Leseprobe : Energiewende unter Druck

Claudia Kemfert deckt auf, wo Mythen gefährliche Realitäten verschleiern und zeigt, wie der Gasausstieg Deutschland zum Technologie-Weltmarktführer macht – wenn uns die Zeit bleibt. Ein Buch für alle, die nicht an einfache Antworten glauben

Hohe Spritpreise als Symptom einer Energiekrise im Wandel: So wird die Energiewende zur ganz konkreten Alltagsfrage

Foto: Tobias SCHWARZ/AFP/Getty Images

Zum Kommentar-Bereich
Kurzschluss

Kurzschluss

Claudia Kemfert

Hardcover, gebunden

264 Seiten

26 €

In Kooperation mit Campus-Verlag 2026

Kurzschluss

Einleitung

Kurzschlüsse erkennen und vermeiden Kennen Sie das? Eigentlich wollten Sie ein Problem lösen und haben eine simple Lösung. Und dann plötzlich knallt’s. Vielleicht wollten Sie nur die festgeklemmte Brotscheibe aus dem Toaster angeln. Kurz mit der Gabel rein, das geht doch schnell. Plötzlich ein Schlag durch den Arm, Funken sprühen, Sie lassen die Gabel fallen. Aus »ich will mein Frühstück retten« wird ein Stromschlag. Der Arm schmerzt und der Toaster ist kaputt. Wir alle kennen solche Erlebnisse. Es ist immer dasselbe Muster: gute Absicht, zu viel Eile, zu wenig Vorsicht – und dann dieser Kurzschluss zwischen Problem und vermeintlicher Lösung, der alles nur schlimmer macht. Im Alltag sind solche Fehlentscheidungen nicht besonders folgenschwer. Jedenfalls meist irgendwie zu reparieren. In der Politik jedoch können sie fatale Auswirkungen haben. Dort, wo Entscheidungen Strukturen formen, werden aus Fehlern Muster. Aus kleinen Kurzschlüssen werden große Fehlentscheidungen, sobald sie ganze Systeme betreffen. Vor allem in der Energiepolitik gibt es immer wieder eine falsche Logik. Sie führt seit Jahrzehnten immer wieder zu weitreichend folgenschweren Kurzschlüssen. Im Kern zeigt sich folgendes Muster: Man will Energie-Unabhängigkeit erreichen, fällt jedoch unüberlegte Entscheidungen, die neue Abhängigkeiten schaffen und dann die Energieversorgung am Ende sogar gefährden.

Drei Beispiele:

Ölkrise 1970er Jahre

Ein prägender Kurzschluss zeigte sich in den Ölkrisen der 1970er Jahre: Als Lieferungen ausblieben und Preise explodierten, wurde schlagartig sichtbar, wie abhängig Deutschland vom Öl geworden war. Die politische Reaktion: kurzfristig autofreie Sonntage, um die Nachfrage zu reduzieren. Doch statt dauerhaft auf Öl zu verzichten – etwa durch alternative Antriebe oder Elektromobilität – und den Verbrauch zu senken, stieg er im Zeitablauf weiter an. Langfristig setzte man auf eine Diversifizierung innerhalb des fossilen Systems und suchte nach anderen Lieferanten jenseits der marktdominanten OPEC-Staaten. Über die Jahrzehnte wurde dabei auch Russland zu einem der wichtigsten Öllieferanten bis weit ins 21. Jahrhundert hinein. Die vermeintlich einfache Lösung sollte Stabilität schaffen. Der Denkfehler bestand darin, Energie auf die einzelne Quelle Öl zu reduzieren, statt fossile Energien als System zu begreifen. Kohle, Öl und Gas wurden nicht als zusammenhängende, problematische Energiequellen verstanden, die Treibhausgase ausstoßen und zur sich heute zuspitzenden Klimakrise beitragen. Statt langfristig die abhängig machenden Strukturen des fossilen Energiesystems aufzubrechen, wechselte man innerhalb dieses Systems lediglich die Lieferquellen. Die bestehenden Strukturen blieben erhalten. Die dadurch verfestigte Abhängigkeit von fossilen Energien wurde dauerhaft zu einem geopolitischen Machtfaktor. Bis 2022 war Deutschland in erheblichem Maße auf Öllieferungen aus Russland angewiesen – allen politischen Spannungen und Sanktionen zum Trotz. Die Abhängigkeit vom Öl selbst hat sich nicht verändert; verändert wurden lediglich die Lieferländer. Heute stammt das Öl aus Staaten wie Norwegen, den USA, Kasachstan, Libyen, dem Vereinigten Königreich, dem Irak oder Saudi-Arabien. Bis zur nächsten geopolitischen Krise.

Dieselskandal 2015

Ein weiterer Kurzschluss spielte sich nach der Jahrtausendwende in der Automobilbranche ab. Als die Emissionsauflagen für klassische Verbrennungsmotoren strenger wurden, entschied sich ein Teil der Automobilindustrie nicht für einen grundlegenden technologischen Wandel, sondern für eine Abkürzung: Es wurde Software eingesetzt, um Abgaswerte auf dem Prüfstand zu manipulieren. Diese vermeintlich »einfache« Lösung versprach Zeitgewinn, Wettbewerbsfähigkeit und den Erhalt eines lange profitablen Dieselgeschäfts. Tatsächlich führte sie zu massiver Luftverschmutzung, milliardenschweren Strafen und einem tiefen Vertrauensverlust gegenüber Industrie, Politik und Kundschaft. Klimaziele wurden formal eingehalten, real jedoch unterlaufen. Statt die Mobilitätswende aktiv mitzugestalten, trug dieses Vorgehen dazu bei, dass die Treibhausgasemissionen insbesondere im Straßenverkehr bis heute hoch bleiben. Zugleich verloren die Unternehmen den Anschluss an die inzwischen weltweit boomende Elektromobilität und stehen heute vor erheblichen strukturellen Problemen. Der Kurzschluss bestand darin, Regulierung als Hindernis statt als Orientierung zu begreifen und auf schnelle Lösungen zu setzen, die das Problem langfristig vergrößerten, statt es durch einen Systemwechsel zu lösen.

LNG-Terminals 2022

Der Kurzschluss, kurzfristige Entlastung mit langfristiger Sicherheit zu verwechseln, wiederholte sich in der Energiekrise 2022. Nach der russischen Vollinvasion in die Ukraine und den Sabotageakten an den Nord-­ Stream- Pipelines wurde unübersehbar, wie abhängig Deutschland von fossilem russischem Erdgas war. Auch nicht zu leugnen war, dass die deutschen Energiezahlungen an Russland den Krieg gegen die Ukraine finanzierten. Politisch war das untragbar. Um sich aus diesem Dilemma zu befreien, galt es, die Abhängigkeit sofort zu reduzieren. Noch im Jahr 2021 stammten rund 55 Prozent der deutschen Gasimporte aus Russland. Was war die schnelle Lösung? Man baute LNG-Terminals, und zwar richtig viele. Das war ein doppelter Kurzschluss. Denn wieder einmal versuchte man, ein Problem mit genau den Mitteln zu lösen, die es verursacht hatten. Statt auf nicht-fossile Energiequellen zu setzen, wechselte man bloß den Anbieter. Das fossile System wurde beibehalten. Weiterhin kauft man fossiles Gas, nur eben jetzt nicht mehr in Russland, sondern vorrangig in Norwegen, den USA und Katar. Das Gas aus Norwegen können wir über bestehende Rohre beziehen. Für die Lieferungen aus Katar und den USA benötigt man jedoch spezielle Transportmittel, nämlich LNG-Tanker, die fossiles Erdgas in flüssiger Form über die Meere transportieren, sowie LNG-Terminals, in denen das Flüssiggas wieder in gasförmigen Zustand überführt wird, um dieses dann über das bestehende Gasleitungssystem an Unternehmen und Privathaushalte auszuliefern. Dieses Flüssiggas (LNG) ist nicht nur teurer, sondern auch wesentlich klima- und umweltschädlicher. Schlimmer noch: Statt hierbei auf bestehende LNG-Terminals in den Niederlanden, Belgien und Frankreich zu setzen, baute man neue und teils überdimensionierte Terminals in Deutschland. Dafür sind die Investitionen so hoch, dass man sie mit langfristigen Nutzungsverträgen absichern muss. Ergebnis: Erneut sind wir langfristig von bestimmten fossilen Anbietern abhängig. Auch hier wurde auf scheinbar einfache, kurzfristige Lösungen gesetzt, die das bestehende fossile System nicht nur fortschrieben, sondern verfestigten, statt durch einen Systemwechsel eine dauerhafte Unabhängigkeit zu schaffen. Noch immer wird auf Unsicherheit mit der Ausweitung fossiler Förderung reagiert, als ließe sich Stabilität durch mehr vom Gleichen herstellen. Die Geschichte legt nahe, dass genau das Gegenteil der Fall ist.

So weit so schlimm.

Derzeit eskalieren die geopolitischen Machtkämpfe mit einer Geschwindigkeit, die vielen den Atem raubt. Russland führt Krieg in der Ukraine und droht Europa unumwunden. China baut seinen Einfluss in Taiwan, Hongkong und Afrika aus, notfalls mit militärischen Mitteln. Die USA sprechen offen über Interventionen in Venezuela, Annexionen in Grönland, Gebietsansprüche gegenüber Verbündeten. Im Nahen Osten toben Kriege zwischen Israel und Palästina, Konflikte um Syrien und Iran schwelen weiter. In Afrika zerreißen Bürgerkriege ganze Regionen. Die Folge: Millionen Menschen fliehen, viele nach Europa. Und hier werden die Migrationsbewegungen zum innenpolitischen Angstthema, das die Gesellschaften spaltet. Die Herausforderungen sind gigantisch und wachsen, je länger wir die Augen davor verschließen. Ressourcenknappheiten und Energieabhängigkeiten verschärfen die geopolitischen Spannungen – bis hin zu offenen Konflikten und Kriegen. Diese Dynamik folgt einem strukturellen Machtmuster, das ich Fossilokratie nenne. Fossile Energien sind darin nicht nur Rohstoffe, sondern Grundlage wirtschaftlicher und geopolitischer Macht. Krisen führen deshalb nicht zum Wandel, sondern zur Verfestigung fossiler Abhängigkeiten. Der Klimawandel manifestiert sich in Dürren, Überschwemmungen und Ernteausfällen. Er verschärft die Konkurrenz um Wasser, Land und Rohstoffe, belastet Energieinfrastrukturen und destabilisiert Volkswirtschaften. Was als scheinbar harmlose Erderwärmung begann, kostet als Klimakatastrophe massiven Wohlstand und verstärkt geopolitische Konflikte zusätzlich. Die Klimakrise wird immer stärker zu einer Frage von Sicherheit und Stabilität. Sie zwingt uns zum raschen Umbau unserer Energieversorgung; fossile Brennstoffe müssen immer dringender ersetzt werden, um die Versorgungssicherheit zu festigen. Zwei Drittel aller planetaren Vitalzeichen haben einen Negativrekord erreicht. Wir nähern uns mehr und mehr dem Klima-Chaos. Die Erde befindet sich auf der Intensivstation. Und auch hier gibt es vermeintlich einfache Lösungen, die in bester Absicht vorgeschlagen werden, aber bei denen die Gefahr besteht, dass sie katastrophal schiefgehen, wenn man wichtige Zwischenschritte überspringt, komplexe Zusammenhänge ignoriert oder sich von ideologischen Wunschvorstellungen leiten lässt statt von nüchterner Analyse. Dabei lauern auf dem Weg zur richtigen Entscheidung viele Fallen. Da ist zum einen der Zeitdruck: Die Klimakrise erfordert unverzügliches Handeln. Außerdem steht die nächste Wahl bevor. Dies verleitet dazu, überstürzt zu reagieren und wichtige Details zu übersehen. Dann gibt es die Versuchung, eine Technologie zum Allheilmittel zu erklären, statt auf einen klugen Mix zu setzen. Es gibt zudem die Macht der Gewohnheit: »Was jahrzehntelang funktioniert hat, kann doch nicht plötzlich falsch sein« – auch wenn sich die Rahmenbedingungen längst geändert haben. Munter geht es mit Kurzschlüssen aller Art weiter: Mehr fossiles Gas soll Versorgungssicherheit schaffen. Kernkraft soll das Klima retten. Wasserstoff soll alles ersetzen, was schwierig erscheint. Doch wie bei den großen Fehlentscheidungen der Vergangenheit gilt auch hier: Wer komplexe Probleme mit einfachen Antworten beantwortet, riskiert neue Abhängigkeiten, neue Kosten und neue Krisen.

Die verborgene Logik dahinter

Energie ist nicht einfach ein Thema unter vielen. Energie ist der unsichtbare Faden, der fast alle Krisen miteinander verwebt. Klimakrise? Ihr Kern ist die Art, wie wir Energie erzeugen, nämlich aus fossilen Brennstoffen, die CO₂ ausstoßen. Geopolitische Machtkämpfe? Viele drehen sich um die Kontrolle von fossilen Energien und Rohstoffen. Oder aber neuerdings um die strategische Dominanz bei neuen Energietechnologien wie Solarmodulen, Windturbinen, Batterien. Wirtschaftliche Sorgen in Deutschland? Sie hängen direkt damit zusammen, dass deutsche Industrien jahrzehntelang vom vermeintlich billigen russischen Gas profitierten und nun, da der wahre Preis dieser Energieabhängigkeit zu zahlen ist, gezwungen sind, sich neu zu erfinden. Infrastrukturverfall? Zu großen Teilen eine Folge unterlassener Investitionen in moderne, effiziente, digitale und klimaneutrale Energiesysteme. Demokratiegefährdung? Auch sie wird durch soziale Verwerfungen befeuert, die entstehen, wenn Energiepreise explodieren und Menschen nicht verstehen, warum. Wer Energie kontrolliert, kontrolliert Wirtschaft. Wer Energiesysteme beherrscht, bestimmt geopolitische Machtverhältnisse. Wer die Energiewende gestaltet (oder blockiert), entscheidet über Klimaschutz und damit über die Zukunft des Planeten. Energie ist Macht, Wohlstand, Sicherheit. Und genau deshalb ist Energie das Feld, auf dem gerade die Zukunft ausgefochten wird. Das zu verstehen ist der erste Schritt, um aus der Ohnmacht herauszukommen. Denn wenn wir begreifen, dass die scheinbar unverbundenen Krisen alle auf das Energiethema zurückführen, dann wird auch klar: Hier liegt der Hebel. Hier können wir ansetzen.

Articles & Services

Deutschlands führende Klimaökonomin

Deutschlands führende Klimaökonomin

Claudia Kemfert zählt zu den führenden Stimmen der Energie- und Klimaökonomie: DIW-Abteilungsleiterin, Professorin, vielfach ausgezeichnete Forscherin – und eine der einflussreichsten Expertinnen in Politik, Medien und Öffentlichkeit

Raus aus Öl und Gas: Nachfrage boomt

Raus aus Öl und Gas: Nachfrage boomt

„Vielen mag es wie ein Déjà-vu vorkommen: Es herrscht Krieg und der Import von Öl und Gas ist weltweit beeinträchtigt. In Europa klettern die Öl- und Gaspreise.“

Kemferts Abrechnung mit der Fossilokratie

Kemferts Abrechnung mit der Fossilokratie

Stimmen aus dem Netz: „Es ist, als hätte die Wirklichkeit einen vierten Beleg für Claudia Kemferts zentrale These geliefert: Bei jeder Energiekrise stabilisiert Deutschland reflexartig das fossile System – statt es zu überwinden.“

Klimakompass mit Claudia Kemfert | Podcast

Der Krieg im Nahen Osten blockiert den Handel und lässt Öl- und Gaspreise rapide steigen. Das zeigt, wie verletzlich unser Energiesystem ist. Claudia Kemfert erklärt, warum geopolitische Konflikte sofort auf Preise und Versorgung durchschlagen

Klimakompass mit Claudia Kemfert | Podcast

Die Energiewende gerät politisch ins Rutschen. Claudia Kemfert erklärt, warum die geplanten Änderungen am Gebäudeenergiegesetz und mögliche Kürzungen im EEG neue Investitionsunsicherheiten schaffen

Droht uns der Blackout? | ARTE

Wir sind vom Strom abhängig. Doch das System wird umgebaut: Erneuerbare ersetzen fossile Energien, Risiken durch Extremwetter und Cyberangriffe steigen, der Bedarf wächst. Bleibt die Versorgung auch künftig zuverlässig?

Öl als Waffe | DIE ZEIT

Öl ist mehr als nur ein Rohstoff – es ist eines der wichtigsten Machtinstrumente der Weltpolitik. Wenn Kriege im Nahen Osten eskalieren, beeinflussen sie Märkte, Lieferketten und ganze Volkswirtschaften...