Radikale Intensität

Zu den Stücken Seit 2000 bietet das Festival Internationale Neue Dramatik (FIND) jedes Jahr international renommierten Theatermacher:innen, aber auch zahlreichen Neuentdeckungen die Möglichkeit, ihre Arbeiten an der Schaubühne zu zeigen – so auch dieses Jahr
»Until the Flood« | Regie: Dael Orlandersmith (St. Louis)
»Until the Flood« | Regie: Dael Orlandersmith (St. Louis)

Foto: Joey Moro

The Seven Streams of the River Ōta

(Québec)

Von Ex Machina / Robert Lepage
Regie und Ausstattung: Robert Lepage

Knapp 50 Jahre nach dem Atombombenabwurf auf Hiroshima kommt der kanadische Regisseur Robert Lepage auf einer Japanreise in die wiederaufgebaute Metropole, deren Modernität und entspannte Atmosphäre ihn tief beeindrucken. Zurück in seiner Heimat, macht er Hiroshima zum Start- und Endpunkt einer theatralischen Reise durch das letzte halbe Jahrhundert: Mit »The Seven Streams of the River Ōta« erschaffen Lepage und seine Kompanie Ex Machina ein siebenstündiges Mammutwerk, einen Trip durch Zeit und Raum, der die Zuschauer_innen auf drei Kontinente und in verschiedene Epochen entführt. Den sieben Strömen des Flusses Ōta entsprechen die sieben miteinander verbundenen und trotz aller Tragik auch optimistischen Geschichten, in denen Lepage die großen Ereignisse und Katastrophen vom Holocaust bis zur AIDS-Epidemie illustriert. Die Handlung beginnt mit einem Treffen zwischen der entstellten Frau eines japanischen Ex-Diplomaten und einem amerikanischen Fotografen, der die Auswirkungen der Atombombenabwürfe auf das Alltagsleben dokumentieren soll. Aus ihrer kurzen Beziehung geht Sohn Jeffrey hervor, der seine Heimat verlässt und nach New York reist, um dort seinen Vater zu finden. Ausgehend von der an »Madame Butterfly« angelehnten Liebesgeschichte erschaffen Lepage und sein Ensemble ein Porträt menschlicher Widerstandsfähigkeit vor dem Hintergrund der Apokalypsen des Zweiten Weltkrieges über den Weg des Wiederaufbaus und der Erneuerung bis zum Ende des Jahrtausends. »The Seven Streams of the River Ōta« war das erste große Projekt, das Robert Lepage Mitte der 1990er Jahre gemeinsam mit seiner Kompanie auf die Bühne brachte. Die Neuauflage von 2019 nimmt sowohl die Stilmittel des traditionellen japanischen Theaters – darunter Live-Percussion und bewegliche Leinwände – wie auch die zentralen Fragen des Stückes wieder auf: Wie haben einige Kilo Uran den Lauf der Menschheitsgeschichte an verschiedenen Orten der Welt beeinflusst? Wie haben die Katastrophen des Zweiten Weltkriegs nicht nur die Überlebenden, sondern auch deren Nachkommen geprägt?

887

(Québec)

Von Ex Machina / Robert Lepage
Text, Ausstattung und Regie: Robert Lepage

Robert Lepage sagt zu, Michèle Lalondes Gedicht »Speak White« bei einer Gala vorzutragen, die den Jahrestag einer berühmten Poesielesung feiert. Diese Lesung fand im Frühjahr 1970 statt und gilt als Gründungsveranstaltung der zeitgenössischen Lyrik in Quebec. Doch bei der Vorbereitung droht er zu scheitern. Egal, was er tut, Lepage kann sich das Gedicht, das von der Unter­drückung der Bevölkerung Québecs erzählt, einfach nicht merken. In seiner Verzweiflung beschließt er, es mit einer alten Lern­methode zu versuchen: Denk an einen Ort, den du gut kennst und ordne dort allem, an das du dich erinnern möchtest, einen bestimmten Platz zu. Lepage beschließt, an einen Ort zurück­ zukehren, den er aus seiner Kindheit kennt: nach Québec, in die Avenue Murray. Die Hausnummer 887 bezeichnet den Wohn­block, in dem Robert Lepage aufgewachsen ist: mit einem Vater, der als Taxifahrer arbeitet, einer Mutter, die Hausfrau ist und einer Großmutter, die an Alzheimer leidet. Der Wohnblock existiert nicht nur in Lepages Erinnerung, sondern steht in dem Stück »887« auch nachgebaut als Modell auf der Bühne. Mit Lepage zusammen tauchen wir ein in die Räume der Vergangenheit, in die gedrängten Zimmer der Familie Lepage, aber auch in die ihrer Nachbar_innen. Es ist das Québec der 60er und 70er Jahre, ein Ort voller Widersprüche und sozialer Konflikte, ein Ort, an dem verschiedene Klassen, Identitäten sowie die französische und die englische Sprache aufeinandertreffen und kollidieren.

Is This A Room?

(New York)

Von Tina Satter
Regie: Tina Satter

Die 25-jährige ehemalige Air-Force-Linguistin Reality Winner wird zuhause vom FBI überrascht, verhört und beschuldigt, Beweise für eine russische Einflussnahme auf das amerikanische Wahlsystem an die Presse weitergeleitet zu haben. Sie wird zu einer Haftstrafe von mehr als fünf Jahren verurteilt. 2021 wird sie wegen guter Führung vorzeitig entlassen und unter Hausarrest gestellt, in dem sie sich bis heute befindet. Als Grundlage für Tina Satters Stück diente das FBI-Protokoll eines realen Falls. Es ist der 3. Juni 2017: Die Yoga-Lehrerin, Katzenliebhaberin und Farsi, Paschtu und Dari sprechende Reality Winner kommt gerade vom Einkauf, mit Tüten voller Lebensmittel. Mehrere bewaffnete FBI-Agenten stehen vor ihrer Tür. Sie lassen sie ihre Einkäufe wegräumen und plaudern mit ihr, bis sie ihr das Handy wegnehmen und mit dem Verhör beginnen. Im August 2018 erhielt Reality Winner nach dem Spionagegesetz die längste Haftstrafe, die jemals von einem Bundesgericht für das Weitergeben von geheimen Regierungsinformationen an die Medien verhängt wurde. Der Fall rief große mediale Aufmerksamkeit hervor. Ein Porträt im New York Magazine hatte Tina Satters Interesse an dem Fall geweckt. Sie war beeindruckt von der jungen Frau, die eine einerseits sehr persönliche Entscheidung trifft, die sie andererseits in das Zentrum eines politischen Skandals katapultiert. Als objet trouvé faszinierte Satter das FBI-Protokoll mit seinen Details zu Reality Winners Biografie, zu ihrem messerscharfen Verstand und ihrer komplexen Persönlichkeit. Es weckte in ihr die Fragen, was es bedeutet, »dem eigenen Land zu dienen« und wie eine persönliche Handlung einen weltweiten Widerhall finden kann. Half Straddle ist ein in New York ansässiges Ensemble aus Darsteller:innen und Theaterkünstler:innen unter der Leitung von Autorin und Regisseurin Tina Satter, das Theaterstücke, Performances, Videos und Musik produziert, die in den USA und international zu sehen sind. 2021 wurde »Is This a Room« im Lyceum Theatre am Broadway uraufgeführt und von der Kritik begeistert aufgenommen.

reden über sex

Uraufführung

Von Maja Zade
Regie: Marius von Mayenburg

Bernd pflegt seine Mutter, die seit einem Schlaganfall als Pflegefall in Spandau im Bett liegt, und hat deswegen kaum noch Zeit für Sex. Fedora ist experimentierfreudig und offen für sexuelle Abenteuer mit Männern und Frauen. Marie ist Lehrerin, unglücklich in der Liebe und hat einen praktischen Vorschlag dafür, was man tun kann, wenn die Batterien des Vibrators in der Weihnachtszeit leer sind. Britta hat mit Ende zwanzig zum ersten Mal Sex gehabt: mit Hans-Joachim, einem Kollegen aus der Steuerberatungsgesellschaft, und ist überzeugt davon, dass jede Geburt die Vagina altern lässt. Pascal ist mit Guido verheiratet, streng katholisch und glaubt nicht an Sex vor der Ehe. Kevin hat Probleme mit seinem Blutzuckerspiegel und muss regelmäßig essen. Er trifft sich zum ersten Mal mit den anderen, ist sehr schüchtern und kommt aus dem Wedding. Ein Abend in Berlin. Drei Frauen und drei Männer treffen sich einmal pro Monat, um über Sex zu reden. Sie alle sind sich einig: Die menschliche Sexualität ist etwas sehr Wichtiges für die Menschen. In der Gesprächsrunde tauschen sie sich aus über sinnliche Erweckungsmomente, ihre sexuellen Erlebnisse, geheimen Fantasien und sehnlichsten Wünsche. Es sind komische Geschichten dabei, bizarre Offenbarungen, erschütternde Beichten und zarte Bekenntnisse. Welche Bedeutung hat der Sex im Leben dieser Menschen, und was verrät ihr Sprechen über Sexualität darüber, wer sie sind? Was geschieht, wenn wir Intimes öffentlich machen – wie reden wir über Sex? Und wie können wir einem anderen Menschen überhaupt nahe sein, beim Sex oder beim Reden darüber? Maja Zade hat ein Stück über Intimität und urbane Einsamkeit geschrieben, über den Versuch, Unsagbares zu sagen, über das Verschweigen von Sehnsüchten und die Erotik des Darüber-Sprechens. Marius von Mayenburg, der an der Schaubühne zuletzt seinen eigenen Text »Die Affen« und Zades Stück »status quo« inszenierte, führt Regie.

Until the Flood

(St. Louis)

Von und mit Dael Orlandersmith
Regie: Neel Keller

Am 9. August 2014 wurde der unbewaffnete, schwarze Teenager Michael Brown von dem weißen Polizisten Darren Brown in Ferguson, Missouri, mit zwölf Schüssen getötet. Es folgten Proteste und Demonstrationen gegen rassistische Polizeigewalt, die US-Nationalgarde wurde nach Ferguson geschickt und nächtliche Ausgangssperren wurden verhängt. Nachdem Darren Brown im November desselben Jahres freigesprochen wurde, folgten weitere Proteste in Ferguson und ganz Amerika. Die amerikanische Schauspielerin und Autorin Dael Orlandersmith hat Dutzende Interviews mit den Bewohner_innen Fergusons geführt und aus ihnen acht Figuren geschaffen: Louisa, eine Lehrerin im Ruhestand; Rusty, ein pensionierter Polizist; Hassan, ein Schüler, der von einem anderen Leben träumt; Connie, eine Lehrerin; Reuben, ein Friseur, der fest an Fairness glaubt; Dougray, ein wohlhabender Elektriker, der eine arme Kindheit weit hinter sich gelassen hat; Paul, ein junger Mann, der noch zur Highschool geht und in Berkeley studieren möchte; und Edna, eine Predigerin, die an die Macht des Gebets glaubt. Schwarz, weiß, männlich, weiblich, jung, alt – Dael Orlandersmith verwandelt sich auf der Bühne mit wenigen Gesten und Requisiten in diese ganz unterschiedlichen Menschen und lässt uns daran teilhaben, wie sie leben, womit sie kämpfen und wovon sie träumen. »Until the Flood« untersucht nicht, ob der Polizist Darren Brown sich selbst verteidigen musste und deswegen rechtmäßig gehandelt hat oder nicht, sondern erforscht, was der Tod Michael Browns für die Bewohner_innen der Stadt bedeutet, und durchleuchtet die komplexen Mechanismen von Rassismus und Macht in den heutigen USA.

Kingdom

(Brüssel)

Von Anne-Cécile Vandalem / DAS FRÄULEIN (KOMPANIE)
Frei nach Braguino von Clément Cogitore
Letzter Teil der Trilogie »Tristesses, Arctique, Kingdom«
Regie: Anne-Cécile Vandalem

»Kingdom«, das »Königreich«, eine einfache Holzhäusersiedlung, liegt in der sibirischen Taiga, inmitten undurchdringlicher Birkenwälder, an einem kleinen Fluss. Fernab des Lärms der großen Städte und der Enge der menschlichen Zivilisation wollen zwei Geschwister mit ihren Familien und Kindern in dieser ebenso schönen wie gefährlichen Natur ein neues Leben aufbauen. Doch auch im Paradies währt der Friede nicht lange: Misstrauen, Eifersucht und Gier, vor denen sie eigentlich geflohen waren, holen die Familien ein und fordern ihren Preis: Eine Fehde entzweit schon bald die Mitglieder der beiden Familienteile, ein Holzzaun trennt ihre Häuser. Man kämpft um Jagdreviere, wildert, setzt Brände und vergiftet die Haustiere der Nachbar_innen. Wenige Meter vom Schlachtfeld der Erwachsenen entfernt, stehen die Kinder und blicken unwissend, verständnislos, aber auch durchaus neugierig durch die Lücken im Zaun hinüber auf die verbotene Seite. Als ein Filmteam kommt und die Familienmitglieder vor der Kamera interviewt, treten nach und nach die Hintergründe der mehrere Generationen umspannenden Tragödie zutage. »Kingdom« ist nach »Tristesses« und »Arctique« der letzte Teil einer Trilogie der belgischen Regisseurin Anne-Cécile Vandalem über das Scheitern der westlichen Zivilisation. Besonders interessiert sie in »Kingdom« die Perspektive der Kinder, die in eine von Erwachsenen verwüstete Welt hineingeboren werden und auf den Trümmern einer zerstörten Utopie eine Zukunft für sich aufbauen müssen. Die Geschichte basiert auf wahren Tatsachen und ist im Dokumentarfilm »Braguino oder die unmögliche Gemeinschaft« von Clément Cogitore zu sehen, der von der Fehde einer entzweiten Familie in der ostsibirischen Taiga handelt. Motive daraus verarbeitet Anne-Cécile Vandalem in »Kingdom« zu einer atmosphärisch dichten Parabel über die Unmöglichkeit, in Frieden zu leben.

Zur Übersicht aller Stücke des FIND 2022

16:04 24.02.2022

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Robert Lepage | 887

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reden über sex | Interviewtrailer

Video Maja Zade hat ein Stück über Intimität und urbane Einsamkeit geschrieben und über den Versuch, Unsagbares zu sagen. Marius von Mayenburg, der zuletzt seinen eigenen Text »Die Affen« und Zades Stück »status quo« inszenierte, führt Regie


Is This a Room | Teaser

Video When the FBI interrogated whistleblower Reality Winner on June 3, 2017, they recorded the whole thing. That transcript has been turned into a play that begins with the FBI approaching her for leaking a classified report and ends with her arrest