Leseprobe : Große Literatur

Nach seinem Erfolg von »Falcone« erzählt Roberto Saviano mit seinem neuen Buch »Meine Liebe stirbt nicht« die wahre Geschichte einer leidenschaftlichen, mutigen Frau und macht erneut aus Fakten große Literatur

Blick auf die Burg von Vibo Valentia (Kalabrien): Die Stadt wurde zum Symbol des Widerstands gegen die ’Ndrangheta

Foto: GIANLUCA CHININEA/AFP/Getty Images

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Meine Liebe stirbt nicht

Meine Liebe stirbt nicht

Roberto Saviano

Hardcover, gebunden

400 Seiten

26 €

1. Kapitel

Alles der Reihe nach, denn man wundert sich beim Anblick dieses Zimmers und seiner Merkwürdigkeiten. Zum Beispiel weiß man nicht ohne Weiteres, in welcher Stadt und in welchem Land man sich befindet. Da gibt es einen Schreibtisch mit allerlei Heften und Lehrbüchern, alle auf Italienisch, und einen Zettel, auf dem steht ĝis morgaŭ sur la placo je la 9-a, hundino, das ist weder Italienisch noch Brasilianisch, auch wenn es ein wenig daran erinnert. Es ist vielmehr Esperanto, eine Sprache, die es eigentlich nie gegeben hat und die man höchstens ab und zu ein paar Mal liest, wie eben in diesem Zimmer. Auf den Zettel ist außerdem ein Herz gezeichnet mit der Unterschrift »Nina«.

Mitten im Zimmer steht ein ungemachtes Bett und mitten darauf liegt ein Mädchen. Sie schläft auf dem Bauch, drückt mit beiden Armen das Kissen an sich, als habe sie Angst, es könn­­te weglaufen, ihr Mund steht offen, die langen blonden Haare sind auf der Matratze verteilt und wirken jetzt dank des hellen, jedoch nicht grellen Lichts, gedämpft durch die halb heruntergelassene Jalousie, kupferfarben und nussbraun, pfirsich- und kaffeefarben. Das Mädchen lässt einen kleinen Seufzer hören und beginnt zu schnarchen, dann wird es wieder still.

Links über dem Bett ist ein Regalbrett, darüber eine Pink-­Floyd-LP, Animals. Eine Pink-Panther-Uhr an der Wand darüber zeigt acht Uhr siebenundvierzig Minuten an: So wie das Mädchen liegt, könnte sie, selbst wenn sie die Augen öffnen würde, die Uhr nicht sehen. Und das könnte zum Problem werden, denn die Schrift auf dem Zettel bedeutet in Esperanto: »Wir sehen uns morgen um 9 auf der Piazza, du Miststück.«

Auf dem Boden neben dem Bett liegt ein aufgeschlagenes Buch mit dem Umschlag nach oben. Es heißt Die Dornenvögel, die Autorin ist Colleen McCullough. Das Mädchen beginnt wieder leise zu schnarchen, hört aber gleich wieder damit auf. Es muss gestern Abend spät geworden sein. Und so tief, wie sie schläft, hat sie offenbar nicht die Absicht, in den nächsten Minuten aufzustehen, vielleicht nicht einmal in den nächsten Stunden. Stattdessen durchkreuzt ein unvorhergesehenes Ereignis ihre Pläne, falls sie überhaupt welche hat für diesen faulen Morgen Anfang Oktober. Irgendetwas stört ihren Schlaf, ein Geräusch, das sie nicht einordnen kann und das sie dazu bringt, sich träge zu regen. Man hört weitere Geräusche: eine rhythmische Musik, Stimmen aus dem Treppenhaus. Das erkennt sie an ihrem leichten Nachhall. Aber es sind nicht die Stimmen ihrer Eltern, nicht die von Clara und nicht die von Loredano. Sie sind weit weg, aber nicht weit genug, um das Mädchen friedlich weiterschlafen zu lassen. So hebt sie ein wenig die Augenlider, nur einen Spalt, reibt sie mit den Fingerknöcheln und wirft einen zerstreuten Blick auf die Uhr über ihrem Kopf. War sie bis dahin noch im Halbschlaf, öffnet sie nun plötzlich die Augen. Die sind hell, von einem unbestimmten Blau, das an die Plattenhülle über dem Regalbrett erinnert, an den nicht ganz klaren, nicht wirklich blauen, von den Rauchschwaden der Schornsteine getrübten Himmel.

Fluchend springt sie aus dem Bett, zieht ihren Pyjama aus und sucht ihre Kleider. Andere Geräusche ertönen, aber sie hört sie jetzt lauter, weil ihre Mutter die Wohnungstür weit aufgesperrt hat. Während sie einen langen Faltenrock, ein grünes T-Shirt und ein Paar Ballerinas aufsammelt, erkennt sie auch Claras Stimme. Sie redet mit jemandem im Treppenhaus. Die Worte sind kaum zu verstehen, sie bekommt sie kaum mit, weil sich die schwere Tür mit einem dumpfen Knall sofort schließt, und Clara murmelt etwas in Richtung Küche. Das Mädchen wirft einen Blick auf den in Esperanto geschriebenen Zettel und murmelt erneut einen Fluch.

Sie verlässt ihr Zimmer, richtet ihr Haar und verschwindet im Bad. Clara kann gerade noch einen Blick auf ihr Profil erhaschen, bevor die Tochter die Tür hinter sich schließt.

»Alles in Ordnung, Schatz?«

»Ich bin spät dran«, ruft sie von drinnen. Sie steht vor dem Spiegel und legt einen Hauch Lippenstift auf. »Was war denn gerade auf der Treppe los?«

Die Mutter antwortet etwas, das sie nicht versteht. Das Mädchen stürmt ins Zimmer zurück.

»Ma’ …«, schreit sie. »Wo ist meine …« Dann dreht sie sich um, sieht Clara hinter sich auf der Türschwelle und senkt die Stimme. »Wo ist meine schwarz-weiße Jacke?« Sie schiebt sich eine Sonnenbrille mit dunklem Gestell ins Haar.

»Woher soll ich das wissen? Hast du im Kleiderschrank nachgesehen?«

Sie seufzt genervt. Natürlich hat sie dort nachgesehen. Trotzdem geht sie zum Schrank zurück und öffnet ihn erneut. »Was war auf der Treppe los?«

»Da ziehen gerade welche ein und stellen auch noch die Musik laut. Es ist die Studentenwohnung.«

»Und was haben sie dir … Mama, hier ist sie nicht, verdammt nochmal … Ich muss los.«

»Sieh genau nach.« Gemeinsam blättern sie die Kleider im Schrank durch wie die Seiten in einem Buch. »Du hast einfach zu viel Zeug«, murmelt Clara zum Klappern der Plastikbügel, wobei ihr Arm den der Tochter berührt. »Rossella hat zu viel Zeug. Rossella findet nie etwas. Ah, da ist sie ja.«

Clara nimmt den Bügel mit der schwarz-weißen Jacke. Das Mädchen schlüpft rasch hinein.

»Rossella muss dringend los«, sagt sie und bleibt kurz vor dem Spiegel an der Innenseite der Tür stehen. »Was haben sie denn zu dir gesagt?«

»Dass es bei Umzügen eben so zugeht.«

»Und das heißt?«

»Dass es bei Umzügen Lärm gibt.«

»Das haben sie zu dir gesagt?«

Resigniert zuckt die Mutter die Achseln.

»Und Papa?«

Clara nickt in Richtung Küche. Rossella nimmt ihre Tasche von der Stuhllehne und stürmt aus dem Zimmer.

»Wenigstens einen Kuss?«, fragt Clara.

Doch Rossella hört sie schon nicht mehr. Als sie an der Küche vorbeikommt, streckt sie kurz den Kopf hinein und sagt: »Ciao, Papa.«

»Ciao, mein Schatz.«

Während sie die Treppe hinuntersteigt, blickt sie auf die Tür der Studentenwohnung im ersten Stock, die jetzt aber zu ist. Das Morgenlicht scheint zum Teil in den Flur. Am Himmel stehen kleine Wölkchen, doch die Sonne strahlt unbeirrt. Mit schnellen Schritten macht sich Rossella auf den Weg zur Piazza, leicht und ausgelassen hüpft sie auf Zehenspitzen.

Es sind die Außenbezirke von Florenz, durch die Rossella läuft. Das sagt sich so leicht: Vor ihr öffnet sich die Piazza Beccaria, hinter ihr liegt die Straße Borgo la Croce, wo sie zu Hause ist. Sie kam aus dem Hauseingang der Nummer 2, an der ein Putto degli Innocenti, ein Wickelkind, angebracht ist und die praktisch die Ecke zur Piazza bildet. Das Gebäude stammt aus dem 15. Jahrhundert und beherbergte einst das Spital San Nicolò degli Aliotti. Unter einigen Fenstersimsen sind noch die Wappen der Familien Aliotti und Bigallo zu sehen, die beide in der Geschichte dieser Einrichtung eine wichtige Rolle spielten. Arme und Kranke waren hier untergebracht, bevor das Gebäude eine neue Bestimmung fand und zur letzten Station für die zum Tode Verurteilten wurde. Hier warteten sie, bevor sie zum Galgen an der Porta della Croce geführt wurden, später Piazza delle Forche genannt, also genau dort, wo Rossella gerade angekommen ist. Nina geht nervös hin und her und pafft Zigarette rauchend Wolken in die Luft. Als sie die Freundin erblickt, bleibt sie stehen und lehnt sich gegen das alte Backsteinportal. Da sie größer ist als Rossella, ist es ihr ein Leichtes, strafend auf sie herabzusehen.

»Tut mir leid.«

»Nicht einmal ein Schrieb auf einem Zettel reicht.«

»Tut mir leid. Bloß zehn Minuten …«, sagt sie, während sie die Piazza überqueren. »Ich hab vergessen, den Wecker zu stellen.«

»Hat deine Mutti dich geweckt?«

»Nein, ich bin von allein aufgestanden. Es ist mir wieder eingefallen«, lügt Rossella. Sie denkt an den Lärm, der sie aufgeweckt hat. Wäre der Trubel im Treppenhaus nicht gewesen, hätte Nina jetzt an der Sprechanlage gestanden oder, schlimmer noch, sie wäre ohne sie weggegangen und hätte ihr nicht so leicht verziehen. Gar nicht so unkompliziert, dieses Mädchen. Zum Glück waren da die Studenten aus dem ersten Stock, Glück ist allerdings nicht das richtige Wort, denkt Rossella und erinnert sich an das Gesicht ihrer Mutter nach der Auseinandersetzung mit den Studenten. »Bei Umzügen gibt es eben Lärm.« Ein starkes Stück, einer über sechzigjährigen Frau so zu antworten.

Nina ist dünn und hochgewachsen, sie trägt hüftlanges Haar, das schmale Gesicht wirkt stets distanziert, ja gelangweilt hinter den fein gerahmten Brillengläsern. Man muss sie kennen, um ihren Bluff zu durchschauen. Es ist nur eine scheinbare Blasiertheit, eine sehr gut gespielte Langeweile. Als Rossella einmal hohes Fieber hatte, brachte ihr Nina die Mitschriften der Psychologie-Vorlesung und erklärte ihr alles geduldig und hingebungsvoll, und vielleicht, denkt Rossella, ist genau das der Grund für ihr Verhalten: In dieser Welt ist Freundlichkeit der sicherste Auftakt zur Unterdrückung, und man muss sie verbergen oder sie sogar mit dem Mantel der Gleichgültigkeit tarnen.

»Hast du mir nichts zu erzählen?«, fragt Rossella und öffnet ihre Tasche, um nachzusehen, ob sie auch die richtigen Bücher dabeihat.

Nina antwortet nicht, bleibt jedoch stehen und zündet sich noch eine Zigarette an. Das sieht ihr gar nicht ähnlich. Bestimmt ist sie nervös wegen irgendetwas, das nichts mit der zehnminütigen Verspätung zu tun hat. Rossella schaut sie erwartungsvoll an, aber die Freundin antwortet nicht und geht weiter.

»Sag was!«

»Ja doch, gleich sag ich’s dir.«

Es ist wohl nicht besonders gut gelaufen mit dem Typ, mit dem sie am Abend zuvor ausgegangen ist. Er ist älter als Nina, und das ist bei ihr die Regel. Sie steht auf Alte, das ist kein Geheimnis, nur dass dieser hier getrennt lebt und auch komplett gaga ist. Rossella hat ihn ein paar Mal im Isolotto gesehen, wo er völlig ausgeflippt herumhing, betrunken oder noch schlimmer. »Geh und stürz dich eben ins Unglück«, sagte Rossella zu ihr, und das hat sie dann auch gemacht, hat sich Hals über Kopf ins Unglück gestürzt. Und sich dabei offenbar wehgetan.

Via Gioberti ist die Fortsetzung von Borgo la Croce auf der gegenüberliegenden Seite der Piazza, eine lange Straße, die sie bis zur Via Sarpi hinuntergehen. Von der Piazza Beccaria, wo sie sich getroffen haben, bis zur Pädagogischen Fakultät sind es insgesamt etwa zwanzig Minuten. Es heißt »Pädagogische Fakultät«, doch sie liest es als »Psychologische«, denn das ist es, was sie interessiert. Sie will verstehen, was im Kopf vorgeht, in dem von Nina und auch in ihrem eigenen. Allerdings gibt es in Florenz noch keine Psychologische Fakultät, am nächsten kommt ihr noch die Pädagogik. Heute haben sie nur einen Kurs, der in Bälde beginnt und zu dem sie zu spät kommen werden. Nina hat lange Beine und geht schneller, Rossella hat Mühe, mit ihr Schritt zu halten, beklagt sich aber nicht bei der Freundin, die sie damit bestimmt für das Zuspätkommen bestrafen will. Sie stapft hinter Nina her, streicht sich ab und zu die Haare aus dem Gesicht und geht wie sonst auch die Straße lang in Richtung Universität. Sie kommt nicht auf den Gedanken, dass das Leben ihr einen Schritt voraus sein könnte, so wie jetzt gerade Nina, und dass es sich heute, an diesem Oktobertag, der so schrecklich gleich ist wie alle anderen, sogar die Mühe machen wird, sie an Orte zu führen, die sie sich nie hätte vorstellen können.

Am Ende der Via Sarpi gelangen sie in die Via Mannelli und stehen vor den Bahngleisen. Darüber führt ein kleiner Steg aus Stahl und Zement bis zur Via del Campo d’Arrigo und danach in die Via della Torretta, wo die Pädagogische Fakultät ist. Doch kaum hat Nina die Stufen der Überführung erklommen, bleibt sie stehen und stellt sich vor Rossella hin.

»Ich muss dich um einen Gefallen bitten.« Sie nimmt ihre Brille ab und reibt sich die Augen.

»Okay.«

»Ja, aber es ist was Wichtiges.«

»Jetzt sag’s schon, wir kommen sonst zu spät. Bis jetzt hast du’s ja eilig gehabt …«

»Es hat mit gestern Abend zu tun.«

»Und?«

»Wir müssen zu viert ausgehen. Er hat mich darum gebeten, falls seine Ex-Frau oder seine Kinder ihn sehen …«

»Du liebe Güte, Ni’ …«

»Ich weiß, aber es ist für den Anfang, du verstehst. Nur um zu sehen, ob er mir überhaupt gefällt, nur deshalb.«

»Ich hab dir doch gesagt, dass ich nach Antonio eine Auszeit nehme. Habe ich es dir gesagt oder nicht?«

»Ja.« Nina blickt auf ihre Fußspitzen hinunter, scheinbar beschämt, aber es ist nur Show.

»Na gut. Mist …«, sagt Rossella entnervt und schüttelt den Kopf. »Meinetwegen.«

»Ja, aber das ist nicht der eigentliche Gefallen, es geht um mehr.«

Rossella schaut die Freundin an und traut sich nicht zu fragen, worum es eigentlich geht. Doch sie weiß, dass der Kurs bereits angefangen hat und der Weg über den Eisenbahnsteg noch lang ist. Mit einem Nicken bedeutet sie ihr, weiterzusprechen.

»Also …« Wenn Ninas Sätze mit »Also« beginnen, ist das Schlimmste zu befürchten. »Der Freund von Diego heißt Salvatore.«

Diego ist der getrenntlebende Typ, mit dem Nina am Abend zuvor ausgegangen ist. Dass der Freund Salvatore heißt, ist ja nicht schlimm, deshalb wartet Rossella ab, was jetzt kommt. Bevor sie mit der Erklärung rausrückt, fragt Nina: »Kennst du ihn?«

»Salvatore?«

»Schon mal von jemand gehört, der so heißt?«

»Sicher, das heißt, aber …«

»Er ist ein Freund von Antonio, deinem Ex.«

»Ex« ist ein eher ungenaues Wort, weil die Affäre zwischen Rossella und Antonio vor gerade einmal zwei Wochen endete und er sie immer noch anruft. Es gibt da eine gewisse Asymmetrie, für sie ist es vorbei, für ihn vielleicht nicht, vielmehr ganz bestimmt nicht. Deshalb ist das Wort »Ex« übertrieben optimistisch.

»Du spinnst.«

Rossella schiebt sie beiseite und geht weiter. Sie hört Ninas rasche, nervöse Schritte hinter sich, hört, wie der stählerne Steg leicht vibriert.

»Da sieht man mal wieder. Wenn ich ausnahmsweise einen finde, der ein gewisses Niveau hat …«

»Ein gewisses Niveau? Du bist nicht ganz bei Trost.« Rossella bleibt stehen, dreht sich um und blickt ihre Freundin an, dann geht sie weiter.

»Ein getrenntlebender Typ, der sich wie ein Achtzehnjähriger aufführt, ist jetzt also einer mit Niveau?«

»Du hast keine Ahnung und solltest dir deine Kommentare sparen, ich bitte dich nur um eines.«

»Aber du …« Rossella lässt die Tasche mit den Büchern fallen, die auf dem Stahl wie auf den Boden einer Pfanne aufschlägt. »Du hast ja keine Ahnung, was passiert, wenn dieser Salvatore, der Freund von deinem Freund, zu Antonio geht und ihm erzählt –«

»Doch, ich weiß.«

»Nein, du weißt es nicht.«

»Und ob ich es weiß. Deshalb habe ich von einem Gefallen gesprochen. Es ist ein Riesengefallen. Aber du bist meine Freundin.«

Die Mimik ist eine Wissenschaft für sich, und Nina ist eine Meisterin darin. Ihr Gesicht verwandelt sich in das einer liebenswerten kleinen Schwester. Rossella lehnt sich an das Geländer der Überführung und betrachtet die Gleise, die wer weiß wohin führen. Wenn ihr vor drei Monaten jemand gesagt hätte, dass sie Antonio verlassen und er sich in einen solchen Jammerlappen verwandeln würde, hätte Rossella ihn ausgelacht. Die Sache ist die: Die Sicht ist kurz und die Gleise sind lang, und es ist nicht nötig, sich wer weiß was für Kurven, was für Weichen, Umleitungen oder Abzweigungen auszudenken, sie sind einfach lang, lang und gerade. Wenn sie sich bemüht, kann Rossella, über das Geländer gelehnt, bis zum Campo di Marte sehen, bis dorthin reicht ihr Blick. Dort erkennt sie die Bahnhofsgebäude, und alles, was danach kommt, ist ihrem Blick versperrt, ob gerade oder kurvig, steil oder abschüssig. Was also ist zu tun? Aus dem Zug aussteigen?

»Du bist unmöglich.«

»Jaaa!« Nina wirft ihr die Arme um den Hals.

Über allem thront der »General«. Der General hier, der General dort. Der General, den Clara in erster Ehe geheiratet hat; der General, mit dem Clara einen Sohn, Leonello, hatte, der somit zumindest theoretisch Rossellas Halbbruder ist, auch wenn das in der Praxis wenig zählt. Der General, der viel älter als Clara war, gab früh den Löffel ab und hinterließ ihr ein nettes Geldpolster, das heute die gesamte Familie Casini ernährt, das heißt die Familie von Loredano, den Clara in zweiter Ehe geheiratet hat und der keine Gelegenheit auslässt, dem General zu danken. Die ständigen Anspielungen auf den General – »Dank sei dem General«, »Gott hab ihn selig, den General«, »was hätten wir bloß ohne den General gemacht?« –, egal wie scherzhaft, wie gut gemeint, wie liebevoll, wären Clara ziemlich lästig, wenn es sich nicht um den General als militärische Autorität handeln würde, sondern stattdessen um den »Hausmeister«, den »Frisör« oder den »Buchhalter«. Auch weil es – Scherz hin oder her – die heilige Wahrheit ist, nämlich: Dem General und seinem Vermögen ist es zu verdanken, dass die wirtschaftliche Situation der Familie Casini heute ihr geringstes Problem ist. Und dem General ist es auch zu verdanken, dass Clara zwei Schritte von ihrem Haus entfernt einen schönen Großhandel für Haushaltswaren hat, den sie gemeinsam mit Leonello betreibt, der nichts weniger als seine Existenz und fünfzig Prozent seines genetischen Erbes dem General verdankt.

Die beiden haben sich gerade verabschiedet, und Clara ist auf dem Weg nach Hause zum Mittagessen. Wie immer geht sie ein Stück den Borgo la Croce entlang bis zum Tor des ehemaligen Spitals San Nicolò degli Aliotti mit der Hausnummer 2 und klingelt dann an der Sprechanlage. Es ist ihr Gang zum Galgen, so scherzt sie immer mit Leonello beim Abschied, »Ich gehe zum Galgen«, denn sie geht denselben Weg, den die Verurteilten einst zur Piazza delle Forche gingen: Sie verließen das Gefängnis im Bargello oder in den Stinche, gingen den Borgo degli Albizi entlang, dann die Via Pietrapiana und über die Piazza Sant’Ambrogio zur Hinrichtung auf der Piazza Beccaria, wenige Schritte vom ehemaligen Krankenhaus entfernt.

Loredano ist zu Hause, nur selten verlässt er die Wohnung. Er hat sein Leben lang bei Fiat gearbeitet und sich jetzt in ein schlichtes und komfortables Rentnerdasein zurückgezogen, spielt Fernschach und widmet sich von Zeit zu Zeit dem Boot, das in der Nähe von Livorno vor Anker liegt und das er wohl schon ein halbes Dutzend Mal frisch lackiert hat.

Die Haustür geht auf mit einem Ruck. Clara steigt die Treppe hinauf, sie kann kaum die Tasche halten, in die sie kiloweise Obst und Gemüse gepackt hat, und auf jedem Absatz bleibt sie stehen. Die Tür im ersten Stock ist angelehnt, von drinnen dringt Krach, Möbel werden verrückt, die jungen Männer unterhalten sich in einem Dialekt mit harten Konsonanten, und Clara versteht so gut wie nichts. Sie ist zwar in Benevent geboren, aber schon als Kleinkind in den Norden gekommen. Plötzlich schwingt die Tür auf, und heraus kommen zwei junge Leute, ein untersetzter mit lockigem Haar und ein etwas größerer, der ein blaues, vorne aufgeknöpftes Hemd trägt, aus dem eine Goldkette mit einem Heiligengesicht hervorschaut. Es dauert ein paar Augenblicke, bis sie Clara bemerken, die dort steht und Atem holt. Der mit dem Hemd murmelt so etwas wie guten Morgen. Aus der Wohnung ertönt ein dumpfer Schlag, der den Treppenabsatz erzittern lässt. Clara starrt die Jungen an und wartet auf irgendeinen Satz wie »Wir sind fast fertig«, natürlich erwartet sie keine Entschuldigung von jemandem, der ihr nur ein paar Stunden zuvor gesagt hat, dass Umzüge nun mal Lärm machen. Also wirft sie ihnen einen finsteren Blick zu, aber die beiden sagen nur »Tschuldigung«, weichen ihr aus, gehen zur Haustür hinunter und lassen sie dann zufallen.

Loredano sitzt in einem Sessel. Auf dem niedrigen Couchtisch vor ihm liegt ein geöffneter Briefumschlag mit einem Brieföffner. Neben dem Umschlag liegt ein Schachbrett, die Figuren darauf sind so verteilt, als sei die Partie in vollem Gange. Loredano sitzt regungslos da mit einem Blatt in der Hand, das er konzentriert betrachtet.

»»Hilfst du mir mal?«, bittet seine Frau von der Türschwelle aus.

»Oh, entschuldige.«

Er legt das Blatt vorsichtig auf das Schachbrett, um keine Figuren zu verrücken, nimmt Clara die Tasche ab, geht in die Küche und macht den Kühlschrank auf. Dann verliert sich sein Blick ins Leere. Er macht ein paar schnelle Schritte zum Schachbrett, hebt das Blatt hoch und betrachtet die Figuren.

»Ja und jetzt?«

»Oh, entschuldige.« Loredano kommt in die Küche zurück. »Mir ist wieder eingefallen, welchen Zug ich machen muss.«

»Ach so.« Clara setzt sich, ihr Mann nimmt das Obst und das Gemüse aus der Tasche, legt Ersteres in die Obstschale auf dem Tisch und Letzteres in die unterste Schublade im Kühlschrank. Kurz nach der Pensionierung hat er seine Leidenschaft für das Schachspiel wiederentdeckt. Aber anstatt regelmäßig in den Klub zu gehen, was er ein paar Mal im Monat macht, spielt er lieber per Korrespondenz. Er und sein Freund Piero schicken sich gegenseitig Briefe mit dem neuen Zug und ein paar Grußzeilen. Sie haben alle Zeit der Welt, um die letzten Züge zu analysieren und die nächsten zu planen. Falls nötig, können sie in den Handbüchern nachlesen und den passendsten Zug auswählen.

»Auch mir ist auf der Treppe etwas eingefallen«, fügt Clara hinzu. Ihr ist ein wenig schwindlig geworden beim Schleppen der ganzen Einkäufe. Vielleicht meint sie die überraschende Begegnung mit den jungen Leuten auf dem Treppenabsatz. Sie rappelt sich hoch, stützt sich auf dem Tisch ab, steht dann auf, geht zum Kühlschrank und klopft ihrem Mann auf die Schulter.

»Los … mach Platz.«

Er wendet sich wieder seinem Schachbrett zu. Sie holt, was sie für das Mittagessen braucht.

Rossella, die tatsächlich zum Galgen geht, weil sie genau weiß, was nach dem Abend zu viert passieren wird, macht sich dennoch auf den umgekehrten Weg, vom Galgen zum ehemaligen Krankenhaus, als es bereits später Nachmittag ist und der Himmel über Florenz orangerot gesprenkelt ist.

Sie überlegt, ob sie sich für den fraglichen Abend einen falschen Namen zulegen soll, ob sie sich Giulia oder Silvia oder Giovanna oder irgendwie anders als Rossella nennen soll. Aber was passiert dann, wenn sich Nina und ihr neuer sugar daddy weiterhin treffen? Wie lange kann das Versteckspiel dauern? Selbst wenn am Ende die Wahrheit nicht immer die beste Taktik ist, ist sie doch fast immer die beste Strategie zur Schadensbegrenzung. Sie tut einer Freundin, ihrer Freundin, einen Gefallen und macht damit jeder möglichen Diskussion mit Antonio ein Ende. Schließlich sind sie beide nicht mehr zusammen, also … Wo liegt dann das Problem? »Fürchtest du, dass er leiden wird? Hast du davor Angst? Oder hast du Angst, dass er ausflippt?« Sie zuckt die Achseln und murmelt irgendetwas.

Rossella geht die Treppe hinauf und bleibt einen Moment vor der Tür im ersten Stock stehen, wo alles still ist. Sie geht hinauf in den dritten Stock und betritt die Wohnung. Vor ihrem Zimmer lässt sie die Tasche mit den Büchern fallen und lässt sich dann ebenfalls im Wohnzimmer in den Sessel gegenüber von Loredano fallen.

»Verlierst oder gewinnst du?«

»Je nun …« Der Vater studiert das Schachbrett und reibt sich das Kinn.

»Ist dein Freund ein guter Spieler?«

»Geht so.«

»Hm. Kannst du auch …«

»Dein Vater ist am Zug!«, ruft Clara aus der Küche. »Stör ihn nicht!«

»Nein, er ist kein guter Spieler, er macht jede Menge Fehler.« Loredano verschiebt einen Bauern, schüttelt dann den Kopf und stellt die Figur wieder zurück, wo sie war.

»Und du?«

»Es reicht, wenn ich einen Fehler weniger mache als er.« Rossella nimmt eines der Bücher, die auf dem Couchtisch liegen, zur Hand. Auf den Seiten herrscht ein Wirrwarr aus Buchstaben, Zahlen, Symbolen, hie und da sind Diagramme von Schachbrettern abgebildet. »Wenn die Computer eines Tages gut genug sind«, sagt Loredano mehr zu sich selbst als zu seiner Tochter, »wird sich herausstellen, dass diese Züge alle fehlerhaft sind. Und zwar alle miteinander. Und auch diese Bücher. Sogar Paul Morphys Partien, alle fehlerhaft. Dann machst du einen Zug, der kein Fehler ist, und du gewinnst.«

»Für seine Tochter hat er Zeit«, sagt Clara aus der Küche, »massenhaft Zeit.« Sie hat gerade den Herd eingeschaltet, und das Rauschen des Dunstabzugs erfüllt die Wohnung.

»Mama, kommst du auch her?«

»Und was ist mit dem Essen?«

»Schalt den Herd aus. Es hetzt uns doch keiner?«

»Sie hat sich wohl mit diesen Bauernflegeln gestritten«, sagt Loredano halblaut.

»Mit den Studenten im ersten Stock?« Rossella beugt sich aus dem Sessel vor.

»Ach was, ich hab mit niemand gestritten. Was denn für Bauernflegel?« Clara setzt sich auf das lange Sofa an der Wand. Erschöpft lehnt sie ihren Kopf an die Rückenlehne. Sie mustert die Zimmerdecke, da ist ein feuchter Fleck in einer Ecke über der Tür, aber der Maler macht sich rar.

»Und du, Papa?«

»Was soll mit mir sein?«

»Mama, haben sie etwas zu dir gesagt? Sind sie aus deiner Gegend?«

»Nein, nein! Sie sind nicht aus Kampanien, und sie haben nichts zu mir gesagt«, insistiert Clara. Sie ist der Debatte überdrüssig. »Ich bin ihnen auf dem Treppenabsatz begegnet, das ist alles.«

»Und was haben sie zu dir gesagt?«

»Ach, hör doch auf! Nichts, kaum dass sie gegrüßt haben.«

»Was für Flegel!«

»Lass doch, vielleicht sind sie auch schon fertig.«

Nie war ein Satz weniger prophetisch. Der Lärm geht wieder los, aufgeregte Stimmen und laute Musik dringen bis ins Wohnzimmer der Familie Casini, dann schallt Gelächter aus dem Treppenhaus. Rossella springt von ihrem Sessel auf.

»Jetzt rede ich mit ihnen.«

»Mach das bloß nicht«, warnt Clara, aber Rossella geht zur Tür. »Loredano, sag du doch was.«

Er zuckt mit den Schultern. Rossella rennt wütend die Treppe hinunter, drückt nervös auf die Klingel, bis die Tür aufgeht. Ohrenbetäubende Musik empfängt sie.

Der Typ mit den Locken sieht sie an und sagt nichts. Auch sie sagt nichts. So stehen sie sich ein paar Augenblicke gegenüber.

»Ich wohne im dritten Stock. Familie Casini.« Sie stellt sich als Rossella vor, wird dabei lauter, um die Musik zu übertönen. Der junge Mann nickt, sagt aber immer noch nichts. »Wir sind die, denen ihr erklärt habt, dass ein Umzug Lärm macht.«

Ein weiterer junger Mann erscheint auf der Schwelle. Er ist groß und schlank, hat einen blonden Haarschopf und eine Narbe an der linken Augenbraue.

»Familie Casini, die will keinen Krawall.« Die beiden unterdrücken ein Lachen.

»Was ist denn los?« Da kommt noch einer dazu. Es ist der mit dem blauen Hemd und dem Heiligengesicht, das auf seiner Brust baumelt. Er schaut Rossella an, dann seine Mitbewohner. »Behandelt man so eine Dame?« Die Freunde kichern, er tritt vor sie hin. »Bitte entschuldigen Sie, Signorina.« Er geht hinaus und lässt die Tür hinter sich halb offen. Die Musik wird leiser. »Ist die Signora Ihre Mutter?«

»Ja.«

Der Typ kratzt sich an der Stirn und senkt dabei den Blick. »Ein paar Freunde helfen uns, die Möbel aufzustellen.« Er blickt sie unverwandt an und fummelt an seinem Goldkettchen.

Rossella ist konsterniert, unwillkürlich hat sie die Fäuste geballt und die Zähne zusammengebissen. Jetzt, da sie anscheinend nicht mehr kämpfen muss, weiß sie nicht wohin mit ihrer Wut. Sie murmelt irgendetwas.

»Na ja …«

»Immerhin sind wir fertig.«

»Aha.«

Von hinter der Tür dringt Gelächter. Die beiden Mitbewohner sind dort stehen geblieben und haben gelauscht. Der Typ zieht die Tür von außen ganz zu.

»Es sind bloß ein paar Freunde gekommen, und wir haben ein bisschen Musik gehört. Ein paar Freunde …«

»Ja, verstehe.«

»Und wir waren gerade dabei –«

»Ja, ja. Ich wollte nicht sagen … Ist schon in Ordnung.«

»Möchten Sie einen Kaffee, Signorina? Als Entschuldigung?« Er versucht, die Tür aufzudrücken, die jetzt aber abgeschlossen ist. Er schlägt mit der Faust an die Tür, die anderen drinnen tun zum Spaß, als würden sie ihn nicht hören. »He, aufmachen!«, ruft der Typ, dann wendet er sich zu Rossella um, macht den Mund weit auf, um etwas zu sagen, lässt es aber sein. »Los, macht schon …« Und schlägt erneut mit der Faust an die Tür.

»Guten Abend«, sagt sie und wendet sich zur Treppe.

»Und was ist mit dem Kaffee?«

Wären Rossellas Augen die einer Hellseherin, könnte sie sagen, was geschehen wäre, wenn die Tür geöffnet worden wäre. Was, wenn sie eingetreten wäre? Hätte sie den Kaffee angenommen oder nicht? Aber ihre Augen sind die einer gewöhnlichen Sterblichen, helle Mädchenaugen, grau gesprenkelt wie der Himmel von Animals, die bis nach Campo di Marte schauen, aber nicht weiter, deshalb weiß sie nur, dass sich die Tür nicht geöffnet hat. Doch sie ist verunsichert und weiß nicht warum. Sie kehrt in die Wohnung zurück, während der Typ immer noch an die Tür hämmert. Clara steht an der Tür ihrer Wohnung. Sie schaut die Tochter erwartungsvoll an, obwohl sie von Anfang an da war und weiß, wie es gelaufen ist. Mit gesenktem Kopf geht Rossella in die Küche.

»Essen wir jetzt?«

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