Prolog
Der Morgen danach
Wie fühlt es sich an, wenn wir als Gesellschaft »am Morgen danach« aufwachen und merken, dass etwas nicht mehr stimmt? Wenn sich das politische Klima so deutlich verändert hat, dass vertraute Koordinaten nicht mehr passen? Wenn Parteien, die früher als radikal galten, jetzt als »normal« eingestuft werden – oder eben sogar als regierungsfähig? Wenn Rechtsextremismus bzw. Autoritarismus nicht mehr nur eine Wahlkampfrhetorik ist, sondern eine Regierungsstrategie? Wenn wir in dieser Situation überrascht sind, haben wir zu lange weg- geschaut. Zu leise gesprochen. Zu wenig hingehört. So kippen Demokratien. Nicht plötzlich. Nicht mit einem großen Knall. Sondern langsam. Schritt für Schritt. Es beginnt nicht mit dem Bruch der Verfassung, sondern mit der Erosion von Vertrauen. In die Politik, in die Institutionen, in die Idee, dass das Gemeinsame überhaupt noch etwas zählt.
In meinem ersten Buch Zu Besuch am rechten Rand bin ich quer durch Deutschland gereist, um mit Menschen zu sprechen, die die AfD gewählt haben oder es zumindest vorhatten. Ich wollte ihre Beweggründe verstehen und nachvollziehen können, ab wann demokratische Kräfte den Kontakt zu ihnen verloren haben. Ich habe Menschen getroffen, die sich misstrauisch abwandten und zurückzogen, sich nach Sicherheit sehnten und diese bereitwillig fanden in zu einfachen Antworten auf die Komplexität unübersichtlicher werdender Zeiten.
Schon während der Recherchen zu diesem Buch wurde für mich unmittelbar spürbar, was sich vorher vor allem analytisch abgezeichnet hatte: dass viele der Erfahrungen, die mir Menschen aus ihrem Leben in Deutschland schilderten, in anderen Ländern auf ähnliche Weise zu konstatieren sind. In einigen dieser Länder ist eine solche Entwicklung nicht beim Protest stehen geblieben, sondern hat längst zu einem Machtwechsel geführt. Dort regiert der rechte Rand. Er ist nicht mehr nur Opposition, nicht mehr lautstarke Protestbewegung, sondern gestaltende Kraft in Regierungen. In Italien, in Ungarn, in Polen, in Argentinien oder seit Januar 2025 auch wieder in den USA. Deutschland ist also keine Ausnahme beim Rechtsruck, sondern sogar bislang eines der Schlusslichter in einer weltweiten Entwicklung von autoritär auftretenden Regierungen.
Ist das tröstlich? Zumindest lässt sich etwas Positives daraus ziehen. Ich denke, gerade dieser Umstand, so herausfordernd die Zeiten auch sind – zum Beispiel im Umgang mit der AfD –, kann eine Chance sein: Wir können beobachten, was andernorts geschieht, und daraus lernen. Die Erfahrungen in anderen Ländern sind keine universellen Muster – dafür sind ihre Geschichte und Gesellschaften zu verschieden. Und doch: Die grundsätzlichen Entwicklungen – der Aufstieg autoritärer Kräfte im internationalen Kontext – ähneln sich so sehr, dass wir daraus auch für uns drängende Fragen ableiten können: Was macht Demokratien heute so anfällig für autoritäre Beeinflussungen? Was passiert mit einer Demokratie, wenn autoritäre Kräfte an die Macht kommen, und was können wir aus internationalen Beispielen lernen, um diesen Entwicklungen in Deutschland entgegenzuwirken? Im Hinblick auf die extreme Rechte und gerade vor allem eben auf die AfD?
Im Kern geht es um die Frage, wie wir unsere Demokratie resilienter gegenüber dem Zugriff vom rechten Rand machen können, bevor es zu spät ist. Autoritäre Bewegungen haben dort leichtes Spiel, wo Demokrat*innen zu spät oder gar nicht reagieren und wo die Geschwindigkeit politischer Verschiebungen unterschätzt wird. Was wäre also, wenn wir diesmal früher hinschauten? Wenn wir uns fragen würden, wie unsere Zukunft aussehen könnte, bevor wir sie aus der Hand geben? Wenn wir die Entwicklungen in anderen Ländern nicht nur mit Sorge betrachteten, sondern als Warnung? Oder – im besten Fall – als Anleitung für Veränderung? Die Fragen, die sich in anderen Ländern längst gestellt haben, werden auch uns einholen. In manchen Fällen tun sie das schon.
Die erneute Wahl von Donald Trump, der Aufstieg von Giorgia Meloni in Italien, der vorläufige Machtverlust und dann schließlich der wiederholte Aufschwung der rechtspopulistischen Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) in Polen – all das sind keine isolierten Ereignisse. Es sind Anhaltspunkte für tiefer liegende gesellschaftliche Verschiebungen. Sie zeigen, wie autoritäre Narrative erst salonfähig, dann dominant werden. Wie Institutionen untergraben, Medien auf Ideologien ausgerichtet, Minderheitenrechte eingeschränkt werden können – und das alles oft unter dem Deckmantel demokratischer Prozesse. Sie zeigen aber auch: Noch ist nicht alles verloren. Es gibt Gegenbewegungen. Mutige Stimmen. Proteste. Neuanfänge. Und Entwicklungen zurück aus autoritären Strömungen. Nichts ist am Ende in Stein gemeißelt. Es gibt also Handlungsmöglichkeiten – oder?
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