Leseprobe : Europas selbstzerstörerische Russophobie

Imperiale Schandtaten sind kein spezifisch russisches Phänomen. Lesen Sie hier in der Einleitung, wie Jeffrey Sachs eine fehlende Kompromissbereitschaft Europas erklärt. Und was er unter bestimmten Begriffen versteht: Europa, Russophobie, Frieden

Foto: Joel Carillet/Getty Images
Zum Kommentar-Bereich
Europas strategischer Irrtum

Europas strategischer Irrtum

Jeffrey Sachs

Hardcover

336 Seiten

30 €

In Kooperation mit Westend Verlag

Europas strategischer Irrtum

Europa hat in seiner Geschichte wiederholt Friedensangebote Russlands zurückgewiesen, obwohl jeweils eine tragfähige Verhandlungslösung möglich gewesen wäre. Diese Entscheidungen haben sich regelmäßig als selbstschädigend erwiesen. Über mehr als zwei Jahrhunderte lässt sich ein wiederkehrendes Muster erkennen. Die politischen Regime in Russland wie in Europa haben sich zwar mehrfach grundlegend gewandelt, doch eines blieb erstaunlich konstant: Russische Sicherheitsinteressen wurden selten als legitimer Gegenstand einer gemeinsamen europäischen Ordnung betrachtet, über den verhandelt werden muss. Stattdessen erschienen sie häufig gar als moralische Verfehlung, der man sich widersetzen, die man begrenzen oder neutralisieren müsse. Das Resultat war nicht ein stabiles Sicherheitsgefüge in Europa, sondern eine Abfolge von Kriegen, Phasen intensiver Militarisierung, politischer Spaltungen und einer zunehmenden Abhängigkeit Europas von äußeren Mächten.

Dieses Buch will die Politik Russlands nicht entschuldigen und auch nicht behaupten, Russland sei im Kern wohlwollend, verlässlich oder frei von Aggression. Wie jede Großmacht hat auch Russland seine Interessen mit Gewalt durchgesetzt, wenn die politische Führung dies für geboten hielt. Die zentrale These des Buches ist enger gefasst: Europa hat in sicherheitspolitischen Fragen systematisch mit zweierlei Maß gemessen. Das eigene Bündnissystem, militärische Interventionen und imperiale bzw. postimperiale Praktiken wurden überwiegend als normal, legitim und notwendig verstanden. Vergleichbare Formen russischen Handelns, insbesondere im unmittelbaren geopolitischen Umfeld Russlands, wurden gleichsam von Natur aus an als illegitim interpretiert. Diese asymmetrische Bewertung hat den Spielraum diplomatischer Lösungen immer wieder eingeschränkt, Kompromisse delegitimiert und somit die Wahrscheinlichkeit von Kriegen erhöht. Langfristig hat sie die strategische Position Europas geschwächt.

Damit stellt sich die Frage nach dem Maßstab, an dem wir staatliches Handeln überhaupt messen. Russland hat sich offenkundig nicht »heilig« verhalten. Die Geschichte der Sowjetunion beinhaltet schwerwiegende Verbrechen, und dieses Buch verharmlost sie nicht. Heiligkeit ist jedoch in den internationalen Beziehungen kein realistischer Bezugspunkt, da keine Großmacht ihm gerecht werden kann und will. Auch das Britische Empire oder die Vereinigten Staaten haben sich Verbrechen schuldig gemacht, denken wir nur an den Umgang mit der indigenen Bevölkerung in Nordamerika oder in Indien.

Ziele der Betrachtungen in diesem Buch sind keine moralische Gleichsetzung und keine Relativierung russischer oder sowjetischer Verbrechen. Diese Verbrechen sind real und gravierend. Sie hätten jedoch kooperative Lösungen in den entscheidenden historischen Konstellationen, die hier im Mittelpunkt stehen, nicht zwingend ausgeschlossen. Dazu zählen die 1850er Jahre, die 1920er und 1930er Jahre, die frühe Phase des Kalten Krieges und die Zeit nach 1991. In all diesen Momenten waren friedliche Arrangements prinzipiell möglich. Russophobie lässt sich weder durch russisches Fehlverhalten hinreichend begründen noch erweist sie sich als strategisch nützlich für den Westen. Das gilt umso mehr, wenn man die eigene Gewaltgeschichte des Westens berücksichtigt, die häufig mindestens ebenso schwer wiegt. In dieser Perspektive erscheint Russophobie als analytischer und politischer Fehler, der bestehende Konflikte eher ver- als entschärft.

Die leitende Frage dieses Buches lautet daher nicht, warum Russ-land in der Weise handelt, wie es handelt. Im Zentrum steht eine andere Frage: Warum hat Europa so häufig angebotene Friedenspfade mit Russland verworfen, obwohl sie realistisch gangbar waren? Warum wurden Verhandlungsoptionen ausgeschlossen, die die Sicherheit Europas eher gestärkt als geschwächt hätten? Warum galt ein Kompromiss mit Russland vielfach als moralisch problematisch, selbst dann, wenn ihm ein drohender oder bereits eskalierender Krieg gegenüberstand?

Die hier entwickelte Antwort versteht europäische Russophobie nicht primär als spontane Emotion, simples Vorurteil oder bloße Reaktion auf einzelne russische Führungspersonen. Sie wird vielmehr als strukturelle Verzerrung im europäischen sicherheitspolitischen Denken gefasst. Es besteht eine tief verankerte Tendenz, Russland von den sonst üblichen Regeln diplomatischer Praxis auszunehmen. Anderen Großmächten werden grundsätzlich legitime Sicherheitsinteressen zugestanden, die abgewogen und berücksichtigt werden sollen. Russischen Interessen wird demgegenüber, gerade in europäischen Regierungen und Medien, in der Regel zunächst die Legitimität abgesprochen. Nur ein eindeutiger Gegenbeweis kann diese Ausgangsannahme korrigieren. Diese Einstellung hat das Ende des Zarenreiches, den Aufstieg und Zusammenbruch des Kommunismus sowie die Entwicklung eines postsowjetischen Russlands überdauert. Sie bleibt wirksam, weil sie innerhalb Europas selbst wichtige politische und strategische Funktionen erfüllt.

Auch wenn dieses Buch im Kern Europa und Russland behandelt, spielen die Vereinigten Staaten in den Akten IV und V eine zen­tra­le, wenn auch anders gelagerte Rolle, die nicht primär Aggression bedeutet. Nach 1945 und insbesondere nach 1991 wurde die europäische Russophobie wesentlich durch die strategische Agenda der USA geprägt und in Phasen sogar vorgegeben.

Wer verstehen will, warum Europa heute Frieden mit Russland ablehnt, muss daher zweierlei in den Blick nehmen: zum einen die älteren russophoben Reflexe Europas, die seit dem 19. Jahrhundert gewachsen sind, zum anderen die Art und Weise, wie diese Reflexe durch den nach dem Zweiten Weltkrieg hegemonialen Verbündeten USA verstärkt, kanalisiert und institutionell verankert wurden – von der NATO über sicherheitspolitische Strategiepapiere bis hin zu Sanktionsregimen und Diskursen über russische Bedrohung. Bevor wir fortfahren, ist es notwendig, drei zentrale Begriffe zu klären.

Europa

In diesem Buch bezeichnet »Europa« die politische und sicherheitspolitische Ordnung westlich von Russland. Gemeint ist damit im Wesentlichen der Raum der heutigen Europäischen Union und ihrer historischen Vorläufer. Dazu zählen Mittel- und Osteuropa, soweit diese Regionen in westlich geführte Institutionen eingebunden wurden, ebenso wie das Vereinigte Königreich und damit das Britische Empire vor 1945. Der Begriff folgt damit nicht der Geografie, sondern den Machtverhältnissen. Er meint jenes Europa, das Russland wiederholt als Problem definiert hat, das zu bewältigen, einzudämmen oder auszuschließen sei. Die europäische Sicherheitspolitik hat in diesem Sinne immer wieder eine Grenze gezogen, die Russland außerhalb des Kreises »legitimer« europäischer Sicherheitsakteure verortet.

Trotz dieser begrifflichen Festlegung bleibt wichtig, dass Russland geografisch, historisch und kulturell zweifellos Teil Europas ist. Geografen definieren Europa traditionell als Raum vom Atlantik bis zum Ural. Der überwiegende Teil der russischen Bevölkerung, etwa 80 Prozent, lebt im europäischen Teil des Landes. Die russische Geschichte, Philosophie, Religion und Politik sind seit Jahrhunderten eng mit Entwicklungen im übrigen Europa verflochten. Russische Intellektuelle haben sich lange Zeit als Teil europäischer Debatten verstanden, nicht als Außenstehende. Eine der zentralen Thesen dieses Buches lautet daher, dass die Weigerung Europas, Russland trotz seiner tiefen europäischen Wurzeln als legitimen europäischen Sicherheitsakteur anzuerkennen, wesentlich zur wiederkehrenden Instabilität des Kontinents beiträgt.

Russophobie

»Russophobie« wird häufig als kulturelle Feindseligkeit gegenüber Russinnen und Russen oder gegenüber der russischen Kultur insgesamt verstanden. In diesem Buch wird der Begriff anders gefasst. Die Argumentation lautet weder, dass europäische Eliten einen dauerhaften emotionalen Hass auf Russland hegen, noch, dass antirussische Stimmungen in der europäischen Öffentlichkeit einheitlich oder stabil wären.

Stattdessen wird Russophobie hier als strukturelles Vorurteil im europäischen sicherheitspolitischen Denken definiert. Gemeint sind die grundlegenden Annahmen, dass russische Macht von vornherein verdächtig sei, russische Sicherheitsansprüche notwendigerweise aggressiven Charakter hätten und russische Bedrohungswahrnehmungen übertrieben oder unaufrichtig seien. Es handelt sich somit um eine Form der Voreingenommenheit, die weniger in der Populärkultur verankert ist als vor allem im strategischen Denken, in diplomatischen Routinen und in institutionellen Arrangements. Russophobie wirkt dergestalt, indem sie politische Konflikte in moralische Gegensätze überführt und Kompromisse schon vor Beginn von Verhandlungen als illegitim erscheinen lässt.

In diesem Sinne ist Russophobie eher als Grundhaltung denn als ausgearbeitete Ideologie zu verstehen. Sie bildet eine Hintergrundannahme, die prägt, welche Optionen in der europäischen Diplomatie überhaupt als vernünftig, akzeptabel oder diskussionswürdig gelten.

Frieden

In diesem Buch wird »Frieden« nicht als Zustand von Harmonie, Vertrauen oder der Abwesenheit von Rivalität verstanden. Gemeint ist vielmehr die Vermeidung eines groß angelegten Krieges durch ausgehandelte Sicherheitsvereinbarungen, die die zentralen Interessen aller maßgeblichen Akteure berücksichtigen. Frieden in diesem Sinne ist vereinbar mit Abschreckung, Konkurrenz und veritablen politischen Meinungsverschiedenheiten. Entscheidend ist die Einsicht, dass die Sicherheitsbedenken anderer Mächte, insbesondere anderer Großmächte, nicht einfach als unzulässig verworfen werden können, ohne dass dies Folgen hat.

Diese Begriffsverwendung knüpft an ein klassisches Verständnis von Diplomatie an. Frieden entsteht hier nicht durch moralische Lauterkeit oder einseitige Zurückhaltung, sondern durch institutionalisierte Zurückhaltung auf der Grundlage wechselseitiger Anerkennung von Grenzen.

Das Muster: Frieden ist möglich, wird aber abgelehnt (vor allem von Europa)

Die Argumentation dieses Buches fußt auf einem wiederkehrenden Muster, das sich über fünf große historische Phasen hinweg beobachten lässt: Während kritischer Wendepunkte formulierte Russland Sicherheitsbedenken, die im jeweiligen strategischen Kontext nachvollziehbar waren. In denselben Momenten stand Europa vor einer grundlegenden Entscheidung. Es konnte verhandeln, auf Russland zugehen und diplomatische Optionen ausloten. Oder es konnte diese Optionen zugunsten von Zwang, Bündnisfestigung und moralischer Verurteilung ausschließen. Immer wieder entschied sich Europa für die zweite Variante und zahlte dafür wiederholt einen hohen Preis.

Zu den hier untersuchten Episoden zählen:

die britische Kehrtwende gegenüber Russland im 19. Jahrhundert und der Krimkrieg, ein Krieg der Wahl und nicht der Notwendigkeit;

die deutsche Konstruktion Russlands als künftige Bedrohung vor 1914, obwohl damals keine konkrete russische Gefahr für das restliche Europa bestand;

die militärische Intervention der Alliierten im russischen Bürgerkrieg, die die Beziehungen zwischen Sowjetunion und Westen von Beginn an belastete;

die europäische Weigerung, in den 1930er Jahren ein System kollektiver Sicherheit mit der Sowjetunion aufzubauen, was direkt zur Katastrophe des Zweiten Weltkriegs beitrug;

die Ablehnung eines neutralen, wiedervereinigten Deutschlands unmittelbar nach 1945 und erneut 1952, wodurch die Teilung Europas im Kalten Krieg verfestigt wurde;

die Abkehr von Entspannungspolitik und Ostpolitik in den 1980er Jahren zugunsten einer stärker militarisierten Blockpolitik;

und schließlich die Missachtung russischer Sicherheitsinteressen nach dem Ende des Kalten Krieges durch NATO-Erweiterung, einseitige Gewaltanwendung und das Streben nach unipolarer Vorherrschaft, was letztlich im Krieg in der Ukraine kulminierte.

Gemeinsam ist diesen Episoden nicht eine bestimmte russische Ideologie oder ein einheitliches Muster russischer Aggression. Verbindend ist vielmehr die anhaltende Weigerung Europas, russische Sicherheitsinteressen als legitime Gegenstände diplomatischer Aushandlung anzuerkennen. In jedem dieser Fälle war ein Kompromiss möglich. In jedem dieser Fälle wurde er auf europäischer Seite verworfen, nicht weil er objektiv undurchführbar gewesen wäre, sondern weil er politisch oder ideologisch als unzumutbar galt.

Russophobie als selbstzerstörerische Strategie

Eine zentrale These dieses Buches lautet, dass Russophobie Europas Sicherheit nicht erhöht hat. Im Gegenteil, sie hat Europa wiederholt geschwächt und tut dies bis in die Gegenwart.

Der Krimkrieg stabilisierte das östliche Mittelmeer nicht. Vielmehr destabilisierte er das europäische Machtgleichgewicht und verhärtete bestehende Feindseligkeiten. Die Intervention gegen den Bolschewismus nach dem Ersten Weltkrieg verhinderte den Aufstieg der Sowjetmacht nicht. Sie trug vielmehr dazu bei, jene zu legitimieren und das wechselseitige Misstrauen zu vertiefen. Die Weigerung Großbritanniens und Frankreichs in den 1930er Jahren, eine kollektive Sicherheitsordnung mit der Sowjetunion aufzubauen, hielt den Faschismus nicht in Schach. Sie leistete im Gegenteil der darauffolgenden Katastrophe Vorschub. Die Teilung Europas im Kalten Krieg brachte keine verlässliche Stabilität. Sie führte zu einer weitreichenden Militarisierung des Kontinents und stellte ihn dauerhaft in den Schatten einer möglichen nuklearen Eskalation. Die Expansion westlicher Institutionen nach dem Ende des Kalten Krieges erzeugte keine stabile, inklusive Ordnung. Sie nährte Ressentiments, revanchistische Haltungen und trug letztlich zum Krieg in der Ukraine bei.

Aus all diesen Konstellationen ging Europa geschwächt hervor: wirtschaftlich und politisch, zudem innerlich gespaltener und stärker von externen Mächten abhängig, zunächst von Großbritannien und später von den Vereinigten Staaten. Die Ironie ist tiefgreifend: Eine Politik, die im Namen europäischer Sicherheit betrieben wurde, hat die europäische Autonomie immer wieder untergraben.

Diese selbstzerstörerische Logik hängt damit zusammen, dass nicht trennscharf zwischen russischer Aggression und russischem Sicherheitsstreben unterschieden wird. Maßnahmen, die aus Moskauer Sicht darauf zielten, die eigene Verwundbarkeit zu verringern – im Schwarzen Meer, in Osteuropa oder entlang der westlichen Grenze Russlands –, wurden in Europa häufig als Beleg für einen inhärenten Expansionismus gelesen. Gleichzeitig deutete Europa den eigenen Bündnisaufbau, militärische Stationierungen und institutionelle Erweiterungen durchweg als harmlos und defensiv, selbst dort, wo diese Schritte die strategische Tiefe Russlands unmittelbar verringerten.

Diese Asymmetrie bildet den Kern eines Sicherheitsdilemmas, das immer wieder in offene Konflikte umgeschlagen ist. Europas Verteidigungsansprüche gelten als legitim und rational, während russische Bedenken als Paranoia oder Ausdruck böswilliger Absichten abgetan werden.

Falsche, aber nicht unvermeidbare Entscheidungen

Eines der zentralen Themen dieses Buches sind fehlgeleitete Entscheidungen europäischer Staats- und Regierungschefs. Die hier analysierten Katastrophen waren nicht zwangsläufig. Sie ergaben sich aus konkreten Entscheidungen. Diese Entscheidungen wurden von politischen Eliten getroffen, die zwar unter bestimmten politischen, ideologischen und institutionellen Zwängen handelten, aber dennoch reale Handlungsspielräume hatten.

Diese Betonung ist wichtig, weil in der aktuellen Debatte die Konfrontation mit Russland häufig als nahezu unvermeidliche Folge von Geografie, Kultur oder historischer Entwicklung dargestellt wird. Ein solcher Determinismus verdeckt die Verantwortung Europas und erschwert es, aus der Vergangenheit zu lernen. Dieses Buch insistiert demgegenüber darauf, dass alternative Pfade existierten und zum Teil sogar kurzfristig beschritten wurden.

Ein besonders aufschlussreiches Beispiel stellt die Ostpolitik dar. In den 1970er Jahren zeigte die Bundesrepublik Westdeutschland, dass die Anerkennung sowjetischer Sicherheitsinteressen, die Akzeptanz bestehender Grenzen und das Streben nach wirtschaftlicher Verflechtung Spannungen abbauen und Stabilität fördern konnten, ohne Souveränität oder demokratische Prinzipien aufzugeben. Die Ostpolitik schwächte Europa nicht, sondern stärkte es. Sie trug zur Stabilisierung der politischen Ordnung in Mitteleuropa bei, senkte das Kriegsrisiko und schuf maßgeblich die Voraussetzungen für die spätere deutsche Wiedervereinigung. Die Tragödie besteht nicht darin, dass die Ostpolitik scheiterte, sondern darin, dass ihre Logik später aufgegeben wurde.

In ähnlicher Weise eröffnete das Ende des Kalten Krieges Europa die Möglichkeit, eine wirklich inklusive Sicherheitsordnung zu eta­blieren. Die Sowjetunion zog ihre Truppen aus Osteuropa ab, akzeptierte die deutsche Wiedervereinigung und schlug ein »gemeinsames europäisches Haus« vor. Die Charta von Paris von 1990 formulierte Grundsätze unteilbarer Sicherheit und gegenseitiger Zurückhaltung. Anstatt diese Grundsätze dauerhaft institutionell zu verankern, hielten Europa und die Vereinigten Staaten jedoch an der Bündnisarchitektur des Kalten Krieges in Form der NATO fest und dehnten sie weiter aus. Schritt für Schritt schlossen sie damit die Tür für eine substanzielle Einbindung Russlands. Erneut war Frieden möglich, und wieder wurde er bewusst nicht gewählt.

Russlands selbstverschuldete Wunden

Ein Buch, das sich gegen die europäische Russophobie wendet, sollte anerkennen, dass Russland im Laufe seiner langen Geschichte russo­phoben Vorstellungen reichlich Stoff geliefert hat. Russische und sowjetische Herrscher haben ihrer eigenen Bevölkerung und denjenigen ihrer Nachbarn gelegentlich schreckliches Leid zugefügt. Die sowjetische Hungersnot von 1932/33, die aus der erzwungenen Kollektivierung hervorging, kostete mehrere Millionen Menschen in der Ukraine, in Kasachstan sowie in den Getreideanbaugebieten Russlands und des Kaukasus das Leben. Stalins Großer Terror von 1936 bis 1938, ein paranoides Blutvergießen, das von einem Staat verübt wurde, der sich gegen seine eigenen Eliten gewandt hatte, forderte Hunderttausende von Menschenleben, zerschlug das sowjetische Offizierskorps am Vorabend des Krieges und hinterließ eine moralische Wunde im Land, die nie ganz verheilt ist. Die massenhaften Deportationen von Krimtataren, Tschetschenen und Inguschen, Wolgadeutschen, Balten, Polen, Koreanern und Kalmücken während des Krieges entwurzelten ganze Völker. Viele dieser Menschen starben auf dem Weg oder in den trostlosen Gebieten im Osten, wohin sie geschickt wurden. Das Massaker von Katyn an polnischen Offizieren im Jahr 1940 wurde ein halbes Jahrhundert lang verschleiert und vertuscht. Der sowjetische Gulag verschlang während der Stalin-Ära Millionen von Menschen. Nach 1945 zwang die Sowjetunion Osteuropa ein Einparteiensystem auf, dessen Einführung in einem Land nach dem anderen mit Gewalt, durch Manipulation und durch die Auslöschung eines unabhängigen politischen Lebens vollzogen wurde. Keines dieser Ereignisse darf heruntergespielt werden, und dieses Buch spielt sie auch nicht herunter.

Wogegen dieses Buch sich wehrt, ist die Art und Weise, wie die Russophobie sie instrumentalisiert hat. Der russophobe Schachzug, der sich seit zwei Jahrhunderten wiederholt und in unserer Zeit noch verstärkt hat, besteht darin, russische Verfehlungen als Beweis für einen wesentlichen und beständigen russischen Charakter zu behandeln, der Russland generell von den zivilisierteren Staaten Europas und Nordamerikas unterscheidet. Aus dieser falschen Prämisse würde folgen, dass ein Kompromiss mit Russland gefährlich sei, dass russische Sicherheitsansprüche Vorwände sein müssen, dass Engagement Nachgiebigkeit bedeute und dass die einzig ehrenhafte Haltung Eindämmung, Isolation und, wo möglich, Niederlage sein müsse. Doch die Prämisse ist falsch, und ein genauer Blick auf Russlands Verfehlungen und die ähnlichen und weitgehend zeitgleichen Verfehlungen der Westmächte hilft uns, diese Falschheit zu verstehen.

Beginnen wir mit Russlands imperialer Expansion im 18. und 19. Jahrhundert über Sibirien, nach Süden in den Kaukasus und nach Südosten in die zentralasiatischen Khanate. Die Eroberung war zeitweise brutal, wie es bei imperialen Eroberungen üblich ist, und sie gliederte viele Völker in das Russische Reich ein, die nicht darum gebeten hatten. Doch im selben Zeitraum baute Großbritannien ein Reich auf, das etwa ein Viertel der Weltbevölkerung umfasste, führte zwei Opiumkriege gegen China, um den indischen Opiumhandel am Laufen zu halten, teilte in den 1880er Jahren Afrika mit Frankreich und weiteren europäischen Staaten auf und führte wiederholt Strafexpeditionen durch, die sich vom Sudan bis zur Nordwestgrenze des Kontinents erstreckten.

Frankreich baute ein Reich von vergleichbarer Ausdehnung in Nord- und Westafrika sowie Indochina auf. Der belgische Staat leitete im Rahmen eines privaten Projekts, das von König Leopold II. als persönlicher Besitz geführt wurde, ein Regime im Kongo, dessen menschliche Opfer auf Millionen geschätzt werden. Spanien, Portugal, die Niederlande und Deutschland besaßen jeweils Überseeimperien. Die Vereinigten Staaten dehnten sich im selben Jahrhundert durch eine Kombination aus Kauf, Krieg, Völkermord und der Zwangsumsiedlung indigener Völker, deren Populationen unter dem Druck zusammenbrachen, über den nordamerikanischen Kontinent aus; 1898 eroberten sie überdies die Philippinen im Krieg gegen Spanien und zerschlugen den darauffolgenden philippinischen Unabhängigkeitskampf mit einer Kampagne, deren Techniken denen späterer Aufstandsbekämpfung vorausgingen. Die russische imperiale Expansion im 19. Jahrhundert war Teil des globalen Musters imperialen Verhaltens. Dieser Imperialismus ist verwerflich, aber er war nicht spezifisch russisch.

Oder betrachten wir den Fall der Hungersnot. Die sowjetische Hungersnot von 1932/33 ist ein schwerwiegender Makel in der stalinistischen Geschichte, und der politische Charakter dieser Hungersnot – ihre Verbindungen zu Getreidebeschaffungsquoten und der Beschlagnahmung von Saatgut – ist gut dokumentiert und wird zu Recht in Erinnerung behalten. Es sei auch daran erinnert, dass die britische Herrschaft in Irland die Große Hungersnot der 1840er Jahre mit sich brachte, in der mehr als eine Million Menschen starben und eine weitere auswanderte, während Großbritannien dafür sorgte, dass weiterhin Getreide aus Irland exportiert wurde. Die britische Herrschaft in Indien war im 19. Jahrhundert von einer langen Reihe von Hungersnöten geprägt, die ihren Höhepunkt in denjenigen von 1876 bis 1878 und 1899 bis 1900 fanden, die zusammen zwischen fünfzehn und dreißig Millionen Menschenleben forderten. Die Hungersnot in Bengalen von 1943, bei der zwei bis drei Millionen Menschen starben, ereignete sich unter britischer Kriegsverwaltung und wird nach heutigem Konsens der Historiker mit Getreideexportentscheidungen in Verbindung gebracht, die in London getroffen wurden, während die Bengalen hungerten. Die Grausamkeit und ideologische Selbstrechtfertigung der britischen Reaktion auf diese Hungersnöte lässt sich mit dem vergleichen, was der sowjetische Staat 1932/33 tat. Der Punkt ist, dass ein solcher Vergleich beide verurteilen muss.

Betrachten wir die interne Unterdrückung in ihrer extremsten Form. In der Stalin-Ära wurden Millionen der eigenen Bürger durch Hungersnot, Säuberungen, Deportationen und den Gulag getötet. Im selben Jahrhundert ermordete Nazi-Deutschland sechs Millionen Juden und Millionen anderer Menschen im systematischsten Völkermord der Menschheitsgeschichte. Das kaiserliche Japan führte in China einen Krieg von ungebremster Brutalität, dessen zivile Opferzahl in die Millionen geht. Die Vereinigten Staaten unterhielten bis 1865 ein System der Leibeigenschaft, lynchten Afroamerikaner bis ins 20. Jahrhundert hinein und hielten in ihren Südstaaten bis zur Bürgerrechtsgesetzgebung der 1960er Jahre eine legale Apartheid aufrecht. König Leopolds Kongo und die britische Verwaltung Kenias, des geteilten Indiens sowie der Internierungslager der Mau-Mau-Ära sind Teil desselben Jahrhunderts. Diese Untaten in eine Rangordnung zu bringen, bedeutet, sich auf eine falsche Abwägung einzulassen, die keinen von ihnen gerecht wird. Vorzugeben, dass eine Zivilisation sie begangen habe und eine andere nicht, bedeutet, die historischen Aufzeichnungen in einem Ausmaß zu verfälschen, das kein ehrlicher Leser des 21. Jahrhunderts akzeptieren sollte.

Das betrifft in ähnlicher Weise das Verhalten in Kriegszeiten. Das Massaker von Katyn, die Ermordung von rund 22 000 polnischen Offizieren, Intellektuellen und Polizisten durch den NKWD im Jahr 1940, war ein unentschuldbares Kriegsverbrechen, das durch die darauffolgende, ein halbes Jahrhundert andauernde Leugnung sei-tens der Sowjetunion noch verschlimmert wurde. Die Atombombenabwürfe der Vereinigten Staaten auf Hiroshima und Nagasaki im August 1945, die stattfanden, als die japanische Führung bereits über Moskaus Vermittlung nach Kapitulationsbedingungen suchte, töteten rund 200 000 Menschen, die überwiegende Mehrheit davon Zivilisten. Der Molotow-Ribbentrop-Pakt vom August 1939 wird im westlichen Diskurs als die Erbsünde des Zweiten Weltkriegs gelesen. Doch in Kapitel 5 dieses Buches argumentiere ich auf der Grundlage von Archivmaterial, das von Michael Jabara Carley und anderen zusammengetragen wurde, dass der Pakt ein letzter defensiver

Ausweg des sowjetischen Staates war, der sechs Jahre lang Großbritannien, Frankreich und Polen um ein Anti-Hitler-Bündnis gebeten hatte, das abgelehnt wurde.

Die sich an den Zweiten Weltkrieg anschließende sowjetische Besetzung Osteuropas nach 1945 war brutal. In Kapitel 7 argumen-tiere ich, dass dies die vermeidbare Folge der russophoben Ent-scheidung des Westens war, den Krieg nicht auf der Grundlage eines vereinigten und neutralen Deutschlands zu beenden, sondern stattdessen auf eine neue Konfrontation mit der Sowjetunion zu drängen, die die Teilung Deutschlands und die Remilitarisierung Westdeutschlands beinhaltete.

Nehmen wir die Spionage und verdeckten Operationen des Kalten Krieges. Der KGB unterhielt einen weltweiten Apparat für Geheimdienst, Subversion, Propaganda und gelegentlich auch Atten-tate. Das Gleiche tat die Central Intelligence Agency. Zu den dokumentierten Aktivitäten der CIA gehören der Sturz der gewählten Regierung im Iran 1953, der Sturz der gewählten Regierung in Guatemala 1954, der versuchte Sturz Castros in Kuba 1961, die Beteiligung am Sturz der Allende-Regierung in Chile 1973, die Unterstüt-zung der indonesischen Generäle während der Massenmorde von 1965/66, der geheime Krieg in Laos, das Phoenix-Programm in Vi-etnam, die langjährige Unterstützung rechtsgerichteter Diktaturen in ganz Lateinamerika, die MK-Ultra-Experimente an ahnungslosen Menschen sowie eine lange Reihe von Attentatsversuchen, von denen die Kampagne gegen Castro nur die am besten dokumentierte ist.

Betrachten wir umstrittene Vorfälle. Beim Abschuss des Korean-Air-Lines-Flugs 007 durch die Sowjetunion im Jahr 1983 kamen 269 Menschen ums Leben; beim Abschuss des Iran-Air-Flugs 655 durch die USS Vincennes im Jahr 1988 starben 290 Menschen. In beiden Fällen handelte es sich um den Abschuss ziviler Passagierflugzeuge durch Staaten, die sich auf unklare Radarsignale beriefen; der sowjetische Abschuss ist fester Bestandteil der westlichen Erzählung, der US-amerikanische Abschuss fehlt darin. Allgemeiner gesagt erweisen sich viele konkrete Vorwürfe in der heutigen russophoben Anklageschrift bei genauer Betrachtung als in der wissenschaftlichen Literatur umstritten, in ihrer Version im öffentlichen Diskurs übertrieben oder aus Quellen abgeleitet, deren Zuverlässigkeit selbst Teil von Kontroversen ist. Das Buch geht auf eine Reihe dieser Punkte an der richtigen Stelle ein; hier genügt es festzuhalten, dass die Kluft zwischen der gängigen russophoben Darstellung und den sorgfältigen historischen Aufzeichnungen weitaus größer ist, als die offizielle westliche Erzählung ihr Publikum vermuten lässt.

Keines dieser Argumente ist eine Rechtfertigung für Fehlverhalten. Es handelt sich um Korrekturen an einer Darstellung, in der russische und sowjetische Verfehlungen übertrieben, aus dem Zusammenhang gerissen und manchmal schlichtweg erfunden wurden, während vergleichbare westliche Verfehlungen vergessen oder als Kosten eines schwierigen Jahrhunderts entschuldigt wurden.

Eine letzte Prämisse sollte direkt angesprochen werden: die im westlichen liberalen Diskurs weit verbreitete Annahme, dass De-mokratien von Natur aus friedlich und autoritäre Staaten von Natur aus aggressiv seien, sodass Russlands innenpolitischer Charakter ipso facto aggressives außenpolitisches Verhalten vorhersage. Diese Annahme hält keiner ernsthaften historischen Prüfung stand. Athen, die ursprüngliche Demokratie, war eine aggressive imperialistische Macht, die die Polis von Melos zerstörte, weil diese ein Bündnis abgelehnt hatte und einen langen Krieg um die Vorherr-schaft in der Ägäis führte. Großbritannien, die große parlamentarische Demokratie des 18. und 19. Jahrhunderts, war der unerbittlichste imperiale Eroberer seiner Zeit. Die Vereinigten Staaten, die herausragende konstitutionelle Republik des 19. und 20. Jahrhun-derts, haben mehr Staaten als jede andere Macht der Nachkriegs-zeit überfallen, besetzt, bombardiert, mit Embargos belegt, sanktioniert und gestürzt – Vietnam, Panama, Serbien, Afghanistan, Irak, Libyen und Iran stehen auf einer langen Liste. Man kann die imperialen Verbrechen Belgiens, Frankreichs und der Niederlande, die allesamt als Demokratien galten, zu dieser Liste hinzufügen.

Die Verbindung von innerer Demokratie und äußerer imperialer Gewalt ist eines der beständigsten Muster in der modernen politischen Geschichte. Was auch immer man in einer bestimmten Peri-ode für oder gegen die russische Innenpolitik sagen mag, der angebliche Zusammenhang zwischen innerer Autokratie und äußerer Aggression wird durch die Faktenlage nicht gestützt. Etwas anderes zu behaupten, hieße, westliche Frömmelei mit historischer Wahrheit zu verwechseln.

Der Sinn dieser kurzen vergleichenden Aufstellung besteht nicht darin, Russland von dem freizusprechen, was es getan hat. Russland ist eine Großmacht, die sich wie andere Großmächte verhalten hat – manchmal schlechter, manchmal besser, häufig auf eine Weise, die die Führer dieser anderen Mächte aufgrund ihres eigenen Verhal-tens als äußerst vertraut hätten erkennen müssen. Seine Verfehlungen sind real. Es sind Verfehlungen, wie sie jede Großmacht begangen hat, einschließlich Großbritannien, Frankreich, Deutschland, die Niederlande und die Vereinigten Staaten, und nicht die Verfehlungen einer einzigartig verfluchten Zivilisation, die aus mo-ralischen Gründen dauerhaft außerhalb der europäischen Ordnung gehalten werden muss. Das in diesem Buch vorgebrachte Argument lautet, dass die europäischen Führer seit zwei Jahrhunderten die von Russland begangenen Verfehlungen herangezogen und sie dann scheinheilig als Rechtfertigung für einen strukturellen Ausschluss Russlands genutzt haben, was die europäische Sicherheit verschlechterte und zu wiederkehrenden Katastrophen führte. Russlands Verfehlungen sind Teil der Geschichte, ebenso wie die von Großbritannien, Frankreich, Deutschland, den Niederlanden und den Vereinigten Staaten. Sie sind keine Rechtfertigung für eine selbstzerstörerische Russophobie.

Russophobie in fünf Akten

Dieses Buch ist als Erzählung in fünf Akten aufgebaut. Jeder dieser Akte steht für eine bestimmte Phase in der Entstehung und Verfestigung der europäischen Russophobie.

Akt I rekonstruiert die Erfindung der »russischen Bedrohung« im 19. Jahrhundert, zunächst in Großbritannien und später im Deutschen Reich. Er zeigt, wie Russland sich von einem Mitgaranten der europäischen Ordnung zu einer vermeintlichen zivilisatorischen Gefahr wandelte, obwohl nach dem Krimkrieg keine unmittelbare Bedrohung Westeuropas von Russland ausging.

Akt II untersucht die Nachwirkungen des Ersten Weltkriegs. Im Mittelpunkt stehen die westliche Intervention im russischen Bürgerkrieg und der anschließende Ausschluss der Sowjetunion aus den europäischen Sicherheitsarrangements der 1920er Jahre. Der Akt verdeutlicht, wie Regimefeindlichkeit schrittweise an die Stelle strategischer Nüchternheit trat.

Akt III analysiert die Weigerung europäischer Mächte, in den 1930er Jahren eine kollektive Sicherheitsordnung gemeinsam mit der Sowjetunion zu etablieren. Auf der Grundlage von Archivmate-rial wird gezeigt, wie die Furcht vor dem Bolschewismus diejenige vor dem Faschismus überlagerte – mit katastrophalen Konsequenzen.

Akt IV widmet sich dem Kalten Krieg, von seinen Anfängen über die Phase der Entspannung und die Ostpolitik bis hin zu Momenten, in denen Frieden denkbar war, aber wieder verworfen wurde. Be-handelt werden das fragile Kriegsbündnis, frühe Planungen gegen die Sowjetunion, die Ablehnung eines neutralen Deutschlands sowie die Abbrüche in Kennedys Bemühungen um Koexistenz.

Akt V führt die Darstellung in die Gegenwart. Er setzt bei Gorbatschows Versuch an, eine neue europäische Sicherheitsordnung zu entwerfen, und zeichnet den Aufstieg unipolarer Ansprüche, die NATO-Erweiterung und den Abbau wechselseitiger Zurückhaltung nach dem Kalten Krieg nach. Diese Entwicklung mündete in den Krieg in der Ukraine und in einer erneuten Militarisierung Europas.

Ein Epilog reflektiert die Konsequenzen dieser Geschichte in einer Situation, in der sich Europa abermals auf eine langfristige Konfrontation einstellt. Der Kontinent steht an einem Scheideweg, der in beunruhigender Weise an frühere Epochen erinnert. Politische Entscheidungsträger sprechen von Wiederaufrüstung, langen Kriegen und einem Konflikt, der eine ganze Generation prägen könnte. Nukleare Risiken rücken erneut in den Mittelpunkt strategischer Überlegungen. Wirtschaftliche Verwerfungen, politische Fragmentierung und eine wachsende Abhängigkeit von externen Mächten prägen erneut die europäische Lage.

Dieses Buch behauptet nicht, dass Frieden mit Russland naives Vertrauen voraussetze. Es vertritt eine einfachere, aber anspruchsvolle Position. Dauerhafte europäische Sicherheit lässt sich nicht auf der Grundlage der pauschalen Zurückweisung russischer Sicherheitsinteressen aufbauen. Solange Europa an diesem Reflex festhält, bleibt es in einem Kreislauf gefangen, in dem es Friedenschancen verwirft und dafür mit immer höheren Kosten bezahlt.

Articles & Services

Der Autor im Interview | World News Monitor

Der Autor im Interview | World News Monitor

Der Ökonom Jeffrey Sachs sagt im Interview mit World News Monitor: Die Politik von Bundeskanzler Merz sei ein Fehlschlag, weil er auf Panikmache und Militarisierung statt auf Diplomatie setzt.

„Ihr ahnt nicht, was Merz verheimlicht!“

Jeffrey Sachs beriet Staatschefs weltweit hautnah – von Gorbatschow und Jelzin bis hin zu Regierungen auf allen Kontinenten. Er saß an den Verhandlungstischen der Weltgeschichte. Im Video erzählt er, was er von der Außenpolitik Deutschlands hält.

Trumps Iran-Strategie | The Financial Express

Der Wirtschaftswissenschaftler Jeffrey Sachs übt scharfe Kritik an Präsident Donald Trumps Krieg gegen den Iran und bezeichnet ihn als „willkürlichen Krieg“, der seiner Ansicht nach unnötig und schlecht geplant war.

Europa: Aufrüsten für den Frieden? | ARTE

Europa wähnte sich lange Zeit in Sicherheit. Seit dem Zerfall der Sowjetunion vernachlässigte der Kontinent seine Verteidigung. Die Rückkehr der Bedrohungen führte zu einem brutalen Erwachen.

Eine neue Weltordnung? | ARTE

Während das westliche Bündnis schwächelt, formiert sich unter autoritärer Führung eine Gegenallianz. Die ersten fünf BRICS-Staaten – mit über der Hälfte der Weltbevölkerung – bauen eigene Strukturen auf: Banken, Medien, Militärübungen.