Leseprobe : Frieden mitdenken

Wie lässt sich der Weg aus der Eskalation zurück zum Frieden finden? Klaus von Dohnanyi und Erich Vad werben für geopolitischen Realismus, Vernunft und politischen Weitblick. Denn wer Krieg führt, muss den Frieden stets mitdenken – zur Leseprobe

Rauch über Jarjoua im Südlibanon nach einem israelischen Luftangriff. Trotz Waffenruhebemühungen dauern die Kämpfe an

Foto: Courtney Bonneau/Middle East Images/AFP/Getty Images

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Frieden – Wie geht das?

Frieden – Wie geht das?

Klaus von Dohnanyi, Erich Vad

Hardcover, gebunden

160 Seiten

22 €

In Kooperation mit Westend Verlag 2026

Frieden – Wie geht das?

Vorwort

Klaus von Dohnanyi und Erich Vad legen mit ihrem neuen Buch »Frieden – wie geht das?« die tran-skribierte Fassung eines Gespräches vor, das sie im Februar 2026 in Hamburg geführt haben. Wegen der Entwicklung der weltpolitischen Lage haben sie diesen Dialog durch weiteren, teilweise täglich, auch fernmündlich geführten persönlichen Austausch im März und im April 2026 erweitert; insbesondere wurde entsprechend der politischen und militärischen Entwicklungen gegebenenfalls aktualisiert und ergänzt. Stichtag zur Herausgabe ist der 4. Mai 2026. Die Publikation im Frankfurter Westend Verlag hat abermals Frau Heide Sommer redaktionell betreut. Die Autoren danken ihr dafür sowie dem Geschäftsführer des Westend Verlages, Markus J. Karsten, für die verlegerische Begleitung.

Klaus von Dohnanyi
Erich Vad

»Die EU darf nicht zur ›Geisel‹ der Ukraine werden«

Klaus von Dohnanyi: Lieber Herr Vad, willkommen zu unserem zweiten Gespräch. Die Lage hat sich seit unserem ersten Treffen [von Dohnanyi/Vad: Krieg oder Frieden, Westend Verlag, 2025] natürlich fortentwickelt, oder, wie »Ihr« Clausewitz wohl sagen würde: Eines ist sicher beim Thema Krieg, es lässt sich nichts vorhersagen. Wir hatten deshalb und wir mussten deshalb bisher ein entscheidendes Thema aussparen: Wie macht man Frieden in Europa? Was braucht es dazu?
Und, da ist gar kein Zweifel, man muss ihn machen unter Einbeziehung der Russischen Föderation. Wenn Sie die Russische Föderation, wenn Sie Russland als Nation ausschließen von diesem Prozess, wird es nie Frieden in Europa geben.

Erich Vad: Richtig. Frieden, wie geht das? – Die entscheidende Frage. Zur Suche nach einer Antwort haben wir auch historische Vorläufer: Denken Sie zum Beispiel an Ronald Reagan. Er hat die Sowjetunion mal als das »Reich des Bösen« bezeichnet und eine sehr starke, antisowjetische Außenpolitik gefahren, Stichwort SDI und alles das andere. Aber er hat sich später auch mit Gorbatschow zu Friedensgesprächen 1985 in Genf und dann, 1988, auf Governors Island getroffen, und diese beiden Männer – starke politische Führer, die man für den Frieden braucht – haben den Kalten Krieg beendet. Über das »Wie« müssen wir uns unterhalten, Stichwort Geopolitik, Interessenspolitik, Kriegswirtschaft, Informationskrieg und einiges mehr.

Klaus von Dohnanyi: Ja, trotzdem die Frage vorweg, lieber Herr Vad, wir teilen die Sorge um den Frieden, und wir wissen, dass diese Sorge auch begründet ist. Und dennoch: Tragen wir nicht selbst zu dieser Sorge auch durch unsere Debatten bei? Vor einigen Wochen berichtete eine große deutsche Zeitung, dass etwa jeder fünfte junge Deutsche sich mit Auswanderungsplänen beschäftige. Der Grund: Kriegsangst. Gelingt es uns eigentlich, durch unsere Gespräche ein Vertrauen in den Frieden zu stärken?

Erich Vad: Ich denke schon, Herr von Dohnanyi. Viele Menschen beschäftigt das Thema »Krieg«, auch deshalb, weil die tägliche undifferenzierte Kriegsrhetorik und Kriegstreiberei kaum zu überhören ist. Wir hatten in unserem ersten Gespräch die Frage »Krieg oder Frieden«. Aus meiner Sicht haben sich Deutschland und auch Europa politisch für den Kurs der Eskalation mit Blick auf Russland entschieden. Der deutlichste Ausdruck für mich ist die Bereitschaft, die Ukraine in die EU aufzunehmen. Wie sehen Sie das, Herr von Dohnanyi?

Klaus von Dohnanyi: Das sehe ich genauso, Herr Vad. Wir sind meiner Meinung nach in einer typischen Situation, in der wir in die Interessenlage der Ukraine, in ihre Auseinandersetzung mit Russland hineingezogen werden sollen. Die Ukraine konnte das nicht erreichen über den Weg der NATO Mitgliedschaft. Dieses Ziel war ja die Entscheidung, die die Ukraine schon im Jahr 2019 getroffen hatte, nach
dem Motto: Ja, wir wollen in die NATO, damit wir sozusagen die NATO einbeziehen können in unsere Auseinandersetzung mit Russland. Das hat nicht geklappt. Jetzt ist klar, dass die Ukraine nicht in die NATO kommt, und nun möchte sie so schnell wie möglich in die EU eintreten, um auf dem Weg über den Artikel 42 des EU-Vertrages ganz Europa in eine mögliche militärische Unterstützung der Ukraine hineinzuziehen. Die Ukraine hat bis heute nirgendwo ein Interesse gezeigt, das Ziel NATO-Beitritt öffentlich zu streichen.

Erich Vad: Das Gefährliche für die europäische Sicherheit ist tatsächlich die Beistandsverpflichtung, die mit dem EU-Beitritt verbunden ist, so ist der von Ihnen erwähnte Artikel 42 in seiner Bindungswirkung viel stärker als die entsprechende Verpflichtung im NATO-Vertrag. Das Problematische ist, dass wir ab einer Aufnahme der EU, dass wir zu diesem Zeitpunkt zu einer Art »Geisel« der Ukraine werden – wir als Europäer, denn jeder kleine Grenzzwischenfall dort mit Russland kann eskalieren und zum Bündnisfall werden. Wir holen uns damit das russische Problem in das Bündnis, also in die EU als Bündnis der Europäer. Das ist die große Gefahr, die viele nicht sehen, manche nicht sehen wollen. Außerdem können weder in die NATO noch in die EU Krieg führende Parteien aufgenommen werden.

Klaus von Dohnanyi: Ja, der Versuch der Ukraine, Europa einzubinden in den Konflikt der Ukraine mit der Russischen Föderation, dieser Versuch soll jetzt laufen über eine Mitgliedschaft der Ukraine in der EU. Dabei geht es um mehr als eine Kriegsgefahr: Eine Ukraine in der EU würde jede Aussöhnung mit Russland in der Zukunft blockieren. Und diese Aussöhnung wäre doch entscheidend für die Zukunft Europas.

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