen russischen Sozialisten vergleicht, der damals eine ziemlich fantastische Rolle spielte: Dr. Alexander Helphand, der unter dem Namen ›Parvus‹ schrieb. Helphand war von Hause aus ebenfalls ein ernsthafter Revolutionär, vor dem Kriege eine Weile der engste Kampfgefährte Trotzkis, mit ihm zusammen Urheber des Gedankens der »permanenten Revolution«, allerdings auch ein Abenteurer und Genussmensch mit einem hochstaplerischen Zug – in den Balkankriegen hatte er sich, des schlechten Lebens müde, mit Waffenschiebungen ein Millionenvermögen ergaunert. Charakterlich wirkt er im Vergleich mit dem asketisch-integren Lenin wie eine schillernde Sumpfblüte. Trotzdem ist die intellektuelle und politische Leistung auch dieses »Freibeuters der Revolution« durchaus bemerkenswert.
Helphand wollte genau wie Lenin die Weltrevolution, sein Ziel war genauso ein sozialistisches Europa. Aber im Gegensatz zu Lenin hatte er von Anfang an keine Zweifel und Skrupel, dass der richtige Weg zu diesem Ziel das bedingungslose Bündnis mit dem kaiserlichen Deutschland sei. Dieses kaiserliche Deutschland nämlich würde – so Helphands Gedankengang – auf ganz natürliche Weise, ganz ohne Revolution, allmählich sozialistisch werden, ja es war schon auf dem Wege dazu. Die SPD würde die deutsche Kriegführung allmählich übernehmen, und der deutsche Sieg würde schließlich ihr Sieg sein. Das Zarenreich aber, das seine Sozialisten nicht in den Reichstag, sondern nach Sibirien schickte, brauchte die Revolution – und die Revolution konnte nur aus der Niederlage entstehen. Für Helphand gab es also keinen Zweifel: Deutschland musste den Krieg gewinnen, und Russland musste ihn verlieren, dann würden beide sozialistisch werden.
Dieser Gedankengang passte zu dem der deutschen Reichsleitung wie der Schlüssel zum Schloss, auch wenn Helphands Hintergedanken andere waren, und tatsächlich wurde er bald der wichtigste Vertrauensmann der deutschen Regierung in ihrer russischen Revolutionierungspolitik; über ihn floss jahrelang der Hauptteil der Gelder, die Deutschland zu Subversionszwecken nach Russland hineinpumpte. Nur: Helphand war ein General ohne Armee, er hatte keine eigene Partei in Russland, und ob seine Untergrundarbeit viel ausgerichtet hat, wird immer zweifelhaft bleiben. Als er Lenin im Mai 1915 für seine Sache gewinnen wollte (eine fantastische Szene: Der fette, brillantenfunkelnde Helphand aus dem Hotel ›Baur au Lac‹ taucht plötzlich in einem ärmlichen Züricher Emigrantenlokal auf und fragt sich zu dem Holztisch durch, wo ein schäbiger Lenin mit seiner Frau und seiner Freundin ein frugales Mittagessen einnimmt), da warf Lenin ihn einfach hinaus: Helphand sei ein deutscher Agent, mit dem er nichts zu tun haben wolle.
Tatsächlich war nicht einmal Helphand einfach ein deutscher Agent. Wie sein Biograf Winfried B. Scharlau richtig sagt: »Er arbeitete nicht für, sondern mit der kaiserlichen Regierung.« Aber Lenin war 1915 noch nicht einmal bereit, mit der kaiserlichen Regierung zu arbeiten; er verabscheute sie nicht weniger als die zaristische.
Für Lenin war der Krieg kein Krieg zwischen Völkern, sondern zwischen imperialistischen Volksunterdrückern – Räubern und Dieben, unter denen es nichts zu wählen gab. Die Teilungslinie der Welt war in seinen Augen keine Vertikale, sondern eine Horizontale; nicht hie Deutschland und Österreich, dort Russland, Frankreich, England, sondern auf der einen Seite überall imperialistische Regierungen, die einen ganz uninteressanten Streit um Beuteanteile austrugen, und auf der anderen Seite unterdrückte und ausgebeutete Volks- und Völkermassen, die in diesem Streit ihrer Herren, der sie nichts anging, verbluten mussten.
Für die »Sozialpatrioten« und »Sozialchauvinisten«, die sich mit den ausbeuterischen, völkermordenden Imperialistenregierungen solidarisierten – ganz gleich, ob sie es, wie die deutschen Sozialdemokraten und die russischen Menschewiki, mit ihrer eigenen Regierung taten oder, wie Helphand, mit einer feindlichen –, hatte Lenin nur tiefe Verachtung; aber auch mit den pazifistischen Linksoppositionellen, die überall für den schnellstmöglichen Frieden agitierten, hatte er nichts gemein: Ein Frieden unter den Imperialisten interessierte ihn nicht. Im Gegenteil! Je länger, blutiger und unerträglicher der Krieg wurde, umso mehr musste er unter den Millionen, die ihn auszubaden hatten, überall den Gedanken heranreifen lassen, dass ihr wahrer Feind ihre eigene Regierung war, umso mehr musste ihnen klar werden, dass sie die Gewehre umdrehen mussten, wenn sie Frieden haben wollten. Das war es, was Lenin wollte, darauf wartete er. Die Verwandlung des äußeren Krieges in einen Bürgerkrieg, der Weltkrieg als Geburtshelfer der Weltrevolution – das war Lenins Vision. Alles andere interessierte ihn nicht.
Wenn aber nun die Weltrevolution und der Weltbürgerkrieg nicht überall gleichzeitig ausbrachen, wenn – was ja immerhin vorstellbar war – zum Beispiel die russische Revolution schon stattfand und Erfolg hatte, während Russlands Feinde noch weiterkämpften, weil ihre Proletariersoldaten noch nicht aufgewacht waren?
Darauf antwortete Lenin in seinen Elf Thesen von 1915: »Wir würden allen Kriegführenden den Frieden anbieten unter der Bedingung der Befreiung der Kolonien und aller abhängigen, unterdrückten und entrechteten Nationen.« Und wenn sie ablehnten? »Dann müssten wir den revolutionären Krieg vorbereiten und führen … alle von den Großrussen jetzt unterdrückten Völker freigeben, alle Kolonien und abhängigen Länder Asiens (Indien, China, Persien usw.) aufrütteln und vor allem das sozialistische Proletariat Europas … zum Aufstand anstacheln.«
Die Deutschen lasen das und fanden es nicht übel. Das sozialistische Proletariat Europas zum Aufstand anstacheln – nun ja, in Frankreich oder Italien mochte auch das ganz nützlich sein; in Deutschland musste man es allerdings zu verhindern wissen. Aber der Rest – das war ja vorzüglich! »Die von den Großrussen unterdrückten Völker freigeben« – genau das wollte man ja von einer russischen Revolutionsregierung, natürlich um sie dann aus der russischen in die deutsche Abhängigkeit zu bringen; aber dafür würde man schon selber sorgen. Und die Kolonien aufrütteln – prächtig! So war England zu treffen.
Lenin mochte das kaiserliche Deutschland hassen, soviel er wollte – objektiv war er in den Augen dieses kaiserlichen Deutschlands der ideale Regierungschef in Petersburg, ein unbewusster, aber unbezahlbarer Bundesgenosse. Er mochte im Gegensatz zu dem guten Helphand den Sieg Deutschlands keineswegs wünschen, aber darauf kam es gar nicht an; ebenfalls im Gegensatz zu diesem Helphand hatte er dafür eine wirkliche Partei in Russland und hatte gezeigt, schon vor dem Krieg, dass er sie führen und an der Kandare halten konnte. Man musste ihm und seiner Partei helfen, soviel man konnte. Wenn er sich doch nur helfen lassen wollte! Dass der Mann im Übrigen natürlich ein Narr und ein Utopist war und am Ende scheitern würde wie alle solche Schwarmgeister, verstand sich ja von selbst. Aber umso besser! Je mehr Chaos und Durcheinander er bei seinem schließlichen unvermeidlichen Untergang in Russland hinterließ, umso länger würde es dauern, bis Russland dem Deutschen Reich je wieder gefährlich werden konnte. Genug, dass er inzwischen einen Augenblick in Russland an die Macht gekommen war – gerade lange genug, um mit Deutschland einen Frieden zu machen, wie es ihn wünschte. Denn natürlich würde man seinen Friedensvorschlag annehmen – Kolonien zum Freigeben hatte man ja ohnedies nicht mehr.
1915 hatte sich Lenin dem deutschen Liebeswerben entzogen. Aber 1917, nach dem Sturz des Zaren und dem ersten Erfolg der russischen Märzrevolution, waren die Deutschen wieder da – ihre Abgesandten und Mittelsmänner gaben sich in Lenins ärmlichem Züricher Emigrantenquartier geradezu die Klinke in die Hand. Und diesmal ließ sich Lenin nach einigem Verhandeln auf ihre Angebote ein. Am 9. April reiste er mit großem Gefolge durch Deutschland nach Schweden – und dann weiter über Finnland nach Russland.
Dass Lenin das deutsche Hilfsangebot diesmal endlich angenommen hatte, war für die Deutschen ein Triumph wie eine gewonnene Vernichtungsschlacht. Alle nahmen das Verdienst dafür persönlich in Anspruch, alle wollten es gewesen sein – die Gesandten in Kopenhagen, Stockholm und Bern, das Auswärtige Amt, die Oberste Heeresleitung, der Reichskanzler selbst. Und alle waren es tatsächlich gewesen, alle hatten sich konkurrierend um Lenin gerissen! Es war eben die innere Logik der deutschen Politik, die das Bündnis mit Lenin gebieterisch verlangte und alle Organe der Reichsleitung spontan am gleichen Strang ziehen ließ. Graf von Brockdorff-Rantzau erwartete von der »Mission« Lenins den »Sieg in letzter Stunde«. Und der Leiter der deutschen Abwehrstelle in Stockholm drahtete am 17. April, einen Tag nach Lenins Ankunft in Petersburg: »Lenins Eintritt in Russland geglückt. Er arbeitet völlig nach Wunsch.«
Für das ganze offizielle Deutschland war Lenin die deutsche Geheim- und Wunderwaffe, die politische Atombombe des Ersten Weltkriegs. Nur eine Stimme fehlt in diesem Chor – die der deutschen Sozialdemokratie. Sie allein war uninteressiert, sie allein sah der ganzen Transaktion mit verständnislosem Kopfschütteln und Achselzucken zu. Der unermüdliche Helphand hatte arrangiert, dass die Führer der SPD, Ebert, Scheidemann und Bauer, gleichzeitig mit Lenin in Stockholm sein sollten; er dachte dabei schon an den zweiten Teil seines Revolutionsplans, an das Einverständnis der künftigen sozialistischen Regierungen Deutschlands und Russlands. Aber die deutschen Sozialdemokraten wussten gar nicht, was sie eigentlich mit Lenin reden sollten – sie hatten ihn noch aus Vorkriegszeiten als ewig zankenden, rechthaberischen Spalter der russischen Bruderpartei in unangenehmer Erinnerung –, und als seine Ankunft sich ein paar Tage verzögerte, reisten sie achselzuckend, geradezu erleichtert, aus Stockholm ab. »Wir müssen nach Berlin zurück.« Helphand solle Lenin schöne Grüße bestellen …
Man muss das festhalten: Der Verbündete Lenins und der Geburtshelfer der Oktoberrevolution war die deutsche Rechte, das Kaiserreich, der gesellschaftliche und politische Ahnherr der heutigen Bundesrepublik. Die deutsche Linke, die damals noch sozialistische und – wenigstens in Worten – revolutionäre Sozialdemokratie, die Führer der deutschen Arbeiterbewegung, die Ahnherren der heutigen DDR, hatten nichts damit zu tun.
Im Gegenteil! Als sich im Sommer und Herbst Lenins Revolution entfaltete und als es immer klarer wurde, dass seine stärkste Trumpfkarte dabei die Parole »Frieden!« war, begann sich gerade die revolutionär defätistische deutsche Linke zu entsetzen. Kurt Eisner zum Beispiel, der später, im November 1918, die Revolution in München machte und ein paar Monate danach als bayrischer Ministerpräsident ermordet wurde, schrieb vorwurfsvoll, dass Lenins Politik nur zum Triumph des kaiserlichen Militarismus führen könne. Eisners Lagebeurteilung deckte sich im Grunde mit der der deutschen Rechten – nur dass, was für diese ein Grund zum Triumphieren war, ihn in tiefste Niedergeschlagenheit versetzte.
Lenins Lagebeurteilung war anders. Er sah jetzt den Augenblick heranreifen, auf den er immer gewartet hatte: die Umkehrung der Gewehre, den Umschlag des Nationenkampfs in den internationalen Klassenkampf, des Weltkriegs in den Weltbürgerkrieg und die proletarische Weltrevolution. In Russland hatte es angefangen, anderswo konnte es nicht mehr lange dauern. Und hatte er so unrecht? 1917 war nicht nur das Jahr der russischen Revolution, es war auch das Jahr der französischen Massenmeutereien, der ersten Unruhen in der deutschen Kriegsmarine … Überall ächzten jetzt die Völker unter einem unerträglich gewordenen Dauerkrieg, einem unabsehbaren, mechanischen Gemetzel, aus dem keine Regierung mehr einen Ausweg zeigen konnte. Das war Lenins Stunde.
Noch wenige Monate vorher war er in der tiefsten Depression gewesen; zwei Jahre lang hatte er sich die Finger wund geschrieben, um seine Idee in die Köpfe der russischen und europäischen Linken hineinzuhämmern, und nichts war geschehen; selbst auf den internationalen Zusammenkünften der linken Außenseiter unter den europäischen Sozialdemokraten, die 1915 und 1916 in zwei kleinen schweizerischen Sommerfrischen, Zimmerwald und Kienthal, stattgefunden hatten, war er in der Minderheit geblieben. Dass er in denselben Jahren an einer ganz unerwarteten Stelle, nämlich im deutschen Außenamt, tiefen Eindruck gemacht hatte, wusste er nicht. Er war von drückenden Existenzsorgen gequält, fühlte sich mehr und mehr von aller Wirksamkeit abgeschnitten (»Der wundeste Punkt«, schrieb er im Dezember 1916 nach Petersburg, »ist jetzt die schwache Verbindung zwischen uns und den führenden Arbeitern in Russland! Keinerlei Korrespondenz!! So geht es nicht!«), und im Januar 1917 hatte er in einer Rede resignierend erklärt: »Wir von der älteren Generation werden die entscheidenden Kämpfe der kommenden Revolution vielleicht nicht mehr erleben.« Und nun plötzlich, unverhofft, aus heiterem Himmel, war in Russland die Revolution ausgebrochen, war der Moment gekommen, zu handeln, zu führen, das entscheidende Wort zu sprechen, die entscheidende Tat zu tun.
Er wusste, er war der Mann, der das konnte, und er wusste, dass es kein anderer konnte. Aber er war in der Schweiz, »eingepfropft wie in einer Flasche«. Wenn eine der imperialistischen Regierungen dumm genug war, ihm von dort herauszuhelfen und ihm die Gelegenheit zur Tat zu geben, wenn sie ihm selbst die Brandfackel in die Hand drückte, weil sie glaubte, sich an dem Weltbrand, den er mit dieser Fackel jetzt entzünden würde, ihr lächerliches Süppchen kochen zu können – konnte er zögern? Natürlich musste er zugreifen! Was auch für die kaiserlich deutsche Regierung dabei schließlich herauskommen würde, das würde sie schon sehen.
Hier ist nicht der Ort, das ungeheure Drama des Jahres 1917 in Russland zu erzählen, die nervenzerreißenden Krisen, die von der Märzrevolution zur Oktoberrevolution führten, die Inspirationen, die Verzweiflungen, die halsbrecherischen Entschlüsse, die wilden Kämpfe in der bolschewistischen Parteiführung selbst. Das alles ist eine andere Geschichte. Ihr Ausgang ist bekannt.
Hier geht es um den deutschen Anteil an dieser Geschichte. Und dieser Anteil ist nicht wegzudenken. Er war nicht entscheidend – entscheidend war die Persönlichkeit Lenins und allenfalls noch das demagogische Talent und taktische Geschick Trotzkis, der von Juni an Lenins rechte Hand war –, aber er war unentbehrlich. Ohne das deutsche Bündnis wäre die Oktoberrevolution unmöglich gewesen. Ohne Deutschlands Hilfe wäre Lenin ein ohnmächtiger Verbannter geblieben, ein obskurer, tatenloser Zuschauer des Weltgeschehens. Ohne das deutsche Bündnis hätte es ihm auch an einer außenpolitischen Grundlage für sein Versprechen gefehlt, dass seine Revolution das bringen würde, was die Märzrevolution nicht gebracht hatte: Frieden. Auch an Geld hätte es übrigens seiner Agitation gefehlt – was fast nebensächlich klingt, aber schließlich auch unentbehrlich war. Dass die deutsche Regierung das ganze Jahr 1917 hindurch – und noch weit darüber hinaus – die Bolschewiki »auf verschiedenen Kanälen« finanzierte (wie übrigens die Entente-Mächte ihre Gegner), ist längst aktenkundig. Und auch das ist bekannt, dass sie keine andere Finanzquelle hatten.
Das alles zieht von Lenins Ruhm nichts ab. Die Oktoberrevolution war seine Tat; und auch mit aller deutscher Hilfe bleibt sie eine schwindelerregende Tat, die ihren Täter zu einer der ganz wenigen weltgeschichtlichen Figuren stempelt, die das scheinbar Unmögliche vollbrachten. Kein anderer hätte es gekonnt – auch mit aller deutschen Bündnishilfe; aber ohne die deutsche Bündnishilfe hätte es auch Lenin nicht gekonnt. Dass diese deutsche Hilfe alles andere als uneigennützig war, ändert nichts daran.
Und dass die Erben des damaligen kaiserlichen Deutschlands sich heute am liebsten die Hand dafür abhacken würden, dass sie damals Lenin stützte, ändert nichts daran, dass diese Hand damals Lenin gestützt hat.
Auf mittelalterlichen Altarbildern, die Gottvater in seiner Herrlichkeit zeigen, umgeben von lobpreisenden Cherubim und den himmlischen Heerscharen, ist oft auch, irgendwo unten in der Ecke, der Teufel zu sehen – unbestimmt, ob in ohnmächtig dräuender oder widerwillig huldigender Funktion; genug, auch er gehört dazu, ohne ihn wäre die Schöpfung nicht vollständig, er hat seinen Anteil an der Gotteswelt. Als die Sowjetunion den Fünfzigjahrestag ihres Schöpfungsakts feierte, den Sieg der Oktoberrevolution und den Triumph Lenins, hätte sie Grund gehabt, diese Gewohnheit der alten Kirche auf ihre Art nachzuahmen. Das Kaiserreich und seine Erben bis hin zur heutigen Bundesrepublik mögen für Lenins Erben der Teufel sein: Aber ohne diesen Teufel hätte es vor fünfzig Jahren keine Oktoberrevolution gegeben und gäbe es heute keine Sowjetunion. Auch bei ihrer Schöpfung hatte der Teufel seine Hand im Spiel.