Leseprobe : Mikrokosmos der Macht

Hitlers Ernennung zum Reichskanzler, ein verhängnisvoller Tag für die Zeitgeschichte: Lesen Sie hier die Einführung zu „Die Januarverbrecher“, in der Lothar Machtan seinen gezielten Fokus in der Analyse von Hitlers Machtübernahme erläutert.

Ein Mann dreht an einem kleinen Rädchen, das in anderen verzahnt ist.

Foto: DNY59/ Getty Images

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Die Januarverbrecher

Die Januarverbrecher

Lothar Machtan

Gebunden

300 Seiten mit ca. 50 Abbildungen

34,90 €

In Kooperation mit Duncker & Humblot

Die Januarverbrecher

Einführung

Dieses Buch erzählt von den politischen Wehen und von der Sturzgeburt dessen, was kurz darauf Drittes Reich getauft wurde. Es geht um einen Entbindungsvorgang, dessen Gelingen bis zum Schluss ungewiss blieb. Auf die Welt kam bekanntlich ein monströser Bastard, der Deutschland in nur wenigen Monaten zu einem Schurkenstaat machen sollte. Im Zentrum meiner Betrachtung steht dieser Geburtsvorgang am 30. Januar 1933, Hitlers Ernennung zum deutschen Reichskanzler. Kein anderer Tag der Zeitgeschichte hat sich derart verhängnisvoll ausgewirkt.

Im Wissen um die welthistorische Dimension dieser Zeitenwende sind inzwischen zahllose Darstellungen zu dieser Schwellenzeit vorgelegt worden, darunter einige Leiterzählungen. Der Erkenntnisgewinn dieser Studien besteht vor allem in der Erschließung der längerfristigen Voraussetzungen und komplexen Kausalketten, die zur eskalierenden Krise der Weimarer Republik im Januar 1933 beigetragen haben: etwa die „genetischen“ Defekte des politischen Systems von Weimar, die Massenarbeitslosigkeit und soziale Verelendung infolge der schweren Wirtschaftskrise ab 1931, die zeitgleich einsetzende Marginalisierung des Parlaments im politischen Entscheidungsprozess und die damit einhergehende schleichende Auflösung der demokratischen Gewaltenteilung sowie — nicht zuletzt — die rabiate verfassungsfeindliche Befindlichkeit und politische Radikalisierung breiter Schichten der deutschen Gesellschaft, die eine konfrontative politische Kultur erzeugte. Keine Frage also, dass wir es 1932/33 (übrigens nicht allein in Deutschland) mit einer multiplen Krise zu tun haben, deren wirtschaftliche, sozialpsychologische und politische Anteile überdies schwer zu entwirren sind.

Dennoch dürfen wir die staatspolitische Ermächtigung Hitlers nicht als die unvermeidliche Folge dieser krisenhaften Erscheinungen begreifen; schon gar nicht den konkreten Vorgang seiner Ernennung zum deutschen Reichskanzler. Dieser Akt war sogar alles andere als das mehr oder weniger folgerichtige Resultat vorangegangener struktureller (Fehl-)Entwicklungen oder politischer Konstellationen im Sinne von mehr oder weniger zwangslogischen Vorgängen. Auch nicht das Resultat fataler Irrtümer der politischen Entscheidungsträger über Hitler. Nach meiner Auffassung war die Frage seiner Schilderhebung ein allen Beteiligten bewusstes Risiko, dessen Bewältigung bis zuletzt ungewiss blieb. Außerdem ist — was bisher viel zu gering gewichtet wurde — die Systemkrise der späten Weimarer Republik ganz wesentlich eine Staatspersonalkrise gewesen, namentlich mit Blick auf die Führungsfiguren der Reichsexekutive. Wer diese Staatsmisere verstehen will, muss sich mit den Herrschenden beschäftigen.

Insofern betrachte ich den 30. Januar 1933 vor allem anderen als Kollateralschaden eines außer Kontrolle geratenen Machtkampfs gewissenloser Spitzenpolitiker in der historischen Regierungsmetropole. Um das zu zeigen, bleibe ich bei der Analyse und Darstellung dieses Vorgangs auf der Ebene der politisch handelnden Persönlichkeiten. Mit dieser bewussten Engführung lässt sich der tatsächliche Ablauf am besten einfangen und analysieren. Meine These lautet: De facto hat der primär affektgesteuerte „Showdown“ der letzten Januartage die Signale eines politischen Supergaus übertönt und die Auslieferung staatlicher Macht an Hitler zu einem unumkehrbaren Akt werden lassen. Heißt: Dieses Resultat war eher einem bösen Zusammenwirken von Zufallsmächten geschuldet; nicht zuletzt ist es auch das Produkt staatskrimineller Energien gewesen. Die Anzahl der an diesem verkappten Hochverrat maßgeblich Beteiligten lässt sich an einer Hand abzählen.

Schließlich hat der historisch-politische Kern des tiefen Zeitrisses, den Hitlers Ernennung darstellt, weit mehr als bisher angenommen, mit dem fatalen Momentum seiner Ermächtigung zu staatlichem Handeln zu tun. Es war zugleich eine Art Wetterleuchten für das, was kam: die vorauseilende Unterwerfung der kompletten konservativen Rechten unter Hitlers tendenziell totalitären Führungsanspruch. Das eigentümliche Zustandekommen dieser politischen Symbiose erlaubt es, den Betrachtungszeitraum auf wenige Tage zu konzentrieren. Und noch einmal genauer auf bestimmte Vorgänge zu schauen und deren blinde Flecken mit plausiblen Annahmen zu füllen – mit Annahmen, die auch Elemente der Imagination benutzen, um Leerstellen zu füllen. Diese Literarisierung verbleibt eng am empirischen Material. Mein Ansatz versteht sich als kreatives Mittel historischer Wissensproduktion. Er zielt auf die (auch grelle) Durchleuchtung eines fragilen Machtgefüges in der Reichshauptstadt Berlin, in dem politische Akteure verlorengehen, sich ungesunde Dynamiken entfalten – und ein autoritäres Staatswesen aus Angst vor der Blamage bzw. Demontage sich selbst verrät. Was zugleich die Frage aufwirft, welche anderen Entscheidungsvarianten im Spiel waren und warum sie sich nicht realisiert haben. Was war ausschlaggebend dafür, dass die deutsche Geschichte in einem bestimmten Augenblick so katastrophal gekippt ist?

Dringt man bis zu deren machtpolitischem Kern vor, so zeigt sich: Die Heraufbeschwörung dieser Kalamität ist eine Tragikomödie zwischenmenschlicher Abgründe und fataler Urteilseintrübungen gewesen — ein geheimnisumwittertes Durcheinander, durchdrungen von Drohungen, Verfolgungswahn und Konspiration. Die Kluft zwischen etablierter Erzählung und quellengestütztem Wissen ist hier besonders groß. Die Überlieferung gleicht bis heute einem Flickenteppich aus empirischen Halbwahrheiten und mangel-, ja lügenhaften Erinnerungen der Beteiligten. Zugleich haben wir es mit einem unübersichtlich gebliebenen politischen Ereignisfeld zu tun, in dessen Dickicht wir noch viel mehr Schneisen wenigstens halbwegs gesicherter Erkenntnis schlagen müssen. In meiner Erzählung sind es Einzelpersonen und „privatpolitische“ Umstände, die dem Naziführer im Januar 1933 Staatsmacht in die Hand spielten. In erster Linie: Deutschlands Staatsoberhaupt Paul von Hindenburg sowie der vorletzte Kanzler der Weimarer Republik Franz von Papen — nebst ihren jeweiligen Schildknappen. Diese Cliquen verfügten damals (momentan) über die meiste Entscheidungsmacht, direkte oder indirekte. Und die persönlichen Beziehungen dieser maßgeblichen Akteure in der Berliner Wilhelmstraße bestimmten die Effizienz staatlichen Handelns. So hing Deutschlands Schicksal am Ende an den Fäden, die von diesen politischen Schlüsselfiguren gesponnen oder durchkreuzt wurden. Ihre Kabalen, ihr Wahnwitz wurden zum ausschlaggebenden Faktor der Entscheidungsfindung, balancierend auf Messers Schneide — bis zum Schluss.

Hitler blieb in diesem intriganten Setting eher eine Nebenfigur. Deshalb führt es in die Irre, die Geschichte der später so genannten Machtergreifung vorzugsweise aus der Perspektive des Hauptprofiteurs Hitler zu betrachten. Sie erhält einen ganz anderen Deutungsrahmen, wenn man sie konsequent aus dem Blickwinkel, ausgehend von den Intentionen und Motivationen derjenigen erzählt, die Hitlers im Herbst 1932 schon halb wieder dahinschwindender Bedeutsamkeit gleichsam im letzten Moment politisch wieder aufhalfen und ihm schließlich die Tür zum Schaltraum der Macht aufgeschlossen haben. Und sie erfährt eine neue Bewertung, wenn man weiß: Der politische Geist, der diese welterschütternden Tage umwehte, war dermaßen beschränkt, dass man es nicht wahrhaben will. „Das ist der Fluch der Zeit, dass Tolle Blinde führen“, möchte man mit Shakespeare ausrufen. Nicht weniger frappierend bleibt, wie medioker die Subjekte waren, die bei diesem Game Changing mitwirken konnten. Im Übrigen ist Hitlers Ermächtigung ein Staatsverbrechen gewesen.

Diese dissonanten Sachverhalte will mein Buch quellengesättigt und drastisch-genau protokollieren und dabei zugleich die Perspektive auf Altbekanntes erweitern — durch dessen Neubeschreibung. Die Leserinnen und Leser in das politische Leben dieser Zeit hineinzuversetzen, bedeutet zunächst und vor allem, Charaktere zu zeichnen. Meiner dichten Ereignisschilderung des Januar 1933 vorangestellt wird deshalb eine Porträtgalerie der handelnden Figuren — „charakterologische“ Miniaturen, die die politischen Hauptakteure auf das menschliche Format heikler Gestalten herunterbrechen und deren Selbstverständnis markieren: Reichspräsident Paul von Hindenburg nebst Entourage (Sohn Oskar und Staatssekretär Otto Meissner). Dann die politischen Militärs Kurt von Schleicher und Kurt von Hammerstein mit ihren Hinterleuten — eine Phalanx, die seit Herbst 1932 bereitstand, den offenen Kampf gegen Hitler aufzunehmen, doch dann vor dem letzten Schritt zurückschreckte. Reichskanzler a.D. Franz von Papen, der Oberintrigant in der Pose eines homo regius nobilis. Hitler, Göring und Goebbels werden dabei nur in Nebenrollen auf der Bühne dieses Polittheaters erscheinen. Mit dieser Figurenprosa erhalten die „Januarverbrecher“ nebst Hintermännern Gesicht und Charakter. Nur so lässt sich das Beziehungsgeflecht von persönlicher Identität und politischer Macht entschlüsseln.

Besondere Berücksichtigung soll die emotionsgeschichtliche Dimension der Vorgänge finden. Also das, was unsere Protagonisten in den ziemlich chaotischen Prozess der politischen Entscheidungsfindung an Rachegelüsten, Niedertracht, Machtgier, aber auch Angst eingebracht haben. Auf diese Weise wird deutlich, welche politischen Konsequenzen solche Gefühle zeitigten, zu welchen Konflikten sie führten und warum dieser Prozess in eine solche Eskalationsspirale geriet. Dadurch lässt sich auch etwas von der beklemmenden Atmosphäre im Herzen der Macht vergegenwärtigen. Es geht nicht darum, die Ereignisse zu dramatisieren. Vielmehr soll die tatsächliche Emotionalität der Ereignisse angezapft werden: die zentrale Bedeutung von Gefühlsreaktionen als Erklärungsfaktor für politische Entscheidungen. Die Vorgänge rein intellektuell zu erfassen, reicht eben nicht aus; wir müssen auch ein Verständnis für ihre Psychodynamik aufbringen. Diese emotionale Aufklärung lässt sich leisten, wenn man den ganz persönlichen Lebenszusammenhang der Protagonisten in die Rekonstruktion der situativen Ereignisse miteinbezieht; methodisch durch empathisches Hineinversetzen in die damaligen Entscheidungsträger, literarisch durch eine psychologische Beschreibung. Auch negative Figuren und deren böses Blut verlohnen eine menschlich teilnehmende Betrachtung — eine Betrachtung freilich, die ihre Gefühle politisch ausdeutet, statt moralisierende Abwertung zu betreiben.

Nicht minder aufschlussreich ist es, den historisch-politischen Raum zu vermessen, in dem solche Vorgänge überhaupt nur möglich waren: die unmittelbare Lebenswelt unserer Protagonisten. Der erste Blick geht dabei in die Berliner Wilhelmstraße, wo damals das Staatsleben des Deutschen Reiches pulsierte — offiziell, aber nicht weniger inoffiziell. Anschließend zu einigen anderen Orten verdichteter Kommunikation in der Reichshauptstadt, an denen der Kampf um Macht damals ausgetragen wurde — private sowie halböffentliche Häuser, Orte des gesellschaftlichen und politischen Lebens. Entscheidend war, was auf diesen Hinterbühnen des Politikbetriebs passierte, welche Dynamiken von dort auf die großen Themen im Vordergrund einwirkten. Dem muss eine Darstellungsform Rechnung tragen, die ihre Erzählzeit nicht allein den politischen Vorgängen an und für sich widmet, sondern auch der anschaulichen Vergegenwärtigung der besonderen Umstände, in denen diese Geschichte situiert war: das Wo und Wie des politischen Handelns. Deshalb schaue ich topografisch auf den Mikrokosmos der Macht. Ich will ihn „lesen“; veranschaulichen, dass es sich hierbei nicht um ephemere historische Kulissen handelt, sondern um ein Setting, das als solches bereits Erklärungskraft enthält, zentral für das Verständnis unserer Geschichte.

Das bedeutet freilich nicht, die im engeren Sinne politische Dimension der Vorgänge zu vernachlässigen. Schließlich waren die „Januarverbrecher“ wie besessen davon, Deutschland die liberale Demokratie auszutreiben — ein für alle Mal. Ihr politisches Ziel: die Errichtung eines autoritären Regimes im Reich, das — aufgebaut auf einem systemkonformen Regierungs- und Gewalt- apparat — eine parlamentarische Kontrolle endgültig aus-, die Möglichkeit einer diktatorischen Ausformung hingegen explizit einschloss. Somit war die Lancierung Hitlers zum Staatslenker durch die zu diesem Zeitpunkt regieren- den Eliten auch ein ideologisch gesteuerter Vorgang; allerdings unter den Vorzeichen einer bereits autoritär verformten Staatskultur, die ein zutiefst destruktives Verhältnis zu gemeinwohlorientierter politischer Gestaltung offenbarte. Zwar wurde die schwelende Staatskrise von den hier maßgeblichen Personen unterschiedlich wahrgenommen, doch gleichermaßen als existenzielle Bedrohung — und in der Erwartung, dass nur noch ein radikaler Systemwechsel jenseits der Verfassung Abhilfe schaffen könne. Ihr vertikales Politikverständnis hat ihnen die Bereitschaft, Hitler zum Regierungschef zu promovieren, so erleichtert, dass sie sich im Januar 1933 (von Papen) willig in diese Richtung ziehen ließen.

Was sie einte, war die Sehnsucht nach einer dezidiert demokratiefeindlichen Politik des Staates. Ihre Begierde nach einer rechtsradikalen Staatsführung, verschränkt mit dem Bedürfnis, dabei mitzumischen, ließen sie alles andere in Kauf nehmen. Mehr politische Frivolität war wohl selten. Oder wie soll man es anders nennen, wenn machterfahrene Staatsmänner sehenden Auges den Bock zum Gärtner der politischen Landschaft machen? Und sich dabei primär von der Gier nach äußerer Belohnung und der Angst vor eigenem Bedeutungsverlust leiten lassen? Nachträglich rationalisieren kann und darf man diesen Frevel nicht. Wohl aber verstehen, warum das gemeinsam begangene Verbrechen noch bis in die Nachkriegszeit hinein unter den Über- lebenden so viel Loyalität stiften, genauer: eine solche Abwehr von Verantwortung aktivieren konnte.

Die historische Größe der Zeitenwende von 1933 — so meine Schlussfolgerung — steht in einem umgekehrten Verhältnis zum politischen Format ihrer konkreten Hervorbringung, die weder Vernunft noch Stimmigkeit erkennen lässt. Nicht einmal den erklärten Willen zu einem massenrevolutionären Sturz der bestehenden Ordnung. Es handelt sich um eine Aneinanderreihung von Zufällen und Tricks, von Augenblicken und Kippmomenten, die sich an einem Tag im Januar zu einer Konstellation monströser Irrationalitäten verknäult haben. Das alles ist höchst erzählenswert, doch noch keineswegs auserzählt. Dabei vermittelt so ein Erzählprotokoll, das sich nicht scheut, die zerbrochene bzw. manipulierte Überlieferung auch mit der Hilfe von historisch geschulter Vorstellungskraft zu reparieren, mehr Wahrheiten über dieses Schicksalsdatum von (später) welthistorischer Tragweite, als bislang bekannt war .

Die akademische Bereitschaft, solch eine, einem Schauermärchen gleichende Darstellung auch analytisch ernst zu nehmen, mag schwerfallen; wissenschaftlich geschultes Geschichtsbewusstsein wehrt sich von Haus aus gegen die Anmutung, dass ein Schmierenstück maßgeblich dazu beigetragen hat, das Deutsche Reich einem Kriminellen auszuliefern — durchkreuzt diese Vorstellung doch die Erwartung an eine innere Logik von Politik, an deren rationale Verstehbarkeit und, wenn man so will, deren „Ritterlichkeit“ (Max Weber). Diese politische Anomalie irritiert umso mehr, weil sie nach einer historisch-anthropologische Einordnung ruft, für die es in der Geschichtswissenschaft kaum theoretische Orientierung gibt, während sie selbst im kühlen Herz des Historikers starke Emotionen weckt.

Unsere voreilige Gewöhnung an das vermeintliche Sinnhafte in der Welt der Politik verstellt unseren Blick auf das Rätselhafte, auf den Un-Sinn. Nicht zuletzt deshalb fehlte es immer schon an der Bereitschaft vieler Geisteswissenschaftler, sich mit dieser Metaphysik des bösen Zufalls zu konfrontieren. Irre Ereignisse und dumme Zeitläufte beleidigen ihren Intellekt, weshalb sie von Haus aus dazu neigen, sie nachträglich mit Sinnhaftigkeit aufzuladen. Schließlich konnten nur durch die Herbeischaffung von geschichtswissenschaftlichen Theorien die verstörenden Ereignisse zum Gegenstand einer systematischen Interpretation gemacht werden. Gleichwohl ging und geht es beim Kampf um Macht nicht zum wenigsten um Marotten und Obsessionen, die bei existenziellen Entscheidungen bisweilen das Zünglein an der Waage ausmachen. Um Angst und seelische Not, um Übertretungen und Getriebenheit. Für diese Einsicht bedarf es keiner großflächigen Theorie — ein sensibles Verständnis von Politics, von deren Landschaft, Protagonisten und Dynamik reicht aus. Und eine kreative Sprache zur Beschreibung der abgründigen Zwischenmenschlichkeit. So lässt sich die Ermöglichung dieser unmöglichen Politik leichter erfassen, auch unter den Kriterien von Evidenz und Plausibilitäten. Wir sollten aufhören, ihr im Nachhinein hochrationale Gründe unterzuschieben, sondern auf dem Eigenleben dieser Geschichte beharren.

Prima facie scheint der Nationalsozialismus bis heute seine staatspolitische Ermächtigung vor allem anderen sich selbst zu verdanken, namentlich: der außergewöhnlichen Attraktion und Stärke seiner Bewegung, der Millionen NSDAP-Wähler sowie dem unwiderstehlichen Charisma und dem unbändigen Machtwillen seines Führers. Doch das stimmt nicht einmal halb. Die Staatsgewalt, die Hitler durch die situative Dynamik des 30. Januar 1933 in die Hand bekam, die verdankte er vor allem anderen der gewissenlosen Böswilligkeit derjenigen, die Fortuna für einen Wimpernschlag der Weltgeschichte zu den maßgeblichen Entscheidungsträgern gemacht hatte. Mit einem persönlichen Triumph hatte das nichts zu tun. Das Drehbuch für seine vermeintliche „Machtergreifung“ haben andere geschrieben . Oder sagen wir es noch einmal mit den Worten des Zeitzeugen Heinrich Mann, dem sich der 30. Januar schon kurz nach diesem Ereignis so ins Bewusstsein einschrieb: „Hier ertappt man die Geschichte auf frischer Tat. Sie ist kein Verhängnis, und keine unausweichlichen Gesetze schreiben sie vor. Wer sie erlebt hat, stellt fest, dass Menschen dies tun“. Das ist auch der archimedische Punkt meiner Betrachtung. Sie ist gerichtet auf Gestalten, die als Impulsgeber eines Kairos-Moments zu politischen Irreführern wurden; auf die historische Macht von Begegnung und Zufall.

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